Interview mit Tchibo-Chef Markus Conrad

"Es wird eine Renaissance der kleineren Buchhandlungen geben"

Der frühere Libri-Manager und jetzige Tchibo-Chef Markus Conrad prophezeit dem inhabergeführten Buchhandel eine kleine Renaissance - und den Filialisten einen schweren Stand. Für die Branche wünscht er sich mehr frisches Blut. VON INTERVIEW: CHRISTINA SCHULTE

Markus Conrad

Markus Conrad © Daniel Müller

100 Millionen Euro nimmt Ihr ehemaliger Konkurrent Oliver Voerster in die Hand, um KNV zu Europas führendem Medien-Logistiker zu machen. Eine gute Entscheidung im Zeitalter der Digitalisierung?
Conrad: Unternehmerisch ist das absolut richtig, auch wenn es sicher nicht leicht wird. Die nächsten Jahre werden bestimmt die anstrengendsten seines Lebens. Das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ich weiß aber auch, dass sich alle Kraft, die mit dem Neuanfang von Libri in Bad Hersfeld verbunden war, gelohnt hat. Das Unternehmen setzt damit aber auch ein positives Zeichen für die Zukunft des gedruckten Buchs. Ich halte den Schritt nach vorn für alternativlos in einer Branche, die sich so sehr im Umbruch befindet.

Wie stellt sich der Umbruch aus Ihrer Sicht dar?
Conrad: Durch die Digitalisierung wird die Wertschöpfungskette auf den Kopf gestellt. Der größte Teil der derzeitigen Wertschöpfung ist ja mit der Erstellung und Distribu­tion des physischen Buchs verbunden. Am Anfang stehen Urheber und Autoren, die Kreativen. Und wir wissen, dass sie in der Regel nicht die wirklich Reichen unserer Branche sind. Diese Wertschöpfungsverteilung zeigt das Vernichtungspotenzial: Auf einmal steht ein riesiger Teil der Wertschöpfungskette zur Disposition. Die einzige Konstante bleibt der Wert des Inhalts, vertrieblich kann sich alles ändern.

Wo würden Sie in Sachen Vertrieb anpacken, wären Sie noch in der Buchbranche tätig?
Conrad: Ich würde mich dafür stark­machen, dass der stationäre Buchhandel endlich seine Chancen und seine Rolle im Internet erkennt und findet. 15 Jahre lang war dazu Zeit, aber trotz Angeboten, Aufforderungen und Beschwörungen ist – bis auf wenige Ausnahmen – bei vielen Buchhändlern kaum etwas passiert. Das ist wirklich bitter.

Wird es dem Sortiment dennoch gelingen?
Conrad: Schwer zu sagen, zumal jetzt noch ganz andere Herausforderungen hinzukommen: Es geht längst nicht mehr nur um die Präsenz eines Katalogs auf der Website, sondern es geht um Apps, den Vertrieb von E-Books und um das Kommunizieren mit den Kunden auf anderen Ebenen, etwa auf Facebook. Bis jetzt sind wir Händler immer davon ausgegangen, dass die Kunden zu uns kommen. Jetzt müssen wir alle gemeinsam die Transferleistung erbringen, zu den Kunden hinauszugehen. Das muss man natürlich wollen.

Und wollen die Buchhändler das?
Conrad: Sie sollten es wollen. Denn was ist das Tolle an Facebook & Co.? Einem Freund schenkt man einfach mehr Vertrauen als einem Händler und wohl auch mehr als jedem Suchmaschinen-Algorithmus. Das ist eigentlich banal und weder neu noch digital. Das müssen die Buchhändler nur eins zu eins für sich übersetzen. Man stelle sich nur mal vor: Über Facebook werden wir quasi an die Stammtische unserer Kunden eingeladen.

Wenn es für die Sortimenter schwer wird im Internet, schaffen sie es dann wenigstens stationär?
Conrad: Ich glaube, dass es eine große Chance für den stationären Buchhandel gibt; vor allen Dingen wird es eine Renaissance der kleineren Buchhandlungen geben. Allerdings liegt da noch eine ganze Menge Arbeit vor den Buchhändlern.

Nämlich welche?
Conrad: Der Buchhandel ist in eine gefährliche Falle gelaufen. Die Falle der Preisbindung. Weil alle Bücher überall gleich viel kosten, werden die Kunden auch überall gleich beraten. Und leider hat man sich zum großen Teil dafür entschieden, sie schlecht zu beraten. Statt Bücher zu sammeln, sollten Buchhändler Bücher aktiv verkaufen. Wer es versteht, eine persönliche Bindung zu seinen Kunden aufzubauen, wer Vertrauen etabliert, Service und Beratung bietet, der wird erfolgreich sein – oder bleiben.

Wie sehen Sie die Perspektiven für die Filialisten?
Conrad: Für sie ergibt sich ein dramatisches Dilemma. Sie haben zu große Flächen, müssen auf ihre Kosten schauen und ihr Personal, das ohnehin nur noch selten richtig belesen und beratend ist, noch weiter abbauen. Es besteht die meines Erachtens große Gefahr, dass Großflächen zu Servicewüsten verkommen.

Heil vor sinkenden Umsätzen suchen viele Buchhandlungen, gerade mit großen Flächen, in einem immer umfassenderen Non-Book-Sortiment. Ist das der richtige Weg?
Conrad: Glauben Sie an Non-Books, Klappe, die 20.? Die Non-Books gibt es schon ewig und sie kamen bei jeder kleinsten Krise aus der Truhe. »Verabschieden Sie sich aktiv vom Buchhandel – hissen Sie die Non-Book-Flagge.« Gerade das würde ich nicht tun. Stattdessen: Machen Sie Ihr Kerngeschäft, und das gut! Wenn bei einem zu starken Personalabbau der Verlust der Kundenbindung droht, dann droht durch beliebige Non-Books der Verlust des Kundenvertrauens, nämlich des Vertrauens in die Kernkompetenz.

Ein weiteres Thema, das die Buchhändler umtreibt, sind die E-Books. Werden sie im Buchhandel erfolgreich sein?
Conrad: Damit verbunden ist für mich die Frage: Glauben wir an Kundenbindung und daran, dass sich eine gewisse Großzügigkeit gegenüber den Kunden langfristig lohnt? Ich befürchte, dass im Buchhandel keiner so richtig daran glaubt, weil eben wenige so richtig in den Service am Kunden investieren. Im Moment können Buchhändler mit E-Books so gut wie nichts verdienen – und kümmern sich nicht darum. Ein Fehler, denn auf einmal sind die Kunden weg. Wer jetzt schon Offenheit und Kompetenz bei elektronischen Büchern demonstriert, wird hinterher profitieren. Davon bin ich überzeugt.

Manche Buchhändler stecken den Kopf in den Sand angesichts der zahlreichen Unsicherheiten. Ihr Tipp?
Conrad: Es ist ein großer Fehler, eine Verteidigungsschlacht gegen die unabwendbaren Umwälzungen zu führen. Es gibt im Geschäftsleben immer wieder Aufwärts- und Abwärtsspiralen. Die Schwierigkeit besteht darin, eine Kombination hinzubekommen von notwendigen Einschnitten und gleichzeitigen Investitionen in das, was man selbst für die Zukunft hält. Man darf sich nicht der Abwärtsspirale hingeben, sonst ist die eigene Kultur bald so kaputt, dass man keine neue mehr darauf aufbauen kann.

Verwerfungen gibt es ja nicht nur im Buchhandel, sondern auch bei den Verlagen …
Conrad: Hier steht für mich das Thema Vertrieb ebenfalls ganz oben auf der Agenda. Die Verlage müssen sich darüber im Klaren sein, dass Aufmerksamkeit für und Nachfrage nach Büchern im Wesentlichen dadurch geschaffen werden, dass das Buch in einer breiten Distribution überall sichtbar ist. Der stationäre Handel ist in diesen Zeiten also kein weniger wichtiger Partner, sondern von ihm hängt maßgeblich ab, ob es Verlage auch weiterhin geben wird. Das klingt jetzt defätistisch. Aber ich weiß, dass viele Verlage davon ausgehen, dass das stationäre Sortiment immer unwichtiger wird – und deshalb vernachlässigen sie es. Aber je mehr sie das tun, desto schneller geht es abwärts. Am Ende stehen sie mit ein oder zwei großen Kunden da, von denen sie auf Gedeih und Verderb abhängig sind.

Dann können die Verlage ihre Bücher ja immer noch über Facebook vertreiben.
Conrad: Das halte ich in Teilen durchaus für möglich. Im Facebook-Vertrieb sehe ich eine neue Form. In Communitys wird über Bücher gesprochen. Das zu managen, darauf Einfluss zu haben, das müssen die Verlage erst noch lernen. Allerdings ist ein so konservativ-traditioneller Familienkreis, wie wir ihn in der Buchbranche haben, auf solch eine Kommunikation gar nicht vorbereitet. Da wird noch einige Überzeugungsarbeit zu leisten sein.

Apropos konservativ-traditionell. Wie schätzen Sie die Veränderungsbereitschaft der Branche ein?
Conrad: Die Branche braucht nichts dringender als junges, frisches Blut. Buchhändler und Verleger sind unglaublich verwöhnt durch absolut stabile Rahmenbedingungen und ein geradezu fantastisch konjunkturunabhängiges Produkt und eine intakte breite Distribution. Es geht alles sehr familiär zu, höchstens gibt es mal einen Familienstreit. Das ändert sich gerade. Der Markt ist nicht mehr deutsch, er wird international, grenz­überschreitend. Die Player, die die Geschäfte künftig betreiben werden, sind nicht aus der Familie, haben keine erblichen Verpflichtungen. Darauf muss die Branche reagieren.

Indem sie selbst Innovationen vorantreibt?
Conrad: So einfach ist das nicht, da muss ich meine ehemaligen Kollegen auch einmal in Schutz nehmen. Dass zu lange an Bestehendem festgehalten wird, zieht sich nahezu durch alle Branchen. Warum musste Apple den digitalen Musikladen erfinden? Warum hat Nokia das Smartphone verschlafen? Warum beglücken uns nicht die Ölkonzerne mit alternativen Energien? Besitz bindet und macht träge. Die allerwenigsten Unternehmen, die vor großen Veränderungen wichtig und bedeutend waren, haben diese Position retten können.

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13 Kommentar/e

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  • Leser

    Leser

    Schön, einmal so vernünftige und klare Sätze zu lesen. Schade, dass der Börsenverein auf seinen Tagungen eher jemandem wie Carel Halff immer wieder gerne eine Bühne bietet, der nichts Konstruktives beizutragen hat und mit seine eigenen Läden nichts zustande bringt außer die ganze Branche durch Unterminieren der Preisbindung zu ruinieren.

  • Gaby Marx Beratung für Sortimentsstrategie

    Gaby Marx Beratung für Sortimentsstrategie

    Sehr richtig die Anmerkung zu den Nonbooks! Kerngeschäft ist und bleiben die Inhalte zwischen zwei Buchdeckeln oder auf anderen Medien. Nonbooks sind kein Selbstzweck und kein Allheilmittel, sondern müssen gezielt und mit Augenmaß zur Illustrierung der Buchthemen eingesetzt werden. Wem die inhaltliche Kompetenz im Buchsortiment fehlt, dem ist auch mit Nonbooks nicht zu helfen. Nur wer bereits eine aus Kundensicht hohe Leistung erbringt, kann mit Nonbooks einen zusätzlichen Nutzen anbieten, andernfalls verstärken sie die Wahrnehmung der vorhandenen Schwächen.

  • Robert

    Robert

    Mir gefällt das Interview mit Herrn Conrad sehr gut. Das ist genau der Mittelweg zwischen der aktuell umgehenden Panik und der Euphorie.
    Dem Kommentarschreiber "Leser" kann ich zum Thema "Carel Halff" nur zu 100% zustimmen. Das Geld der katholischen Kirche hätte man sinnvoller anlegen können als in Hunderte Weltbild-Filialen und einen Onlineshop !

  • Johannes

    Johannes

    Herr Conrad, konnten Sie so klare Worte auch schon in der Zeit bei Libri sagen, oder funktioniert das nur aus der Tchibo-Entfernung? Es hört sich wirklich fein an und richtig, aber was das Gewicht auf Kernsortiment angeht: Tchibo macht schon lange nicht mehr mit dem Kernsortiment den Umsatz, sondern mit Non-Cafe-Produkten.

  • Dieter Friess

    Dieter Friess

    Auch Herr Conrad sagt es wieder: Die (stationären) Buchhändler sollen sich um das E-Book kümmern! Wenn nur endlich einmal einer schreiben würde, wie das geschehen soll. Hat den niemand eine Idee und gibt diese Preis? Hat es jemals einen Menschen gegeben, der im Buchladen nach einem E-Book gefragt hat? Warum sollte er das tun? Ist jemand der ein E-Book Lesegerät besitzt auf die technische Beratung des Buchhändlers angewiesen? Muss ihm erklärt werden wo und wie er an den elektronsichen Kontent herankommt? Ich behaupte hier: Nein! Elektronische Bücher werden auf allen möglichen Kanälen verkauft, nur nicht im Buchladen!

  • Bettina Gähle

    Bettina Gähle

    Ich stimme Herrn Conrad voll und ganz zu- ein inhaltlich sehr, sehr gutes Interview!

    In der Tat haben die Inhabergeführten Buchhandlungen nun noch einmal die große Chance sich mit Freundlichkeit und engagierter Beratung zu empfehlen und die Kunden an sich zu binden.

    Denn so schön die Preisbindung auch sein mag, sie schränkt die Möglichkeiten des Unternehmers auch ein und somit bleibt dem Sortiment quasi nur der Service übrig.

    Der Verkauf von E-Books und anderen elektronischen Medien für das stationäre Sortiment ist zwar in der Tat kein großer Umsatzbringer, aber als Buchhändler sollte man sich da auskennen, wissen, was aktuell ist.

    Selbst, wenn man diesen Bereich nicht anbieten möchte (ist auch für Stadtteilbuchhandlungen und ähnliche Sortimente verständlich), so sollte man dem Kunden aber dazu Auskunft geben können.
    Es gibt ja schon Kollegen, die sich in die Thematik eingearbeitet haben, aber leider noch viel zu wenige...
    (Wobei die Unternehmen ihre Mitarbeiter, bzw. mehr Mitarbeiter darin schulen lassen sollten. Sich allein in den Bereich Neue Medien einzuarbeiten ist sehr aufwendig).

    Den sogenannten Non-Book-Bereich sollte man keinesfalls vernachlässigen, und damit meine ich jetzt nicht Hörbuch & Co.!
    Damit lassen sich hervorragende Umsätze erzielen.
    Nur ist das in der Tat nichts Neues, das wissen die Buchhändler doch schon lange und da gibt es überall tolle Beispiele dazu!

  • Albert Knorr

    Albert Knorr

    Hand aufs Herz, Buchhändler müssen sich nicht vorwerfen lassen, jedem Euro nachzulaufen. Du könntest ihnen eine originalverschweißte Palette deines neuesten Werks in den Laden karren, und wenn du nach einer Woche wiederkommst, ist die Verpackungsfolie noch immer unversehrt. Auf die Frage, warum keiner die Bücher ausgepackt, geschweige denn verkauft hat, antwortet man dir: „Es hat kein Kunde danach gefragt.“

  • Klaus-Bernd

    Klaus-Bernd

    @ Robert

    "Dem Kommentarschreiber "Leser" kann ich zum Thema "Carel Halff" nur zu 100% zustimmen. Das Geld der katholischen Kirche hätte man sinnvoller anlegen können als in Hunderte Weltbild-Filialen und einen Onlineshop !"
    ---------------------------
    Der Person Carel Halff sollte man nicht allzuviel Bedeutung beimessen. Vermutlich ist das Ziel, die DBH, Weltbild etc. als Billiganbieter zu etablieren. Damit wird sich dieses Unternehmen unter Carel Halff in die große Riege der Biliganbieter (Kik, Penny und wie sie alle heissen) nahtlos einreihen. Nicht mehr, nicht weniger. Alles in allem also keiner großen Aufregung Wert!

  • Markus Groß

    Markus Groß

    Ein interessantes Interview. Aber man muß hinterfragen. Wenn es doch so viele Chancen für kleinere, inhabergeführte Buchhandlungen gibt, warum geben gleichzeitig so viele auf? Lähmt es nicht viele zu sehr und hindert notwendige Kreativität, wenn man in seiner unter-500T€ Buchhandlung sitzt und sieht, wie Amazon und andere sich einen Teil des Umsatzes stehlen, eBooks den Umsatz anzuknabbern drohen, im März minus 12 % geschrieben werden etc. etc...und der Buchhändler muß noch 10 oder 20 Jahre von seinem Unternehmen leben und fühlt die Unsicherheit steigen. Ich denke man muß klar sagen: Ja, es gibt die Chancen, aber viele werden sie nicht ergreifen (können). Und: Man mag manches verallgemeinert sagen können, Vieles gilt nur individuell vor Ort.

    Ich werfe mal ein paar Steine ins Wasser (die Reihenfolge ist zufällig):

    1. eBooks, Internetanbindung, super-webseite sind KEINE Priorität für kleinere und mittlere Buchhandlungen (Ausnahme evt. Unistädte, Großstädte) Sie binden vergleichsweise hohe Mittel bei niedrigem direktem Nutzen.

    2. Der Buchhändler muss noch viel mehr KAUFMANN werden! Es wird zu einer zunehmenden und beschleunigten Schließung kleiner und mittlerer Buchläden kommen. Aus Altersgründen aber auch aus Gründen mangelnder Marktanpassung und mangelnder Kreativität etc. Hierin liegen auch Chancen! Die Frage ist, ob sie Jemand nutzt und wer. Es könnte sein, dass die Zukunft darin liegt, mehrere kleinere und mittlere Buchhandlungen zu vereinen und im Rahmen kleinerer und auch größer werdenden Filialbetriebe zu führen. Es ist zu hoffen, dass genügend Unternehmer bereit stehen und in der Lage sind, schließende Buchhandlungen zu übernehmen. Hier muß der Börsenverein wesentlich aktiver werden. (Mitgliedsunternehmen, die in Gefahr sind oder bei denen die Überlegungen hinsichtlich Weiterführen oder Schließen beginnen müssen eine Anlaufstelle beim Börsenverein haben, es sollte Unterstützung geben, Schließungen zu vermeiden und regionale Verbundunternehmen zu schaffen, Beratungsleistungen, bessere Beitragskonditionen wenn mehrere Filialen im Mittelstand geführt werden etc.)
    Wenn hier nicht mehr und schneller etwas geschieht, brechen zuviele Buchhandlungen weg. Diese später neu zu gründen wäre viel schwieriger wenn nicht unmöglich.

    2a: Wenn es zu einer Filialisierung kommt, ändert sich die Aufgabe des Inhabers komplett! Ich kann (und will) nicht in 2 oder 4 oder 6 Filialen kompetent selbst beraten. Die Bedeutung von Mitarbeitern - auch von Aus- und Weiterbildung - steigt. Trotzdem ist die individuelle Note und Philosophie für den Erfolg wichtig. Mitarbeiterführung. Kompetenz beim Einstellen. Mitarbeitern FREIRÄUME einräumen für eigene Kreativität etc etc etc. Können wir das?

    3. Kundenbedürfnisse, Kundenbindung, Serviceorientierung etc ... hier liegt (in Verbindung mit den Mitarbeitern) der Schlüssel. Wie weit gehen SIE .... Besorgen sie vergriffene Bücher? ... und wenn das vergriffene Buch nur noch bei Amazon erhältlich ist? Wie verdienen Sie daran? Verschicken Sie Bücher gegen Rechnung protofrei? Ist das klingelnde Telefon wichtiger als der vor Ihnen stehende Kunde? ..und wenn dieser Kunde ein 11 jähriger Rotzlöffel ist, der nur mal eben in ein Gregs Tagebuch schauen will? .....

    4. Es gibt ein flächendeckendes Sterben von Ladenantiquariaten. Neu-Buchhändler sehen zu selten, dass das sie betrifft oder betreffen könnte. Die Kunden von Antiquariaten sind Leser, sind zumindest buchaffin. Warum also nicht Neubuch und Gebrauchtbuch/antiquarisches Buch unter einem Dach. Wie auch immer das im Einzelfall aussieht. Ich habe 2 Buchhandlungen. In beiden gibt es auch (unterschiedlich in der Menge) gebrauchte und antiquarische Bücher. Gleichzeitig (demnächst aber räumlich getrennt) kaufen wir Altbücher an und bestücken diverse online-Plattformen. D.h. angekaufte Bücher können entweder online oder stationär angeboten werden - das verbessert die Margen und bringt mehr Kunden in den Laden. Aber: Jeder muß seine eigene Startegie finden. Übrigens: Warum ermöglichen es Antiquariate ihren Kunden nicht, auch mal ein Neubuch dort zu bestellen?

    Kleiner Einschub: Warum gibt es eigentlich keinen kleinen 'Verlag der Antiquare', in dem (als Gegengewicht zu googlebook) vergiffene interessante Bücher neu aufgelegt werden. Für die, die sie lesen wollen ... und zB als BoD Titel weil preiswert. Das Naserümpfen der Edelantiquare ignoriere ich ... irgendwer Interesse?? Und: Ja, das bringt auch finanziell etwas und das Risiko ist begrenzt. Versuchen??

    5. NonBooks .. tja... wenn alle den gleichen Tinnef verkaufen wird das auch nicht besser. Aber: Wo kann man das mit dem zunehmenden Bedürfnis von Kunden, regional einzukaufen, verbinden. Regional gerösteten Kaffee, Honig aus der Region, etc... Es gibt nicht nur Schreibwaren die zu Büchern passen ... sondern (wenn man es über ein paar NonBook Artikel hinaus treiben will oder muß) auch Cafe und Buch, Gewürze und Buch, Wein und Buch...und warum nicht Käsespezialitäten und Buch? ...

    Soviel erstmal

    Markus Groß
    AUREL Buchläden Daun und Kreuzau

    *Achtung: Ich sage 'keine Priorität' ich sage nicht: unwichtig!

  • Der Bernd

    Der Bernd

    @ Markus Groß

    zu Punkt 2. Ihrer Ausführungen...
    Das "wegbrechen" vieler Buchhandlungen hängt m.E. auch mit der "Struktur" des Deutschen Wesens zusammen.
    Die Deutschen sind per se kein "Unternehmervolk"! Umfragen beweisen immer wieder, das die Mehrheit der Deutschen das (vermeintlich)"sichere" Angestelltenverhältnis dem selbstständig sein vorzieht. Gerade in Zeiten der Erholung auf dem Arbeitsmarkt zieht es viele Deutsche in ein abhängiges Beschäftigungsverhältnis.
    Und wo keine Bereitschaft herrscht, unternehmerisch tätig zu werden, entstehen auch keine neuen Unternehmen bzw. werden bestehende Unternehmen nicht mehr fortgeführt...
    Das trifft natürlich auch den Buchhandel!

  • H. Kraft

    H. Kraft

    Die Ausführungen von Herrn Markus Conrad sind zu unterstreichen.
    Auch kleinere Buchhandlungen beweisen oft ganz gut ihre Durchsetzungsfähigkeit auch in Großstädten, wie z. B. in München.
    Da bestätigt sich doch immer wieder ein freundliches Bedienen der Kunden und ein gezielter Ankauf der Bücher für das Ladengeschäft.
    Ich persönlich fühle mich in kleineren Buchhandlungen wohler, denn da ist auch noch ein Stöbern und Schauen in den Regalen möglich (ohne dass man sofort angesprochen wird).
    Kleinere Buchhandlungen pflegen auch gute Nischen und oft sind da Bücher vorhanden, die man in Großbuchhandlungen vergeblich sucht. Und so etwas ist doch spannend: Ein Buch zu finden, was ich schon lange suche.
    @ Markus Groß
    Ihr Kommentar mit diesen verschiedenen Punkten finde ich sehr gut zusammengestellt.
    Selbstverständlich sollte sich der Börsenverein bei einer Schließung von Buchhandlungen mehr auch für diese Geschäfte einsetzen.
    Zunehmend sind es steigende Mieten, die Buchhandlungen und Antiquariaten auch in Großstädten zusetzen und die dadurch zur Schließung gezwungen werden. Ein anderer Grund ist dazu auch das veränderte Lese- und Kaufverhalten der Menschen.
    Wichtiger ist eigentlich einmal die Frage: Wie kann der Buchhändler in diesen Zeiten des medialen Wandels wieder zum Lesen eines Buches in seiner haptischen Form hinführen? Es sollte erst einmal das Bedürfnis wieder geweckt werden, dass es noch etwas mehr gibt, als dauernd dieses Zappen, Suchen und Drücken am Computer, den Walkman bedienen und das Handy drücken.
    Vielleicht kommt der Mensch auch einmal dabei an seine Grenzen an. Das Lesen eines Buches, ja eines Textes, fordert das Denken heraus und dieses muss auch bei jungen Lesern/Leserinnen wieder mehr eingeübt werden. Deshalb kommt dem Elternhaus, den Schulen und Bibliotheken dabei eine große Aufgabe zu.
    Ein anderes Thema ist, dass es bei uns noch einen großen Analphabetismus gibt und dagegen sollte etwas mehr wie bisher unternommen werden.
    (Dazu: Nach einer Studie der Universität Hamburg gibt es in Deutschland 7,5 Millionen Menschen, die nicht lesen und schreiben können).
    H. Kraft, München

  • Michael Dreusicke

    Michael Dreusicke

    Auf so dichtem Raum so viele treffende Informationen unterzubringen, ist für mich sowohl sprachlich wie inhaltlich ein Hochgenuss. Ein großartiges Interview!

  • carlo bernasconi

    carlo bernasconi

    Conrads Bemerkungen sind aus der Sicht eines 59-Jährigen "Branchenoldie" tatsächlich anzufügen, dass in den Vertriebsabteilungen der Verlage noch Leute am Hebel sitzen, die das - längst aufgegebene - Familiäre pflegen: hier tut ein Generationenwechsel Not, damit die Zukunft von einer jungen Generation angepackt werden kann, die keine Berührungsängste mit Paid Content kennt und die Wertschöpfungskette neu denken kann. Die ist leider nirgendwo am Drücker, ausser sie gründet eigene Verlage...

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