Hörbuch-Aktion "Worte sind Boote"

Der Vorleser

Burkhard Jung weiß um die Macht der Worte – zur Leipziger Buchmesse überraschte er die Branche mit seiner spontanen Christa-Wolf-Lesung als Reaktion auf den Atom-Gau in Japan. Nun hat der Leipziger OB ein Lyrik-Hörbuch eingesprochen, dessen Erlös den Opfern atomarer Katastrophen zugute kommen soll. VON NK

Burkhard Jung hat das Hörbuch "Worte sind Boote" mit Gedichten eingelesen

Burkhard Jung hat das Hörbuch "Worte sind Boote" mit Gedichten eingelesen © Gaby Waldek

Es war einer der bewegendsten Momente der letzten Leipziger Buchmesse: Zur Eröffnungsfeier im Gewandhaus ließ Leipzigs Oberbürgermeister Burkhard Jung, geschockt von der Reaktor-Katastrophe in Fukushima, seine geplante Rede liegen und trug stattdessen eine Passage aus Christa Wolfs Tschernobyl-Reflexion „Störfall“ vor. Eine Geste, die der Sprachlosigkeit vieler Aussteller Form gab – und die Macht des Wortes doch nachhaltiger beschwor, als es Messe-Rituale für gewöhnlich tun. Auch Gottfried Honnefelder war von der Geste des Leipzigers beeindruckt: „Herr Jung, Sie sollten mal ein Hörbuch einsprechen“, riet der Börsenvereins-Vorsteher spontan von der Gewandhaus-Bühne.

 

Ralph Grüneberger, Vorsitzender der Gesellschaft für zeitgenössische Lyrik (GZL), hat Honnefelder beim Wort genommen – und das Leipziger Stadtoberhaupt für ein Benefiz-Projekt gewonnen: Unter dem Titel „Worte sind Boote“ hat Jung im Sommer ein Hörbuch mit Gedichten aus dem „Poesiealbum neu“ eingelesen. Der Musiker Martin Hoepfner komponierte und arrangierte dazu Intermezzi, die sich von Bach, argentinischem Tango oder Blues ebenso inspirieren lassen wie vom Werk Rentaro Takis (1879-1903), des ersten Japaners, der in Leipzig Musik studierte. Text und Musik amalgamieren sich zu einem Hörstück, facettenreich wie die Welt der Poesie.

2007 hat die GZL begonnen, die Lyrik-Reihe „Poesiealbum“, die von 1967 bis 1990 im Verlag Neues Leben (Berlin) herauskam, mit thematischen Anthologien fortzuführen. In den bisher erschienen 12 Sammlungen wurden rund 400 Gedichte von über 220 Autorinnen und Autoren veröffentlicht. Das Autoren-Spektrum der 35 jetzt ausgewählten Texte ist breit, es reicht von Volker Braun, Fühmann, Grass, Enzensberger oder Fried bis zu einem Lied-Text von Tamara Danz, Sängerin der legendären DDR-Rockband „Silly“. Von heiter bis nachdenklich reicht die Grundstimmung der Hör-Anthologie, Experimentelles, gar Schrägtönendes, bleibt dezent ausgespart.

 

Dass sich Prominente für eine gute Sache stark machen, ist gottlob nicht außergewöhnlich – ein OB als Hörbuch-Sprecher im Lyrik-Fach schon. Bei manchem Polit-Profi könnte das schnell peinlich werden. Burkhard Jung hingegen meistert seinen Auftritt souverän. Der studierte Deutschlehrer, der seinen vier Kindern, später seinen Schülern leidenschaftlich gern vorgelesen hat und seit Jahren auf der Buchmesse live zu erleben ist, findet sein Engagement nur folgerichtig: „Die tägliche Beschäftigung mit Literatur ist für mich eine Form des Innehaltens, des Nachdenkens, ein Lebens-Mittel im besten Sinn. Viele Texte entfalten jedoch erst gesprochen ihre suggestive Kraft – das gilt gerade für  Gedichte. Wenn es gelingt, den einen oder anderen mit so einem Hörbuch für Lyrik zu öffnen, wäre das toll.“ Wie brachte es der Dichter Jan Wagner unlängst auf den Punkt: „Das Publikum ist riesig, auch wenn es davon vielleicht noch nichts weiß oder wissen will.“  

Produziert wurde die CD, die nun in einer Auflage von 5.000 Exemplaren erschienen ist, im Medienzentrum der Leipziger HTWK; alle am Projekt Beteiligten – von Komponist und Sprecher bis zu Studio, Autoren oder Verlagen - haben auf eine Vergütung verzichtet. Fünf Euro von jedem Hörbuch geht als Spende an die Aktionen „SOS Kinderdorf“ in Japan sowie „Ferien für die Kinder aus Tschernobyl“ des Kinderkurheims Volkersdorf.

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