Onleihe

"Der Formatkrieg wird auf dem Rücken der Nutzer ausgetragen"

Wie gut kennen sich Bibliothekare mit E-Readern aus? Wer sind die Nutzer der Onleihe der öffentlichen Bibliotheken? Eckhard Kummrow, Koordinator des Onleiheverbunds Hessen und selbst ausgebildeter Bibliothekar und Buchhändler, im Interview über das Thema.

Eckhard Kummrow, Diplom-Bibliothekar an der Hessischen Fachstelle für Öffentliche Bibliotheken an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden

Eckhard Kummrow, Diplom-Bibliothekar an der Hessischen Fachstelle für Öffentliche Bibliotheken an der Hochschule RheinMain in Wiesbaden © privat

Welche Hürden haben die Bibliotheken als Serviceleistender bei Einführung der Onleihe zu meistern?
Die Bibliothekarinnen und Bibliothekare nutzen persönlich in seiner Arbeit  keinen E-Reader, weil sie sozusagen an der Buchquelle sitzen. Sie lesen von Berufswegen die Bücher, verschlagworten und annotieren sie und hatten sie schon mehrfach in der Hand, bevor sie  in den Ausleihbetrieb gehen. Die E-Books werden konsortial über einen Medienshop online erworben. Bei technischen Problemen auf verschiedenen Geräten kommen die Onleihenutzer aber natürlich in die Bibliothek. Darum sind Fortbildungen wie z.B. durch die Hessische Fachstelle in  Wiesbaden, sehr wichtig. Einige Bibliotheken, wie etwa die Stadtbibliothek Wiesbaden,  kaufen heute E-Reader, um ihr Personal mit der neuen Technik vertraut zu machen. Anschließend werden die Geräte dann an Nutzerinnen und Nutzer ausgeliehen. Das Ziel ist: Die BibliotheksmitarbeiterInnen  müssen vom Service der Onleihe wissen und diesem positiv gegenüberstehen. Dies ist besonders für kleine Bibliotheken, für ehrenamtliche und wenig technikaffine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter eine Herausforderung. Ein gemischtes Team aus jungen und älteren Mitarbeitern hilft hier oft. In der Praxis bewähren sich auch E-Book-Sprechstunden: Kleinere Bibliotheken sollten sich Volkshochschulen oder Buchhändler als Ansprechpartner suchen.

Welche Kritik gibt es aus Sicht der Bibliotheken am System der Onleihe?
Das E-Book ist dem physischen Buch nicht gleichgestellt: Die Bibliotheken können am Marktangebot keine freie Auswahl treffen. Obwohl es die E-Books gibt, erteilen viele Verlage nur sehr zögerlich Nutzungslizenzen an Aggregatoren wie die DiViBib oder Ciando. Der Verlag hat hier also eine weitreichende Entscheidungsmacht, die viel größer ist als beim physischen Buch. Das E-Book braucht natürlich einen anderen Schutz als sein physisches Pendant, dafür haben die Bibliotheken Verständnis. Kein Verständnis haben sie hingegen dafür, dass sie von Inhalten ausgegrenzt werden, denn die Bibliothek ist ja bereit, für die Inhalte zu zahlen. Als Argument bringen die Verlage vor, dass ein E-Book nicht verschleißt. Daran stören sich auch bekannte Publikumsverlage, machen aber keine anderen Angebote, obwohl die Bibliotheken durchaus zu Kompromissen bereit sind: Etwa mit einer begrenzten Anzahl von Ausleihen, mit denen eine Lizenz erlischt, bevor der Titel von der Bibliothek nochmal gekauft werden muss.

Hauptärgernis ist aber der Formatkrieg, der auf dem Rücken der User ausgetragen wird, Stichworte währen hier die Inkompabilität von Linux und Adobe oder der Ausschluss der Nutzer von Amazongeräten, da Amazon seine Geräte nicht für die Onleihe öffnet.

Bei E-Paperbereich ist die Nutzerzufriedenheit am geringsten. Warum?
Ärger haben wir mit dem "FAZ"-Modell: Theoretisch sind 24 Leihen am Tag möglich. Das ist aber reine Theorie, weil nur eine Leihe pro Stunde möglich ist. Aber wer liest schon nachts die "FAZ"? Zeitungen werden am Frühstückstisch gelesen. Wir wünschen uns ein Modell, bei dem 24-Ausleihvorgänge täglich möglich sind, unabhängig von der Uhrzeit. Andere Beispiel: Aus vertraglichen Gründen ist die "FAS" erst um 13 Uhr abrufbar. Das "Manager Magazin" ist auf Grund der Vertragsbedingungen des Verlags in der Onleihe erst generell zwei Wochen nach der Druckausgabe ausleihbar und für die allermeisten Magazine oder Zeitungen gibt es erst gar keine Lizenzen. Noch sind in der Onleihe keine Zeitschriften verfügbar, die auf einem Reader oder Tablet gelesen werden können. Obwohl es am Markt mitunter Epub-Ausgaben gibt, ist für die Bibliotheken nur die PDF-Version erhältlich. Alle Kundenschelte dafür landet stets in den Bibliotheken, die dafür überhaupt nichts können.

Wie gut kennen Sie das Nutzungsverhalten der Kunden?
Die DiViBib und die Onleihe kennen keine Kunden – der Datenschutz ist viel strenger, als viele das glauben. Auch die Bibliothek vor Ort weiß bloß, welches Medium ausgeliehen wird, aber nicht von wem! Es gibt darum keine verlässlichen Zahlen, sondern nur ein Bauchgefühl. Das macht es den Bibliotheken natürlich schwer, etwas über das Nutzerverhalten auszusagen. Aus einer Umfrage in Rheinland-Pfalz wissen wir, dass über 50 Prozent der Onleihenutzer zwischen 30 und 50 Jahren alt sind. Die absolute Mehrheit davon ist weiblich. Wer die Bücher letztlich aber liest, das steht noch einmal auf einem anderen Blatt geschrieben, denn in vielen Bibliotheken gibt es Familienausweise. Wir wissen auch, dass Kinder und Senioren E-Books lesen, auch wenn sie diese nicht selbst downloaden. Da helfen dann wohl Familienangehörige oder Freunde.

 
Wie wichtig sind digitale Angebote für die Bibliotheken?
Die Zeiten, in denen um die Existenz der gedruckten Bücher mit ihren haptischen Eigenschaften gefürchtet wurde, sind glücklicherweise vorbei. Ich sehe für die Bibliotheken die viel wichtigere Aufgabe in der Bereitstellung und Erschließung von Inhalten. Sie sind gut beraten, Ihren NutzerInnen die Entscheidung zu überlassen, in welcher Form diese den Inhalt nutzen und genießen wollen: als ledergebundene Ausgabe mit Goldschnitt, als Taschenbuch, als Hörbuch, als DVD oder eben auch als E-Book. Gerade kleinere Bibliotheken mit geringem Etat und kurzen Öffnungszeiten eröffnen sich über Onleiheverbünde ungeahnte Möglichkeiten: Die NutzerInnen können unabhängig und Ort und Öffnungszeit Medien ausleihen - sogar solche, die die Bibliothek gar nicht besitzt. Bislang hätten sie dafür eine Fernleihe durchführen müssen.


Bibliotheken würden in größerer Zahl digitale Werke anbieten, wenn sie eine entsprechende finanzielle und personelle Ausstattung hätten. Oft reichen die Ressourcen schon nicht für den traditionellen Ausleihbetrieb. Aber Zugang zu Informationen und Medienkompetenz sind selbstverständliche Aufgaben der Bibliotheken. Diese Aufgaben sind ohne digitale Werke nicht zu erfüllen. Somit gehören für mich moderne Bibliotheken und digitale Werke untrennbar zusammen.

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4 Kommentar/e

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  • Kleine Buchhändlerin

    Kleine Buchhändlerin

    Ihrem Artikel entnehme ich, daß sich die Bibliothekare bei
    uns Buchhändlern weiterbilden sollen, vermutlich kostenlos,
    nur wie ich der Bibliothek ein e-book verkaufen soll, verraten
    Sie mir vielleicht im nächsten Artikel, Sie sind ja selbst
    auch Buchhändler. Mir wurde von Seiten des BÖV aus
    Hannover erklärt, ich könnte der Bibliothek kein e-book
    verkaufen und somit sind wir kleinen und mittleren
    Buchhändler weiterhin in unserer Existenz gefährt, imdem
    und das Biblitoheken-Brot-Geschäft genommen wird.

  • Jürgen Fenn

    Jürgen Fenn

    Ganz großes Kino: Eine Sonderausgabe des Börsenblatts zum Thema Onleihe und E-Books, und die Onleihe darf sich prächtig präsentieren, als gehe es nicht mehr ohne sie. Sogar die größten Schwächen, die den SWR unlängst zu dem Fazit bewogen, das sei wohl alles immer noch nicht so richtig ausgereift, werden offensiv vom Marketing aufgegriffen und den Softwareherstellern und den Verlagen in die Schuhe geschoben, als gehe es nicht anders.

    Wer einen Vertrag unterschreibt, der höchstens 24 Ausleihen der FAZ am Tag im Stundentakt ermöglicht, braucht dafür doch nicht die FAZ zu beschimpfen -- wir haben Vertragsfreiheit, und die FAZ gibt es -- richtig: Am nächsten Kiosk und in der Bibliothek, so lange ich will.

    Es ist völlig klar, daß die Zukunft den Flatrates gehört, wie Pauschalpreise derzeit heißen: Der Kulturflatrate, der Internetflatrate, und eben auch der E-Book-Flatrate.

    Die Onleihe ist heute immer noch auf dem technischen Stand von 2007, als sie begann, und damit ist sie nichts anderes als ein Dino. Wer will damit heute noch jemand hinter dem Ofen hervorlocken?

    Sie ist auch eine erhebliche Verschwendung öffentlicher Mittel, denn die Angebote sind völlig überteuert für die Bibliotheken und die öffentliche Hand, die das noch zusätzlich bezuschussen muß. Um die Onleihe nutzen zu können, zahlt das Land Rheinland Pfalz pro Einwohner zehn Cent pro Jahr -- ohne die Etats der Bibliotheken, die für die Anschaffung draufgehen. Wer profitiert davon? Die Divibib GmbH und die Verlage, die bei dem Spiel mitmachen. Wem schadet es: Dem Buchhandel und auch den Lesern, denn darunter leidet die Vielfalt unserer Bibliotheken als öffentlicher Raum.

    Dieser Monopolist zentralisiert nicht nur den Handel mit Gedrucktem für die öffentlichen Bibliotheken, sondern versucht nun auch noch den E-Book-Markt allein zu besetzen.

    Warum ist hier nicht von den Verlagen die Rede, die dabei nicht mitspielen? Nehmen wir nur einmal C.H.Beck -- beileibe kein Nobody in der Szene.

  • Matthias Ulmer

    Matthias Ulmer

    Was empfehlen Sie uns, Herr Fenn? Sollen die Verlage ihr Angebot aus der Onleihe zurückziehen? Und welches Angebot soll das ersetzen?

  • Jürgen Fenn

    Jürgen Fenn

    Den Verlagen brauche ich nichts zu empfehlen. Sie handeln unternehmerisch, außerdem sind sich die guten Verleger auch immer ihrer Rolle als Vermittler von Kultur bewußt gewesen, und Sie wissen selbst, was Sie zu tun haben.

    Ich empfehle aber den Bibliotheken, diesen Unfug nicht bedenkenlos mitzumachen. Die Bestände in den Bibliotheken leiden heute schon unter der Onleihe, schlicht weil jeder Euro, der für Anschaffungen ausgegeben wird, nur einmal zur Verfügung steht. Es nimmt bei den teilnehmenden Bibliotheken zu, daß Titel, die man nur noch über die Onleihe bekommt, nicht mehr in Print angeschafft werden. Siehe oben: Dadurch veröden unsere Bibliotheken, dadurch geht aber auch unsere Lesekultur flöten. Ich sehe das ganz konkret in unserer Bibliothek – immer noch eine der besten in dieser Größenordnung bundesweit.

    Wenn dafür so viel Steuergelder draufgehen, können die Bibliotheken auch Forderungen an die Verlage stellen. Wer nicht darauf eingehen will, der möge es sein lassen. Aber es ist doch einfach ein Unding, daß man diesen Unfug mit DRM, Ausdruckverbot und 24 Ausleihen am Tag und bitte nicht /eine/ mehr! sich mit ansehen muß.

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