Bok & Bibliotek

Auf der Bücherbühne von Göteborg

„Drei Länder – eine Sprache“: Für die drei deutschsprachigen Gastländer hat die schwedische Buchmesse Bok & Bibliotek ein Feuerwerk abgebrannt – im wahrsten Sinne des Wortes. Vielleicht springt dadurch auch im Lizenzhandel endlich der Funke über. VON SABINE CRONAU

Feuerwerk zur Eröffnung

Feuerwerk zur Eröffnung © Bok & Bibliotek / Adam Lundquist

Eingang zum Messegelände

Eingang zum Messegelände © Anne-Kathrin Häfner

Gastauftritt in Göteborg

Gastauftritt in Göteborg © Anne-Kathrin Häfner

Ein echtes Feuerwerk auf der Bühne – und eine Nobelpreisträgerin, die mit einem bewegenden, auch zornigen Text vom Schreiben in der Diktatur erzählte: Einen eindrucksvolleren Einstand hätte sich das Gastlandtrio in Göteborg kaum wünschen können. Als Herta Müller am Donnerstag zur Eröffnung der Buchmesse sprach, vom Größenwahn Mubaraks, der Unbelehrbarkeit Margot Honeckers, den Umerziehungslagern in China, wurde es sehr still im Saal: „In Demokratien geht die Literatur ihre eigenen Wege“, so Müller: „In Diktaturen hat sie aber keine andere Wahl, als in den Irrsinn der Wirklichkeit zu gehen: Entmündigung und Todesangst sind immer da“.

Literarisches

Die politische Botschaft der Poesie ist aber nur eine Facette, mit der sich das deutschsprachige Dreigestirn in Göteborg präsentierte. Nina  Hagen sorgte im schwedischen Kongresszentrum mit ihrer Biografie für schrille Zwischentöne, Cornelia Funke mit ihren „Geisterrittern“ für fantastische Momente und bis Sonntag zeigen noch knapp 30 weitere deutschsprachige Autoren, was die drei Länder literarisch so zu bieten haben – darunter Doron Rabinovici, der die Eröffnungsrede am Gemeinschaftsstand hielt und sich dabei den Untiefen der deutschen Sprache widmete: Während dem Deutschen etwas fehlt, geht dem Österreicher etwas ab. Und wenn der Schweizer sein Gegenüber auffordert, an seinem Glas Wein zu „schmecken“, dann sollte man bitte nur daran riechen, nicht trinken. Rabinovici lieferte diverse Belege dafür, dass auch eine gemeinsame Sprache genügend Raum für kulturelle Missverständnisse lässt.

Die Organisatoren des Gemeinschaftsstandes (u.a. Frankfurter Buchmesse, Schweizer Buchhändler- und Verleger-Verband, Hauptverband des Österreichischen Buchhandels, Goethe-Institut, Pro Helvetia) haben solche Klippen offenbar gut umschifft: Am 170 Quadratmeter großen Stand lief alles wie am Schnürchen, die Lesebühne mit Nonstop-Programm (etwa Ferdinand von Schirach, Silke Scheuermann, Nele Neuhaus) war schon an den ersten beiden Fachbesuchertagen dicht umlagert, die Medien griffen das Ehrengast-Thema dankbar auf – zumal speziell zum Gastland-Auftritt rund 30 Übersetzungen erschienen sind, darunter Uwe Tellkamps Roman „Der Turm“ (Bonniers) und Clemens Meyers „Gewalten. Ein Tagebuch“ (Daidalos Förlag).

Ab und an wurde der gemeinsame Gastland-Auftritt aber auch zu einem Kurs in Selbstfindung: Etwa bei einer Podiumsrunde zum Auftakt, mit Peter Stamm, Felicitas Hoppe, Anna Mitgutsch und Peter von Matt. Die drei Länder mögen zwar die selbe Sprache haben – doch haben sie auch eine gemeinsame Literatur? Für Peter von Matt fiel die Antwort eindeutig aus: „Bei der Literatur der drei Länder gibt es keine Wesensdifferenz. Sie hat eine gemeinsame geistige Welt, ihr Fundament ist die deutsche Sprache“.

Der Schweizer Autor Peter Stamm führte lieber den Begriff der Mengenlehre an: Es gebe viele Schnittmengen in der deutschsprachigen Literatur der drei Länder – „Arno Geiger ist mir näher als mancher Berner Autor, weil er auch aus der Bodenseeregion kommt“. Letztlich aber ordne sich jeder Autor selbst dort ein, wo er sich zugehörig fühle. Und im Literaturbetrieb seien die Grenzen trotz der gemeinsamen Sprache manchmal „erstaunlich dicht“, meint Stamm. In Deutschland sei er schon auf unzähligen Lesereisen gewesen, in Österreich mit zehnjähriger Verspätung zum ersten Mal.

Lizenzhandel

Nachholbedarf bei der Entdeckung deutscher Autoren haben in jedem Fall die Schweden – obwohl ältere Schweden Deutsch noch als erste Fremdsprache in der Schule gelernt haben. „Deutsche Literatur hat bei uns nach wie vor den Ruf, schwer zu sein“, so Jörn Lindskog, der als Übersetzer in Berlin lebt und 2008 zusammen mit Johan Thorén in Malmö den Verlag Thorén & Lindskog gegründet hat.

Ihr Programm ist ganz auf deutsche Literatur spezialisiert. Von Siegfried Lenz war 20 Jahre lang kein Buch auf schwedisch lieferbar – bis der Verlag 2009 die „Schweigeminute“ in einer Neuübersetzung auf den Markt brachte. Auch Peter Stamm hat Thorén & Lindskog im Programm: „Seine Bücher sind in 40 Sprachen übersetzt worden – nur ins Schwedische bislang nicht“.

Der Gastlandauftritt auf der Messe soll hier Anschubhilfe leisten, zumal Schweden durch den Nobelpreis ein wichtiger Markt für die Autoren und durch sein hohes Preisniveau ein attraktiver Lizenzpartner ist. Quer durch alle Genres sind im vergangenen Jahr rund 120 Lizenzen ins Schwedische verkauft worden, davon 20 literarische (2009: 50). Umgekehrt haben die deutschen Verlage 2010 rund 230 Titel aus dem Schwedischen übersetzt, darunter allein 144 belletristische Werke.

Eine Crux für Ratgeber- und Kinderbuchverlage, die den Markt beackern: „Die Schweden kaufen nicht viel ein – sie machen selbst so schöne Bücher“, so Sigrun Wagner, Rechtemanagerin beim Ulmer Verlag. Besser scheint das Geschäft dagegen mit anderen skandinavischen Ländern wie Norwegen und Dänemark zu laufen. Ulmer hat den Gastauftritt zum Anlass genommen, um zum ersten Mal nicht nur in Frankfurt, sondern auch in Göteborg Lizenzgespräche mit schwedischen Partnern zu führen. Kosmos, Klett, Coppenrath, Suhrkamp und Loewe hatten ebenfalls Tische und Bücherregale am Gemeinschaftsstand reserviert. Die deutschen Verlage des schwedischen Bonnier-Konzerns (Piper, Ars Edition, Ullstein etc) gönnten sich dagegen einen großzügigen Stand in direkter Nachbarschaft des Gastauftritts, während das Mutterhaus ein riesiges Areal in der Nachbarhalle bespielte. Einige Verlage, darunter Rowohlt, hatten einen Tisch im International Rights Centre angemietet.

Dass es beim Lizenzverkauf immer auch um Image-Fragen geht, zeigte sich bei einer Podiumsrunde zum Kinderbuch: Astrid Lindgren habe mit ihren Geschichten ganze Lesergenerationen in Deutschland geprägt, das Attribut „schwedisch“ sei durch diese Erfahrung positiv besetzt, so Moritz-Verleger Markus Weber, der unter anderem Titel der Schwedin Pernilla Stalfelt veröffentlicht. Was seine Verleger-Kollegin Lena Andersson (Berghs) umgekehrt nicht bestätigen konnte. „Deutsch“ sei in Schweden kein Verkaufsargument - die Bücher ihrer Autorin Tamara Bach kommen trotzdem gut an. Was nichts daran ändert, dass der Blick in die Lizenzstatistik ernüchternd ist: 33 Kinder- und Jugendbuchlizenzen gingen 2010 nach Schweden, die Dänen dagegen kauften gut 150 Titel ein, die Finnen immerhin fast 80.

Die Messe Bok & Bibliotek

E-Book-Rechte werden von vielen Verlagen mittlerweile standardmäßig miteingekauft. Auf der Göteborger Buchmesse, die aus einer Fachmesse für Bibliothekare entstanden ist, ging es allerdings, abgesehen von der einen oder anderen App-Präsentation, erstaunlich unelektronisch zu – was auch daran liegen könnte, dass es im Frühjahr auf dem Göteborger Messegelände eine eigene New Media Messe Premiere feiern wird, als Ableger von Bok & Bibliotek.

Die größte Buchmesse im skandinavischen Raum ist und bleibt dagegen vor allem ein großes Kulturevent, das jährlich rund 100.000 Besucher anzieht. Am Freitag ab 14 Uhr, als die Hallen sich für das allgemeine Publikum öffneten, stauten sich die Menschenmassen mehrere hundert Meter lang vom dem Eingang, das so genannte Seminarprogramm mit Lesungen und literarischen Podiumsrunden ist immer gut besucht – obwohl das Tagesticket allein für die Seminare mehr als 100 Euro kostet.

Statt elektronischem Dauergeflimmer lockten in erster Linie die Bücher, die auf der Buchmesse auch gekauft werden können. Drei nehmen, zwei zahlen – das ist eines der häufigsten Werbeschilder auf der bok & bibliotek, die dadurch nicht nur zur Präsentationsfläche für Neuheiten, sondern auch zur Ramschkiste für manchen Ladenhüter wird.

Der E-Book-Markt

Mittendrin: Der orangefarbene Stand von dito.se – einer neuen E-Book-Plattform, die Ende Oktober an den Start geht und von der schwedischen KF Media-Gruppe betrieben wird. Zum Konzern gehören auch der große Verlag Norstedt, die Buchhandelskette Academicbokhandeln und Online-Händler Bokus. Allerdings werden zum Auftakt nur rund 8.000 schwedische Titel bei dito lieferbar sein.

Auch wenn die Schweden sehr technikaffin und vor allem Tablets sehr verbreitet sind: E-Books, so Lasse Winkler, Chefredakteur des Fachmagazins „Svensk bokhandel“, seien bislang noch keine große Sache auf dem schwedischen Markt – weil Inhalte und wohl auch treibende Kräfte wie Amazon fehlten: „Wo keine E-Books sind, gibt es auch keine Player“. Nach seiner Einschätzung steht der E-Book-Markt in Schweden jedenfalls erst am Anfang.

Neben dito in Startposition: Der kanadische E-Book-Spezialist Kobo, der mit seinen Readern und seiner E-Book-Plattform im großen Stil nach Europa expandiert und zur Messe auch einen schwedischen Ableger angekündigt hat. In Deutschland kooperiert Kobo mit der Branchenplattform libreka! – MVB-Geschäftsführer Ronald Schild stellte schwedischen Verlegern das deutsche Gemeinschaftsmodell ebenfalls bei einer Podiumsrunde vor.

In ihrem kleinen Schwerpunkt zu Weißrussland würdigte die Göteborger Buchmesse einen ganz eigenen Aspekt des E-Book-Marktes: Die „Bypass“-Funktion auf Buchmärkten mit Zensur. Für Weißrußland wird gerade, mit schwedischer Unterstützung, eine entsprechende Plattform aus der Taufe gehoben. Digitales Publizieren als Umgehungsstrategie für staatliche Kontrolle - auch das ein Thema auf der größten skandinavischen Buchmesse, die außerdem noch mit einem Appell für die Freiheit des Wortes an die Öffentlichkeit ging: Herta Müller und Mario Vargas Llosa treten darin gemeinsam mit dem PEN und der Schwedischen Akademie für die Freilassung von Dawit Isaak ein. Der Journalist, schwedischer Staatsbürger, sitzt seit 10 Jahren in Eritrea in Haft. Schwedens stille Diplomatie in diesem Fall müsse "jetzt ersetzt werden durch aktive Außenpolitik", heißt es in dem Appell der Buchmesse.

Weitere Eindrücke aus Göteborg sehen Sie in der Bildergalerie.

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