Die Sonntagsfrage

Verkauft man mit viel Gefühl mehr Bücher?

Bilderbücher versteht vielleicht jedes Kind, aber noch lange nicht jeder Erwachsene. Ohne wirklich tief in seinem Innern angerührt zu sein, erschließen sich keine Bilder und verkaufen Sortimenter auch viel zu wenig Bücher, meinen Kinderbuchlektorin Karin Gruß und Verlagsvertreter Georg Leifels. Wie wollen Sie es schaffen, dass Buchhändler mit mehr Gefühl mehr Umsatz machen, Frau Gruß?

Karin Gruß

Karin Gruß © Beate Knappe

"Indem man sie sensibilisiert. Nicht über den Verstand und die Frage: Wie mache ich zehn Prozent mehr Umsatz?, sondern über die Inhalte der Bücher. Im normalen Buchhändleralltag ist es kaum möglich, sich intensiv mit den Bildern in Bilderbüchern auseinanderzusetzen, beim Vertreterbesuch auch nicht. Genau das ist aber die Grundlage für ein Kundengespräch! Wie wollen Sie einem erwachsenen Kunden ein Bilderbuch verkaufen, das Sie selbst nicht gepackt hat? Sind Sie jedoch richtig begeistert und emotional dabei, springt der Funke garantiert über. Bei Wolf Erlbruchs Bildern zu Bart Moeyaerts 'Oleg schoss einen Bären' etwa gibt es einen stahlblauen Himmel, so ein Yves-Klein-Blau, da bin ich jedes Mal hin und weg.

Ich merke oft, dass viele Buchhändler den jungen Illustratoren, ihren Ideen, ihrer Bildsprache zunächst mit Befremden gegenüberstehen. Wenn ich aber nicht ewig bei denselben alten Bildmustern stehen bleiben will, muss ich mich öffnen, muss bereit sein, mich auf Neues und Irritierendes einzulassen. Man muss zum Beispiel die Formen und die Körpersprache von Figuren entziffern können: Kinder verstehen sie sofort, sie kommunizieren ja eh sehr viel stärker nonverbal – Erwachsene haben das verlernt. Durch Wahrnehmungsschulung betrachtet man viel genauer Gestik, Mimik etc., auf einem Bild, und kann alles andere dann auch gleich viel besser entschlüsseln
 
Im vergangenen Jahr hatten Georg Leifels und ich uns überlegt, ein Seminar mit Buchhändlern zu machen, und sie gleich zu Beginn jeweils ein Bilderbuch vorstellen lassen, das sie in ihrem Leben sehr berührt hat. Den Sortimentern fiel es nicht immer leicht, sich zu öffnen. Entscheidend ist aber, dass man miteinander ins Gespräch kommt, sich darüber austauscht, welche Gefühle ein Bild in einem wecken – vor allem nachhaltig. Nach dem 11. September 2001 zum Beispiel sieht jeder die Hochhaus-Bilder und Wolkenkratzer-Schluchten von Jörg Müller ganz anders als noch in den 90er Jahren, sie haben nicht mehr diese ästhetische Kühle, sondern wirken einfach bedrohlich.
Am letzten September-Wochenende, wollen wir wieder mit Buchhändlern im Literaturhotel in Iserlohn einen Wechsel der Perspektiven wagen, das Ambiente dort schafft schon mal gute Voraussetzungen, um sich zu öffnen; in Ruhe Bilder entdecken und darüber reden zu können, was sie in einem auslösen.
Im Grunde ist es eine Reaktionskette: Je offener, unvoreingenommener ich Bilder wahrnehmen kann, um so mehr entdecke ich – wie die Kinder. Dadurch kann ich schneller die Qualität der Bilder erkennen, kann effektiver eine Auswahl für den Einkauf treffen. Zugleich ist das die Grundlage für das Kundengespräch. Und je stärker ich begeistert bin von einem Buch, umso besser verkaufe ich es ja. Diese Begeisterung würden wir gerne bei vielen Sortimentern entzünden."

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13 Kommentar/e

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  • heßler

    heßler

    Liebe Lektoren,unterschätzt die Sortimenter nicht! MfG

  • Marina

    Marina

    "Bei Wolf Erlbruchs Bildern zu Bart Moeyaerts 'Oleg schoss einen Bären' etwa gibt es einen stahlblauen Himmel, so ein Yves-Klein-Blau..."
    Himmel, was für ein Quatsch - die Dame soll sich bitte mal über den Unterschied zwischen Stahlblau und Yves-Klein-Blau kundig machen, bevor sie Buchhändlern auf diese Art beibringt, wie man Bilderbücher verkauft...

  • Gerrit van der Meer

    Gerrit van der Meer

    Manchmal ergibt sich auch bei Vertreterbesuchen die Zeit dazu. Im letzten Jahr hatte ich das Vergnügen, das Bilderbuch " Glück gesucht" von Ulrike Motschiunig vertreten zu dürfen. Es gab tolle Gespräche mit vielen Sortimentern und das Buch bekam im Juni 2011 den österreichischen Buchliebling. Es war mir gelungen meine Begeisterung für das Buch auf die Buchhändler zu übertragen und diese haben es hervorragend an ihre Kunden weiter gegeben.

  • Jimmy

    Jimmy

    Aha, jetzt sollen die Buchhändler/innen sauteure Kurse bei einer ehemaligen Lehrerin machen, damit sie Bilderbücher verkaufen können. Interessant, so eine PR-Einschaltung für die Firma Gruß.

  • Marina

    Marina

    @ Jimmy:
    ich wundere mich auch immer wieder, wie Buchhändler/innen hier häufig als unbedarfte Hascherln dargestellt werden. (Mein Mann ist Buchhändler). Und wenn Frau Gruss einerseits Seminare gibt, damit ein Buchhändler in der Lage ist, ein Bilderbuch zu verkaufen(!) und andererseits Unsinn erzählt (nämlich Yves-Klein-Blau mit Stahlblau gleichsetzt), dann frag ich mich, ob die Redaktion die Texte, die hier veröffentlicht werden, lektoriert.

  • Georg Leifels

    Georg Leifels

    Ja, ich als Vertreter habe viel in den vergangenen 26 Jahren von den BuchhändlerInnen gelernt. Ja, die kreativen Dialoge zwischen Vertretern und BuchhändlerInnen
    über etwas andere Bilderbücher können ihnen einen Weg zum Erfolg und zu einer anderen öffentlichen Wahrnehmung ebnen. Dieser BilderBuchWorkshop lädt ein, die Brillanz des eigenen Schauens zu entdecken, sich sozusagen in die Bilderbücher fallenzulassen, sich Zeit zu nehmen, damit sie in uns etwas bewegen. Ganz zu schweigen vom intensiven Austausch aller teilnehmenden Profis. Das übersteigt nach meiner Erfahrung die Möglichkeiten eines Vertretertermins!

  • Renée Gansel

    Renée Gansel

    Nun möchte ich mich als Kinderbuchsortimenterin und als Teilnehmerin des vergangenen und diesjährigen Seminars zu Wort melden.
    Ich wundere mich über die teils recht hämischen Kommentare zu einem hervorragenden Seminar, dass uns im Herbst 2010 von Karin Gruß und Georg Leifels angeboten wurde. Ich schreibe bewusst "uns", da aus der aus dem gesamten Bundesgebiet angereisten Teilnehmerschaft im Laufe des sehr intensiven Wochenendes tatsächlich eine "Gruppe" entstanden ist. Wir haben alle miteinander neue Sichtweisen nicht nur "gelernt", sondern erfahren.
    Die intensive Auseinandersetzung mit Bild-Inhalten und Text-Inhalten wirkt bei mir immer noch bei der Auswahl fürs Sortiment, also im Gespräch mit den Vertreterkollegen. Aber auch meine eigene Entwicklung hin zu einem neuen Verständnis des Gesprächs mit dem Kunden wurzelt in diesem Seminar: es nämlich eben nicht nur so zu erleben, dass ich jetzt ein Buch verkaufen muss, damit der Umsatz sitzt. Das Gespräch mit dem Kunden ist ein Prozess des gegenseitigen sich Öffnens, in dem wir beide etwas Neues entdecken können in einer "unangepassten" Illustration. Das kreative Moment liegt genau dort, wo ich noch keine feste Meinung habe; und das kann ich als Buchhändlerin nur vermitteln, wenn ich diese Erfahrung selber immer wieder mache.Und so kann ich ihm auch mal etwas provokantes, etwas "schwieriges" an die Hand geben und gemeinsam mit dem Kunden den Blick öffnen. Das funktioniert, ich praktiziere es im Alltag und stelle im Beisein des Kunden Fragen, die offen bleiben- die aber auch öffnen. Nur so kann es eine engagierte Bilderbuchkultur geben. Und damit eine engagierte Buchkultur insgesamt.
    Ich jedenfalls freue mich sehr auf das Seminar im September und lade alle aufs dringendste dazu ein sich anzumelden, denn so eine anspruchsvolle Auseinandersetzung mit dem Bilderbuch findet man nicht alle Tage!

  • peter

    peter

    aha, und anschließend veranstaltet der buchhändler seinerseits seminare mit seinen (potentiellen) kunden/lesern, damit diese verstehen lernen, was der abgehobene autor/illustrator eigentlich vermitteln will??? und außerdem, wie und vor allem wann will der buchhändler sein emotional verstehendes einkaufen praktizieren, falls er von mehr als zwei bis drei vertretern mit jeweils mehr als zwei bis drei
    anspruchsvollen bilderbüchern besucht wird?

  • Jimmy

    Jimmy

    Zitat Frau Gansel: "Das Gespräch mit dem Kunden ist ein Prozess des gegenseitigen sich Öffnens, in dem wir beide etwas Neues entdecken können in einer "unangepassten" Illustration. Das kreative Moment liegt genau dort, wo ich noch keine feste Meinung habe; …"

    Ich kann diese Mischung aus Marketing-Sprech und Esoterik-Light-Gewäsch einfach nicht mehr hören! Und das solche Artikel hier vermehrt im Börsenblatt auftauchen, stört mich massiv.

  • Peter

    Peter

    Mensch, Jimmy, Sie haben sich einfach noch nicht genug geöffnet ;-)
    Aber ich hab noch ne Idee: nicht ausgelastete Buchhändler sollten Seminare für Lehrerinnen geben, um denen beizubringen, wie man unterrichtet. Das wär doch was...

  • Gabi van Wahden

    Gabi van Wahden

    Ich habe im letzten Jahr das Seminar von Karin Gruss im Literaturhotel besucht und kann sagen, dass es ein für mich sehr informatives Wochenende war. Sicher gibt es Buchhändler/Innen, die diese Art von Seminaren nicht brauchen, da sie bereits auf einen eigenen Erfahrungsschatz zurückblicken können und die Kompetenz besitzen "Perlen" zu finden, aber ebenso ist es für viele eine Möglichkeit den Blick zu schulen. Als Quereinsteigerin, die sich jetzt schon seit 13 Jahren beruflich mit Bilderbüchern, Kinder- und Jugendbüchern beschäftigt, freue ich mich immer wieder über Seminare, die mich herausfordern, mich auf neue, besondere Illustrationen einzulassen und mir gleichzeitig die Möglichkeit bieten, mich mit anderen Seminarteilnehmern auszutauschen. Die Kombination aus Vorträgen, Workshopeinheiten und Gesprächen mit den anderen Kursteilnehmern war für mich eine stimmiges Angebot. Gut, dass Frau Gruss diese Seminare anbietet und uns die Möglichkeit gibt, über verschiedene Blautöne zu sprechen und herauszufinden, wie welches blau aussieht. Ich habe dazu Google bemüht. Wieder was dazugelernt. Ich finde es prima, wenn Buchhändler/Innen von Lehrer/Innen und Vertreter/Innen und umgekehrt lernen, denn davon können zum Glück die Kinder profitieren. Lehrer/Innen verbringen einfach mehr Zeit mit ihnen, Buchhändler haben den "Kinderbuchmarkt" im Blick und finden bei den Gesprächen mit Vertreter/Innen mögliche Highlights. Danke an Gerrit van der Meer. Ich habe gleich seinen Bilderbuchtipp "Glück gesucht" auf meine Liste der Bücher gesetzt, die ich mir unbedingt noch anschauen will. Die Rezensionen, die ich gefunden habe, sind wirklich toll . Allen unerschrockenen, neugierigen Buchhändler/innen ein schönes Seminarwochenende im September.

  • Lisa

    Lisa

    Sie lasen eine Werbeeinschaltung der Firma Gruß.

    Liebe Redaktion, meinen Sie nicht, dass Anzeigen für eine Seminarveranstalterin auch als solche gekennzeichnet sein sollten?

  • Karin Gruß

    Karin Gruß

    An dieser Stelle bedanke ich mich für Kommentare jedweder Couleur. Sie spiegeln mir die Vielfalt des KJL-Marktes mit allen Höhen und Tiefen. Um bei der Sache zu bleiben: Die 'Firma Gruß' richtet Workshops dieser Art nur am Rande und Dank einiger Sponsoren aus. Weder mein Kollege Leifels noch ich haben in diesem Rahmen jemals ein Honorar dafür erwartet oder erhalten. So, nun können sich gerne alle weiter ausbreiten, die honorarfreie Tätigkeiten in der Freizeit und deren Bekanntmachung für eine Selbstbeweihräucherung oder Eigentherapie halten!

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