Feridun Zaimoglu zur Diskussion um Christian Kracht

„Spannend wäre, zu klären, ob es eine Krise der Literaturkritik gibt“

Der Schriftsteller Feridun Zaimoglu hält den „Spiegel“-Artikel „Die Methode Kracht“ für einen "widerwärtigen Text". Ein Gespräch über Mechanismen des Literaturbetriebs.

Warum haben Sie den offenen Brief an den „Spiegel“ unterzeichnet?
Weil mich diese sich als Literaturkritik ausgebende Denunziation aufgeregt hat. Das Seltsame daran war, ich lese kaum Zeitungen und Zeitschriften. Ein Freund reichte mir den »Spiegel« morgens beim Kaffee. Ich habe dann noch in der Bäckerei ausgerufen: „Das gibt’s doch gar nicht, das ist ja widerlich!“ Ich hatte sofort nach dem Lesen das Gefühl, es mit einem widerwärtigen Text zu tun zu haben. Hier wird ein Autor, mit dem ich mich auch gestritten habe, fertiggemacht. Wir Schreiber bekommen von Kritikern immer wieder eins auf die Mütze, da können wir uns nicht wehren. Der „Spiegel“-Text aber überschreitet die Grenzen der Anständigkeit.

Worum ging es in Ihrem Streit mit Christian Kracht?
Ich habe unter der Überschrift  „Knabenwindelprosa“ in der „Zeit“ auf das von Kracht mitverfasste  Buch „Tristesse Royale“ reagiert. Da gab es einen Landjunkerton, ich fand das erbärmlich. Aber das war ein anderer Fall, da sprach Christian Kracht als Christian Kracht. Die haben sich auch nicht lumpen lassen und selbstverständlich zurückgeschlagen. Und das mag ich auch: Wer austeilt, muss auch einstecken können.

Haben Sie „Imperium“ gelesen?
Nein. Es geht in diesem Protestschreiben um den „Spiegel“-Text. In dem wird Christian Kracht als zwielichtige Person geschildert. Das aber lässt sich, wie Herr Diez selbst schreibt, nicht aus dem Roman ableiten.

Ist das der Versuch, sich auf Kosten eines Autors zu profilieren?
Ich habe ehrlich gesagt Besseres zu tun, als mir über die Motive weniger eines Literaturkritikers als eines Buchbesprechers den Kopf zu zerbrechen. Das mag überheblich klingen, ist aber so nicht gemeint. Mein Alltag sieht vor, dass ich Geschichten schreibe. Da käme ich nicht sehr weit, wenn ich überlegen müsste: Ist das Profilneurose? Ist das der Wille, selbst zu provozieren? Über die Motive nachzudenken, kann ja auch nur spekulativer Natur sein.

Dem „Spiegel“-Redakteur Georg Diez ist es immerhin gelungen, eine Debatte anzuzetteln.
Ich würde das nicht als Debatte ansehen wollen. Es ist einfach so, dass einer die Grenzen des guten Geschmacks überschritten hat. Dagegen wird sich verwahrt. Eine Literaturdebatte könnte daraus werden, wenn diese Diskussion anhält und die Kritiker über sich und ihr Handwerk nachdenken. Alle paar Jahre wird die Frage aufgeworfen, ob es eine Krise der Literatur gibt. Spannend wäre doch zu klären, ob es eine Krise der Literaturkritik gibt. Im Übrigen, auf allen Seiten wird die Freiheit der Kunst bemüht. Dass sie Grenzen hat, ist selbstverständlich.

Teilen Sie die Einschätzung, dass Literaturkritik eher häufig zu brav ist, nicht aber zu barsch?
Nein, das sehe ich nicht so. Da wir miteinander reden: Wenn Sie sich die Rezensionen meiner Bücher der letzten Jahre anschauen ...

... dann findet man glänzende Besprechungen ...
... ja, darüber freue ich mich, aber es gibt auch harsche Kritiken. Und ich habe etwas erlebt, was ich nicht meinem ärgsten Feind wünsche. Ich hatte es mit einer saftigen Lüge zu tun, der Plagiatslüge. (Emine Sevgi Özdamar hatte Feridun Zaimoglu vorgeworfen, bei ihr abgeschrieben zu haben, was sich als falsch herausstellte.) Ich habe acht dunkle Wochen erlebt. Obwohl ich die Offenlegung meiner Quellen mehrfach angeboten habe, waren einige Kritiker mehr damit beschäftigt, mir eins mitzugeben, um es zurückhaltend zu sagen. Ich glaube, jeder Schreiber kann davon erzählen, dass die Kritiker keineswegs zahm sind.

Interview: Holger Heimann

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5 Kommentar/e

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  • Kai Weber

    Kai Weber

    Danke für diese Worte, Herr Zaimoglu. Ich glaube auch, dass es eine Krise der Literaturkritik gibt, und zwar seit der Paulskirchenrede von Martin Walser, die zum Anlass diente, dass hunderte von Feuilletonistinnen und Feuilletonisten, die diese Rede nicht gelesen haben, über Motive des Autors spekulierten, diese Spekulationen dann als objektive Wahrheit setzten und diese vermeintliche Wahrheit dann als Knüppel gegen den Autor verwendeten. Nun also ein weiteres Opfer...

  • Azadeh Sepehri

    Azadeh Sepehri

    Interessant! Herr Zaimoglu hat den Roman nicht gelesen und trotzdem unterschreibt er diesen absurden "offenen Brief", weil er angeblich gegen die Methode des Spiegel-Autors protestieren will.

    Es scheint mir aber, dass er auch den Spiegel-Artikel nicht genau genug gelesen hat! Er behauptet ja in diesem Interview, dass Christian Kracht im Spiegel als eine "zwielichtige Person" geschildert wird und fügt hinzu: "Das aber lässt sich, wie Herr Diez selbst schreibt, nicht aus dem Roman ableiten."

    Ich weiß nicht, wie Herr Zaimoglu zu diesem Erkenntnis gelangt ist, da Herr Diez ziemlich viele Passagen aus dem Roman "Imperium" zitiert und interpretiert, um zu zeigen, dass Kracht's Nähe zum Rechtsextremismus sich auch in seinem Roman widerspiegelt.

    Was Herr Zaimoglu das "Fertigmachen" eines Autors bezeichnet, ist die öffentliche Kritik an den politischen Einstellungen einer Person des öffentlichen Lebens, die sich sowohl in seinem Privatleben als auch in seinen literarischen Werken wiedergeben. Und das, was der "Denunziant" (Georg Diez) vom Krachts Privatleben "preisgibt", sind keine Geheimnisse, sondern alle seine Informationen stammen aus Krachts Buch, Five Years: Briefwechsel 2004-2009.

    Autors sind keine Heilige! Sie können wie alle anderen Personen des öffentlichen Lebens in öffentliche Kritik geraten. Und das ist auch gut so!

  • Azadeh Sepehri

    Azadeh Sepehri

    PS: Sogar "das Heilige" darf kritisiert und sogar ins Lächerliche gezogen werden, denn nichts ist menschenfeindlicher und lächerlicher als die "Heiligsprechung"!

  • schröder

    schröder

    Literatur und ihre Kritik sind aufeinander angewiesen und miteinander verflochten. Die Krise der einen ist die der anderen. Das Verschwinden der Literaturteile aus regionalen Zeitungen und Magazinen wirkt sich unmittelbar auf die regionale Literaturszene aus. Wenn es eines solchen Geschreis bedarf, wie es der Spiegel gerne produziert, damit über Literatur gesprochen wird, sieht es schlecht aus.

  • slocum

    slocum

    Ach, bitte, bitte nicht mit Martin Walser kommen! Diese Rede damals war tatsächlich nicht sehr glücklich, um es vorsichtig zu sagen. Im Vergleich zu FZ ist dieser Herr Walser ein recht kleines Lichtchen mit, um obigen Text zu zitieren, Landsermentalität.

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