Interview

"Man muss bereit sein, sich zu kannibalisieren"

Wie wird aus einer Idee ein erfolgreiches Geschäft? Was ist dran an der Buch-Flatrate und wo liegen Chancen und Risiken beim Projekt ProtoTYPE? Start-Up-Berater Christian Lüdtke im Gespräch. VON INTERVIEW: SANDRA SCHüSSEL

Christian Lüdtke

Christian Lüdtke

Was empfehlen Sie Unternehmen, die ihre Innovationskultur stärken möchten?
Innovation ist zuallererst ein Thema für den Geschäftsführer. Er oder sie muss es vorleben und glaubhaft kommunizieren. Wenn das nicht passiert, dann wird auch das ganze Unternehmen nicht innovativ werden. Wenn aber erst einmal die Tür aufgemacht wird, dann wird sich eine ganz neue Dynamik entwickeln, in jedem Unternehmen. Davon bin ich überzeugt.
 
Welche Methodik empfehlen Sie, wenn eine Idee zum Geschäftsmodell werden soll?
In der Vergangenheit war es so: Man hat sich auf eine Idee festgelegt und hat dann sehr lange an diesem Thema festgehalten. Diese Methode birgt ein großes Risiko: Selbst dann, wenn die Idee möglicherweise nicht mehr erfolgsversprechend ist, wird weiter reininvestiert. Sinnvoller wäre es, ein Portfolio von Ideen anzulegen, für die man grobe Prototypen ausarbeitet. Es sollten fünf oder mehr sehr unterschiedliche Ideen sein. Damit ist die Erfolgswahrscheinlichkeit höher, dass eine von diesen Ideen wirklich funktioniert. Man ist dann auch eher bereit, zu scheitern. Ganz wichtig ist, dass man sehr schnell und sehr radikal den Stecker zieht, wenn Produkte nicht funktionieren.
 
Wie detailliert soll ein erster Prototype sein?
So detailliert, dass die Grundidee sichtbar wird. Was ist der Kernnutzen? Statt 200 Seiten Research- und Wettbewerbsanalyse führen Sie lieber zügig Nutzertests durch. Hier sammelt man so viel Erfahrung, wie man sie nie in einem Business Plan reinbekommen würde. Das Vorgehen heißt: Machen! Rausgehen an die Zielgruppe, auch wenn das Produkt noch unfertig ist.
 
Wie könnte das bei der Entwicklung einer Website aussehen?
Man baut eine Landingpage, also eine Website mit nur wenigen oder noch keinen Unterseiten und Funktionen. Man kann in dieser Phase auch mehrere Varianten der Landingpage anbieten, mit unterschiedlichen Ansprachen. Auf diese Varianten lässt man eine kleine Kampagne laufen. Das heißt: Google Adwords kaufen und Traffic auf die Seite bringen. Dann schaut man sich an, was passiert. Welche Variante wird am meisten genutzt, was wird geklickt? So erhält man in zwei oder drei Wochen viele Informationen, die in die weitere Projektentwicklung einfließen.
 
Wo sehen Sie momentan erfolgsversprechende neue Produkte  in der Buchbranche?
Es passiert relativ viel, aber mit einer großen Verzögerung. Das Thema E-Book ist sicherlich etwas, woran Verlage arbeiten. Aus meiner Sicht ist es aber immer noch eine sehr konservative Art, wie man über das Produkt darüber nachdenkt. Die Initiativen zielen häufig darauf ab, das Kerngeschäft zu schützen. Man muss bereit sein, sich zu kannibalisieren. Wenn man es nicht selber macht, kann man davon ausgehen, dass es früher oder später andere machen. Das ist die Gefahr.
 
Was halten Sie von Flatrates für Bücher?
Ich glaube sehr stark an das Thema Flatrate. Das ist etwas, was der Nutzer kennt – auch aus der Musikbranche.
 
Welche Chancen und Risiken sehen Sie bei dem Projekt ProtoType?
Die größte Chance ist, dass sich was in der Unternehmenskultur verändert. Bei ProtoTYPE nehmen Leute teil, die Lust darauf haben, Dinge zu bewegen. Diese Begeisterung können sie in ihre Unternehmen hineintragen. Das Problem ist, dass die Gruppen sehr inhomogen sind und dass sich die Projektmitarbeiter über lange Zeit sehr detailliert austauschen müssen – zusätzlich zu ihrem eigentlichen Job. Ein weiteres Problem ist, dass es kein zusätzliches Funding gibt. Man ist nicht in der Lage, einen Prototypen technisch zu entwickeln. Es wäre wünschenswert, wenn es so etwas gäbe oder wenn die teilnehmenden Unternehmen Geld zur Verfügung stellen würden.

Zur Person: Christian Lüdtke ist Gründer und Geschäftsführer des Berliner Unternehmens etventure business ignition. Das Unternehmen entwickelt für Kunden Geschäftsansätze im Internet- und Mobile-Bereich und testet diese im Markt. Frühere Berufsstationen waren der Aufbau und Betrieb der Lernplattform scoyo.de für Bertelsmann und die Position als Senior Vice President im Bereich "New Ventures and Innovation" beim Schulbuchverlag Houghton Mifflin Harcourt.
Christian Lüdtke hielt im Rahmen der Veranstaltung ProtoTYPE auf der Leipziger Buchmesse einen Vortrag, zum Thema Innovationsmanagement, siehe untenstehendes PDF. 

Schlagworte:

Download

5 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Martina Bergmann

    Martina Bergmann

    Stimmt. Herr Lüdtke benennt die wesentlichen Punkte - Innovation muss von oben kommen, erstens, Bestandsschutz ist zweitens kein guter Innovationsanreger, sondern eher dessen Widerspruch und drittens: Woher die Mittel nehmen? Hier fehlt mir aber der konkrete Ansatz. Ich bin keine Freundin dieser abstrahierten und anonymen Forderungen nach - Mitteln, personalisiert: Geldgebern. Ich finde, eine Geschäftsidee muss so lange nivelliert und erneuert werden, bis sie wirtschaftlich kalkulierbar ist. Andernfalls ist sie ein Forschungsprojekt, und dafür gibt es Universitäten mit entsprechenden Wissenschaftsbereichen. Sehr gern sähe ich zum Beispiel eine Kooperation mit einem juristischen Lehrstuhl, der sich dem Urheberrecht im Internet widmet. Aber auch ein logistisches Unterfangen wäre klug, wo einmal untersucht würde, wie zentralisierter Einkauf auszusehen hätte, bevor dafür viele Geld- und Personalressourcen aufgewendet worden wären.

  • Topper Harley

    Topper Harley

    "Ganz wichtig ist, dass man sehr schnell und sehr radikal den Stecker zieht, wennProdukte nicht funktionieren."

    Da fällt mir immer die Geschichte vom Unternehmer ein, der sein nagelneues Produkt auf einer Messe vorstellte. Bei der Präsentation hat gar nichts funktioniert. Das Produkt hat komplett versagt. Nichts hat geklappt und der Unternehmer hat sich ziemlich "zum Depp" gemacht. Dann ist er nach Hause gefahren, hat sich hingesetzt und nochmal ein paar Jährchen am Produkt gearbeitet. Dann hat er es nochmal versucht und sich gesagt, vielleicht klappt es ja dieses mal. Vielleicht hätte er aber lieber schnell und radikal den Stecker ziehen sollen, wer weiß!?!

    Ansosnten finde ich, das man Innovation nicht lernen kann. Entweder man ist es, oder nicht.

    P.S. der Unternehmer heißt übrigens Bill Gates und das Produkt "Windows"

  • Dietmar

    Dietmar

    Ist der Ratschlag eines "Ideen-Portfolios" aus fünf oder mehr sehr unterschiedliche Ideen zur "optimierung" der Erfolgswahrscheinlichkeit, das eine Idee aus dem Portfolio tatsächlich funktioniert, nicht ein bisschen naiv?
    Soll ein Buchhändler, der eine Buchhandlung gründen will, gleichzeitig auch eine Wäscherei, eine Kfz-Werkstatt und ein Fußnagelstudio gründen, damit die Erfolgswahrscheinlichkeit steigt, falls die Buchhandlung nicht "funktioniert"!?!
    Ich kaufe mir ja auch nicht fünf oder mehr Autos, damit die Wahrscheinlichkeit steigt, das eines von diesen morgens anspringt. Zur Gründung eines Unternehmens gehört eben immer ein gewisser Mut, Risikobereitschaft und Unwägbarkeit. Es lässt sich nicht alles exakt planen und ausrechnen.

  • Katja  Splichal

    Katja Splichal

    "Man muss bereit sein, sich zu kannibalisieren. Wenn man es nicht selber macht, kann man davon ausgehen, dass es früher oder später andere machen. Das ist die Gefahr."
    Dein Wort, lieber Christian, in vielen Gehörgängen!
    @Dietmar: ich bin sicher, das ist es nicht, wovon er sprach. Grundlegende Kompetenz im Feld der ausgearbeitetes Idee sollte sicherlich vorhanden sein - ich kenne wenige Buchhändlerinnen, die gut Autos reparieren.. Vielmehr meint das Portfolio doch, sich a) nicht auf eine Idee einzuschießen und die kompletten Ressourcen darauf zu lenken, diese Idee final umzusetzen. a) nimmt man damit niemals alle mit (Verlage sind organische Unternehmen, die viel über Herzblut funktionieren) b) fällt es dann schwerer, sich zu distanzieren, wenn sich abzeichnet, dass es nichts wird (loslassen, beerdigen etc.) und c) zwingt der Weg der totalen Fokussierung dazu, eine Idee bis zum Ende zu bringen, statt die grobe Skizze zu erproben und dann mit anderen Skizzen vergleichen zu können (parted prove of concept) - d) meint Innovation sicherlich nicht in jedem Falle, das komplette Geschäftsmodell in Frage zu stellen (Buchhandlung oder nicht) sondern vielmehr: Buchhandlung mit DVDs oder nicht, Buchhandlung mit Ausleihe oder nicht, Buchhandlung mit Katze/KAffeemschine/eBookTerminal/Newsletter/Gebra uchtbuchecke/Schmuddelecke/Räucherstäbchenecke oder nicht.

    @Topper: ohhh - ein Riesen Gegenbeispiel (Amazon wäre auch noch ein schönes!) reicht gleich zur Entkräftung der Erfahrung? Vielleicht meint "Stecker ziehen" einfach das Gegenteil von "festhalten um jeden Preis und wider besseres Wissen" - das kennt die Buchbranche ziemlich gut.

  • Christian Lüdtke

    Christian Lüdtke

    Hallo zusammen, freue mich zuerst einmal über die gehaltvolle Diskussion.
    @Katja: genau so ist es!
    @ all: ein ganz zentrale Element ist, dass man den Mut hat, Innovationen auch wirklich umzusetzen. Kein noch so ausgeklügelter Business Plan kann so viel bewirken, wie wenn man ganz einfache Dinge tatsächlich macht und sich dem Kunden/Nutzer stellt. Das ist ein ganz wesentlicher Aspekt bei der Entwicklung von prototypischen Ideen!

    • Informationen zum Kommentieren

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    • Mein Kommentar

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

      Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

      (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
      CAPTCHA image
      Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

      * Pflichtfeld