Die Sonntagsfrage

Herr Beekveldt, für wen produzieren Sie eigentlich Bücher in einfacher Sprache?

Fast ein Viertel der Bevölkerung kann nicht richtig lesen und schreiben. Der Münsteraner Verlag Spaß am Lesen gibt Bücher heraus, die genau solchen erwachsenen Lesern Mut machen wollen, sich mit Literatur zu beschäftigen. Geschäftsführer Ralf Beekveldt erklärt zum heutigen Welttag der Alphabetisierung, warum der Buchhandel ausgerechnet mit Lesestoffen für eine Zielgruppe punkten kann, von der es heißt, dass sie gar nicht liest.

In Deutschland gibt es 7,5 Millionen „funktionale Analphabeten“. Das sind Erwachsene, die nicht richtig lesen und schreiben können. Darüber hinaus gibt es eine große Gruppe von Menschen, die ungern lesen und eine schlechte Rechtschreibung haben. Zusammen sprechen wir über ein Viertel der Bevölkerung (laut level one-Studie der Uni Hamburg, 2011). Für sie alle machen wir Bücher. Das klingt erstmal ziemlich dämlich. Denn wer nicht gut lesen kann, kauft sich freiwillig kein Buch, oder?! Warum machen wir das also? Lassen Sie mich eine Gegenfrage stellen: Können wir es uns leisten, 20 Millionen Menschen einfach links liegen zu lassen?

Unsere Welt ist eine Welt der Schrift: Fahrpläne, Formulare, Einkaufszettel, das Internet. Egal, ob im Job oder in der Freizeit: Überall müssen Sie lesen können. An bestimmten Punkten kommen funktionale Analphabeten an ihre Grenzen. Zum Beispiel, wenn sie ihren Kindern nicht bei den Hausaufgaben helfen können.

Ein solches Erlebnis kann ein Auslöser sein, sich Hilfe zu holen. Es gibt Alpha-Kurse für Erwachsene, zum Beispiel bei den Volkshochschulen. Versetzen Sie sich in die Lage dieses Menschen: Sie sind in einem Kurs und möchten lesen lernen. Normale Bücher verstehen Sie nicht. Sie sind zu schwierig. Vom Sprachniveau her müssten Sie Kinderbücher lesen. Aber Sie sind erwachsen und finden Kinderbücher … kindisch.


 

Bücher in einfachem Deutsch sind Hilfe zur Selbsthilfe. Denn lesen lernt man am besten durch lesen. Dafür braucht man als ungeübter Leser Bücher, die interessant und verständlich zugleich sind. Wir sprechen in diesem Zusammenhang von einer Spirale des Lesens: Wer gern liest, liest öfter. Wer viel liest, liest besser. Wer gut lesen kann, liest gern. Und hier fängt der Kreis von vorne an.

Mit Büchern in Einfacher Sprache können ungeübte Leser ihre ersten „Lesekilometer“ machen.  Das bedeutet: Sie lesen und haben Spaß dabei. Für viele ist das eine neue Erfahrung, die sie unglaublich motiviert. Wenn dieser Schritt geschafft ist, geht das Lesenlernen fast von allein. Denn mit jeder Zeile gewinnen die Leser Sicherheit und Selbstvertrauen.

Deshalb vereinfacht der Spaß am Lesen Verlag aktuelle Bestseller. Wie zum Beispiel Ziemlich beste Freunde von Phillipe Pozzo di Borgo. Oder "Tschick" von Wolfgang Herrndorf (erscheint voraussichtlich im Oktober 2013). Vergleichen Sie selbst:

Original

"Wenn ich das im Film sehen müsste, würde mir mit Sicherheit übel, denke ich, und tatsächlich wird mir jetzt übel, auf dieser Station der Autobahnpolizei, was ja auch irgendwie beruhigend ist. Für einen kurzen Moment sehe ich noch mein Spiegelbild auf dem Linoleum auf mich zukommen, und dann knallt es, und ich bin weg."

Einfache Sprache

"Ich denke: Wenn ich das im Film sehen müsste, würde mir mit Sicherheit übel.
Und tatsächlich, mir wird übel. Ich kippe vom Hocker,
sehe noch das Linoleum auf mich zukommen.
Dann knalle ich auf den Boden und bin weg*.

*Bin weg: Hier: Bewusstlos werden, ohnmächtig werden."

Am Ende eines langen Weges traut sich unser Leser dann vielleicht auch an das Original.

Ein Problem bleibt. Unsere Leser gehen selten in eine Bibliothek oder einen Buchladen. Wie erreichen wir sie also? Im Moment erreichen wir vor allem zwei Kundengruppen. Die erste Gruppe sind die öffentlichen Bibliotheken. Es ist ihr Auftrag, Leseförderung zu betreiben. Immer mehr Bibliothek entdecken, dass auch Leseförderung für Erwachsene wichtig ist. Sie richten beispielsweise Abteilungen für Bücher in Einfacher Sprache ein. Die zweite Gruppe sind Multiplikatoren, die unsere Bücher nutzen: Kursleiter an Volkshochschulen oder in Integrationskursen, Betreuer in Einrichtungen der Behindertenhilfe und Lehrer in Förderschulen.

Beide Gruppen sind oft Stammkunden in der Buchhandlung ihres Vertrauens. Im Moment müssen sie Bücher in Einfacher Sprache meist bestellen.  Hier liegt eine Chance für den Buchhandel, die bisher kaum genutzt wird. Leseförderung als Thema für Erwachsene – das ist ein ziemlich neuer Gedanke. Bücher in Einfacher Sprache spielen dabei eine Schlüsselrolle. 20 Millionen Menschen würden im Moment kein Buch in die Hand nehmen. Begeistern wir sie für's Lesen – mit Büchern in Einfacher Sprache.

Übrigens: Dieser Text ist mit wenigen Ausnahmen in Einfacher Sprache geschrieben. Hätten Sie das gemerkt?

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8 Kommentar/e

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  • Lesie & Sprachie

    Lesie & Sprachie

    "In einfacher Sprache" - finde ich eine bizarre Aufteilung. Gefällt mir irgendwie überhaupt nicht. Und der Artikel - ob er in "einfacher Sprache" war - dahingestellt. Eher langweilig. Und oberflächlich. Marketing. In einer skandalösen Angelegenheit: Es gibt noch immer Analphabeten "bei uns". Ah - !

  • Katharina

    Katharina

    Tja, liebe/r Lesie und Sprachie, mit Barrierefreiheit und Inklusion und damit Einfacher Sprache haben Sie sich wohl noch nicht beschäftigt. Ist aber zum Glück im Kommen.

  • xantcha

    xantcha

    In Amerika ist das schon lange üblich. Ich habe auch diverse Romane aus meiner Jugendzeit im Regal stehen, die vorne einen Vermerk tragen, dass sie in einfacher Sprache geschrieben sind.
    Und bei anderen Medien wie Schulbüchern, Broschüren, Bedienungsanleitungen, etc. sind Maßnahmen wie die oben gezeigte schon lange üblich und notwendig.

  • Lesie und Sprachie

    Lesie und Sprachie

    Liebe Katharina - Doch. Ich beschäftige mich sogar schon sehr lange, eigentlich immer, nonstop, mit Sprache(n) und Vermittelbarkeit und Alphabetisierung. Mit abstrakten Worten wie "Inklusion" und "Barrierefreiheit" ist es auch nicht getan. Es geht darum, die Wahrheiten zu sagen. Die Sprachkurse für Flüchtlinge werden seit langem zusammengekürzt. Gleichzeitig wird behauptet, diese Menschen seien lernunwillig etc.pp. Wir brauchen dieses rechtslastige Hetz-Zeug nicht zu wiederholen, hier. Zugleich wird seit ein paar Jahren, verstärkt leider auch durch Berichte bei ARD und ZDF, immer wieder betont,wie viel doch an "Sprachkenntnissen" den Migrantenkindern fehle - und man spricht in Berlin schon von "Kindergartenzwang" für Kinder aus bestimmten Herkunfts-Milieus. Um ihnen angeblich "Chancengleichheit" anzubieten. Doch sind die Erzieherinnen ja keine Sprach-Lehrerinnen. Dafür sind sie weder ausgebildet, noch besitzen sie selbst entsprechende Fremdsprachenkenntnisse: um sich auf diese Weise in die Sprachwelt(en) der Flüchtlinge und ihrer Kinder hineinzuversetzen. Und sogenannte "Fehler" besser zu verstehen: Im Türkischen ist z.B. der Plural bereits mit der angegebenen Zahl klar. So dass das dazugehörige Subjekt im Singular bleibt - was, übertragen auf die deutsche Sprache lautete: - "2 Kind". Statt: "2 Kinder".

    Was ich ausdrücken möchte, ist, mit Angeboten von "Einfacher Sprache" ist das Problem an sich keineswegs gelöst. Sondern stellt in meinen Augen ausgrenzende Heuchelei und Augenwischerei dar. Und verschleiert zugleich das menschenunwürdige Dasein, das vor allem Flüchtlingen zugemutet wird. Das beginnt mit der Unterbringung in bestenfalls Barracken, dazu zähle ich auch heruntergekommene, leerstehende Schulen - also auch kein Umfeld, das irgendwie kind-oder menschengerecht wäre - wer soll da lernen.
    Und was die sogenannten "Hartz-4-Kinder" betrifft. Es ist ein Skandal, was hier politisch verbrochen worden ist und es scheint absehbar kein wirklicher Mensch in der Politik, der diese Zwangsarmut wieder beseitigt. Dafür haben wir die Gut-Menschen, die sich mit den Kindern, die z.B. in die Berliner "Arche" gehen, um ein warmes Mittagessen (kantine-mäßig) zu kriegen, und etwas Lern-Hilfen - ablichten lassen, und Pfarrer, die in Talk-Shows und eigenen Büchern diese Schicht in die Pfanne hauen...

    Nein. Meine Ansätze sind viel radikaler. Wenn es für die Menschen, für die wir die Wörter Inklusion und Barrierefreiheit geschaffen haben - oder welche Spin-Doctores es waren, wirklich um echte Teilhabe gehen sollte, könnte man sich drum kümmern. Aber ich glaube, es ist in Wirklichkeit nicht erwünscht. Sonst wären die Verhältnisse andere.
    Und - was in einem anderen Kommentar angesprochen worden ist - auch in Schulbüchern sei das so, mit der "einfachen Sprache.! Ja natürlich baut man langsam auf. Daher heißt es ja auch Grundschule. Aber auch dort fallen sofort auch unter "Kindern ohne Migrationshintergrund" die Unterschiede des Wortschatzes auf. Ein Kind aus einer Akademikerfamilie besitzt im allgemeinen einen größeren Wortschatz, einen perfekteren Umgang bereits mit der Grammatik, als ein Kind aus einer Familie, in deren Sprach-Armut via Herkunft nur in 1-2-Wort-Sätzen gesprochen wird. Und gegenüber dem Kind am liebsten lediglich in Befehlsform: "Hände waschen!" /"Essen!"/ "Zähne putzen!" Diese Kinder sind ebenfalls von Anfang an benachteiligt. Und ausgegrenzt. Die Lehrer selbst benachteiligen diese Kinder meist von Anfang an, möglicherweise teils unbewußt. Weil sie sofort den "Klassenunterschied" zum bürgerlichen Bildungsbürgertum sehen und merken. Die herkömmliche Schule, das herkömmliche deutsche Schulsystem fördert nicht, es selektiert. Es ist repressiv. Und zugleich hilflos und festgefahren.

    Während die Wohlhabenderen auf ein weitverzweigtes Netzwerk an teuren privaten Zusatz-Angeboten zurückgreifen (können), Stichwort Nachhilfe-Industrie, sollte es mit den Sprösslingen in der Schule doch nicht so klappen, mit den Leistungen, werden die Kinder aus Familien mit selbst nur einfacher Schulbildung kaum gefördert: Weder von ihren Familien selbst, die sich nicht vorstellen können, dass Lernen auch Spaß machen kann, aber zugleich auch Arbeit ist, für das Kind Ermutigung und Ansporn braucht, noch von der Schule selbst. Diese Kinder schaffen den "Sprung aufs Gymnasium" in den seltensten Fällen. Weil sie schon vorher demontiert worden sind. Und wenn doch, werden beim ersten vermeintlichen "Scheitern" - sprich, schlechten Noten, oftmals gleich wieder vom Gymnasium "runter" - in eine noch existierende Mittelschule versetzt. Was das mit den Kindern macht, scheint noch nie jemanden in den entsprechenden Etagen interessiert zu haben.

    Ob die Ganztags-Schulen dieses urdeutsche, grundsätzliche Bildungs-Problem lösen werden, wage ich zu bezweifeln. Und dass Kinder damit unisono keine Freizeit mehr haben, finde ich persönlich eine ziemlich grauenhafte Vorstellung.Ständig unter fremden Händen.

    "Einfache Sprache" - und "Literatur" in "einfache Sprache" zu übersetzen - ist für mich "einfach" eine weitere Klassentrennung und eine grobe Lüge dazu. Literatur in vereinfachter Sprache ist dann halt keine Literatur mehr. Früher gab es die Literatur-Interpretation im Deutsch-Unterricht am Gymnasium. Oder extra Literatur-Arbeitsgemeinschaften für Freiwillige, nachmittags, einmal die Woche. Das war spannend. Mit dem Ersatz durch "einfache Sprache" entfällt die Frage und bereichernde Denk-Aufgabe - "Was will der Dichter uns sagen..?!"

    Hinzu kommt, dass jeder einen zuvor "literarischen" Text vielleicht auf seine Weise in "einfache Sprache" transformiert. Denn es gibt keine "Norm" für das, was "einfache Sprache" sein soll. Ich weiß nicht, wie meine Sprache hier eingeschätzt wird. Ich hoffe, sie ist verständlich. Darum geht es mir. Nicht Sprache als Herrschaftssprache, sondern als Kommunikation.
    Aber - wenn man auf diese Weise noch mehr Bücher VERKAUFEN kann...., indem man noch mehr "Klassen" schafft - ergibt es natürlich "Sinn".....Bücher mit "einfacher Sprache" verkaufen zu wollen.

  • Thorben-Finn

    Thorben-Finn

    Wir brauchen dringend eine stärkere Hierarchisierung des Lesematerials, anstatt leseschwache Menschen dahingehend zu fördern, dass sie eines Tages komplexe Texte verstehen können. Nein, das würde sie nur anstrengen, und wer will das schon.

    Hilft dann auch dabei, die zwischenmenschliche Interaktion zu vereinfachen - wer Bücher mit 'einfacher Sprache' liest, mit dem redet man dann auch ein wenig langsamer, für dessen Belange kann man sich dann anwaltlich einsetzen (und dabei das ein oder andere Honorar einstreichen, ganz selbstlos natürlich) und auf andere herabschauen, wenn man Begriffe wie Inklusion oder Barrierefreiheit verwendet, ganz so, als hätten sie eine Bedeutung.

    Lenny: "Why not just say stamp collector?"
    Carl: "I'm tired of dumbing down for you."

  • Andreas Foth

    Andreas Foth

    An die Vorposter 1) 4) und 5)

    An Euren Beiträgen ist ja viel wahres, aber warum jemand niedermachen der vielleicht nicht die ganz große Lösung hat, aber dessen Titel einen Mosaikstein auf dem Weg dorthin bilden können?
    Bei mir als Buchhändler kommen hin und wieder Kunden, die Lektüre suchen für Erwachsene, die einen Alphabetisierungskurs machen, oder Menschen mit einer geistigen Behinderung, die deutlich älter und reifer sind als ihre Lesekenntnisse. Denen wusste ich bisher nichts so recht anzubieten...außer als Notlösung Abenteuerklassiker oder Sagen für Erstleser. Da bin ich für einen solchen Hinweis im Branchenmagazin (sic!) Dankbar. Sozialtheoretische Betrachtungen sind vielleicht in einer Partei oder der politischen Presse besser aufgehoben.

  • Lesie & Sprachie

    Lesie & Sprachie

    Andreas - : Mmmh - was soll man dazu sagen. "Sozialtheoretische Betrachtungen" - ich seh das ganz real. Und bestimmt trete ich deswegen keiner Partei bei!

    Aufschlußreich Deine Info - "hin und wieder kommen Menschen in meine Buchhandlung, die FÜR (andere)...Lesestoff suchen..
    Ach, mit Kreativität ließe sich da Vieles machen und anbieten. Etwa indem man die "Betoffenen" - pardon für das Wort - selbst Ideen einbringen ließe - was sie sich eigentlch wünschen. Und da wird wahrscheinlich die allererste Kritik schon am "Unterricht" sein. Doch meistens nur in der Volkshoch-Schule und gegen Gebühr..oh, ganz ungebührlich!

  • Lesie & Sprachie

    Lesie & Sprachie

    und dann fehlte auch noch das "r" in dem fürchterlichen Wort "Betroffenen!" Ich entschuldige mich. Sehr.

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