Gastspiel

Gräser und Blumen

Die Botanik der Bücher – oder warum das Sachbuch mehr Pflege verdient.
 Von Michael Schikowski.

Michael Schikowski

Michael Schikowski © privat

In der Buchbranche nimmt man Sachliteratur im Vergleich zur Belletristik als nahezu selbstverständlich gegeben hin. Sachliteratur ist wie Gras, sie macht keine Arbeit und wächst einfach immer nach. Während die dürftigen Zierpflänzchen der Romanliteratur mitunter leicht überfördert erscheinen, gehen die kräftigen Nutzpflanzen der Sachliteratur im direkten Vergleich geradezu leer aus.

Dem Sachbuch als eigenständige Publikationsform widmete sich in Deutschland erst 2001 der Corine-Preis. (Zum beschämenden Vergleich: In Amerika wird der Pulitzer-Preis schon früh in der Kategorie Biography or Autobiography und History vergeben, seit 1962 wird die Kategorie General Non-Fiction prämiert.) Ihm folgte 2005 der Preis der Leipziger Buchmesse und 2009 kam der NDR Kultur Sachbuchpreis hinzu. Bei beiden sind Bücher zu natur- oder wirtschaftswissenschaftlichen Themen unterrepräsentiert. Zu allem Übel hat man sich jetzt beim Corine-Preis für 2012 eine Denkpause verordnet.

Gelegentlich wird noch der Freud-Preis genannt. Er würdigt diejenigen, die wie Freud das Verständnis der Wissenschaften fördern. Ein Blick in die Liste der Preisträger zeigt: Populäres Schreiben wird hier nicht prämiert. Dem Sachbuch schon näher sind die Preisträger des Johann-Heinrich-Merck-Preises für literarische Kritik und Essay, der Carl-von-Ossietzky-Preis für Zeitgeschichte und Politik oder der Hannah-Arendt-Preis für politisches Denken.

Genuine Sachbuchpreise sind das alles aber nicht. Eine solche Auszeichnung sollte die populäre Darstellungsweise der Texte unverblümt in den Mittelpunkt des Interesses stellen und das Sachbuch als eigenständige Literaturform, sei es als Reportage, als Biografie, Streitschrift oder – horrible dictu – Ratgeber prämieren. Autoren, die das Genre populärer Darstellung meisterhaft und preiswürdig beherrschen, lassen sich viele nennen.

Was sollten die Kriterien sein? Keine anderen als sonst auch: Ein Preis für Essayistik wird nicht für spezifische Inhalte vergeben, sondern für die besonders kunstvolle Ausführung des Essays. Wenn man das Sachbuch als Form intelligenter Darstellung bestimmt, muss also innovative Forschung keine entscheidende Rolle spielen. Und der Erfolg, ist der entscheidend? Auch nicht. Ein Preis für Lyrik wird nicht für Verkaufserfolge vergeben. So ist auch für das Sachbuch der Erfolg beim Publikum ganz entgegen der landläufigen Meinung kein Kriterium einer Preisvergabe.

Wie die Sachliteratur aus Branchensicht irgendwie immer da ist, auch wenn man sie kaum beachtet, scheint es wie selbstverständlich immer Sachbuchautoren zu geben. Dieser Eindruck könnte täuschen. Und zuweilen hört man aus den Verlagen bereits besorgte Stimmen über mangelnden Autorennachwuchs.

Mit einem Sachbuchpreis kann den jungen Kreativen eine Perspektive schriftstellerischer Existenz öffentlich demonstriert werden: als Sachbuchautor!

Solche Meldungen an die kreativen Zulieferer hat die Branche bitter nötig. Auch weil ein Sachbuchpreis in die Branche zurückstrahlt und diese dann vielleicht doch – und sei es aus purem Eigennutz – den Wert der Sachliteratur einschätzen, ja und auch schätzen lernt.

Lesen Sie mehr zum Thema in unserem "Extra Sachbuch" im aktuellen Börsenblatt, Heft 30, ab Seite 33.

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3 Kommentar/e

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  • Dr. Uta Altmann

    Dr. Uta Altmann

    Herr Schikowski hat erstaunlicherweise übersehen, dass es seit nunmehr 20 Jahren(!) die von den Verlagen sehr begehrte Auszeichnung "Wissensbuch des Jahres" gibt. Sie wird im Auftrag von bild der wissenschaft durch eine Jury aus 11 Journalisten in 6 Buchkategorien verliehen. Ausgezeichnet werden Bücher, die über Themen aus Wissenschaft und Forschung kompetent, verständlich und unterhaltsam berichten. Seit letztem Jahr hat auch das Publikum eine Stimme bei der Wahl. Übrigens: Die diesjährige Wahl läuft gerade, und auch das "Börsenblatt" hat dazu aufgerufen. Näheres unter http://www.wissenschaft.de
    Dr. Uta Altmann, bild der wissenschaft

  • Uta Altmann

    Uta Altmann

    Herr Schikowski hat erstaunlicherweise übersehen, dass es seit nunmehr 20 Jahren(!) die von den Verlagen sehr begehrte Auszeichnung "Wissensbuch des Jahres" gibt. Sie wird im Auftrag von bild der wissenschaft durch eine Jury aus 11 Journalisten in 6 Buchkategorien verliehen. Ausgezeichnet werden Bücher, die über Themen aus Wissenschaft und Forschung kompetent, verständlich und unterhaltsam berichten. Seit letztem Jahr hat auch das Publikum eine Stimme bei der Wahl. Übrigens: Die diesjährige Wahl läuft gerade, und auch das "Börsenblatt" hat dazu aufgerufen. Näheres unter http://www.wissenschaft.de
    Dr. Uta Altmann, bild der wissenschaft

  • Michael Schikowski

    Michael Schikowski

    Liebe Frau Dr. Altmann,
    genauso wenig wie ich in meinem Gastspiel des Börsenblatts die Auszeichnung "Wissensbuch des Jahres" durch BILD DER WISSENSCHAFT übersehen habe, haben Sie vermutlich die Auszeichnung des "Historischen Buchs des Jahres" von DAMALS in Ihrem Kommentar "übersehen". Zahlreiche Preise dieser Art lassen sich nennen und in allen Fällen handelt es sich um Preise, in denen die Preisrichter LEGITIMEN Interessen folgen. Leider aber werden die von mir erläuterten Aspekte eines Sachbuchpreises als Preis für die Form statt des Inhalts von Ihnen gar nicht aufgegriffen. Oder wurde das von Ihnen bloß "übersehen"?.
    Michael Schikowski

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