Interview mit DFG-Präsident Peter Strohschneider

"Im Vordergrund stehen die Forschungsinteressen"

Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) hat ein neues Konzept zur Förderung von Sondersammelgebieten in Bibliotheken beschlossen, das der Beschaffung digitaler Medien den Vorzug geben soll – die sogenannte e-only-policy. Das hat vor allem bei Verlegern sozial- und geisteswissenschaftlicher Fachliteratur Unruhe hervorgerufen. Boersenblatt.net hat den neuen Präsidenten der DFG, Peter Strohschneider, dazu befragt. VON INTERVIEW: MICHAEL ROESLER-GRAICHEN

Trifft es zu, dass die neue Sondersammelgebietsförderung der DFG auch sozial- und geisteswissenschaftlichen Sondersammelgebietsbibliotheken auferlegt, primär digitale Medien zu beschaffen?
Mit dieser Frage spielen Sie auf die e-only-policy an, die für die neuausgerichtete Förderung im Programm "Fachinformationsdienste für die Wissenschaft" – als Nachfolge der traditionsreichen Sondersammelgebiete – festgelegt wurde. Hier wie sonst lohnt es sich, genau zu lesen: Nach den Förderrichtlinien besagt die e-only-policy, dass im Interesse des schnelleren Zugriffs und der umfassenderen Nutzungsmöglichkeiten stets der digitalen Form einer Veröffentlichung – sofern vorhanden – der Vorzug gegeben werden sollte. Von diesem Grundsatz kann allerdings dann abgewichen werden, wenn es aus fachlicher Sicht sinnvoll erscheint oder der Erwerb und die überregionale Bereitstellung der elektronischen Version aus praktischen Gründen (noch) nicht umsetzbar sind. Diese Festlegung ist eine der Neuerungen, die sich aus der Evaluierung der Förderung der Sondersammelgebiete in den Jahren 2010-2011 ergeben haben. Die Evaluierung führte nämlich zu dem eindeutigen Ergebnis, dass die Sondersammelgebiete nur dann weiterhin erfolgreich zur hervorragenden Informationsinfrastruktur in Deutschland beitragen können, wenn die spezifischen Interessen der Fächer stärker beachtet werden und die Integration digitaler Veröffentlichungen grundlegend verbessert wird. Künftig wird es daher von zentraler Bedeutung sein, wie die Bibliotheken, die einen Fachinformationsdienst betreuen, auf die fachlichen Interessen eingehen – auch bei der systematischen Berücksichtigung elektronischer Publikationen. Dies gilt im Übrigen nicht nur für geistes- und sozialwissenschaftliche Fachgebiete, sondern systemweit für die Fachinformationsdienste aller Disziplinen.

Wie wirkt sich dies auf die Mittel aus, die zur Erwerbung gedruckter Publikationen in diesen Sondersammelgebieten zur Verfügung stehen?
Die DFG unterstützt auch weiterhin die Bibliotheken bei der Erwerbung wissenschaftlicher Spezialliteratur – gleichgültig in welcher Medienform – , um eine optimale Versorgung der Fachcommunities zu gewährleisten. Um diesen Anspruch einlösen zu können, werden die Förderbedingungen im neu ausgerichteten Programm ganz flexibel gestaltet. So wird es keine Beschränkung der Förderung auf bestimmte Medienarten, Erscheinungsdaten oder ‑orte mehr geben. Im Vordergrund stehen allein die differenzierten Forschungsinteressen und Publikationskulturen der Fächer. Wir gehen davon aus, dass diese Öffnung und größere Freiheit der Mittelverwendung durchaus zu einem stärkeren Konkurrenzdruck um die Mittel führen kann, der allerdings wohl nicht vornehmlich an der Grenzlinie Print versus Digital spürbar werden wird. Eher dürften allgemein die beantragten Vorhaben in härtere Konkurrenz zueinander geraten. Wie immer wird die DFG ihre Förderentscheidungen jedoch ausschließlich auf die Qualität der Anträge stützen – wie sich die Mittel auf Print oder Digital verteilen, ist demgegenüber von nachgeordneter Bedeutung. Da die Wissenschaft selbstverständlich auch eine angemessene Berücksichtigung der wachsenden Anzahl digitaler Veröffentlichungen erwartet, rechnen wir mit einem allgemeinen Trend wachsender Ausgaben für digitale Medien. Sorgen machen uns vor allem die stetig und zum Teil erheblich steigenden Preise für lizenzpflichtige elektronische Veröffentlichungen, die alle Bibliotheken seit Jahren belasten.

Mit welchen Folgen dieser Anschaffungsvorgaben für die Angebote der Verlage und die Publikationsmöglichkeiten deutscher Sozial- und Geisteswissenschaftler rechnen Sie?
Die Förderung der DFG hat sich in den letzten 60 Jahren allein auf Veröffentlichungen aus dem Ausland bezogen. Aus der Flexibilisierung der Förderung, bei der künftig der Erscheinungsort für die finanzielle Unterstützung von Erwerbungskosten keine Rolle mehr spielt, lassen sich für das deutsche Verlagsangebot daher kaum Konsequenzen ableiten – es seien denn positive. Im Übrigen finde ich den Ausdruck "Anschaffungsvorgaben" – sofern Sie damit nicht die oben erläuterte e-only-policy meinen – ungeeignet: Eine der grundlegenden Neuerungen der DFG-Förderung liegt ja gerade darin, dass bei der Betreuung eines Fachinformationsdienstes nicht einheitliche Regeln, sondern vorrangig die je spezifischen Erwartungen der Fächer Beachtung finden sollen. Insofern kommen die Vorgaben aus den Fachcommunities und sie sollten von den Bibliotheken in umsichtiger und vorausschauender Weise umgesetzt werden.

Glauben Sie, dass es den Interessen zum Beispiel von Geisteswissenschaftlern entspricht, wenn ihre Bibliotheken mehr Geld für digitale Angebote als für Bücher und gedruckte Zeitschriften ausgeben?
Erneut bedarf es hier der fachspezifischen Differenzierung; auch der Ausdruck 'Geisteswissenschaften' umfasst ja ein Feld höchst differenzierter Publikationspraxen und Ansprüche an bibliothekarische Versorgung. Da die Bibliotheken, die einen DFG-geförderten Fachinformationsdienst betreuen, die Interessen der Fächer in den Mittelpunkt stellen sollen, wird die Ausgabenverteilung je nach Fachgebiet durchaus unterschiedlich ausfallen können und müssen. Sofern also für die optimale Versorgung der Community eines Faches insbesondere schwer zugängliche gedruckte Veröffentlichungen aus dem außereuropäischen Ausland beschafft werden müssen, gibt es zum konventionellen Bestandsaufbau kaum eine Alternative. Anderweit kann das hingegen ganz anders aussehen. Aus der Auswertung der Evaluierungsstudie zur Sondersammelgebietsförderung wissen wir, dass auch in den Geisteswissenschaften ein Bedeutungswachstum digitaler Veröffentlichungen erwartet wird, und das ist ja auch nicht überraschend. Darauf müssen sich die Bibliotheken einstellen. Die DFG jedenfalls wird den Geisteswissenschaften nicht pauschal eine Präferenz für entweder Print oder Digital zuschreiben, sondern sie wird das Vorhaben einer Bibliothek dann fördern, wenn auf hohem qualitativem Niveau die notwendige Differenzierung gewährleistet ist und verantwortungsvoll mit den fachlichen Interessen umgegangen wird.

Hielten Sie eine Sondersammelgebietsbibliothek für förderungswürdig, deren Leitung sich allein an der inhaltlichen Qualität und Bedeutung  von neuen Publikationen und nicht an deren Medienformat orientieren würde? Oder, anders gefragt: Gibt es Medienformate, denen eine besondere Förderungswürdigkeit inhärent ist?
Beide Fragen sprechen durchaus nicht das Gleiche an. Wie schon erläutert werden alle Anträge in der DFG ausschließlich nach fachlicher und informationsfachlicher Qualität beurteilt – etwas anderes wollen Sie doch sicherlich nicht unterstellen. Daher kann es auch nicht die Frage der Medienformate sein, die über eine Förderung maßgeblich entscheidet. Sofern Sie mit Ihrer zweiten Frage jedoch grundsätzliche Unterschiede zwischen digitalen und analogen Veröffentlichungen ansprechen, möchte ich nur so viel sagen, dass insbesondere in den Geisteswissenschaften nicht nur die Möglichkeit der schnellen Bereitstellung elektronischer Texte am eigenen Bildschirm, sondern auch die erweiterten Bearbeitungs- und Nutzungsmöglichkeiten von Volltexten vielfach als ein Vorzug digitaler Veröffentlichungen gesehen werden können. Auch hier tut also Differenzierung Not. Beileibe nicht jeder Text muss digital vorliegen, um gelesen werden zu können. Und Lektüre ist durchaus nicht die einzige Form, mit einem Text umzugehen (und war es übrigens auch nie).

Halten Sie generell die Strukturvorstellungen von Forschungsförderorganisationen oder die Erwartungen der von ihr geförderten Wissenschaftler für wichtiger? Wenn Letzteres: Was tut die DFG, um die Erwartungen zum Beispiel von deutschen Geisteswissenschaftlern an ihre Förderangebote zu ermitteln?
Ihre erste Frage ist polemisch! Für die DFG als Selbstverwaltungsorganisation der Wissenschaft in Deutschland sind die Erwartungen und Belange der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verbindlich, und dies zwar bei der Entwicklung des gesamten Förderportfolios ebenso wie bei sämtlichen Förderentscheidungen und über das ganze Spektrum der Wissenschaft 'in allen ihren Zweigen' hinweg. Geltend gemacht werden diese Belange von den Gutachterinnen und Gutachtern, von den in öffentlichen Wahlen bestimmten Mitgliedern der derzeit 48 Fachkollegien und von den ebenfalls gewählten wissenschaftlichen Mitgliedern des Senats und der Bewilligungsausschüsse der DFG. Ihrer zweiten Frage liegt eine disziplinäre Einheitsfiktion zugrunde, welche die Differenziertheit und Komplexität moderner Geisteswissenschaften, ihrer Forschungspraxen und Medienformen unterschätzt. Im Falle der Umstrukturierung der Sondersammelgebiete ging und der Neuausrichtung der entsprechenden Förderung hat die DFG dieser Differenziertheit und Komplexität in einem aufwändigen Prozess Rechnung getragen, zu dem eine ausführliche Befragung der Fachkollegienmitglieder im Rahmen der Evaluierungsstudie ebenso gehörte wie die Mitwirkung einer Expertenkommission, der auch namhafte Geistes- und Sozialwissenschaftler angehörten. Es waren nicht zuletzt Vertreter dieser Fächer, die ausdrücklich eine Verbesserung auch der digitalen Informationsversorgung eingefordert haben. Eben dies hat die DFG zu einer selbstkritischen Überprüfung ihres Förderhandelns und im Ergebnis dann auch dazu gebracht, die Förderung der Sondersammelgebiete so zu reformieren, dass die Weiterentwicklung der wissenschaftlichen Informationsinfrastrukturen in Deutschland nicht an einer unfruchtbaren und sachfremden Entgegensetzung von Print und Digital, sondern im Interesse ihrer Leistungsfähigkeit an der Vielfältigkeit fachlicher und forschungspraktischer Interessen sich ausrichtet.

 

Zur Person
Professor Peter Strohschneider (Jahrgang 1955) ist seit 1. Januar 2013 Präsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG). Von 2006 bis 2011 war der Hochschullehrer Vorsitzender des Wissenschaftsrats. Seit 2002 ist er Inhaber des Lehrstuhls für Germanistische Mediävistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

 

 

Weitere Informationen:

"Nach den Sondersammelgebieten: Fachinformationen als forschungsnaher Service", ZFBB H. 1, 2013, S. 5-15, und  http://www.dfg.de/foerderung/programme/infrastruktur/lis/lis_foerderangebote/fachinformationsdienste_wissenschaft/index.html

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