Gastspiel von Michael Schikowski

Die falschen Freunde

Bücher tauchen als Dekoration und "Kulturanzeiger" in allen möglichen Zusammenhängen auf. Warum und mit welchen Folgen sich alle Welt so gern mit Büchern schmückt, erklärt Michael Schikowski, Key Accounter bei Campus und Sachbuch-Blogger.

Michael Schikowski

Michael Schikowski © privat

Wer sich aufmerksam in Modeläden umschaut und Werbeprospekte durchblättert, kann in letzter Zeit vermehrt auf Bücher stoßen. Bücher als Dekoration. Solche bloß rhetorischen Einsätze der Bücher gab es schon immer: im Vordergrund Waffenlobbyist, im Hintergrund Bücherwand. Die Bücher sprechen nie gegen den Mann, der vor ihnen sitzt, selbst dann nicht, wenn sie von Ernst Jünger stammen.

Diese Werbung mit Buch macht die derzeit viel besprochene Werbung fürs Buch nicht einfacher. Denn das Verhältnis ist nicht reziprok. Wer zum Beispiel über Mode spricht, muss nicht modisch gekleidet sein, aber der modisch Gekleidete spricht immer über Mode – durch seine Kleidung. In dieser Weise ist das Buch längst bei der Werbewirtschaft und beim Veranstaltungsmanagement Mittel zum Zweck. Bleibt man einen Augenblick bei der Mode, dann zeigt sich, dass Schnitt, Stoff und Applikationen der Sportbekleidung irgendwann ab den 1980ern in der Freizeitkleidung auftauchten. Erreicht wurde so, dass mit den Bekleidungsformaten des Sports auch seine Werte wie Gesundheit, Disziplin und Leistungsbereitschaft kommuniziert werden können – von Kurzatmigen, von Turnbeutelvergessern, von Faulpelzen.

Da sich durch das Möblierungsutensil Buch hoch im Kurs stehende Werte wie Bildung, Wissen und Tradition transportieren lassen, bleibt es nicht aus, dass sich bestimmte Marktteilnehmer der Bücher als Applikationen bedienen. Ja, sie bedienen sich ihrer als bloße Kulturanzeiger umso leichter, je mehr sich das Zurschaustellen von Büchern und Lesen allgemein etabliert hat. Die Zeiten der spärlichen Lese-Utensilien wie Brille, Tasse Tee und Lesezeichen sind längst dahin. Allerdings hat der Non-Book-Markt für Bücher und Lesen mit Büchern und Lesen so viel zu tun, wie Pferdeköpfe auf Papierkörben mit Reitsport. Dieses Buch- und Leseschaustellergewerbe beherrscht auch die sozialen Medien. Darum sind aber die Bücherfreunde, die Bücherliebhaber, gar nicht zu reden von denen, die von Büchern zum Liebhaben sprechen, nicht unbedingt immer die besten Freunde des Buchs.

In Facebook versichert man sich gegenseitig seiner Buchbegeisterung, ständig erhalte ich neue Bildchen mit Büchern, neue Cartoons oder Filmchen, die alle die Liebe zu Büchern dokumentieren. Das Buch ist im Social Media das Opfer seiner digitalen Freunde, die in ihrem Sekundärkosmos der Buchbegeisterung vor allem einem den Garaus machen: dem Lesen von Büchern. Die wenige Zeit zum Lesen wird am Computer verplempert. Leseerlebnisse können aber nur innerhalb eines begrenzten Zeitraums stattfinden. Ein wenig hat man den Eindruck, dass es genau der Mangel an Leseerlebnissen ist, der das Gequatsche, Gezeige und Geposte auf Social-Media-Kanälen anheizt. So wenig aber Sportbekleidung die Kondition verbessert, so wenig erzeugt Social Media Leseerlebnisse. Im Kern geht es ums Leseerlebnis, und zwar dem ganz seltenen, bei dem uns das Herz aufgeht.

Mit dieser Sehnsucht werden Buchhandlungen besucht. Hand aufs Herz: Wann hatten Sie zuletzt ein Leseerlebnis?

Schlagworte:

9 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Volker Titel

    Volker Titel

    … gerade eben, beim Lesen Ihres Artikels. Und es war ein sehr anregendes, sogar lineares – ich habe den Text von Anfang bis Ende gelesen. Dies zeigt: Es ist nicht plausibel, Leseerlebnisse auf Bücher (womöglich nur gedruckte) zu beschränken. Es geht um einen Wandel, nicht um den Untergang der Lesekultur. Spannend ist es dabei allemal, was dieser Wandel bewirkt. Der Dromos Digitalisierung rüttelt an den Grundfesten des traditionellen Buches. Was, so könnte sich die Branche des Buches fragen, könnte dessen Fortbestand retten? Ganz sicher nicht der Rückzug in die Schmollecke. Eher die Suche nach den Stärken des Buches, des enhanced digitalen wie des gedruckten. Gar des enhanced gedruckten? Eines, dass die Haptik und die anspruchsvolle typografische Gestaltung als Mehrwert bietet?

  • E-Leser

    E-Leser

    Zitat:" »Ich sage Euch, Herr, es ist das Ende der Welt da. Man hat wohl niemals solche Zügellosigkeiten der Studentenschaft gesehen! Das kommt aber von den verfluchten Erfindungen dieses Jahrhunderts, die noch alles verderben: von den Geschützen, Feldschlangen und Donnerbüchsen, und vor allem vom Buchdruck, dieser zweiten deutschen Pest. Giebt's keine Manuscripte mehr, giebt's keine Bücher mehr! Der Buchdruck vernichtet den Buchhandel. Das Ende der Welt ist nahe.« " Zitat Ende
    (aus Der Glöckner von Notre Dame, Victor Hugo)

    Die Zeiten ändern sich und es wird nicht alles so heiß gegessen ... und so weiter ;-)

  • Vom-aufm-Papierleser

    Vom-aufm-Papierleser

    Interessant, dass der Kommentar als E-Schelte - fast möchte man sagen: reflexartig - aufgefasst wurde. Dabei geht es doch gar nicht um Formate/Medien, sondern um das ebenso lächerliche wie läppische Bildungsgepose in Werbung und Social Media. Um ein Plädoyer fürs Lesen und gegen das Geschwätz darüber. Dass das offenkundig nicht richtig verstanden wird - verweist das womöglich auf sekundären Analphabetismus? Den gab es in der Tat schon immer, alles wird in der Tat nicht so heiß usw.

  • franz wanner

    franz wanner

    Gut, wenn man sich zumindest im Wert des Lesens einig ist.
    Witzigerweise könnte noch ergänzet werden, dass der Illustrationsmissbrauch von Büchern bei eBooks nicht ganz so gefällig sein dürfte.
    Fälschlich überspitzt lautete dann der Rat: Rettet das Lesen über das ebook!
    Ich selber kann mir mangels Erfahrung echtes Lesen am Reader nicht vorstellen und kenne nur jene, die zwar einen Reader nutzen, aber nicht "lesen" können. Die informieren sich nur.

  • Gregor Tymann

    Gregor Tymann

    Sehr interessant, daß jemand, der Bücher mit Titeln wie z.B. "Immer schön sachlich" schreibt, die Erkenntnisse der neueren Literaturforschung völlig ignoriert und immernoch Ernst Jünger-Bashing betreibt.

  • Daniel Debski

    Daniel Debski

    Hallo Herr Gregor Tymann,
    welche Erkenntnisse der Literaturforschung denn genau? Es würde mir eine kurze Quellenangabe reichen, ich muss gestehen ich bin da nicht auf dem neuesten Stand.

  • Gregor Tymann

    Gregor Tymann

    Hallo Herr Debski,
    z.B. das Buch zur Geiselfrage und die neu veröffentlichen Kriegstagebücher zeigen, daß Jünger nicht der eiskalte Krieger war, als der er gerne dargestellt wird.
    Eigentlich sollte das aber auch seit des Erscheinens seiner Friedensschrift 1945 oder 46 bekannt sein.

  • swallow

    swallow

    "Die Bücher sprechen nie gegen den Mann, der vor ihnen sitzt, selbst dann nicht, wenn sie von Ernst Jünger stammen."

    So ein Satz kann heutzutage wirklich nur noch von einer deutschen Knalltüte stammen. Aus Frankreich und aus dem Angelsächsischen vernimmt man derlei nie. Vermutlich, weil Jüngers Bücher dort GELESEN werden.

  • Michael Buchmann

    Michael Buchmann

    Die These des Textes scheint sich in den meisten der Kommentaren zu bestätigen: der Diskurs über Texte scheint deren Inhalt zu überlagern (wie in der Werbung als Dekoration): in den vorliegenden Kommentaren einmal als Anlass für die ewig Gestrigen, die anscheinend selbst weder Jünger noch diesen Artikel gelesen haben und einmal als Anlass für die Möchtegernavantgardisten des Digitalen.

    • Informationen zum Kommentieren

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    • Mein Kommentar

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

      Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

      (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
      CAPTCHA image
      Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

      * Pflichtfeld