Interview mit der Alfred-Kerr-Preisträgerin Daniela Strigl

"Wenn ich begeistert bin, dann bin ich wirklich begeistert"

Über Grautöne in der Literatur, rauschhafte Leseerlebnisse mit Karl May und Handyverzicht: Ein Interview mit der österreichischen Kritikerin und Literaturwissenschaftlerin Daniela Strigl, die in diesem Jahr den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik erhält. Die Preisverleihung findet am 14. März auf der Leipziger Buchmesse statt. 

Manche Urteile Alfred Kerrs sind apodiktisch. Wie urteilen Sie?

Daniela Strigl: In Österreich hängt Alfred Kerr das Odium an, das Karl Kraus ihm verpasst hat. Insofern ist das sicher eine ambivalente Figur. Auch wegen der harten Urteile. Ich glaube nicht, dass ich so apodiktisch bin. Ich bin nicht jemand, der ein Buch liest und sofort sagt, es ist wunderbar oder es ist miserabel. Es gibt sehr viele Grautöne. Und es gibt nur wenige Bücher, an denen man gar nichts gut findet. Aber die sind dann wirklich missglückt und ich finde, das muss man auch sagen.

Sie rezensieren für verschiedene Zeitschriften und Zeitungen und kennen beide Seiten: Wie ist das Verhältnis zwischen Redaktionen und freien Kritikern?

Obwohl ich auch Redakteurin war, kenne ich die Seite als freie Rezensentin besser. Manchmal lehne ich Bücher ab, weil ich sie nicht besprechen will. Ich kann aber natürlich selber Bücher vorschlagen. Der gesamte Vorgang ist heikel. Als Redakteur kann man beispielsweise schon eine Wertung vorwegnehmen, je nachdem, wie man die Bücher vergibt. Wenn ich es einem bestimmten Rezensenten gebe, ahne ich vielleicht schon, dass das Urteil nicht zu scharf ausfallen wird. Das ist eine Macht, die der Redakteur mit der Vergabe der Aufträge hat. Andererseits reagiert man als Kritiker nicht immer so, wie der Redakteur sich das vorstellt.

Welche Aufträge lehnen Sie ab?

Wenn ich beispielsweise mit dem Thema nichts anfangen kann, oder wenn mich der Text langweilt. Da man ja leider, wenn man ein Buch beruflich liest, es ganz lesen muss, überlege ich mir das lieber vorher. Wenn mir also von einem Autor, einer Autorin die letzten Bücher ausnahmslos alle nicht gefallen haben, dann lehne ich den Auftrag ab, weil ich mir denke, dass ich dann zu voreingenommen bin. Die Wahrscheinlichkeit, dass mir das aktuelle Buch plötzlich gefällt, ist zu gering. Ich finde, dann sollte sich jemand anderer die Finger daran verbrennen. Es gibt ja auch gewisse paranoide Neigungen von Autoren, die sich von einzelnen Kritikern verfolgt fühlen. Wenn man als Kritiker beispielsweise schon weiß, dass man nichts damit anfangen kann, sollte man nicht jedes neue Buch eines bestimmten Autors von neuem gnadenlos verreißen.

Tauschen Sie sich mit Kollegen aus? Gibt es den objektiven Verriss, bei dem sich alle Kritiker einig sind?

Manchmal ergibt es sich, dass man just dasselbe Buch gelesen und noch nichts darüber geschrieben hat. Dann tauscht man vielleicht die Eindrücke aus. In der Regel muss man sich aber im stillen Kämmerlein mit dem Text auseinandersetzen und versuchen, dem einzelnen Buch gerecht zu werden. Das ist kein demokratischer Meinungsbildungsprozess. Der ergibt sich dann aber glücklicherweise im Konzert der Stimmen im Nachhinein. Wenn es viele negative Stimmen gibt, finden sich zur Freude des Autors dann meistens auch ein paar positive. Einhellige Totalverrisse sind ja selten.

Wie gehen Sie mit den besagten Grautönen und mit Begeisterung für ein Buch um?

Ich glaube, dass ich Bücher häufig mit gewissen Einschränkungen lobe und dabei nicht unter den Tisch fallen lasse, was mich stört. Wenn ich begeistert bin, dann bin ich aber wirklich begeistert. Und dann möchte ich das nicht auf eine allgemein wohltemperierte Mittellage herunterschrauben. Das soll man dann auch merken. Das soll ja dann auch neugierig machen.

Wie gehen Sie mit Fehlurteilen um?

Es kommt vor, dass man nach einiger Zeit ein Buch wiederliest und es ganz anders empfindet. Das betrifft jetzt aber weniger meine literaturkritische Arbeit. Die Begeisterung, die man im Pubertätsalter für Karl May aufgebracht hat, ist für den Erwachsenen nicht reproduzierbar. Wobei ich unlängst Karl May wiedergelesen und gedacht habe: So schlecht ist das ja gar nicht. Umgekehrt kann man vielleicht mit Texten etwas anfangen, die man früher genervt aus der Hand gelegt hat. Wenn man sich in einer Bibliothek in einem Alter vergreift, in dem man kreuz und quer liest, besteht die Möglichkeit, dass man ein Buch zu früh in die Hand bekommt. Was das literaturkritische Fehlurteil betrifft, fällt mir jetzt kein Fall ein. Wahrscheinlich war ich manchmal zu freundlich. Wenn man aber sehr streng mit einem Buch verfährt, so unterschätzt man oft, wie das beim Autor ankommt. Wenn einem dieser Autor dann begegnet und er sich im Gespräch in irgendeinen Nebensatz aus der Rezension verbeißt, den man der Ordnung halber kritisch angemerkt hatte – und das kann auch dann passieren, wenn der Hauptteil der Kritik positiv ist − dann denke ich mir manchmal, dass ich die Reaktion beim Verfassen des Nebensatzes nicht bedacht hatte. Aber wenn man es immer allen recht machen möchte, müsste man damit aufhören. Einzelne Verletzungen bleiben den Autoren schmerzhaft im Gedächtnis. Man muss halt gut argumentieren, dann könnte negative Kritik sogar dem in seinen Text verliebten Autor einleuchten.

In Klagenfurt übernachten Autoren und Juroren in verschiedenen Hotels. Wie halten Sie es mit Autorenfreundschaften?

In Österreich ist die Szene klein. Da muss man schon auf der Hut sein. Je mehr Freunde man hat, desto weniger Möglichkeiten bestehen, jemanden zu besprechen. Ich weiß nicht, was Autorinnen und Autoren sich wünschen: ob sie lieber nicht rezensiert werden und dafür einen freundschaftlichen Umgang pflegen wollen. Zu Einsamkeit führt das nicht. Man muss ja nicht über jeden schreiben. Wenn man nur einen Kaffee trinkt miteinander, ist das ja noch keine Freundschaft. Aber wenn man sich dann näher kennenlernen und außerhalb des Literaturbetriebs verabreden würde, kommt irgendwann der Punkt, wo es nicht mehr geht. Wenn eine Freundschaft sich anbahnt, dann ist beiden Beteiligten wohl die Freundschaft wichtiger als eine professionelle Beziehung.

Welches waren Ihre ersten Leseerlebnisse?

Pippi Langstrumpf und viele andere Kinderbuchklassiker. Zudem die Kinderbücher von Marlen Haushofer. In Österreich sind sie sehr bekannt. Die haben so 60er-Jahre-Titel wie "Brav sein ist schwer" und "Schlimm sein ist auch kein Vergnügen". Inhaltlich sind sie recht unkonventionell. Die haben mir damals sehr gut gefallen. Die Karl-May-Phase kam etwas später, mit elf oder zwölf. Hauptsächlich kam ich über meine Eltern an Bücher, die nach wie vor Vielleser sind. Beide sind zwar Juristen, aber doch mit einer sehr starken literarischen Schlagseite.

Wie wurden Sie zur Vielleserin?

Das intensivste und rauschhafteste Leseerlebnis ist Karl May gewesen. Das war früher ja für viele die Einstiegsdroge. Man ist dann nicht dort, wo man ist, sondern dort, wo die Geschichte spielt. Das ist das literarische Urerlebnis. Je weniger naiv man mit der Zeit wird, desto seltener hat man dieses Erlebnis. Dann liest man die Bücher nicht mehr identifikatorisch, sondern mit dem ständigen Versuch, auf Abstand zu gehen und sich beim Lesen über die Schulter zu schauen und dem Autor auf die Schliche zu kommen. In der Kindheit hat man das einfach genossen, verschlungen, wie das so schön heißt. Mit dem Gefühl, dass die Welt rundherum völlig unwichtig ist. Was da die Familie an Forderungen heranträgt, dass man in den Ferien auch einmal das Haus verlassen und an die frische Luft gehen sollte, das ist dann eine Zumutung. Ein starker literarischer Eindruck kann das bewirken. Das will man dann mit anderen Büchern wiederholen.  

Welche Rolle spielte die Schullektüre?

In der Schule mussten wir uns hier am Wasa-Gymnasium ab der fünften Klasse zwischen Griechisch und Darstellender Geometrie entscheiden. Das war leicht. Aber dann war ich von Griechisch begeistert. Das Griechische ist eine nicht so exakte Sprache wie das Lateinische. Es ist eine poetische, eine wandelbare Sprache mit verschiedenen Dialekten. Homer oder Sappho im Original empfinde ich als sehr lebendig. Mein bester Lehrer war dann auch der Griechisch-Lehrer. Griechische Lyrik hat mich sehr beeindruckt. Die habe ich dann auch zum Vergnügen übersetzt. Aber die meisten Texte, die mich darüber hinaus beeindruckt haben, zum Beispiel Marlen Haushofers "Die Wand", habe ich nebenbei, also neben der Schule entdeckt und gelesen. Als wesentliche Anregung aus der Schule fällt mir jetzt nur Camus ein.

Sie entdecken heute auch immer wieder vergessene oder unbekannte Autoren, beispielsweise Walter Buchebner. Welchen Stellenwert hat das in Ihrer Arbeit?

Das ist mir sehr wichtig. Ich versuche, bestimmte Autoren ins Gespräch zu bringen. Es gibt blinde Flecken. Gewisse Dinge geschehen in Österreich, ohne dass das in Deutschland bemerkt wird. Da muss man zunächst gar nicht viel argumentieren, sondern es geht einfach einmal darum, dass sich deutsche Kollegen das anschauen. Es gibt gar nicht so viele Kritiker, die eine echte Neugier haben, die Sachen entdecken wollen. Viele sind gelangweilt und übersättigt.

Buchebner wurde von den Beatniks aus den USA beeinflusst. Wie schätzen Sie Ginsberg & Co ein?

Die Beatniks habe ich in meiner Jugend nicht gelesen. Ich habe sie alle erst über Buchebner entdeckt. Im Rahmen der "Schule für Dichtung" ist Allen Ginsberg in Wien aufgetreten. Da habe ich ihn flüchtig kennengelernt. Vorher hatte ich mit dieser Art von Lyrik nichts zu tun.  Aber rhythmisch hat mir das dann gut gefallen. Und ich hatte auch eine Wolf-Wondratschek- und eine Erich-Fried-Phase. Das geht vorbei wie Masern. Irgendwann entwächst man dem. Meine Lieblinge sind andere, v.a. die Gedichte von Theodor Kramer, ganz ohne Beat Gestus: Neue Sachlichkeit, ohne sachlich zu sein.

In welchem Verhältnis stehen Novitäten zu Klassikern?

Klaus Nüchtern und ich führen ein monatliches Büchergespräch, "Tea for Three", bei dem wir jeweils mit einem Gast drei Bücher vorstellen. Darunter ist immer auch ein Klassiker. Das haben wir uns selbst geschenkt oder verordnet − je nachdem − damit man sich die Zeit nimmt und Klassiker, die man schon immer einmal lesen oder wiederlesen wollte, tatsächlich liest. So zwingen wir uns zu unserem Glück. Bevor man da wirklich jeden Blödsinn, der neu erscheint, liest und bespricht, ist es gescheiter, man setzt sich hin und liest beispielsweise die Russen. Denn bei den Neuerscheinungen kann es unmöglich eine Dichte an Qualität geben, die mit den Klassikern, die sich in den Jahrhunderten angesammelt haben, konkurrieren kann.

Welche Erfahrungen haben Sie beim Verfassen der Haushofer-Biografie gemacht?

Eine Biografie zu schreiben, ist eine Anmaßung. Als ich fertig war, habe ich gedacht, ich schreibe nie wieder eine Biografie über jemanden, dessen Tod zu knapp zurückliegt. Das waren damals dreißig Jahre. Das ist zwar ein gehöriger Abstand, aber man darf nicht vergessen, dass die Söhne der Autorin noch leben. Es muss herrlich sein, wenn man über einen Barock-Autor eine Biografie schreibt. Aufgrund der germanistischen Arbeitsweise, die ich bevorzuge, bin ich nicht jemand, der gerne Autoren kennenlernt, bevor ich über sie geschrieben habe. Mir ist es lieber, ich habe einfach nur den Text, mit dem ich mich auseinandersetze. Bei Biografien besteht das Problem, dass man der Person vielleicht näher kommt, als man es wollte. Ich glaube, dass man eine gewisse Distanz braucht, zugleich auch eine gewisse Zuneigung. Ich weiß nicht, ob ich mich, bei aller Bewunderung, mit der Haushofer verstanden hätte. Eine Leserin hat mir geschrieben, dass das tolle Bild, das sie von Marlen Haushofer hatte, durch mein Buch getrübt wurde. Das vergesse sie mir nicht. Wenn ich noch einmal eine Biografie schreibe, dann sollte die Person besser schon länger tot sein.

Welche Chancen bietet heute das Fernsehen der Literatur im Vergleich zu Print?

Ich habe früher das Literarische Quartett gerne gesehen und habe ihm auch einige Entdeckungen zu verdanken, wie beispielsweise Javier Marias. Ich finde es sauertöpfisch, wenn man sagt, so könne man nicht über Literatur reden. Das Fernsehen an sich ist sicher ein literaturfeindliches Medium. Es geht ja ums Sehen und nicht ums Hören. Aber jeder Fußbreit Terrain, den die Literatur im Fernsehen aufgibt, ist auf ewig verloren. Die Sendungen, die es gibt, sollte man verteidigen. Das ist jedoch kein Ersatz für eine Auseinandersetzung in der Zeitung. Es gibt Kritiker, die wunderbar schreiben und sich beim Reden schwer tun. Manche Leute argumentieren schriftlich viel besser als mündlich.

Was halten Sie vom vielbeschworenen Niedergang der Literaturkritik?

Der kulturpessimistische Abgesang der Literaturkritik ist ja schon hundert Jahre alt. Seit es die Literaturkritik gibt, geht sie unter. Nun gibt es sie aber immer noch. Mag sein, dass ihre Bedeutung kleiner wird. Aber ich messe die Wirkung einer Kritik nicht an Absatzzahlen. Manchmal möchte man die Leute ja auch warnen und wäre froh, wenn sie nichts kaufen.

Wir haben uns per Mail verabredet und alles hat geklappt. Aber wie kommt es, dass Sie kein Handy haben?

Man könnte ja auch Leute fragen, warum sie ein Handy haben. Es ist eine Bequemlichkeit, die ich mir leiste, die den anderen vielleicht das Leben schwer macht. Ich habe ein Handy selten wirklich vermisst. Ich bin ja nicht die Feuerwehr. Es gibt selten literarische Notfälle, bei denen man sofort einschreiten muss. Dafür lohnt es sich jedenfalls nicht, seinen Seelenfrieden zu riskieren und immer erreichbar zu sein. Es gibt zwei Festnetztelefonnummern und ich lese regelmäßig meine E-Mails. Wer mich wirklich sucht, der findet mich.

Und wie bewegen Sie sich online?

Facebook und Twitter mache ich aus Zeitgründen nicht. Ich weiß gar nicht genau, wie das funktioniert. Womöglich werde ich süchtig, wenn ich einmal damit anfange. Dabei verbringe ich schon mit dem Erledigen der Mails relativ viel Zeit. Ich habe auch gar kein Bedürfnis, mich anders als in der normalen schriftlichen Form irgendjemandem gegenüber zu äußern. Ich wüsste nicht, warum.

Interview: Nicola Bardola

 

Termin:
Der Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik wird während der Leipziger Buchmesse am Donnerstag, den 14. März 2013 um 14 Uhr im "Berliner Zimmer", Halle 5 E 315, vergeben. Die Laudatio hält der Journalist und Kritiker Paul Jandl.

Mit dem Preis zeichnet das Börsenblatt seit 1977 literaturkritisches Wirken aus. Die Auszeichnung ist mit 5.000 Euro dotiert. In den letzten Jahren erhielten den Preis unter anderen Helmut Böttiger, Ina Hartwig, Dorothea von Törne, Gregor Dotzauer und Burkhard Müller.

Der Jury gehören an: Dr. Maria Gazzetti (Geschäftsführerin Stiftung Lyrikkabinett), Peter Härtling (Autor), Michael Lemling (Geschäftsführer der Münchner Buchhandlung Lehmkuhl), Prof. Klaus Reichert (Ehrenpräsident der Akademie für Sprache und Dichtung), Klaus Schöffling (Verleger) und Torsten Casimir (Chefredakteur Börsenblatt).

Informationen zum Preis und früheren Preisträgern.

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