Weltbild-Insolvenz

Wie die Tolino-Partner reagieren

Was wird nach Weltbilds Insolvenzantrag aus der Tolino-Allianz? Auch im E-Book-Geschäft bereiten sich Verbündete und Dienstleister auf alle denkbaren Szenarien im Zusammenhang mit der Augsburger Verlagsgruppe vor. VON CRO, KUM, ROE

Die Zeitung "Computer-Bild" gab den Lesern im Netz direkt am vergangenen Freitag gute Ratschläge für ihre Tolino-E-Books, die vom technischen Partner der Allianz, der Telekom, in der Cloud gespeichert werden: Wer seinen Tolino Shine über Weltbild gekauft habe und für die digitale Lektüre den E-Book-Shop von Weltbild nutze, sollte seine Titel aus der Cloud heraus lokal auf einer Festplatte speichern, so die Empfehlung der Experten. "Zwar ist die Telekom für die Bereitstellung der Cloud verantwortlich, weshalb eine Abschaltung für Weltbild-Kunden wahrscheinlich nicht erfolgt; trotzdem schadet es nicht, jetzt eine Datensicherung vorzunehmen."

Telekom sieht „keine Beeinträchtigung“

Das Beispiel macht deutlich, wo derzeit vermutlich die größte Gefahr für die Tolino-Allianz liegt: in der Verunsicherung der Kunden. Die Tolino-Gerätefamilie war im Weihnachtsgeschäft ein Topseller bei den Allianzpartnern Weltbild und Thalia. Doch im Zuge der Insolvenzberichte könnte das Interesse rasch abflauen. Nicht zuletzt deshalb versucht die Telekom auf Anfrage, den Ball möglichst flach zu halten: "Tolino Kunden brauchen nicht beunruhigt zu sein. Generell gilt: Das offene Tolino-Ökosystem stellt ja gerade sicher, dass ein Kunde zu einem Partnershop migrieren und auch seine Bibliotheken auf einem Gerät zusammenfügen kann."

Die Telekom sieht "insgesamt derzeit keine Beeinträchtigung für den weiteren Erfolg des Tolino". In einer Stellungnahme gegenüber boersenblatt.net macht der große Technikverbündete deutlich, man sei davon überzeugt "dass der Tolino weiterhin eine wichtige Rolle im hiesigen digitalen Markt spielen wird. Dazu tragen die Buchhandelspartner genauso bei wie wir als Deutsche Telekom in der Rolle des Technologiepartners." Gemeinsam müsse man nun beurteilen, welche Auswirkungen die Insolvenz von Weltbild eventuell für die Partnerschaft habe. Thalia-Sprecherin Mirjam Berle hatte sich vor einigen Tagen nahezu wortgleich auf boersenblatt.net geäußert.

Die Allianz übt sich also in demonstrativer Einigkeit. Nichtsdestotrotz kann es passieren, dass sie am Ende des Insolvenzverfahrens ohne Partner Weltbild da stehen könnte – und sich spätestens dann neue Bündnispartner suchen muss. Denn ein zentraler Startvorteil für den Tolino war und ist die gebündelte Vertriebskraft aller Beteiligten. Neben Thalia und Weltbild gehören dazu Weltbilds DBH-Partner Hugendubel und der Club Bertelsmann. Die Investitionen für den Tolino (Marke, Soft- und Hardware etc.) bewegen sich über alle Partner hinweg "sehr deutlich im zweistelligen Millionenbereich", wie es im Oktober hieß.

"Wichtiger Vertriebsweg gefährdet"

Im März 2013 wurde das Gemeinschaftsprojekt an den Start geschoben, im dritten Quartal 2013 kam der Tolino nach GfK-Berechnungen bereits auf einen Marktanteil von 37 Prozent am digitalen Geschäft und konnte Amazon Prozentpunkte abjagen. Gleichzeitig meldete die Telekom-Website T-Online im Dezember, es seien inzwischen "gut eine halbe Million Geräte" vom Typ Tolino Shine verkauft worden. Auch die neu eingeführten Tolino Tablets liefen offenbar bestens – zumal die Beteiligten viel Geld in Werbung investierten. Weltbild kündigte noch kurz vor dem Weihnachtsgeschäft an, 1.000 TV-Spots schalten zu wollen, dazu Anzeigen in Zeitungen und Zeitschriften. Und jetzt – aller Aufwand vergebens?

„Natürlich ist mit der Insolvenz ein wichtiger Vertriebsweg für den Tolino gefährdet – je nachdem, ob die Verlagsgruppe am Ende doch zerschlagen wird oder nicht“, so der Hanauer Buchhändler Dieter Dausien in einer ersten Einschätzung von außen. Als Mitglied des Arbeitskreises ECOM beim Börsenverein hat er sich im vergangenen Jahr intensiv mit einem möglichen Einstieg des unabhängigen Buchhandels in die Allianz beschäftigt. Dass sich die Verhandlungspartner am Ende nicht über die Bedingungen einigen konnten, sah er schon damals mit einem lachenden und einem weinenden Auge. „Jetzt bestätigt sich einmal mehr, dass auch große Partner keine sichere Bank sind."

Weitere potenzielle Partner gesucht

Als kleinere, unabhängige Buchhandlung blicke man ohnehin nicht immer wohlwollend auf die Filialisten, gesteht Dausien. Dennoch: Dass die Tolino-Allianz am Ende an der Weltbild-Insolvenz scheitern könnte, sei für die gesamte Branche "nicht wünschenswert". Denn das habe letztlich nur zur Folge, dass Online-Konkurrent Amazon mit seinem Kindle noch stärker zum Synonym für E-Reading werde als es heute ohnehin schon der Fall sei. Mit dieser Sorge dürfte Dausien in der Branche nicht allein stehen.

Dass weitere Partner erwünscht sind, hatte der Tolino-Verbund von Anfang an klar gemacht. Als im Herbst 2013 die Gespräche mit der Börsenvereinstochter MVB eingestellt wurden, teilte die Allianz mit, sie werde "weiterhin mit möglichen Partnern sprechen" – mit dem Ziel, "andere Branchenteilnehmer in die Tolino-Partnerschaft einzubinden". Dieses Ziel zu erreichen, dürfte nun vor allem für Thalia zur zentralen Aufgabe werden. Denn sollte der Schulterschluss mit Weltbild / Hugendubel im Insolvenzstrudel der Augsburger Verlagsgruppe auseinanderdriften, wird die Douglas-Tochter die Fortsetzung des Projekts im Alleingang mit dem Club Bertelsmann und der Telekom vermutlich kaum stemmen können.

Ist die Tür für das unabhängige Sortiment damit wieder offen, weil sich durch die aktuellen Ereignisse auch die Verhandlungspositionen verändern? Für Ronald Schild, Geschäftsführer der Börsenvereinstochter MVB, ist dieses Thema "derzeit überhaupt nicht auf dem Tisch. Jetzt geht es erst einmal allein um das Stabilisieren von Weltbild. Dort hat der Insolvenzverwalter gerade alle Hände voll zu tun."

Bertelsmann zu Pubbles: "Keine Spekulationen"

Eine Drehscheibenfunktion beim Tolino übernimmt Pubbles, als gemeinsame Tochter von DBH und Club Bertelsmann. Zunächst als digitaler Kiosk für Endkunden konzipiert, beliefert Pubbles heute als interner Dienstleister die angeschlossenen Tolino-Shops mit E-Books. Die Zukunft des Joint-Ventures hängt nicht zuletzt davon ab, ob die Verlage Pubbles im laufenden Insolvenzverfahren weiterhin mit E-Books versorgen. Aus der Branche ist allerdings zu hören, dass einige Verlage ohnehin schon direkt an die Telekom liefern würden – ohne den Zwischenschritt über Pubbles.

„Der normale Pubbles-Geschäftsbetrieb läuft störungsfrei weiter, und wir sind fokussiert auf die Aggregation und Abrechnung der eBooks für das Tolino-Ökosystem“, heißt es dazu aus dem Hause Bertelsmann. Und weiter: "Der Insolvenzantrag wurde nur für die Verlagsgruppe Weltbild GmbH gestellt, und der Insolvenzverwalter hat ja gesagt, dass das Geschäft ohne Einschränkungen aufrechterhalten wird. An Spekulationen beteiligen wir uns nicht."

Garantieerklärung des vorläufigen Insolvenzverwalters

Zu den Geschäftspartnern des Dienstleisters gehört auch die MVB, die Pubbles als Aggregator über libreka! mit E-Books beliefert. Die MVB hat dafür Verträge mit mehr als 1.500 Verlagen abgeschlossen. Derzeit stehen bei der MVB laut Geschäftsführer Ronald Schild Zahlungen von Pubbles in sechsstelliger Höhe aus. Sie betreffen die Zeit vom 1. Dezember 2013 bis zum 9. Januar 2014, also den Tag vor dem Insolvenzantrag, umfassen aber neben den Weltbild-Umsätzen auch die der übrigen Tolino-Partner.

Für alle Umsätze, die Pubbles seitdem über Weltbild erzielt, hat der vorläufige Insolvenzverwalter Arndt Geiwitz eine selbstschuldnerische Garantieerklärung abgegeben. "Mit der Garantie des vorläufigen Insolvenzverwalters ist die kontinuierliche Belieferung von Weltbild sowie den übrigen Tolino-Partnern sichergestellt", erklärt Schild. Die Abrechnung der Dezember-Umsätze verzögere sich zwar gegenüber den Verlagen, soll aber innerhalb des vertraglich zugesicherten Rahmens erfolgen.

Insgesamt hält Schild das "Risiko für die betroffenen Verlage für begrenzt, weil die laufenden Umsätze garantiert sind". Der aktuell ausstehende Betrag aus dem Dezember dürfte sich noch reduzieren, weil noch Zahlungen der Weltbildtöchter in Österreich und der Schweiz erwartet werden. Die sind nach eigener Aussage liquide und schuldenfrei und von der Insolvenz derzeit nicht betroffen. So lauteten jedenfalls entsprechende Stellungnahmen Anfang der Woche.

Dass die Weltbild-Gruppe und die Tolino-Allianz eine Zukunft haben, ist nicht zuletzt im Interesse der Verlage. Nach Börsenblatt-Recherchen haben darum viele Häuser die Zahlungsziele verlängert. Nun bleibt abzuwarten, ob die Weltbild-Insolvenz weitere Kreise zieht, vor allem im Hinblick auf die Verflechtungen mit Hugendubel in der DBH.

Unstrittig ist: Das digitale Geschäft gehört zu den Filetstücken des Unternehmens. Und Insolvenzverwalter Geiwitz hat erklärt, den Geschäftsbetrieb in den gesunden Unternehmensteilen am Laufen halten zu wollen. Ob ihm das gelingt, werden die nächsten Wochen zeigen.

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