Welttag des Buches

Joerg Pfuhl: "Viele schlaue Details"

Der Welttag des Buches schlägt neue Seiten auf: Die Schenk-Aktion "Lesefreunde" macht den 23. April auch zu einem Fest für Erwachsene. Joerg Pfuhl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Lesen, über eine britische Idee, die jetzt Deutschland erobern soll. VON INTERVIEW: SABINE CRONAU

Joerg Pfuhl

Joerg Pfuhl © Christine Strub

Bei den "Lesefreunden" steht die World Book Night aus Großbritannien Pate. Was macht den Charme des Modells aus?

Pfuhl: Ich gestehe, wir kopieren die britische Idee ziemlich schamlos - aber mit Genehmigung. Wir haben schon lange nach einer bundesweiten Kampagne gesucht, die erwachsene Leser anspricht, und dazu ist unseren britischen Kollegen mit der World Book Night ein geniales Empfehlungs-Konzept mit sehr schlauen Details eingefallen. 

Die da wären?

Pfuhl: Dazu gehört, dass die Bücher von den Lesern selbst verschenkt werden, die ihre Begeisterung mit Freunden und Unbekannten, bevorzugt mit Nichtlesern, teilen wollen. In Deutschland werden die ersten 33.333 Leser, die sich für die Aktion registrieren, aus 25 attraktiven Büchern auswählen können - und 30 kostenlose Exemplare von einem Buch in ihrem Umkreis verteilen. Abgeholt werden die Buchpakete im Buchhandel und in Bibliotheken.

Soviele Bücher zu verschenken statt zu verkaufen: Kann die Branche das wollen?

Pfuhl: Wir alle wollen natürlich am liebsten Bücher verkaufen. Im Mittelpunkt des Welttags steht die Leseförderung, die Aufmerksamkeit für das Buch. Und die ist, wie die Premiere in Großbritannien 2011 gezeigt hat, mit einem solchen Projekt zu bekommen. Netter Nebeneffekt: Die verschenkten Titel und Autoren konnten ihren Absatz nach der World Book Night durch die hohe öffentliche Aufmerksamkeit z.T. deutlich steigern. Auch die USA greifen die World Book Night in diesem Jahr auf - und für 2013 sind weitere Länder an dem Konzept interessiert. Dieser internationale Ansatz macht die Sache natürlich noch spannender.

Welche Rolle spielt der Buchhandel?

Pfuhl: Zum einen holen die 33.333 registrierten Lesefreunde ihre Buchpakete hier ab, in der Buchhandlung ihrer Wahl. Zum anderen kann der Buchhandel, für den die gesamte Aktion kostenlos ist, mit Büchertischen und eigenen Ideen nachlegen. Die Geschenk-Edition selbst ist limitiert - aber die Titel der Liste sind ja allesamt lieferbar. Wir hoffen, dass die Aktion zum Multiplikator für die Titel und Autoren wird, die auf der Auswahlliste stehen  und für das Buch und das Lesen insgesamt. Verlage, Autoren, Buchhandel: Letztlich profitieren alle von dem Konzept.

20 Verlage sitzen beim Start mit im Boot und nehmen fünfstellige Summen in die Hand. Wie haben Sie das geschafft?

Pfuhl: Für Brancheninsider ist das in der Tat eine kleine Sensation. Viele haben sich von der Idee begeistern lassen, auch die Autoren, die auf ihr Honorar verzichten. Gemeinsam wollen wir das ganz große Rad drehen. Die Kosten für die Verlage bewegen sich dabei immer noch weit unter dem Marketingetat für einen Bestseller.

Wie ist die Auswahl der 25 Bücher zustande gekommen?

Pfuhl: Das Ziel ist ja, für jeden Lesefreund ein passendes Buch anzubieten. Das heißt, der Mix muss stimmen: Krimis, Romane, internationale und deutsche Autoren. Wir haben dazu die Bestseller- und Bestenlisten der letzten Jahre konsultiert und Vorschläge von den Verlagen eingeholt. Die Koordination hat Rowohlt-Verleger Alexander Fest übernommen. Für 2013 könnten wir uns das britische Auswahlverfahren vorstellen: Da werden auch die Leser am Auswahlverfahren beteiligt; das war uns diesmal aus Zeitgründen nicht möglich.

Neben den Verlagen, die zwei Drittel der Kosten tragen, haben Sie weitere Sponsoren gewonnen - darunter die Deutsche Post, aber auch Thalia. Wird das den unabhängigen Buchhandel nicht verschrecken?

Pfuhl: Gerade die kleinen und mittleren Buchhandlungen haben in den vergangenen Jahren unglaublich viel für den Welttag getan. Das wissen alle Beteiligten. Aber für bundesweite, aufmerksamkeitsstarke Aktionen braucht man starke Partner, und ich freue mich sehr, dass Thalia diese Aktion mit hohem Engagement unterstützt. Dass ein führender Filialist die Aktion unterstützt, ist auch nicht ungewöhnlich: In Großbritannien und den USA gehören Waterstones und Barnes & Noble zu den Partnern. Deshalb nehmen sie anderen Buchhandlungen nichts weg, ermöglichen aber überhaupt das Zustandekommen einer solchen Aktion. Auf Verlagsseite ziehen bei dieser Initiative alle an einem Strang - das würde ich mir nun auch auf Handelsseite wünschen, damit wir gemeinsam einen maximalen Erfolg für das Lesen erzielen

Wer stemmt die Logistik?

Pfuhl: Mit Arvato haben wir einen starken Partner gefunden. Die Verlagsauslieferung VVA und der Druckdienstleister GGP Media in Pößneck haben ein innovatives Logistikkonzept unter dem Arvato-Dach erarbeitet. Es werden ja nicht nur Buchhandlungen, sondern auch Bibliotheken beliefert.


Was sagen Sie Verlagen, die diesmal nicht dabei sind - es im nächsten Jahr aber gerne wären?

Pfuhl: Wir sind offen für jeden. Idealerweise haben wir mehr Anwärter unter den Verlagen als Plätze auf der Liste. Und je größer der Erfolg in diesem Jahr ist - desto leichter wird der Funke im nächsten Jahr auf weitere Partner überspringen. Im Moment stecken auf allen Seiten viel unbezahlte Arbeit, viel freiwilliger Einsatz in dem Projekt. Für 2013 brauchen wir dann klare Strukturen, um das Konzept auf eine dauerhafte Basis zu heben.


Sie stellen das Paket am Donnerstag auf der AG Publikumsverlage vor. Was ist Ihre Kernbotschaft an die Verleger?

Pfuhl: Dass Leseförderung nicht Kür, sondern Pflicht ist. 45 Prozent der Deutschen kaufen keine Bücher, 25 Prozent lesen nicht. Unser Potenzial ist noch lange nicht erschöpft. Aber bis Donnerstag denke ich im Moment ehrlich gesagt noch gar nicht: Beim Welttag des Buches arbeiten wir alle im Moment nach dem Feuerwehrprinzip: Das größte Feuer zuerst. Von der Idee bis zum offiziellen Start haben wir gerade mal acht Wochen Zeit gehabt.

Was ist der größte Einsatz, der im Moment ansteht?

Pfuhl: Jetzt müssen wir Kommunikations- und Aufbauarbeit bei den Lesern leisten. Wir werden die Aktion über die Medien, über Twitter und Facebook bekannt machen - schließlich müssen die Menschen davon erfahren, dass es 33.333 Buchpakete und eine Million Bücher zu verschenken gibt. Und dass sie sich ab sofort dafür registrieren können. Jeder Link, den Verlage oder Buchhandlungen auf ihrer Website und ihren Social-Media Auftritten setzen, hilft uns da ein Stück weiter. Wir hoffen auf viel Unterstützung!

Die Aktion "Lesefreunde"

  • Konzept: Ab sofort können sich Leser online für die Aktion registrieren. Die ersten 33.333 "Lesefreunde" wählen aus 25 Titeln ein Buch aus, das sie verschenken möchten - und holen ab Mitte April ein kostenloses Buchpaket mit 30 Exemplaren in der Buchhandlung oder Bibliothek ihrer Wahl ab.
  • Zielgruppe: Erwachsene Leser
  • Partner: Stiftung Lesen, Börsenverein und 20 beteiligte Verlage, darunter Aufbau, Heyne, S. Fischer, Hanser, Piper, Suhrkamp und Kunstmann.
  • Buchhandel: Das Sortiment kann sich online als "Abholort" registrieren - und die Aktion mit Büchertischen und eigenen Ideen begleiten.
  • Finale: Eine "Weltnacht des Buches" am 23. April in Hamburg, mit viel Prominenz und unter dem Motto "Fest der Lesefreunde".
  • Vorbild: Die World Book Night in Großbritannien, die 2011 zum ersten Mal stattgefunden hat und in diesem Jahr nicht nur in Deutschland, sondern auch in den USA aufgegriffen wird. Alle drei Länder feiern am 23. April ihr großes Abschlussfest - obwohl die Briten den Tag des Buches traditionell in der ersten Märzwoche begehen.

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6 Kommentar/e

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  • Stefanie Leo

    Stefanie Leo

    Klar finde ich die Idee gut, keine Frage! Aber warum müssen es 30! Exemplare eines Buches sein?
    Ich verschenke ausgesprochen gern Bücher, aber tatsächlich fällt es mir schwer, in meinem Umkreis 30 Personen zu finden, die a) genau das Genre dieses einen Buches lesen und b) bestenfalls einer Gruppe angehören, die eher als buchhandlungsfern zu bezeichnen ist.
    Ist die Gefahr nicht groß, dass die Bücher am Ende gar nicht verschenkt werden? Ich finde 10 Bücher hätten es auch getan und dann gerne auch verschiedene Titel ...

  • Jan Orthey

    Jan Orthey

    Liebe Frau Leo, damit beschreiben Sie ein Problem der Aktion. Diese ist als reines Marketing-Event geplant. Man erhofft sich dadurch, dass man die Republik mit nahezu einer Million Bücher überschwemmt, eine größere mediale Aufmerksamkeit, als wenn es "nur" etwas über 300.000 Bücher wären(bei 10 Büchern pro Nase). Den Planern ist auch klar, dass es schwer werden dürfte, 100.000 potentielle Kunden für die Aktion zu gewinnen. Dann hätten Zehn Exemplare genügt.
    Was mich an der Aktion ärgert ist, dass dort vom Bundesverband mit seinen vielen Tausend Mitgliedern bewusst ein Buchhändler herausgehoben wird und eine Sonderpräsentation bekommt.
    Man kann versuchen, dass mit Sponsoring zu erklären, aber es wird wohl beim Versuch bleiben.
    Meine Prognose für die Aktion ist, dass es ein schönes Medienecho für die Hauptakteure geben wird, der Gebrauchtbuchmarkt unter der Last von nahezu einer Million Büchern ächzen wird und die Auswirkungen auf den Handel im besten Fall gen Null gehen.
    Schade. Die Mittel hätte man besser einsetzen können.

  • Nina

    Nina

    Werden die Bücher für diese Aktion mit einem bestimmten Aufdruck versehen oder bekommen diese so etwas wie einen Aktionsstempel? Ansonsten könnten diese Bücher ja auch von "bösen" Leuten bei ebay etc. oder auf Flohmärkten einfach verkauft statt verschenkt werden? Ansonsten finde ich die Aktion sehr interessant.
    @Stefanie Leo: Mir würden auch keine 30 nicht oder weniger lesenden Leute einfallen, da muss man ganz schön grübeln...

  • Susanne Martin

    Susanne Martin

    Ich finde es etwas schade, daß zuerst mal gemeckert wird, anstatt daß man sagt: Gut, daß hier mal was Neues ausprobiert wird - wir haben's bitter nötig, daß für das Buch was getan wird. Und jeder Versuch erzeugt Erfahrungen, die beim nächsten Mal in die Aktion einfliessen können. Gut, 30 Exemplare, das ist viel, 10 Exemplare wären besser gewesen. Aber wahrscheinlich wären dann auch die Logistikkosten zu hoch geworden. Es ist jeder Buchhandlung überlassen, sich Gedanken darüber zu machen, wie sie die Aktion unterstützen kann. Indem sie z.B. anregt, daß sich ja auch mehrere Menschen die 30 Exemplare teilen können. Ein Lesekreis zum Beispiel.
    Und daß wir deshalb die Bücher nicht mehr verkaufen werden, das muss sich noch zeigen. Was ich hoffe ist, daß diese Ausgaben eindeutig als Sonderausgaben gekennzeichnet sein werden, um dem verhökern bei E-Bay und Co entgegenzuwirken.
    Ich bin auf jeden Fall gespannt, ob und wie die Aktion von den KundInnen angenommen wird!

  • MaRi

    MaRi

    Bedenken, die ich habe, sind zum Teil genannt, die Zahl der Exemplare. Die Mitwirkung eines "Sponsors", der einigen oder vielen von uns nicht Konkurrenz, sondern Existenzbedroher ist. Warum werden nicht statt dessen einige Verlage und das wechselnd gefragt? Gern auch statt Autofirma, Post und Bahn etwas, was mehr mit dem Buch zu tun hat!?

    Ansonsten gehen mir widersprüchliche Dinge durch Kopf und Magen: die Inflation von Büchern regt nicht unbedingt zum Lesen an! Die Wegwerfmentalität wird gefördert: was nix kost, das is nix! Ich merke an mir selbst: zu "mitgenommenen" Büchern aus "RWE-Bücherschrank" und Stadtbüchereiflohmarkt zum Kilopreis entwickle ich selten eine Beziehung. Sie sind mir weniger wert, liegen mir viel weniger am Herzen, wie meine alten Bücher z.B. aus der Schulzeit.

    Das Buch als Ware: ich finde, diese Grund-Idee scheint deutlich durch. Das Buch vom Stapel. Die Beliebigkeit: einfach irgendwas irgendwo verschenken: in der S-Bahn, beim Spaziergang, am Arbeitsplatz. Ganz postmodern eben!!!

    Das einzig Positive: in den meisten Fällen wird der Schenkende ein paar Worte zum Buch sagen müssen, wenn das nicht freiwillig entgegen genommen wird. Das wäre dann Werbung für das Buch im allgemeinen und den Buchtitel im besonderen.

  • Patrick Musial

    Patrick Musial

    In unserer Stadt ließ sich der Sponsor Thaliaanders als auf der Welttags-Internetseite postuliert übrigens nicht als Abholstelle auswählen.

    Gibt es ähnliche Erfahrungen auch aus anderen Städten?

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