Gastspiel von Michael Schikowski über Digitalisierung und Bibliotheken

Formate der Freiheit

Die Digitalisierung verspricht den offenen Zugang zu Inhalten. Fatalerweise werden Bücher und Bibliotheken dabei zu Begrenzungen umgedeutet. Meint Sachbuch-Blogger Michael Schikowski.

Michael Schikowski

Michael Schikowski © privat

Digitalisierung, so die verbreitete Meinung, rettet Buchbestände vor der Zerstörung. Das muss nicht bewiesen werden. Bislang reicht die Stimmung, die zum Beispiel dazu führt, dass man im klammen Stadtrat von Stralsund den Verkauf von über 6.000 Bänden der historischen Gymnasialbibliothek beschließt. Diejenigen, die eigentlich mit der Bewahrung beauftragt sind, konstatieren den schlechten Zustand der Sammlung und empfehlen den Verkauf.

Woran liegt es genau, dass plötz­lich sogar beim Fachpersonal der Sinn für den Wert kulturhistorischer Sammlungen zu fehlen scheint? Es ist, als hätte uns alle eine Stimmung erfasst. In ihrem Buch "Die stille Revolution« verleiht Mercedes Bunz, vom Verlag als "Vordenkerin der Digitalisierung" präsentiert, dieser Stimmung unmissverständlich Ausdruck:

"In den Lesesälen der Bibliotheken sitzt jeder isoliert vor seinem Buch, es darf weder mit dem Nebenmann bzw. der Nebenfrau geplaudert noch telefoniert werden. Zudem kann man schlecht aufstehen, ohne die Nachbarn zu stören oder zu signalisieren, dass man weniger fleißig ist als sie. Den Saal verlassen darf man im Prinzip erst dann, wenn einem vor lauter neuem Wissen der Kopf raucht. Genau dieser Aufwand ist mit dem Internet jetzt überflüssig: Sogar Spezialwissen ist nun relativ einfach aufzufinden – zuvor fast ein Ding der Unmöglichkeit."

Der Raum, der in der Geistes­geschichte immer noch die größte geistige Freiheit gibt, wird hier zu einem Ort uminterpretiert, der an eine mehr oder weniger geschlossene Abteilung erinnert. Die Formate, ob als Formate des Buches oder der Zeitung, als Formate bestimmter Räume, als Formate bestimmter Zeiten, waren einmal schwer erkämpfte Freiräume und Freizeiten, die alles abschirmten, was die Konzentra­tion stören konnte.

Buch und Bibliothek s ind daher Formate der Freiheit. Endlich war man einmal auf eigene Interessen konzentriert, auf etwas anderes als Arbeit und – im Duktus der 1960er – mit etwas anderem beschäftigt als Kindern, Küche, Kirche.

Bei Mercedes Bunz werden diese Freiräume nun zu Begrenzungen umgedeutet. Der digitalen Gemeinde erscheinen in der Folge dieser Sichtweise alle Begrenzungen, ob nun Bibliotheksöffnungszeiten oder das Urheberrecht, als nahezu undemokratische Maßnahme.

Die Formatentbindung durch die Digitalisierung wird als Befreiung wahrgenommen: als Befreiung aus der zeitlichen Befristung durch Öffnungszeiten der Bibliothek und als Befreiung aus der räumlichen Begrenzung als Buch. Mithin erscheinen Buch und Bibliothek als veraltete Institutionen der Buchkultur, ja geradezu als Institutionen der Unfreiheit. Man selbst wird Teil einer strahlenden digitalen Zukunft. Und vielleicht, wie um sich das zu beweisen, überließ man auch deshalb in Stralsund die Bücher dem Verfall.

Ist das nur die Spitze eines Müllbergs? Buch und Bibliothek sind Voraussetzung der Demokratie. Sie nun als undemokratisch zu denun­zieren, weil sie räumliche und zeitliche Bindungen des Nutzers voraussetzen, und ebenso die Bereitschaft zu Geduld und Konzentration, ist ein schweres Missverständnis.

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6 Kommentar/e

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  • Frank Krings

    Frank Krings

    Warum geistige Freiräume nur garantiert sind, wenn man Texte räumlich und zeitlich begrenzt, urheberrechtlich geschützt und zwischen zwei Pappdeckeln liest - das ist mir auch nach dem Artikel nicht klar. Frau Bunz beschreibt lediglich die digitale Realität im Jahre 2013.

  • Kopfschüttlerin...

    Kopfschüttlerin...

    Was ist das für ein merkwürdiger Beitrag?!?

    Es ist doch wunderbar, auf wie viele verschiedene Arten man sich mittlerweile Wissen aneignen kann,
    und das unabhängig von Zeit und Ort!

  • franz wanner

    franz wanner

    Wir stehen vor etwas Neuem und sollten deshalb auch vermeintlich krude Gedanken dankbar aufgreifen.
    Bibliotheken sind ja nicht nur Distributoren, sie sind auch Sammelstellen und Hort des Bewahrens.
    Wie mühsam war doch die Erschließung weniger Prozente des Wissens, welches älter als 200 Jahre ist. Die restlichen Prozente sind verloren.
    Nur weil die Digitalisierung erstens überall und zudem schnell einen Zugriff garantiert, ist nicht gegeben, dass Sammeln und Bewahren gleichermaßen gesichert sind.
    (Man denke an moderne Müllforschung)
    Digitale "Objekte" Unterliegen zumindest dem Verschleiß ihrer Formate und der Alterung der Zugriffsgerätschaften.
    Auch die Cloud ist in ihrem Wesen höchst materiell gebunden.
    Bücher mit Pappdeckeln wurden auf 100 Jahre verfertigt und bewahrten sich dabei um ein Vielfaches. Diesen Bestandschutz sehe ich bei Dateien als noch nicht bewiesen an. Mit sehr befristeten Zugriffsrechten ist kein Dateienbestand gesichert und mit dem unbefristeten Zugriffsrecht (per Kauf) hat der "Bewahrer" auf Dauer eine nachhaltig kostspielige Aufgabe. Warten wir mal 20 Jahre ab.
    (und dann soll mal jemand den "Briefwechsel" von irgend jemand heutiger Zeit zusammentragen... Wahrscheinlich dem Recht des Vergessens anheim gefallen)

  • Merfelle

    Merfelle

    Also ich verstehe überhaupt nicht, was mir der Artikel sagen will.... !???!
    Soll ich Urlaub in Stralsund machen!??!

  • Leser

    Leser

    ich habs ja nicht glauben wollen, dass jemand, der mit Nachnamen "Bunz" heißt, seine Tochter "Mercedes" tauft.
    Seltsamer Humor!

  • Bernd E. Scholz

    Bernd E. Scholz

    Werfen wir einmal einen Blick auf Russland. Es reicht von Brest bis Vladivostok - über 8000 km. Der Transport von Waren jeder Art, eben auch Büchern, ist teuer, wenn nicht sogar unmöglich. Da freut sich der Bürger, wenn er die russische Literatur, die Bücher der Akademie der Wissenschaften u.v.a. - auch ältere - sich über das Internet zumeist umsonst als PDF-File herunterladen kann. Die in über 50 Jahren in Marburg und Frankfurt am Main angesammelten russischen Bücher zu Literatur- und Sprachwissenschaft wurden von der Hessischen Zentralregierung in einem "bolschewistischen" Akt - so ein Professor für osteuropäische Geschichte - für immer von der Benutzung in öffentlich zugänglichen Bibliotheksräumen ausgeschlossen und in Magazine verbannt. Heute sitze ich als Betroffener in Niederwalgern bei Marburg, verbinde mich mit der Russischen Staatsbibliothek in Moskau oder lese mit einer Nationallizenz der DFG versehen Online kostenlos die wichtigsten großen russischen Monatszeitschriften. Und das, was Online auch bezahlt werden muss, ist immer noch billiger als jede umständliche Bahnfahrt in eine schlecht belüftete Bibliothek, deren Ambiente wie z.B. bei der Marburger Universitätsbibliothek eher einer Müllhalde gleicht als einem Tempel des Geistes. Ganz zu schweigen von der Autobahn, die im Abstand von 12 Metern parallel zur Bibliothek verläuft und mit über 30 Tsd Fahrzeugen täglich einen unbeschreiblichen Lärm und Gestank verbreitet. Die Nostalgie von Herrn Schikowski ist angebracht, wenn es ihm um die Zerstörung deutscher Lese- und Buchtradition ginge. Doch diese ist nicht medienabhängig. Sie hat im inneren seelischen Bereich eines jeden Individuums ihren Ort und Ausgangspunkt. Wer in Deutschland nimmt zur Kenntnis, dass Google zwar klassische deutsche Literatur Online zur Verfügung stellt, aber offensichtlich kostensparend und ohne den Scanvorgang zu kontrollieren, also mit haarsträubenden orthographischen Fehlern. Goethe kann sich nicht mehr dagegen wehren, aber der Börsenverein des Deutschen Buchhandels auch nicht?

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