Interview

"Wir hoffen, dass sich die DRM-freie Nutzung von E-Books durchsetzt"

E-Books spielen eine immer wichtigere Rolle – gerade für wissenschaftliche Bibliotheken. Im Interview mit boersenblatt.net verrät Reinhard Trudzinski, stellvertretender Direktor der Uni-Bibliothek an der Technischen Universität Hamburg-Harburg, nach welchen Kriterien er seine Lieferanten auswählt und warum Verlage auf Digital Rights Management (DRM) verzichten sollten.

Reinhard Trudzinski: "Die Verlage befürchten ein Wegbrechen von Printumsätzen"

Reinhard Trudzinski: "Die Verlage befürchten ein Wegbrechen von Printumsätzen" © Christian Oliver Winter

Welche Rolle spielen elektronische Medien in Ihrer Bibliothek?
Reinhard Trudzinski: Die Universitätsbibliothek der TU Hamburg-Harburg umfasst annähernd 500.000 Bände und rund 80.000 elektronische Medien – ohne die elektronisch verfügbaren 36.000 Zeitschriften. Beim Neuerwerb liegt der Anteil elektronischer Medien bei geschätzten 50 Prozent. Für unsere technikaffinen Kunden haben wir frühzeitig mit der Anschaffung von E-Books begonnen. Die Nutzung bestätigt unsere Erwartungen.

Wie wird sich das Verhältnis von Print zu E-Books in Zukunft entwickeln?
Wie sich die Relation mittel- und langfristig einstellt, darauf haben die Verlage vielfältige Einflussmöglichkeiten, zum Beispiel durch ihre Preis- und Vertriebsmodelle. Was das E-Book als Medium betrifft, sind längst noch nicht alle Möglichkeiten erschöpft. Speziell bei den Lehrbüchern werden bislang oft nur ausgewählte Titel in elektronischer Form angeboten. Meine Vermutung ist, dass die Verlage ein Wegbrechen von Printumsätzen befürchten. Letztlich geht es beim E-Book um die Vermarktung einer Datei als Wirtschaftsgut. Es bleibt spannend, welche Entwicklungen hier noch auf uns zukommen. Entscheidend wird am Ende die Kundennachfrage sein.

Wie haben sich die Rolle der Universitätsbibliothek und das Nutzerverhalten in den letzten Jahren verändert?
Die Aufgabe unserer Bibliothek ist unverändert die Versorgung unserer Hochschule und der Hamburger Region mit technischer Literatur. Unsere Leser erwarten dabei sowohl gedruckte Bücher wie auch E-Book-Ausgaben. Deutlich ist seit einigen Jahren der Trend festzustellen, dass Bibliotheken verstärkt als Lernort genutzt werden, sowohl für die Einzel- wie für die Gruppenarbeit.

Vor welchen besonderen Herausforderungen stehen Sie zurzeit?
Ein Problem besteht darin, die relevante Literatur zu erwerben – trotz Preissteigerungen bei Büchern, Zeitschriften und Datenbanken, die deutlich höher ausfallen als unsere Budgetanpassungen.

Müssen die Universitätsbibliotheken auf lange Sicht um ihre Existenz bangen?
Langfristig können sich die Bibliotheken nur behaupten, wenn sie in der Lage sind, die Literatur- und Lernressourcen zeitgemäß bereitzustellen. Das setzt entsprechende Budgets voraus, zum Beispiel für Personal, Bau und Medienerwerb. Im Hinblick auf die lizenzierten elektronischen Medien müssen die Bibliotheken sicherstellen, dass sie im Internet-Umfeld als Serviceleister wahrgenommen werden. Dafür muss deutlich werden, welche Produkte über die Bibliotheken bereitgestellt werden und welche sie finanzieren.

Wer beliefert Sie mit Print- und E-Medien?
Wir arbeiten mit Buchhändlern, Verlagen und Agenturen zusammen – bei den gedruckten Büchern und Zeitschriften wie auch bei elektronischen Ausgaben.

Welche Überlegungen spielen für Sie bei der Wahl der Lieferanten eine Rolle?
Die Auswahl erfolgt aufgrund von Leistungsfähigkeit, Zuverlässigkeit und besonders bei ausländischen Publikationen über den Preis, da für diese Medien keine Preisbindung besteht. Der Handel bietet ausländische Bücher oft zu unterschiedlichen Konditionen an: Bei Anbieter A erhalte ich höhere Prozente auf die Erzeugnisse des Verlags A, bei Verlag B kann sich das Verhältnis umkehren und Anbieter B günstiger sein – entsprechend steuern wir die Bestellungen. Auch die Servicequalität und die Schnelligkeit der Lieferanten sind wichtige Kriterien.

Mit wie vielen Verlagen arbeiten Sie im Bereich der E-Medien zusammen?
Zurzeit arbeiten wir allein beim Bezug von E-Books mit acht Verlagen beziehungsweise Verlagsgruppen zusammen. Die Bestellungen erfolgen meist in Paketen – wenn der Verlag es ermöglicht, jedoch bevorzugt als Einzeltitel. Damit haben wir bereits einen guten Teil des Angebots im technisch-wissenschaftlichen Fachgebiet im Fokus, da hier die Konzentration und Monopolbildung stark verbreitet ist.

Gibt es noch Schwierigkeiten im Zusammenhang mit der Nutzung von E-Books?
Problematisch ist, dass jeder Verlag eigene Lizenzbestimmungen vorgibt und somit unseren Lesern unterschiedliche Rechte bei der Nutzung der E-Books eingeräumt werden. Hier hoffen wir, dass sich mittelfristig die DRM-freie Nutzung der Inhalte durchsetzt. DRM-freie Nutzung bedeutet, das das lizenzierte Produkt für unsere Leser praktisch einsetzbar ist, ohne dass proprietäre Programme, zum Beispiel von Adobe, die Nutzbarkeit einschränken.

Glauben Sie wirklich, dass die Verlage auf DRM-Schutz verzichten können?
Zumindest einige Verlage bieten schon heute DRM-freie Produkte an, und ich hoffe sehr, dass weitere Verlage diesem Beispiel folgen. Ermutigend ist die Entwicklung in der Musikindustrie, wo der DRM-Einsatz nach zahlreichen Versuchen aufgegeben wurde.

Können Sie sich vorstellen, etwa zugunsten vereinheitlichter Lizenzbestimmungen, auf die Bündelung durch Aggregatoren wie die Ebook Library zurückzugreifen?
Bisher haben wir keine vertiefte Erfahrung mit Aggregatoren. Da wir meist bessere Nutzungsmöglichkeiten erhalten, wenn wir die Medien direkt über die Verlage beziehen, halten wir uns bei vertraglichen Vereinbarungen mit Aggregatoren zurück. Auf der anderen Seite bieten Aggregatoren interessante Lösungen, wie zum Beispiel Patron Driven Acquisition oder spezielle Just-in-Time-Dienstleistungen, die mittelfristig – außerhalb der Kerngebiete des Erwerbungsprofils – in Betracht gezogen werden sollten. Bei diesen Vertriebsmodellen der Aggregatoren kann die Nutzung lizenzierter Inhalte direkt oder auch mittelbar vom Leser initiiert beziehungsweise beauftragt werden.

Interview: Christian Oliver Winter

Mehr zum Thema E-Books an wissenschaftlichen Bibliotheken lesen Sie im aktuellen Börsenblatt (Heft 48/2011) ab Seite 24.

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5 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Andreas Reichardt

    Andreas Reichardt

    Die Musikindustrie hat das digitale Rechtemanagement aufgegeben, weil ohnehin schon jeder illegal seine Musik geladen hat. Der Markt war schon ruiniert, als man versuchte, das Ruder herumzureißen.
    In der Buchbranche könnte man (noch - das Zeitfenster schließt sich dramatisch schnell) steuernd eingreifen. Doch stattdessen überlässt man erstens ausländischen Unternehmen den Markt und beugt sich deren teils irrwitzigen Vorgaben, die nach deutschen Maßstäben wenig nachvollziehbar bis schlicht schwachsinnig sind. Auf der anderen Seite arbeitet jeder in seinem Kleinklein, anstatt für einen der besten und gesündesten Buchmärkte der Welt zu arbeiten. Aber das führt gleich sehr weit, nämlich auch zur Preisbindung, zu Gemischtwarenläden (wie Thalia einer werden will, ähnlich zur Tankstelle), die dann unter anderem auch noch ein paar Bestseller haben und natürlich zum Urheberrecht. Aber wenn wir hier alle kapitulieren und sagen: Klar: Kein DRM, kopiert, nutzt die Bücher wie ihr wollt, dann prophezeie ich, werden in wenigen Jahren nur noch ein Bruchteil von uns in der Buchbranche tätig sein. Der Rest wird als 1 Euro Jobber Elektroschrott sortieren oder im Vorruhestand die Innenstädte nach einer Buchhandlung absuchen ...

  • Klaus Junkes-Kirchen

    Klaus Junkes-Kirchen

    Den Aussagen des Kollegen Trudzinski kann ich nur in jeder Zeile bestätigen und beipflichten.
    Dass in der Überschrift auf die Äußerungen zur "DRM-freien Nutzung" als besonders zu betonen abgehoben wird, ist die journalistische Masche, mit der man die Empörungsbereitschaft der eigenen Leserklientel bedient. -wie ja auch der Kommentar bestätigt. Für mich ist das dieselbe Methode, wie Äußerungen des Papstes zu gesellschaftlichen Problemen auf die Frage der Zulässigkeit der Benutzung von Kondomen zu reduzieren ;-)

  • Dr.Christian Preuss-Neudorf

    Dr.Christian Preuss-Neudorf

    D i g i t a l e R e c h t e m i n d e r u n g ( D R M )
    Beim stets wiederholen Vergleich zwischen Musik und Information möchte ich auf einen gravierenden Unterschied hinweisen, der bislang in der Betrachtung zu kurz kommt:
    Für die Musik spielt es keine Rolle, wie der Ton in mein Ohr kommt und ob ich die Konserve in einer geraubten Datei oder auf einer Schallplatte abgelegt speichere: In allen Varianten erreicht der Klang mein Ohr.

    Bei der Information ist der Unterschied zwischen digital und analog deutlicher: Die Information erreicht zwar in allen Varianten mein Auge, über die Buchseite oder den Reader. Die derzeit praktizierte Methode der digitalen Rechteminderung (DRM) hält mich aber davon ab, meinen Reader mit Freude digital zu befüllen. Der Preis ist zu hoch, dafür dass ich eine restringierte Nutzung habe, dass die noch teuren (!) und auch schlechten Wiedergabegeräte veralten, dass der Aggregator Inhalte von meiner Platte zaubern kann, dass die Weitergabe verhindert wird und Voraussetzungen für die inhaltliche Kontrolle seitens der Provider gegeben sind. Selbst meine virtuelle Bibliothek ist nicht mehr meine, denn sie hängt von der eingesetzten Software ab. Das Buch kann ich hingegen besitzen, vererben, verschenken, verkaufen so oft und solange bis es physisch auseinanderfällt, zum Beispiel weil es unter Umgehung des Urheberrechts zu oft kopiert wurde. Ich kann es im Notfall sogar selbst zerreißen, damit meine Frau die andere Hälfte lesen kann.

    Kann sich eine verschreckte Branche mit digitaler Rechteminderung (DRM) gegen den Markt auflehnen, in Buchhandel, Verlag und Bibliothek?

    Für den Endnutzer muss ein Nutzen entstehen, für den er bereit ist zu bezahlen. Diesen schafft das restriktive Quasimonopol des Urheberrechts gekoppelt mit der Preisbindungshoheit der Verlage nicht. Gerade bei Fachinformation muss die Devise „Qualität durch Aktualität“ in den Vordergrund treten. Nur durch eine klar definierte Rolle der Nützlichkeit kann außerhalb der Wagenburg ein Landgewinn erzielt werden.
    Selbst wenn diese Nachricht für traditionsreiche Unternehmen keine gute Nachricht sein mag, lohnt es sich den Wandel als eine Chance aufzufassen. Alternativen gibt es nicht, denn wie sich aus dem Beitrag von Herrn Trudzinski zeigt, geht es nicht um die Bewahrung der Buchkultur, die Erhaltung einer ganzen Branche, die langfristige Gestaltung des eigenen Umfeldes, oder die Entwicklung gemeinsam mit Lieferanten, sondern einzig um allein um die auch dem Autor gestellte Aufgabe der (kurzfristigen) Nützlichkeit als stellvertretender Direktor einer großen wissenschaftlichen Bibliothek.

  • Klaus Junkes-Kirchen

    Klaus Junkes-Kirchen

    Über die Vorzüge des gedruckten Buches einerseits und den Vorteilen einer digitalen Version andererseits ist eigentlich schon alles gesagt worden. Tatsache ist, dass mit dem E-Buch eine weitere Medienform entwickelt wurde, dessen Nützlichkeit jeder für sich entdecken muss oder kann. Ich bitte nur um Unterscheidung zwischen einem E-Buch-Angebot, das sich an einen (privaten) Endnutzer richtet und dem Angebot, das in einer wissenschaftlichen Institution für deren autorisierte Nutzer lizenziert wird. Die Wissenschaftsverlage, die hier mit akzeptablen Angeboten Vorreiter waren, sind im Geschäft...

  • Edlef Stabenau

    Edlef Stabenau

    Herr Junkes-Kirchen hat natürlich Recht, es gibt sehr große Unterschiede bei dem eBook-Angebot für Endnutzer und dem, was Bibliotheken geliefert bekommen. Als Endnutzer bekomme ich natürlich auch nicht viel mit von dem sonderbaren Geschäftsgebaren, das Verlage Bibliotheken gegenüber an den Tag legen. Einiges habe ich mal hier aufgeschrieben: http://plan3t.info/2011/08/24/ebooks-und-standardp robleme/

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