Antiquariat

Gelehrtendisput um Grimmelshausen

Bibliographische Themen werden selten von der Öffentlichkeit wahrgenommen: jetzt ist eine Auseinandersetzung um den Ankauf einer seltenen Grimmelshausen-Ausgabe auf der Stuttgarter Antiquariatsmesse durch die Kulturstiftung Gelnhausen entstanden.

Die Kulturstiftung der Stadt Gelnhausen hat auf der 53. Stuttgarter Antiquariatsmesse im Januar 2014 ein dort von Wolfgang Braecklein, Antiquar in Berlin, für 35.000 Euro angebotenes Exemplar des ersten Drucks der ersten Ausgabe von Grimmelshausens "Der seltzame Springinsfeld" (Nürnberg 1670) erworben. In Braeckleins Beschreibung im Messekatalog heißt es unter anderen: "Sehr frisches Exemplar. Eigenhänd. Besitzeintrag des Grafen Christoph Wenzel von Nostitz (1643–1712). Höchst selten, nur das Ex. der Slg Deneke (1934) sowie ein defektes Ex. im dt. Handel."

Im Vorfeld der Stuttgarter Messe war in Gelnhausen zur Finanzierung des Ankaufs ein öffentlicher Spendenaufruf erfolgt (unter der Überschrift "Seltener Grimmelshausen auf Antiquariatsmarkt aufgetaucht", im Netz steht eine nachträglich ergänzte Textfassung). Gefolgt ist dem Aufruf unter anderem der CDU-Bundestagsabgeordnete Dr. Peter Tauber.

Einige Aussagen dieses Gelnhäuser Spendenaufrufs vor allem zur Seltenheit des betreffenden Werkes riefen wiederum Italo Michele Battafarano und Hildegard Eilert auf den Plan (siehe auch hier), die 2012 eine umfangreiche und akribisch bearbeitete Grimmelshausen-Bibliographie vorgelegt haben (eine ausführliche Besprechung dieser Bibliographie folgt in Heft 1/2014 der Zeitschrift "Aus dem Antiquariat", das am 24. Februar erscheint). Hauptkritikpunkt von Battafarano und Eilert, die auf einige weitere überlieferte Exemplare des Buches verweisen: "Wenn mehr Exemplare vom Springinsfeld existieren als die zwei, die im Spendenaufruf auf Grund älterer Literatur angegeben werden, dann ist der Ankauf dieses Exemplars von Seiten der Bibliothek nicht so dringend wie suggeriert. Angesichts der Existenz von mehr als zwei Exemplaren scheint der Preis außerdem überzogen. Von einem Spendenaufruf, der sich an bereitwillige, aber bibliographisch ahnungslose Bürger der Stadt Gelnhausen und an alle Grimmelshausen-Liebhaber richtet, darf man, so meinen wir, ein wenig mehr Sorgfalt verlangen."

Aufgenommen wurde diese Kritik in der Lokalpresse in einem Artikel im "Gelnhäuser Tageblatt" vom 25. Januar.

Es sei hier dahingestellt, ob der auf der Stuttgarter Messe geforderte Kaufpreis zutreffend als "überzogen" bezeichnet werden kann. Zwar war das jetzt in Stuttgart verkaufte Buch aus dem Vorbesitz von Friedhelm Kemp im November 2012 auf einer Auktion in München für 19.000 Euro zugeschlagen worden (der Schätzpreis lag bei 3.000 Euro), dazu ist aber noch ein Aufgeld des Erwerbers hinzuzurechnen. Zudem hätte jeder Interessierte diesen Zusammenhang leicht recherchieren können (dank des Nostitz-Besitzeintrags).

Der Vorsitzende der Grimmelshausen-Gesellschaft Peter Heßelmann (Münster) hat nun allerdings vor wenigen Tagen mit einer Stellungnahme auf den Text von Battafarano und Eilert reagiert. Der scharfe Ton lässt aufhorchen. Heßelmann schreibt unter anderem: "Die Grimmelshausen-Gesellschaft distanziert sich von der Meinungsäußerung von Herrn Prof. Dr. Italo Michele Battafarano, die er allein zu vertreten hat. Es handelt sich um eine unerbetene und unkooperative Einlassung eines Einzelnen, der nicht von der Grimmelshausen-Gesellschaft zu einer Stellungnahme zum Erwerb der 'Springinsfeld'-Erstausgabe durch die Stadt Gelnhausen und zum damit verbundenen Spendenaufruf autorisiert war. Herr Battafarano, zweifellos ein verdienstvoller Grimmelshausen-Forscher, gehört seit 2007 nicht mehr zum Vorstand der Grimmelshausen-Gesellschaft. Wer Herrn Battafarano auf das Portal der Stadt Gelnhausen und den Spendenaufruf aufmerksam gemacht hat, entzieht sich meiner Kenntnis."

Zum Kaufpreis sagt Heßelmann: "Ob 35.000,00 Euro für eine Erstausgabe des 'Springinsfeld' viel oder wenig ist, läßt sich nicht eindeutig beantworten. Allein Angebot und Nachfrage auf dem Antiquariatsmarkt bestimmen den Preis."

Das Ganze, insbesondere die Schärfe des Verweises, den der Vorsitzende der Grimmelshausen-Gesellschaft hier ausspricht, erscheint als bemerkenswerter Vorgang. Denn wieso sollten Experten wie Battafarano und Eilert, deren bibliographische Expertise ja von niemandem bestritten wird, sich nicht zu diesem Thema äußern? Unbeantwortet bleibt bislang auch die nicht uninteressante Frage, wer der im Gelnhäuser Spendenaufruf zitierte "Fachmann" ist…

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