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Selfpublishing: Die Einlasskontrolle ist abgeschafft

Müssen Verlage sich und ihre Geschäftsmodelle neu erfinden? Der Veränderungsdruck wächst, auch wenn viele Selfpublisher letztlich davon träumen, ihr Buch in einem klassischen Verlagsprogramm platzieren zu können, meint Börsenblatt-Redakteurin Sabine Schwietert.

Sabine Schwietert, Börsenblatt-Redakteurin

Sabine Schwietert, Börsenblatt-Redakteurin

"Der Autor und sein Lektor": So hieß früher eine Serie im Börsenblatt. Schriftsteller berichteten darin über ein besonderes Verhältnis, nicht selten gar über eine rührende Abhängigkeit von ihrem Profi-Erstleser. Vieles, was heute im Netz, als E-Book, als Buch on Demand erhältlich ist, hat niemand mehr vorab gelesen. Vier, fünf Klicks und das Manuskript steht im Portal, ist als E-Book oder gedruckt für alle Welt zugänglich. Die Einlasskontrolle ist passé, jeder darf alles publizieren. Mehr aber auch nicht.

Nach der Echtzeitveröffentlichung kommt nämlich die Vermarktung – doch auch die gelingt manchen Self­publishern erstaunlich gut. Verlage drucken Vorschauen, schicken Vertreter in den Handel und machen Presse­arbeit – ohne dass den Werken ihrer Autoren deshalb ein Platz im Regal der Sortimenter sicher wäre. Die E-Publizisten bringen sich dagegen ausschließlich über Facebook, Twitter und Blogs ins Spiel. Hier zählt Fleiß, die richtige Ansprache, ein Gespür für die Community. Viele Verlage wünschen sich von ihren Autoren ein ähnlich hohes Engagement im Netz – und sind deshalb dabei, entsprechende Schulungen für sie zu organisieren.

Müssen Verlage sich und ihre Geschäftsmodelle neu erfinden? Der Veränderungsdruck wächst, auch wenn viele Selfpublisher letztlich davon träumen, ihr Buch in einem klassischen Verlagsprogramm platzieren zu können. Die schnellen Player sitzen längst selbst im E-Boot, Holtzbrinck etwa mit epubli und neobooks – so lässt sich Geld verdienen und zugleich der Rahm für gute alte Printbücher abschöpfen.

Vermisst jemand den Gatekeeper im Netz? Eine Arbeitsgruppe der Börsenvereins-Initiative ProtoType beschäftigt sich mit der Entwicklung eines Gütesiegels für digitalen Content. Trotz "eQ", so heißt das Projekt, bleibt aber jeder für seinen Medienkonsum selbst verantwortlich. Wie gehabt.

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2 Kommentar/e

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  • Dr. Wolfgang Philipp Müller

    Dr. Wolfgang Philipp Müller

    "Nach der Echtzeitveröffentlichung kommt nämlich die Vermarktung – doch auch die gelingt manchen Self­publishern erstaunlich gut." So pauschal kann man das nicht sagen. Was für Belletristik gelten mag, gilt für das wissenschaftliche Segment ganz sicher nicht. Wissenschaftliche Verlage haben noch nie vermarktet. Wissenschaftliche Titel werden gekauft und nicht verkauft. Daher haben Selfpublisher gerade in diesem Segment große Erfolge. Aber auch für Belletristik gilt: Niemand braucht Lektoren.

  • Nikola Hahn

    Nikola Hahn

    Einlasskontrolle - das hat was :)
    Vergessen wird bei dieser Diskussion nur allzugern, dass es nicht nur "Hobbyautoren" sind, die sich auf dieser neuen Spielwiese tummeln. Ich habe noch nie verstanden, warum man als Autor von den großen Verlagen so strikt auf Genres festgelegt wird, dass die Muse nicht mal mehr Platz zum Luftholen hat - vom Küssen gar nicht zu reden. Wenn man neben der Freude am Bücherschreiben auch noch Spaß am Büchermachen hat und gut vernetzt ist, bietet die digitale Welt jedenfalls spannende Wege. Wohin sie führen, wird die Zukunft zeigen.
    Das neudeutsche Contentmanagement jedenfalls gehört für mich als Autorin nicht zu dem, was ich mir erträume. Insofern gibt es durchaus auch den umgekehrten Weg: Mit Verlagserfahrung bewusst einen anderen Gang einlegen und eine Geschichte nicht nur schreiben, sondern sie auch mit Genuss und viel Fantasie selbst verpacken :)

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