Mainzer Kolloquium 2014

Buchhandelsgeschichte nach 1945

Das diesjährige Mainzer Kolloquium des Instituts für Buchwissenschaft an der Johannes Gutenberg-Universität Mainz widmete sich der Buchhandelsgeschichtsschreibung in der "alten" Bundesrepublik.

Das jeweils am letzten Freitag im Januar abgehaltene Kolloquium der Mainzer Buchwissenschaft hat Tradition: es findet bereits seit 1994 statt. In diesem Jahr stand die Buchhandelsgeschichtsschreibung der "alten" Bundesrepublik im Mittelpunkt der Tagung, die von Stephan Füssel und Ute Schneider mit organisatorischer Unterstützung von Cornelia Gisevius ausgerichtet wurde. Zu etwa halbstündigen Referaten waren die Historiker Eckart Conze, Volker Hentschel und Olaf Blaschke, die Literaturwissenschaftlerin Elisabeth Kampmann, der Rundfunkhistoriker Edgar Lersch sowie der Tübinger Sortimentsbuchhändler Heinrich Riethmüller, seit Oktober 2013 Vorsteher des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels, eingeladen worden. Der außerordentlich große Publikumszuspruch zu der ganztägigen Veranstaltung im stimmigen Rahmen der "Alten Mensa" der Mainzer Universität zeigte, dass damit eine attraktive Programmzusammenstellung gelungen war. – Ein Tagungsbericht kann von den vielfältigen Aspekten der Veranstaltung naturgemäß nur einen kleinen Ausschnitt wiedergeben.


Historische Forschung "mit und für die Branche"

Stephan Füssel skizzierte in seiner Einführung als Hintergrund des diesjährigen Mainzer Kolloquiums ein Langzeitvorhaben der Historischen Kommission des Börsenvereins, das sich seit rund drei Jahrzehnten der Darstellung der deutschen Buchhandelsgeschichte von 1871 bis 1989/90 widmet. Als eine der Besonderheiten der Arbeit der Historischen Kommission machte Füssel hierbei aus, dass ihre Arbeit von qualifizierten Wissenschaftlern "mit und für die Branche" geleistet wird. Erschienen sind inzwischen die Bände zum Kaiserreich und zur Weimarer Republik (in fünf Teilbänden). Der erste Teilband zum "Dritten Reich" wird in Kürze vorliegen. Die Historische Kommission hat nun Stephan Füssel und Ute Schneider mit der Erarbeitung eines Bandes zur Bundesrepublik Deutschland beauftragt – der parallele Band zur DDR wird von dem Leipziger Buchwissenschaftler Siegfried Lokatis verantwortet, einen "Zwischenband" für den Zeitraum 1945 bis 1949 geben Füssel und Lokatis gemeinsam heraus.

Der anschließende Vortrag des Marburger Historikers Eckart Conze, als Mitglied einer unabhängigen Historikerkommission zur Erforschung der Geschichte des Auswärtigen Amts während des "Dritten Reichs" einer breiteren Öffentlichkeit bekannt geworden, skizzierte in seinem konzisen Vortrag einige der großen politischen und gesellschaftlichen Linien, die auch für buchhandelsgeschichtliche Fragestellungen relevant sind. Conze erwähnte unter anderem die Perspektive auf die "alte" Bundesrepublik als Erfolgsgeschichte sowie das prägende Bedürfnis der Mehrheit der Bürger nach Sicherheit und Normalität ("keine Experimente"). Es wird spannend sein, hierzu die Verbindungen zum Buchmarkt zu ziehen, zumal für Periodisierungsfragen.


Wirtschaftsgeschichte und Konzert der Medien

Dem Vortrags Conzes schlossen sich Volker Hentschel und Edgar Lersch mit wirtschafts- beziehungsweise rundfunkgeschichtlich orientierten Tagungsbeiträgen an. Lersch wies unter dem Stichwort "Verbuchung" auf Desiderate der Forschung hin, die sich aus diesen Kontexten ergeben: nicht wenige Bücher verdankten ihren Erfolg auf dem Buchmarkt einer engen Verbindung zum Rundfunk und insbesondere zum Fernsehen, das "Literarische Quartett" wurde genannt, aber auch Beispiele wie Bernhard Grzimek und Guido Knopp. Beachtung verdient auch eine weitere Anmerkung Lerschs: eine ganze Anzahl von Schriftstellern verdiente in den Nachkriegsjahrzehnten einen Teil ihres Lebensunterhalt mit Arbeiten für den Rundfunk.

Einen ganz anderen Ansatz für seinen Vortrag wählte Olaf Blaschke, indem er größere methodische und intellektuelle Anstrengungen von der Buchhandelsgeschichte forderte. Es könne, so Blaschke provokativ, nicht nur darum gehen, in bloßen Aufzählungen zu berichten, "welche Bücher in welchen Verlagen veröffentlicht wurden", sondern es müssten leitende Perspektiven entwickelt werden, etwa die Demokratisierung des Buchmarkts und seine zunehmende Kommerzialisierung nach 1945. Auch sei der vergleichende Blick über Deutschland hinaus von der Buchhandelsgeschichte bislang meist vernachlässigt worden.


Taschenbücher und Prinzip Selbstbedienung

Stärker materiale Aspekte der Buchhandelsgeschichte nahmen die abschließenden beiden Vorträge der Tagung in den Blick. Elisabeth Kampmann sprach auf Grundlage ihrer 2011 im Akademie Verlag in Berlin publizierten Dissertation ("Kanon und Verlag. Zur Kanonisierungspraxis des Deutschen Taschenbuch-Verlags") über die Bedeutung der bekannten Taschenbuchreihen von dtv und anderen Verlagen für die Literaturvermittlung und bezog dabei unter anderem auch Ausstattungsfragen mit ein, vor allem natürlich die Umschlaggestaltung.

Heinrich Riethmüller berichtete über die Nachkriegsgeschichte der von ihm seit 1983 als geschäftsführender Gesellschafter geleiteten Osianderschen Buchhandlung mit Sitz in Tübingen, die sich mittlerweile mit einem Netz von knapp 30 Filialen zu einer der bedeutenden Sortimentsbuchhandlungen der Bundesrepublik entwickelt hat. Zum Thema "Demokratisierung des Buchhandels" gehört sicher auch die moderne Buchhandlung mit möglichst niedriger Hemmschwelle für den Kunden und dem Prinzip der Selbstbedienung – das bei Osiander anfangs gegen gewisse innerfamiliäre Widerstände durchgesetzt werden musste, wie Riethmüller festhielt ("da wird ja nur geklaut werden", lautete ein Einwand).


Die Rolle der Zeitzeugen

"Der schlimmste Feind des Zeithistorikers ist der Zeitzeuge." In der von Ute Schneider moderierten Abschlussdiskussion bestand mehr oder weniger Übereinstimmung unter den Referenten, dass dieses Diktum für die Buchhandelsgeschichte nach dem Zweiten Weltkrieg zu scharf formuliert ist: Teile der Branchengeschichte dürften sich schon allein aufgrund einer oft disparaten Quellenlage ohne die Unterstützung von Zeitzeugen nicht oder nur eingeschränkt untersuchen lassen. Das gilt zumal für den Sortimentsbuchhandel. Olaf Blaschke wies aber darauf hin, dass damit nicht unbedingt eine Bevorzugung der Oral History gemeint sein muss.

Als Fazit des 19. Mainzer Kolloquiums lässt sich festhalten, dass der Anspruch der Veranstaltung, interdisziplinäre Leitlinien für das Projekt eines von der Historischen Kommission des Börsenvereins herausgegebenen Bandes der Buchhandels- und Verlagsgeschichte der Bundesrepublik Deutschland zu entwickeln, erfüllt wurde. Als fruchtbar dürfte sich, das hat insbesondere der Beitrag von Eckart Conze gezeigt, die Verbindung zur Geschichtswissenschaft erweisen. Allen Beteiligten steht aber vermutlich eines sehr deutlich vor Augen: bis zur Realisierung eines so komplexen und anspruchsvollen historischen Vorhabens, wie es eine Buchhandelsgeschichte nach 1945 ist, bleibt es ein weiter und anstrengender Weg.

Björn Biester

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