Urheberrecht

Digitale Moral

Bei der Wahl zum Berliner Abgeordnetenhaus am 18. September gewann die Piratenpartei 8,9 Prozent der Stimmen. Mit ihren Positionen zum Urheberrecht sind die Piraten eine Herausforderung für die gesamte Buchbranche. Ein Kommentar von Börsenblatt-Redakteur von Michael Roesler-Graichen.

Michael Roesler-Graichen

Michael Roesler-Graichen © Nicole Hoehne

Es war vielleicht weniger das Programm, mit dem die Piraten das Berliner Abgeordnetenhaus geentert haben, als das coole Nerd-Image, das vor allem junge Wähler angezogen hat. Aber die Berliner Wahl ist dennoch eine Zäsur. Sie zeigt, dass sich quer durch Gesellschaft und Parteien ein Graben zieht: digitales Denken im Internet hier, analoge Welt mit traditionellen Werten dort. Das meint auch die Verlage und das sie mehr oder weniger schützende Regelwerk des Urheberrechts, das laut Piraten-Parteiprogramm "auf einem veralteten Verständnis von so genanntem 'geistigen Eigentum' basiert".

Viele Forderungen der Digital Natives mögen ja durchaus sympathisch klingen – zum Beispiel, für einen möglichst breiten und ungehinderten Zugang von Werken im Internet zu sorgen. Die Vervielfältigung dieser Inhalte soll aber unbegrenzt möglich sein, weil jede Art von Kopierschutz "aus einem freien Gut ein wirtschaftliches" mache (Programm Piratenpartei).

Da liegt der Hase im Pfeffer. Das privatwirtschaftliche Modell der Produktion und Verwertung von Inhalten gilt den Piraten im Netz als "unmoralisch". Das moralische Gefühl in Ehren: Aber verdient kreative, unternehmerische Leistung nicht, dass sie honoriert wird? Und dass man, wenn man sie nutzt, auch zahlt? Wie wäre es um die "kulturelle Vielfalt" bestellt, wenn Werke im Netz freigegeben würden? Kreativität würde sich nicht mehr lohnen. Im Netz drohen fundamentale Werte zu erodieren – nicht nur beim Urheberrecht. Das könnte, neben den Verlagen, die gesamte Gesellschaft teuer zu stehen kommen.

Siehe auch Artikel "Im Sog der digitalen Gratishaltung" im aktuellen Börsenblatt (Heft 38, S. 24 f.).

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23 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • AndreasP

    AndreasP

    Wo ist denn die Moral, wenn Schulbücher fünf Jahre lang jedes Jahr 50 Cent teurer werden? Wo ist die Moral, wenn wissenschaftliche. Zeitschriftenverlage seit Jahren Rekordmargen erzielen ohne jede eigene Leistung (Autoren bekommen ja nichts, Reviewer auch nicht)?

    Nein, den vielerorts zu spürenden Hass auf die Verlage haben die sich schon zu einem großen Teil selbst zuzuschreiben.

  • John May

    John May

    Das Urheberrecht ist veraltet! Die Wirtschaft in Deutschland wird den nachgewiesenen nachhaltigen positiven Effekt auf Geschäftsmodelle welche die Creative Commons Lizenzen gezielt verwenden nicht ignorieren... derzeit bremst die Politik mit diesem Urheberrecht die gesamtstaatliche Wirtschaftskraft.

  • ManniD

    ManniD

    Dann weise ich doch mal auf 2 sehr erfolgreiche Autoren hin, die durchaus ihre Werke kostenlos zum Download im Internet zur Verfügung stellen, Paulo Coelho, einer der momentan erfolgreichsten Autoren weltweit und Cory Doctorow, ein sehr erfolgreicher Science-Fiction Autor. Und trotzdem bzw. gerade deswegen verkaufen sich ihre Werke erstaunlich gut. Vielleicht sollten Sie sich einfach mal der Entwicklung anpassen, sonst werden sie irgendwann genauso obsolet wie die Geschäftsmodelle der Pferdekutscher nach Erfindung des Automobils, die Fotoentwicklungslabore nach Erfindung der Digitalcamera, die Eismänner nach Erfindung des Kühlschranks, usw. Die Beispiele für Geschäftsmodelle, die gescheitert sind, ist vielfältig. Wenn die Verlagsindustrie ihr Geschäftsmodell nicht radikal an die veränderten Bedingungen anpasst, wird sie genauso in der Bedeutungslosigkeit verschwinden.

  • Frank

    Frank

    Hat die EU nicht erst letzte, vorletzte Woche den Urheberschutz für Musik auf 70 Jahre erhöht? Ha, wer glaubt, dass dadurch "kulturelle Vielfalt" und die Künstler gefödert werden der glaubt auch noch an den Weihnachtsmann. Hier gehts einfach nur um knallharte Interessen der Verlage/Plattenlabels/Filmstudios. Als ginge es denen um eine kulturelle Bereicherung der Gesellschaft....
    Urheberrecht ist schon richtig, aber auf keinen Fall in der jetztigen Form. (Anderen Dingen wie etwa Patenten auf Tiere und Pflanzen brauchen wir hier gar nicht erst erwähnen)
    Ich finds gut, dass die Piraten sich um soetwas kümmern wollen und dass die jüngeren Menschen die Schieflage unserer Gesellschaft auffällt.

  • saguenay

    saguenay

    "Kreativität würde sich nicht mehr lohnen"

    In welcher Form lohnt Kreativität sich denn jetzt? Die Zahl der Autoren mit eigener Yacht ist m.E. recht überschaubar. Für die Mehrzahl der Autoren und jener, die sich dafür halten, ist die Frage, auf welchem Weg sie schreibend ihren Lebensunterhalt verdienen werden, von bestenfalls akademischem Interesse, weil sie ohnehin nie genug Leser finden werden, um dieses Ziel zu realisieren. Falls wider Erwarten doch ein Geldregen auf den Kreativen niedergeht, dürfte in der Mehrzahl der Fälle die Frage nach dem Woher weit weniger relevant sein, als die Tatsache, dass er überhaupt stattfindet.

    Von derlei Aspekten des schnöden Mammons abgesehen, dürften sich letztlich wohl weder die Befürworter des klassischen Urheberrechts noch die des digitalen Buchsozialismus mit ihren Maximalforderungen durchsetzen. Die Frage ist eher, an welchem Punkt der Grauzone zwischen beiden Positionen man sich de facto treffen wird (ob guten Willens oder nicht ist dabei nicht weiter relevant). Das Urheberrecht in eine recht nützliche Sache, was aber noch nicht heisst, dass es nur in seiner aktuellen Form sinnvoll, bzw. derart perfekt ist, dass es keine Veränderungen erforderte.

    Das alles ist letztlich aber nichts wirklich Neues, bzw. muss auch nicht jetzt und hier auf dem Tisch geklärt werden. Was an dem Artikel aber wirklich stört, ist der dunkel-dräuende Verweis des drohenden Werteverlustes im Netz, der die Gesellschaft teuer zu stehen käme. Dgl. mag auf Internetcasinos zutreffen, wirkt hier aber etwas fehl am Platz.

    Der düsteren Prophezeiung liesse sich entgegnen, dass ein starrsinniges Beharren auf dem Status quo für die Gesellschaft noch weit problematischer wäre. So wie etwa der erfolgreiche Widerstand von Kopisten und Klerus die Einführung der Druckerpresse im Osmanischen Reich bis 1729 verzögerte (de facto noch um einiges länger), und nebst anderen Faktoren seinen Beitrag zur Stagnation der dortigen Gesellschaft leistete.

    Der Untergang eines Geschäftsmodells mag für seinen Betreiber eine persönliche Krise oder gar Katastrophe darstellen, für die Gesellschaft muss dies noch lange nicht von Nachteil sein, bzw. kann im Gegenteil sogar mehr nutzen als schaden.

    Die Frage sollte sich daher nicht um die Überlegung drehen, wie man der aktuellen Entwicklung ein Bein stellen kann, sondern was man selbst in seiner jeweiligen Position dem Rest der Welt an Relevantem/Nützlichem/Interessanten etc. zu bieten hat, für das andere bereit sein werden, Geld auszugeben. Denn auf grosszügige staatliche Dauerrettungsaktionen wie sie für Banken, Autoindustrie und balkanesische Bankrottstaaten usus sind, braucht die Buchbranche nicht zu warten........

  • wilh.hüttermann Verlagsbuchhändler

    wilh.hüttermann Verlagsbuchhändler

    Wenn sich eine politische Partei nach Verbrechern nennt und trotzdem Erfolg hat, zeigt sich die moralische Verkommenheit einer Generation von Spasshabern.

  • Clemens Schmitz

    Clemens Schmitz

    @wilh.hüttermann
    Wenn die CDU sich nach einem verurteilten Verbrecher "christlich" nennt, dann ist das aber eine traditionelle und akzeptable Namensgebung?

    Aber dass es endlich ein "cooles Nerd-Image" gibt, ist natürlich eine gute Nachricht :)

  • Michael Dreusicke

    Michael Dreusicke

    @ Clemens: +1 :)
    @ M. Roesler-Graichen: "Im Netz drohen fundamentale Werte zu erodieren – nicht nur beim Urheberrecht." Weiter so! Machen wir aus dem Börsenblatt eine Bild-Zeitung.

  • Dr. Reinhilde Ruprecht

    Dr. Reinhilde Ruprecht

    "Kreativität würde sich nicht mehr lohnen" - das gilt auch für die Verlage, die kreativ durch Gestaltung, Anregungen, zusätzliche Elemente (von Abbildungen bis Zeittafeln), Marketing usw. dafür sorgen, dass die Inhalte attraktiv werden.

  • Michael Kühnapfel

    Michael Kühnapfel

    Es mag durchaus sein, dass das Urheberrecht, und besonders die darauf aufbauenden Verwertungsketten nicht mehr zeitgemäß sind und tatsächlich ist ja auch einiges an Kritik begründet. Das Internet und vor allem die rasante Entwicklung der E-Books zeigen doch mittlerweile deutlich die Grenzen dieses Rechtsmodells. Verlage werden mit dieser Entwicklung, die sie ja auch selbst verantreiben, fertig werden müssen.
    Die Piraten sind daher einerseits ein Hoffnungsträger, da damit zum ersten Mal IT-Kompetenz in die Politik kommt, und endlich wieder auch ein liberaleres Menschenbild, auf der anderen Seite sind sie eine typische Erscheinungsform der Generation Gier: Alles! Sofort! Umsonst! Sonst ist es ungerecht - oder gar unmoralisch. Wer in die einschlägigen Piratenforen schaut, wird dort Aussagen finden wie "Kopieren ist kein Diebstahl" oder auch den Begriff der "Urheberrechtmafia". Doch das scheint ja auch in der Bevölkerung auf einige Zustimmung zu stoßen.
    Wenn dann noch, wie oben ja auch genannt, eigene Investitionen in die Bildung, also das Ausgeben von Geld für Schulbücher zum Beispiel, als unmoralisch angesehen werden, dann wird es rasch ziemlich unheimlich.
    Aus Sicht des Medienmenschen hat die Piratenpartei durchaus Potenzial, zum Guten genauso wie zum Schlechten.

  • Peter Bramböck

    Peter Bramböck

    In der Tat: Vom Schreiben können nur die wenigsten Autoren leben, und auch ihre Erben werden froh sein, wenn sie von den noch 70 Jahre lang evtl. eintrudelnden Honoraren die Grabpflege bestreiten können. Aber die Verlage leben von der Verwertungskette, und das ist gut so! In der Belletristik beispielsweise finanzieren sie nämlich mit ca.20-30 % gutgehenden Titeln den Rest ihrer Verlagsprogramme, und der ist nicht etwa schlecht, sondern den bringt man auf den Markt, weil man ihn wichtig findet, obwohl man weiß, dass er sich nicht "rechnet". Das Urheberrecht schützt daher auch die kulturelle Vielfalt bzw. ermöglicht sie - ebenso wie es der gebundene Ladenpreis auf seine Weise tut.

  • René Kohl

    René Kohl

    Ich habe mir jetzt noch mal eine Stunde lang auf der Webseite der Diskussionsseite der Piratenpartei in Berlin alles Mögliche zum Thema Urheberrecht durchgelesen:
    https://lqpp.de/be/area/show/15.html?tab=issues&am p;issue_list=newest&filter=finished

    Aber ich finde, es bleibt dürftig.

    Wenn mich nicht alles täuscht, konzentriert sich die Diskussion einerseits auf "Privatkopie". Hier will man tun und lassen dürfen, was man will - und vermischt gute Gründe (ungeschickter Kopierschutz als Zumutung) mit pseudoliberalen Argumenten, die nur müde kaschieren wollen, dass man sich gerne auch, ohne Geld dafür auszugeben, gut unterhalten lassen will.

    Ansonsten eiern die Piraten noch ganz schön zwischen Urheber- und Verwertungsrecht rum und meinen wohl vor allem die Wissenschaft, so wie sie sich vorstellen, wenn sie für ihre neuen Vorstellungen werben.

    Für die nichtwissenschaftliche Produktion machen ihre Argumente ("der Gesellschaft etwas zurückgeben"...) für mich jedenfalls überhaupt keinen Sinn.

    Na gut - wenn man noch das gewünschte Grundeinkommen dazu addiert, kommt so ungefähr das Westberlin der 80er raus. Aber ehrlich - das hat sich auch ganz schön überlebt...

  • Thorben-Finn

    Thorben-Finn

    Wenn ich mich gelegentlich dezent gruseln will, stelle ich mir ein Welt vor, in der Mozarts Stücke nicht in Windeseile per Raubmordkopien verbreitet wurden, oder in der das Prinzip der Impfung vom Entdecker urheberrechtlich geschützt wurde - keine angemessene Bezahlung für den Entdecker? Viel Spaß mit den Pocken!

    Oder geht es eher um die Leute, die gerne mit anderer Menschen kreativer Leistung Geld verdienen möchten, ohne eben selbst schaffend tätig zu werden? Das wäre jetzt eine ähnlich bösartige Unterstellung wie das gekonnt subtile Schwurbeln über den Untergang der traditionellen Werte im Netz, das ja im Gegensatz zur "echten" Welt über keine verfügt. Hervorragende Stimmungsmache, btw!

    Beschweren sich die Verlage denn nun, dass die Schöpfer kreativer Inhalte nicht mehr angemessen entlohnt werden, oder dass die Verbreiter in den Wettbewerb mit neuen Wegen der Verbreitung treten müssen?

    Und am Rande: "das Westberlin der 80er [...]. Aber ehrlich - das hat sich auch ganz schön überlebt..." Mir scheint eher, es ist geschlossen in den Vorstand der Grünen gewechselt, aber gut ;)

  • René Kohl

    René Kohl

    Lieber Thorben-Finn,

    die Piratenpartei bricht sich ja gerade schön einen ab, um ihren Markenkern irgendwie mit Substanz zu unterfüttern:
    http://wiki.piratenpartei.de/Urheberrecht

    Das Geschäftsmodell für Mozart hätte seinerzeit nach dem aktuellen Diskussionsstand der Piraten in etwa geheißen:

    Zauberflöte, Königin der Nacht:
    Zweiter Aufzug, Dritte Szene:
    »Ha, ha, ha, ha, ha, ha, ha, haaaaa....«

    - Vorhang-
    »Wir sind gleich wieder zurück!«
    -- Werbung --
    »Hohes C - Reich an natürlichem Vitamin C.
    Hohes C!«
    -- Ende Werbung --
    - Vorhang -

    Auftritt Monostatos...

    Abgang Königin der Nacht.

    Kommt mir irgendwie bekannt vor - und klingt irgendwie nach RTL2...

  • Thorben-Finn

    Thorben-Finn

    "nach dem aktuellen Diskussionsstand der Piraten"

    Meinten Sie: nach frei marktwirtschaftlichem Prinzip, d.h. ohne fürstliches Mäzenatentum - oder im weitesten Sinne staatlicher Unterstützung *hust*Grundeinkommen*hust*?

    Aber Sie haben recht, Ihre Darstellung erinnert stark an RTL2. Faszinierend, wie die Piraten das hingekriegt haben, dabei waren sie noch nie an irgendeiner Regierung beteiligt.
    Den Vorwurf drohender Verdummung in Folge frei zugänglicher medialer Inhalte als Gegenargument halte ich für dezent ironisch.

  • René Kohl

    René Kohl

    Ich beziehe mich auf die dank der vorbildlichen Transparenz der Piraten nachlesbaren Publikationen. Der oben erwähnten Piraten-Wiki fasst dies doch z.B. gut zusammen.

    »Über die schwedischen Vorbilder heißt es:
    Ausgleichslose Abschaffung des Kopierverbots
    Im Zuge gesellschaftlichen Fortschritts ist diese Variante wohl die progressivste, betrachtet man sie unter dem Aspekt der gewonnen Freiheit und der Multiplikation des Wissensangebotes. Argumentativ ist diese Position gegen Urheber allerdings am schwersten zu halten, da subjektiv der vollkommene Einkommensverlust im Vordergrund steht.«

    Wenn mit progressiv "fortschrittlich" gemeint ist, dann würde ich sagen:
    Heute stehen die Künstler am Abgrund - mit den Piraten kommen sie morgen einen Schritt weiter...

    Immerhin findet sich die Erkenntnis, dass für die Künstler »subjektiv der vollkommene Einkommensverlust im Vordergrund steht.«
    Aber wenn's der Gesellschaft dient, kann der Künstler künftig ja als Hungerkünstler weitermachen.

    Aber nein, da habe ich ja das wichtigste Übersehen: die Piraten haben ja noch die Kulturflartate im Angebot (http://wiki.piratenpartei.de/Kulturflatrate).

    Da gefällt mir zum Beispiel gut die Grafik, die ich hier sofort posten würde, wenn das Börsenblatt eine solche Funktion anböte. Sie findet sich hier:
    http://wiki.piratenpartei.de/wiki/images/b/b3/KFR2 .png
    Sie würde sicherlich gut in die taz-Reihe "Die wirrsten Grafiken der Welt" passen...

    Da können sich aber einige Open-Source-Programmierer aber einen abprogrammieren, bis die Sache sitzt.

  • René Kohl

    René Kohl

    Pardon, der Link zur Grafik funktioniert nur temporär - vielleicht geht der:
    http://wiki.piratenpartei.de/Datei:KFR2.png

  • Kai Wels

    Kai Wels

    Ich bin auf diesen Thread über die neue Statusleiste bei Facebook gestoßen, wo der geschätzte René Kohl in der BuchCamp Group verzweifelt nach konstruktiven Diskussionsansätzen im Zusammenhang mit dem Programm der Piraten und der Urheberrechtsdebatte gesucht hat.

    Grundsätzlich ist der Ansatz der Kulturflatrate in der Grafik als klassische Flow Chart dargestellt, dass häufig für Use Cases im IT Development eingesetzt wird. Also durchaus absolut üblich und verständlich für diejenigen, die damit schon des öfteren in Berührung kamen.

    Diese Tatsache zeigt mir recht deutlich, dass der Erfolg der Piraten mehr Fragen aufwirft, als derzeit Antworten dadurch gegeben werden können. Es ist letztenendes nicht nur die Urheberrechtsdebatte, die als Teil der Fokusthemen aus den Reihen der Piratenpartei verständlicherweise hier im Börsenblatt und auch im gesamten Verlagswesen sehr kontrovers diskutiert werden. Aber es treffen hier zwei Welten aufeinander: IT Use Case Flow Charts vs. Verwertungsketten.

    Grundsätzlich begrüße ich den Einzug der Piratenpartei in eine Regierungsinstanz, obgleich dies die involvierten Mitglieder durchaus unvorbereitet traf und in Folge dessen auch innerhalb der eigenen Reihen noch sehr viel Aufbauarbeit und Professionalisierung nötig sein wird. Ich glaube nicht, dass wir Zeugen eines 80er-Jahre-West-Berlin Revivals werden, aber der aktuelle Stand der Piraten erinnert mich stark an die Anfänge der Grünen/Alternative Liste. Als die Grünen/AL das erste Mal die 5% überschritten, hatten sie ihre politischen Botschaften ebenso wenig umfangreich definiert. Es gab Schwerpunktthemen, in denen sie sich aus kannten, die die klassischen Volksparteien nicht auf dem Schirm hatten oder nicht behandeln wollten. Doch sie machten das Ökologiebewusstsein präsenter und beschert uns seitdem hitzige Debatten im Bundestag oder dem Berliner Senat. Wirtschaft ist bis heute nicht zwingend eines der Kernbereiche der Grünen, aber sie werden ernst genommen. Früher waren es strickende Muttis, heute sind es tastendrückende Nerds. Klischee as Klischee goes. So what?

    Ich finde es wichtig, dass Gedanken anders angefasst werden und Alternativszenarien entwickelt werden. Ob diese immer 100% sinnvoll sind, bezweifle ich. Aber es entsteht eine wachsende Diskussion, so wie hier, die lauter wird und irgendwann zu einer Veränderung führen wird. In Zeiten, wo der Staat die digitale Überwachung stets auszubauen versucht, brauchen wir eine Gegenkraft. Und wer schon mal mit Verantwortlichen der klassischen Parteien zur digitalen Welt im Austausch stand, wird sich deren Unklarheit gegenüber der hypertextuellen Komplexität bestimmt bewusst sein. Micropayment System funktionieren. Unternehmen wie Flattr setzen sich mehr und mehr durch. Global Artists wie Soundgarden überlassen beim Bezahlen den Fans den Preis ihres Albums. Kanye West stellt div. Tracks kostenlos zur Verfügung. Und trotzdem und trotz aller P2P und Torrent-System kaufen die Menschen die Alben auch weiterhin. Die Musikbranche entwickelt sich, die Verlage drohen den Anschluß durch fortwährende Blockaden zu verlieren.

    Die Piraten suchen die Diskussion, den Dialog und die Partizipation. Ich würde es begrüßen, wenn man sich dem konstruktiv stellt und neuem gegenüber aufgeschlossen ist. Als Verlag, als Autor, als Bürger und als Mensch. Das Ei des Urheberkolumbus hat bisher noch niemand gefunden, aber die Atomkraft abzuschalten hat ja auch ein paar Jahrzehnte gedauert.

  • Hugo

    Hugo

    @wilh.hüttermann Verlagsbuchhändler

    >> Wenn sich eine politische Partei nach Verbrechern
    >> nennt und trotzdem Erfolg hat, zeigt sich die
    >> moralische Verkommenheit einer Generation von >>Spasshabern.

    Naja, die Piraten-Partei hätte sich ja auch "CDU" oder "CSU" nennen können, aber das klang wohl zu sehr nach Überwachungsstaat und verfassungsfeindlichen Tendenzen... dann doch lieber Piraten-Partei :)

  • René Kohl

    René Kohl

    @ Kai Wels
    Möglicherweise wäre hilfreich, wenn die Diskussion um die Verwertungsfragen differenzierter verlaufen würde.

    Mir scheint zum einen, dass u.a. die Situation in der Programmier-Welt und der Kunst-(=Literatur-)Welt sich unterscheiden, in der Piraten-Diskussion aber häufig in einen Topf geworfen werden.
    Es ist nicht dasselbe, eine Anwendung zu programmieren oder einen Roman zu schreiben.
    Und was für die Entwicklung guter Programme gelten mag (kollaboratives Arbeiten usw.), muss für Literatur noch nicht richtig sein.

    Und es scheint mir außerdem ein Unterschied zu sein, ob ich freiwillig auf eine Bezahlung für eine Programmierarbeit verzichte, um als Teil eines größeren ganzen ein Software-Projekt zu realisieren, oder ob ich auf Erlöse aus der Veröffentlichung eines Romans, an dem ich drei Jahre gesessen habe, verzichte.

    Das Entscheidende ist die Freiwilligkeit in der Wahl der Erlös- oder Verwertungsmodelle.

    Wenn ich als Programmierer gerne ohne Bezahlung an einem "Freie-Software"-Projekt arbeite und mein Geld dann für die Implementierung in einem Unternehmen nehme, kann dies auskömmlich sein oder eine gute Geschäftsidee oder was auch immer.

    Wenn ich als Commedian meine Texte kostenlos verbreite und mich dann teuer für Bühnenauftritte buchen lasse, ebenso.

    Wenn ich als Ghostwriterin mein dickes Sachbuch einem selbst des Bücherschreibens nicht Kundigen gegen ein Entgelt überlasse, ist es auch gut...

    Aber jemanden zwingen, die Ergebnisse von möglicherweise jahrelanger geistiger Arbeit einfach so herzugeben? Was soll da der Witz dran sein?

    Ich finde es nicht überzeugend...

    Der berühmte Richard Stallmann schreibt in seinem GNU-Manifest (http://www.gnu.org/gnu/manifesto.de.html) - Entwicklung eines freien Software-Systems- zur Frage, wovon Programmierer leben sollen:

    »Ein Computerhersteller, der einen neuen Computer einführt, zahlt für die Portierung des Betriebssystems auf die neue Hardware.
    Programmierer können in der Schulung, Benutzerhilfe und Wartung beschäftigt werden.«

    Die Logik dabei ist die: Die freiwillige Programmierer-Tätigkeit für freie Software erlaubt eine tiefere Kenntnis der Software, an der man arbeitet. Diese wiederum setzt einen in Stand, dieses Wissen dann an anderer Stelle zu Geld zu machen.

    Eine solche Logik gibt es aber für die Kunst nicht unbedingt. Sie wäre auch nicht unbedingt effizient, um Kunst zu produzieren. Analog zu Stallmans Vorschlägen könnte dies für einen Schriftsteller heißen, (etwa weil ihn die Beschäftigung mit dem Schreiben den Büchern nahebringt), er könne sein Geld ja mit dem Einsortieren von Büchern in die Stadtbibliothek verdienen. Er könnte in der Leseförderung oder dem Schreiben von Wörterbüchern eingesetzt werden...

    Wenn man Kunst haben möchte, sollte man zunächst die Künstler fragen, wie sie ihren Erstellungs- und Verwertungsprozess organisieren wollen. Die Konsumenten stimmen dann hinterher ab, ob sie das Kunstprodukt konsumieren wollen.

    Die Kunst- und Kulturwelt aber nur als grosses kollaboratives Projekt zu verstehen, in dem die Urheber brav ihre Kreativität einbringen und sich am Ende zwangsweise über irgendwelche Kultur-Flatrate-Zahlungen oder Donations freuen dürfen: Das fühlt sich für mich irgendwie stalinistisch an.

  • Kai Wels

    Kai Wels

    @René Kohl:

    Ich bezog mich nicht auf einen direkten Vergleich von Kunstschaffenden/Künstlern und Programmierern. Das es hier in der Arbeitsweise Unterschiede gibt, bezweifle ich nicht. Ebenso wenig war meine Intention, dass Programmierer grundsätzlich nur OpenSource oder für lau arbeiten, geschweige denn, dass ein Kunstschaffender dies tun sollte. Nebenbei bemerkt, es gibt auch in der Literatur und Filmbranche exzellente Beispiele für Open-Source-Collaborations, die zur Finanzierung z.B. auch auf Crowdfunding setzen. Der Erlös der Umsätze wird dabei je nach Beteiligung ausgeschüttet.

    Ich bin absolut davon überzeugt, dass jeder für seine Leistung auch entsprechend honoriert werden sollte. Der aus meiner Sicht eher anarchische Grundgedanke (als stalinistisch), alles im Geben-Nehmen-Prinzip zu teilen, ist reine Utopie. Und ist so auch aus meiner Sicht nicht grundlegender Inhalt der Piraten-Thesen.

    Die Kernfragen, die im Zusammenhang mit den Urheberrechten entsteht, sind doch: Wer trägt genau das Recht auf Veröffentlichung? Wer erhält seinen Teil für die kreative Leistung? Wer darf die geschaffenen Kunstwerke (Literatur, Musik, Bewegtbild etc.) für sich als Eigentum betrachten? Gerade Letzeres geht rein operativ in der Regel auf diejenigen über, die auch von den Erlösen am meisten profitieren: Verlage, Major Labels und Produktionsfirmen.

    Wir leben technologisch bedingt in einer Copy-Paste-Phase und befinden uns in einem ständigen Remix. Veröffentlichungen wie Axolotl Roadkill, Abmahnungen von Bloggern durch Zeitungsverlage, die Klagen an die öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten, zeigen aus meiner Sicht die Notwendigkeit einer neuen Diskussion um das Urheberrecht. Und genau dieser Punkt ist zentral im Fokus der Piratenpartei und der Versuch, Alternativen dazu zu entwickeln.

  • René Kohl

    René Kohl

    Ich erkenne den Grundgedanken des Teilens bzw. des Gebens und Nehmens nicht wirklich bei den Piraten.
    Ich lese an verschiedenen Stellen, dass man was haben will (einfachen Download, kostenloses Kopieren, seitenlanges zitieren...), aber nicht so viel darüber, was man geben will.

    Und ich bin auch nicht sicher, ob die Vorstellungen darüber, in wieweit Verlage so profitieren von den Erlösen, richtig eingeordnet werden.

    Viele der Verlage, die ich kennen, funktionieren so, dass 4-5 Menschen schlecht bezahlt versuchen, gemeinsam mit dem Autor etwas Kultur in die Welt zu tragen.

    Im Zweifel arbeiten sie länger, als Tarifverträge, die sowieso keine Anwendung finden, vorgeben. Dafür gibt es weniger Urlaub. Und die VerlegerInnen, häufiger GeisteswissenschaftlerInnen, die sich im Learning by doing in die Verlagswelt reinbewegten, arbeiten unter ökonomisch äußerst fragilen Umständen ebenfalls bis zum Umfallen.

    Wenn's mal ein, zwei Jahre lang schief geht, sind sie so richtig pleite, wenn's gut geht, können sie Geld zurücklegen, das sie dann im nächsten Jahr brauchen.

    Und zum »ständigen Remix«: Den kann es immer erst geben, nachdem zunächst mal originäre Kultur geschaffen worden ist, die dann gerne axolotl-gutenberg-mäßig durch den Remixer gequirlt werden kann.

  • Kai Wels

    Kai Wels

    Damit deckt sich unsere Meinung: "Der aus meiner Sicht eher anarchische Grundgedanke (als stalinistisch), alles im Geben-Nehmen-Prinzip zu teilen, ist reine Utopie. Und ist so auch aus meiner Sicht nicht grundlegender Inhalt der Piraten-Thesen."

    Genau der Umstand, dass die kleinen Verlage und diejenigen, die diese Arbeit engagiert und idealisiert beginnen, selten für ihre kulturelle Arbeit ausreichend entlohnt werden, ist die Ursache für eben diese Diskussion. An der Vertriebsstruktur und Kommunikationsstrategie festzuhalten, wird aber im Zweifel insbesondere den kleinen Verlagen zum Verhängnis. Daher empfinde ich die genauere Betrachtung des Urheberrechts notwendig und zeitgemäß, da sich damit m.M. auch neue Wege ergeben, z.B. Self-Publishing, BoD, Blogs etc. Auf dem sprichwörtlichen Stein der Weisen kann man sitzen, aber essen kann man ihn nur schwer.

    Insofern kann ich als Verleger jammern und mich an den Stauts Quo (und das Urheberrecht) klammern oder ich suche offensiv nach einer Lösung. Die Angst vor unkontrollierter Vervielfältigung ist durchaus berechtigt, aber ist nichts, was nicht eh bereits durch die wirklichen Piraten und Raubkopierer auch mit Hardcover-Ausgaben professionalisiert ist. Wenn etwas frei zugänglich ist und Menschen aus eigenen Stücken für etwas bezahlen, bedingt das zum einen wirklich guten Content und zum anderen zerfällt damit die Grundlage für Raubkopien.

    Für die Major Labels wie Universal oder BMG brachte iTunes scheinbar die Lösung. Aber für einen hohen Preis. Da haben auch die Astroturfing-Kampagnen gegen die P2P-Nutzung und illegale Downloads letztenendes den Grundstein für Apple's Auferstehung mit bezahlt. Dennoch machen sie jedes Jahr damit Milliarden.

    Und: Remixes & Mashups bilden aus Bestehendem etwas Neues. In den 80ern entstand daraus u.a. die Hip Hop Culture und produziert heute Milliardenumsätze.

    Mir scheint aber, dass wir den ursprünglich Faden zu den Piraten etwas verloren haben.

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