Bildungsverlage

Der Nahostkonflikt im Schulbuch: Verlage verteidigen ihre Haltung

Ein Artikel des Journalisten Gideon Böss in der "Welt" über die angeblich einseitige Darstellung des Nahostkonflikts in Schulbüchern hat bei Verlagen Verwunderung ausgelöst. Cornelsen, Klett und Westermann verwiesen darauf, den Sachverhalt gemäß den Lehrplänen ausgewogen und multiperspektivisch zu präsentieren. VON ROE

Nur die palästinensische Perspektive im Schulbuch?

Nur die palästinensische Perspektive im Schulbuch? © dpa/ picture-alliance

Dabei berücksichtige man die Rechtspositionen der israelischen und der palästinensischen Seite, wie Peter Schell, Geschäftsführer der Westermann-Schulbuchverlage, auf Anfrage sagte.

Böss unterstellt in seinem Artikel vom 22. September, dass kein Staat in Deutschland so kritisch gesehen werde wie Israel. Obwohl Israel die einzige Demokratie im Nahen Osten sei und Herausragendes in Wissenschaft und Technologie leiste, „hält eine Mehrheit hierzulande den jüdischen Staat für die größte Bedrohung für den Weltfrieden.“ Böss nennt hierfür keinen Beleg, bezieht sich aber offenbar auf eine EU-Umfrage aus dem Jahre 2003, derzufolge 65 Prozent der Deutschen diese Aussage teilen.

Woher das schlechte Image Israels komme? Böss hat eine Hypothese: "Die Grundlagen dafür werden vermutlich schon in der Schule gelegt." Und der "Welt"-Autor legt im folgenden dar, dass in Schulbüchern und Unterrichtsmaterialien der Verlage Cornelsen, Klett und Westermann Dinge verfälscht, einseitig oder auf der Grundlage eines überholten Forschungsstands dargestellt würden – mit der Folge, dass "die israelische Seite zum Täter" und "die palästinensische Seite zum Opfer" gemacht werde. Friedensbemühungen Israels würden unterschlagen, und die Ursache der zweiten Intifada (seit 2000) einseitig Israel in die Schuhe geschoben: Ariel Scharons Besuch auf dem Tempelberg sei nicht der Auslöser des Palästinenseraufstands gewesen – im Gegenteil: Die Intifada sei "monatelang vorbereitet" worden, und der Besuch sei nur ein Vorwand gewesen, "um mit dem Terror gegen die israelische Bevölkerung zu beginnen."

Inwieweit Böss' Vorwürfe zutreffen, lässt sich an dieser Stelle nicht klären. Der Journalist wirft den Schulbuchredaktionen vor, das Geschehen aus "palästinensischer Perspektive" zu schildern. In einer Stellungnahme des Cornelsen Verlags wird aber darauf hingewiesen, dass nicht alle Texte, auf die sich Böss bezieht, sachliche Darstellungen des Nahostkonflikts seien, sondern auch Materialseiten entstammten, auf denen gegensätzliche Meinungen wiedergegeben würden. Ziel des Unterrichts sei es ja, den Schülern einen kritischen Umgang mit historischen Quellen zu vermitteln. Im Übrigen, so die Stellungnahme der Cornelsen Redaktion weiter, würden alle Schulbücher (auch das angegriffene "Forum Geschichte 12 Bayern") sowohl vom Lektorat als auch vom Ministerium, das die Genehmigung erteilen muss, gründlich geprüft. Dabei spiele neben der Frage, ob das Werk den Ansprüchen der Geschichtswissenschaft und der Didaktik genüge, auch eine Rolle, ob das Lehrwerk die Anforderungen des Lehrplans erfülle.

Peter Schell (Westermann) betonte, man lege Wert auf eine ausgewogene Darstellung der Geschichtslehrwerke. Es gehe darum, multiperspektivisch zu arbeiten und die Auffassungen aller Konfliktparteien zu berücksichtigen. Die Redaktion habe dem "Welt"-Autor im Vorfeld auch eine Stellungnahme geschickt. Der Klett-Verlag wollte sich zu dem Artikel von Böss nicht äußern.

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8 Kommentar/e

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  • Ostap Bender

    Ostap Bender

    In der Tat ein erschreckendes und äußerst beunruhigendes Armutszeugnis doitscher Schulbuchverlage. Es sprudelt förmlich unantastbare Arroganz, wenn dieser Westermann-Typ von "ausgewogener Darstellung" redet.

  • Culatello

    Culatello

    Der Artikelschreiber Gideon Böss ist allerdings nicht gerade für eine ausgewogene Weltsicht bekannt.
    Für ihn stellen sich die Palästinenser wie folgt dar:
    Zitat - "Es ist ein Dilemma, offenbar haben es sich die Palästinenser in der sozialen Hängematte bequem gemacht, die ihnen die internationale Gemeinschaft bietet. Sie produzieren zwar nichts, aber haben (UNO, EU und USA sei Dank) immer Geld. Und verhungern tun sie auch nicht, werden sie auch nie, das garantiert eine ganze Industrie aus UNO-Einrichtungen und diversen anderen Organisationen. Außerdem verhungern Besitzer von Handys und Spielekonsolen selten. Sehr selten. Und weil sie nicht verhungern und außer in ihrer Fantasie nicht von Völkermorden bedroht sind, haben sie viel Zeit und Energie, die tragischerweise nicht in den Aufbau eines Staates oder die Ausbildung der Kinder gesteckt wird, sondern in Terror." Zitat Ende
    Wer so krude denkt, dem stellen sich natürlich die Schulbuchinhalte einseitig und verfälschend dar.
    Die Aussagen der Schulbuchverlage sind für mich daher glaubwürdig.

  • Thorben-Finn

    Thorben-Finn

    Auch ich halte es für glaubwürdig, wenn der Schroeder-Verlag von über einer Million Vertriebener Araber spricht, die Vertretung der palästinensischen Autonomiebehörde dagegen von 500000-700000.
    Wieso sollte man ausserdem bei einer Darstellung des Nahostkonflikts darauf eingehen, dass die Hamas nach wie vor die Vernichtung Israels in ihrer Charta stehen hat, wenn man auch einfach israelische Unnachgiebigkeit als größtes Friedenshindernis bezeichnen kann.

    Vielleicht kann ja auf diese Weise das deutsche Bildungswesen seinen Beitrag zum Weltfrieden und vor zum Ende des Genozids in Gaza (1960 ca. 100000 Einwohner, 2007 ca. 1,7 Millionen) leisten.

  • Michael Kühnapfel

    Michael Kühnapfel

    Einmal davon abgesehen, das die Forderung nach absoluter Objektivität gern erhoben wird, weil sie nicht erfüllbar ist und so immer erlaubt, mit dem Finger auf die "Anderen" zu zeigen, geht doch Böss´s Kritik völlig an der Realität vorbei.

    Schulbücher spiegeln nun einmal die Gesellschaft wieder, in der sie eingesetzt werden - das sollen sie auch. Natürlich will ein Staat in seinen Schulbüchern auch seine Weltanschauung wiederfinden - weil eben die Schüler auch zu Staatsbürgern erzogen werden. Das ist nicht nur bei den Palästina-Problematik so - Schulbücher sind immer politisch korrekt, das liegt in der Natur der Sache - weil Schule eben auch politische Erziehung ist - und deswegen ist es auch in Ordnung, das es politische Kriterien gibt, die überprüft werden. Demokratie, Marktwirtschaft, Gleichstellung - alles findet sich im Schulbuch in recht klaren Positionen - und könnte doch genauso hinterfragt werden.
    Wichtig ist letztlich, das wir jungen Menschen die Bildung und das offene Geistesklima schaffen, das unterschiedliche Standpunkte möglich macht - und damit die Möglichkeit erwächst, Informationen kritisch zu hinterfragen. In rechthaberischen Moralisieren des Welt-Artikels finde ich jedenfalls nichts davon.

  • André Pleintinger

    André Pleintinger

    Nur so viel: Herr Gideon Böss zeigt in seinem "Artikel" die unschönen Seiten des Journalismus auf und torpediert somit sein selbst ausgerufenes Ziel der ausgewogenen Darstellung des Konfliktes.

  • willow

    willow

    "Schulbücher spiegeln nun einmal die Gesellschaft wieder, in der sie eingesetzt werden"

    Nun, angesichts der offenen Israelfeindlichkeit läßt das nichts Gutes über "unsere" Gesellschaft ahnen ...

  • Michael Roesler-Graichen

    Michael Roesler-Graichen

    Liebe Mitkommentatoren,

    die eigene Sicht für unumstößlich zu halten, ist eine Versuchung, der auch bei diesem Thema einige nicht widerstehen können.

    Ich erinnere deshalb an Worte des israelischen Friedenspreisträgers David Grossman, die er in einem Interview mit boersenblatt.net vor mehr als einem Jahr geäußert hat:

    "Wenn ich Literatur oder Artikel über die politische Situation schreibe, dann versuche ich immer, die ganze Situation aus beiden Blickwinkeln zu erfassen. Ich kann die Welt nicht durch eine enge Brille betrachten. Der beste Weg, sie zu verstehen, ist, sie durch ein Glas mit vielen Brennpunkten hindurch zu sehen. Das ist nicht immer einfach, weil man manchmal auch sich selbst durch die Augen des Feindes sieht."

    http://www.boersenblatt.net/385664/

  • Thorben-Finn

    Thorben-Finn

    Ich muss mich wohl dem moralisch überlegenen Argument der ausgewogenen Darstellung beugen, darf mich dafür aber auf ausgewogene Schulbuchinhalte zum Thema Holocaust (Freiheitskampf des deutschen Volkes), Mauerbau (Schutz vor kapitalistischen Provokateuren) oder auch Managerboni in Zeiten der Wirtschaftskrise (angemessene Entlohnung hervorragender Leistungsträger) freuen.
    Ob diese Artikel dann auf ähnlich tolerante Zustimmung stossen wie die Diffamierung der pösen Juden (ausgewogene Berichterstattung des antizionistischen Kampfes unterdrückter Unschuldiger)?

    @Culatello Machen Sie sich doch mal zum Spass daran, herauszufinden, welches Volk auf diesem Planeten die höchste pro-Kopf-Subventionierung durch die internationale Gemeinschaft erhält. Sie werden überrascht sein.

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