Gastspiel

Großes Kino

Das E-Book orientiert sich am Roman. Aber das gründet auf einem Missverständnis. Von Michael Schikowski.

Michael Schikowski

Michael Schikowski © privat

Immer häufiger wird mir vorgeschlagen, ein gewünschtes Leseexemplar als E-Book zu schicken. Ich mache das nie. Denn wenn es gefällt, kann es nicht weitergegeben werden; es sei denn, man gibt gleich seine gesamte digitale Bibliothek weiter, was niemandem zugemutet werden sollte. Ein E-Book liegt auch nicht rum. Bücher dagegen können richtig gut stören.

Der Unterschied zwischen den unzähligen Erleichterungen durch die elektronische Entwicklung und dem, was wir im täglichen Umgang miteinander wirklich tun und für sinnvoll halten, ist groß. Die digitale Welt der Möglichkeiten hat sich von der Gegenkontrolle durch unsere tatsächliche soziale Praxis weitgehend abgelöst.  
Zunächst ist Social Media lediglich ein bedeutendes Werkzeug, um Bücher erfolgreich zu verkaufen. Die trennscharfe Erfassung der jugendlichen Milieus, die sich aus den Marketingabteilungen der Verlage heraus zu digital kommunizierenden "Fangruppen" zusammenschließen lassen, verhelfen Büchern zu großartigen Verkaufserfolgen. Doch im Kern gleichen diese Erfolge jenen etwa des "Literarischen Quartetts", Social Media ist so gesehen nur ein weiteres Verkaufsformat.

So weit, so alt. Mehr ist im Grunde nicht. Denn noch befindet sich das E-Book auf dem Niveau des Abklatschs. Die zukünftigen Möglichkeiten eines enhanced E-Books, einen Text mit Bildern und Tönen auszustatten, wird eine neue Form hervorbringen. Kein Bilderbuch, kein Hörbuch, kein Sachbuch und keinen Roman. Irgendetwas, was begabte Leute, die etwas zu erzählen haben, dazu bringen wird, unter den Bedingungen des kleinformatigen Tablets ein Kunstwerk hervorzubringen. Ein Kunstwerk, das es nur so, nur in diesem Format geben kann.
 
Erst dann, wenn dieses Kunstwerk als physisches Buch nur unzureichend, im Kinosaal nur unangemessen, genossen und verstanden werden kann, erst dann und nur dann wird das E-Book das Medium, das man sich in der Community verspricht. So betrachtet, ist das E-Book noch gar nicht gefunden. Vermutlich würde dann sogar die Referenz auf Bücher obsolet.

Wie aber kann man sich das Selbstmissverständnis der Community erklären, die sich allerorten so progressiv und innovativ gibt? Vielleicht damit, dass man sich das E-Book als Roman in einem anderen Medium vorstellt. Diese Leitvorstellung hätte dann zur Folge, das E-Book – wie den Roman zur Zeit seiner Durchsetzung in der Goethezeit – als Top-down-Geschmacksmuster zu sehen. Erst als die oberen bürgerlichen Milieus den Roman in seinen Meisterwerken etabliert hatten, wurde er den unteren Milieus zugänglich.

Vielleicht braucht das E-Book viel mehr ein bottom-up processing. Die Leitvorstellung für das E-Book müsste dann eher das Kino sein, das in seinen Anfängen eben genau kein gehobenes Kulturgut war. Ganz im Gegenteil, das frühe Kino war Varieté mit brachialen Grotesken, populärem Schrecken und der Pornografie.

Ein Beispiel mag hier genannt werden. Bei Bastei Entertainment in Köln Mülheim wird "Apocalypsis", ein digitaler Serienroman, genau in diesem Sinne im Format des enhanced E-Books produziert. Erst wenn man sich solcherart im Medium des E-Books ausgetobt hat, werden kluge junge Leute auf den Plan treten, und wenn sie ihre Sache gut machen, will man es sehen, hören und lesen.

Michael Schikowski arbeitet im Campus Verlag. Er veröffentlichte zuletzt "Warengruppen" (Bramann).

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1 Kommentar/e

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  • Helmut von Berg

    Helmut von Berg

    Nicht zuletzt weil ich immer mehr dazu neige, den Begriff des ›enhanced E-Book‹ für einen Fehlgriff zu halten, unterschreibe ich Ihren letzten Satz ohne zu zögern.

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