Lesetipp zu Amazon

Schlacht um Europa

In der heutigen Ausgabe der "ZEIT" nehmen Kilian Trotier und Maximilian Probst Jeff Bezos Online-Imperium unter die Lupe. Für die Beschreibung der Amazon-Strategie wählen sie Kriegsvokabular. Unglücklich: Eine missverständliche Information im lesenswerten Artikel. Dort wird nämlich irrtümlicherweise behauptet, der Börsenverein fordere, in Deutschland Kartellklage gegen Amazon anzustrengen.

Amazons beispiellosem Siegeszug in den USA ist der erste Teil Artikels gewidmet: Borders-Pleite, Amazons "diebische Freude" angesichts Apples verlorenem Prozess um das Agency-Modell (dem Quasi-Versuch, Amazons Dumping-Preisstrategie durch die Einführung einer Art Buchpreisbindung aufzubrechen) und die verfehlte Nook-Strategie von Barnes & Noble werden beschrieben. Jeff Bezos wirkt dabei wie ein eiskalter General, für den Worte wie Kultur oder die Liebe zum Buch keinerlei Bedeutung haben.

Über die Brücke der aktuellen Verhandlungen um ein europäisch-amerikanisches Freihandelsabkommen wird der Blick auf Europa geworfen, wo Amazon unter anderem von unterschiedlichen Mehrwertsteuersätzen auf Bücher und E-Books profitiert und sich auch sonst legaler Steuertricks bedient.

Höhepunkt des Artikels: Die vergeblichen Bemühungen des europäischen Buchhändlerverbands, EU-weite "Interoperabilität" einzufordern. Das bedeutet: Die geschlossenen Systeme von Apple und Amazon aufzubrechen, die deren Kunden samt ihrer Bibliotheken an die Lesegeräte Kindle und das iPad fesseln, was vor allem die Monopolstellung Amazons im Onlinehandel untermauert.

Besonders die zuständige EU-Kommissarin Neelie Kroes und EU-Digital-Expertin Boix Alonso werden harsch für ihre Untätigkeit kritisiert.

Es folgt im Text eine Passage, die für Fragezeichen sorgt: "so fordert der Börsenverein des Deutschen Buchhandels, nun ein Kartellverfahren gegen Amazon auf nationaler Ebene anzustrengen" - dies sei nicht der Fall, heißt es auf Anfrage von boersenblatt.net: "Der Börsenverein hat kein Verfahren beim Bundeskartellamt gegen Amazon angestrengt", teilt der Verband knapp mit. Ob ein solcher Schritt derzeit geprüft werde oder aus Verbandssicht ein denkbares Szenario wäre - dazu wurden keine Angaben gemacht. 

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5 Kommentar/e

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  • Volker Oppmann

    Volker Oppmann

    Was immer wieder übersehen wird, ist, dass das Entscheidende nicht die Reader (= die Spitze des Eisbergs) sind, sondern das, was sich dahinter / darunter verbirgt: die Cloud-Services!

    Der Buchhandel der alten Welt ist ein KANAL, der Bücher ausschließlich in Richtung ihrer institutionellen sowie privaten Kunden durchschleust, der Buchhandel der digitalen Welt ist aber längst kein Buchhandel mehr – er ist selbst BIBLIOTHEK geworden, der Inhalte akkumuliert und über die Funktion, die er damit de facto ausübt, den Auftrag öffentlicher Bibliotheken ursupiert.

    Der Kunde hat kein Bücherregal mehr "zu Hause", sondern auf einem Server, das er sich mit all den anderen Nutzer teilt, ob er sich dessen nun bewusst ist oder nicht. Die Reader sind nur eine Art Fenster oder gerne auch Fernseher, die einem Einblick auf diese Bibliothek gewähren, die allerdings niemand mehr besitzt außer dem jeweiligen Anbieter – in diesem Falle Apple, Amazon & Co.

    D.h. Apple, Amazon & Co. sammeln Inhalte, machen diese zugänglich und kontrollieren alleine (!) die Nutzung von Inhalten – die Themen Datenschutz (Nutzerdaten, etc.), Zensur (welche Inhalte dürfen überhaupt über die Plattform veröffentlicht werden?) und Nutzungsrechte/ Verbraucherschutz noch gar nicht mit einberechnet.

    Wir haben hier nicht nur ein gewaltiges marktwirtschaftliches, sondern ein GESELLSCHAFTLICHES Problem.

    Wir steuern auf eine Zukunft zu, in denen einige wenige kommerzielle Anbieter allein (!) den Zugang zu und die Nutzung von Inhalten kontrollieren.

    Das ist der wahre Horror, also bitte langsam aufwachen !!


    PS: Während es in der physischen Welt durchaus sinnvoll ist, zwischen Bibliothek (ganz gleich, ob öffentlich oder privat) und Shop (Buchladen) zu differenzieren, wird diese Unterscheidung in der digitalen Welt obsolet, da eBooks nichtmaterielle Güter sind, die man nicht »kauft« und auch nicht besitzen kann. Der Leser erwirbt lediglich ein Nutzungsrecht, d.h. eine Lizenz, sodass sich der Zugang zu Inhalten lediglich über den Umfang der eingeräumten Nutzungsrechte unterscheidet (dauerhaftes Nutzungsrecht
    = gefühlter »Kauf« in einem »Shop« versus zeitlich begrenztes Nutzungsrecht = gefühlte »Leihe« in einer »Bibliothek«).

  • Erzett

    Erzett

    Gegen die beklagte Inoperabilität und damit verbundene geschlossene Systeme wie das von Amazon/Kindle gibt es ein sehr einfaches Mittel: den Verzicht auf Kopierschutzmaßnahmen.

    Es sind allein die unterschiedlichen DRM-Systeme, die Verlage und andere Händler daran hindern, auch E-Books für Kindle-Besitzer anzubieten.

    Leider glauben viele Autoren, Verlage und Händler immer noch, DRM schütze vor allem vor illegalen Kopien. Das ist schlicht ein Irrtum. DRM erschwert vor allem den Handel und den Umgang der Leser mit E-Books, es ermöglicht überhaupt erst geschlossene Systeme wie das von Amazon.

    Niemand muss auf die EU-Kommisarin warten. Es genügt – endlich – von der Musikindustrie zu lernen, dann lösen sich viele Probleme in Luft auf.

    Einige Verlage und Händler gehen schon diesen Weg, aber es sind noch nicht genug, um eine kritische Masse zu bilden. Die, die noch auf DRM bestehen, fördern damit vor allem Amazons Vormachtstellung.

  • Verkaufnix

    Verkaufnix

    @Volker Oppmann: Da malen Sie aber einen digitalen Teufel an die Wand, den ich nicht erkennen kann. Ihr Horror-Szenario hätte folgende Nebenbedingungen: Es gibt grundsätzlich weltweit nur noch 2 bis 3 Anbieter für digitale Inhalte. Die Verlage existieren nicht mehr oder haben sich per Knebelvertrag dazu verpflichtet, nur über dieses Oligopol zu vertreiben. Selbstverleger verlegen nicht mehr. Brancheneigene Lösungen gibt es ebenfalls nicht mehr. Ich halte das -sorry- für absurd. Klar ist überall im Internet die Gefahr gegeben, daß mit unseren Daten Schindluder getrieben wird -Facebook & Co. lassen grüßen. Viel zu viele User machen einen Net-Striptease und wundern sich, daß man alles über sie weiß. Eine Wissen- und Informationskontrolle, wie von Ihnen heraufbeschworen- setzt aber staatliche Zensur voraus. Es ist an Jedem selbst, seine Informationswege so zu wählen, daß er nicht in Abhängigkeit einiger Weniger gerät. Aber selbst wenn, kann er das jederzeit wiederrufen und ändern. Ich sehe hier eben gerade eine wirtschaftliche Problematik - Apple hat das geschickt mit seinen iTunes etc. vorgemacht, andere ziehen da nur nach.

  • Volker Oppmann

    Volker Oppmann

    @Verkaufnix:

    So absurd wie Sie vielleicht meinen ist das Szenario leider nicht – bereits heute kontrolliert Amazon 41% des digitalen Marktes, gefolgt von der Tolino-Allianz (31% = Thalia (16%) + DBH (15%)), Apple (10%) und dann kommt erst einmal ganz lange nichts.

    Das Entscheidende ist m.E. nämlich nicht, wie viele Angebote es theoretisch im Markt gibt, sondern welche dieser Angebote auch tatsächlich genutzt werden.

    Die Logik dahinter: Nur wer entsprechende Nutzerzahlen hat, verfügt auch über die nötige Reichweite, um tatsächlich gesellschaftlich relevant zu sein – sämtliche anderen Anbieter sind leider völlig irrelevant. Und der Konzentrationsprozess nimmt sogar noch zu. Das Oligopol ist damit bereits heute Realität.

    D.h. es mag sehr wohl (noch) brancheneigene "Lösungen" geben, sie sind gemäß der obigen Definition aber nicht relevant, da sie nicht genügend Nutzer haben und damit in der öffentlichen Wahrnehmung sowie der tatsächlichen Online-Nutzung keinerlei Rolle spielen.

    Zu den Verlagen: Ein Teil der Verlage wird sicherlich auch weiterhin existieren, er wird jedoch von einigen wenigen Anbietern abhängig sein (bzw. ist es bereits heute), die ihm (siehe Amazon) aber durch eigene Verlagslabel sowie Selfpublishing-Angebote noch zusätzlich Konkurrenz machen. Dabei zwingt die Verlage kein Knebelvertrag, sondern reine wirtschaftliche Notwendigkeit.

    »Die Zukunft, die bereits geschehen ist« (Peter F. Drucker)

    Amazon, Apple & Co. sind über ihre Cloud- und Social-Reading-Services samt Annotations-Funnktionen bereits heute digitale Meta-Bibliotheken, die exakt das tun, was ich weiter oben in meinem anderen Kommentar beschrieben habe. Die Zukunft ist also bereits da, wenngleich sie noch durch die Brille der Vergangenheit wahrgenommen wird.

    Auch die Selfpublisher wird es weiter (und sicherlich in Zukunft auch noch vermehrt) geben, nur dass auch diese von Amazon abhängig sind, da sie nur dort nennenswerten Umsatz machen (aktuell >70%).

    Und der Rest der Online-Buch-Communities? Goodreads wurde kürzlich von Amazon gekauft. Abebooks und damit das ZVAB gehören bereits seit Längerem zu Amazon (wie ca. 40 andere Firmen auch).

    Aber kommen wir zur Zensur bzw. Kontrolle: Versuchen Sie doch beispielsweise mal, bei Apple Inhalte hochzuladen, die nicht den firmeneigenen "Werten" entsprechen.

    Und wer kontrolliert meine digitale Bibliothek auf dem Kindle? Amazon oder ich? Sicherlich wird es sich Amazon 2x überlegen, bevor sie wieder eine Lösch-Aktion à la 1984 fahren, was aber nichts an der Tatsache ändert, dass ich ein gläserner Nutzer bin, der Amazon vollkommen ausgeliefert ist.

    Aktuell bekomme ich bei Amazon ja noch nicht einmal "meine" "gekauften" eBooks aus deren System heraus, wenn ich beispielsweise auf den Sony Reader wechseln möchte.

    Und selbst wenn: all "meine" Anmerkungen, Notizen und Lesezeichen würde ich selbst dann zurücklassen müssen, weil das, was wir als Kunden als "Ausstattung" eines eBooks wahrnehmen, nicht Teil des eBooks, sondern Teil der ausführenden Software-Infrastruktur ist.

    Insofern bin ich völlig bei Ihnen: JA, das ist ein absolutes Horror-Szenario. Aber leider alles andere als absurd, sondern bereits bittere Realität.

  • Galbadon

    Galbadon

    @Erzett: Bravo, Erzett. So ist es, DRM arbeitet Amazon direkt in die Hand. Wer auf DRM besteht, sagt auch ja zu Amazons digitaler Weltherrschaftsfantasie.

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