Bücherpreise

Die Entwertungskette

Eine seltsame Gewohnheit beherrscht die Branche: "Generell können bei uns Preise immer nur zu hoch, fast nie zu niedrig sein", meint Michael Schikowski. Er schlägt ein Umdenken im Verkauf vor, das auf den Wert der Bücher setzt. Denn: Der kleine Preis "sediert den Verstand, gelegentlich verdirbt er den Geschmack".

Wortmeldungen zur Bedeutung der Krise bei Weltbild gibt es reichlich. Vielleicht wäre es jetzt an der Zeit, den vielen mehr oder weniger plausiblen Gründen und Schuldzuweisungen für diese Krise einige etwas grundsätzlichere und allgemeinere Überlegungen anzu­fügen.

Eine dieser möglichen Überlegungen wäre vielleicht die folgende: Wer sich im Preisbildungsprozess einmal in die Nähe der Zone niedriger oder gar fallender Preise begibt, droht auf lange Sicht darin umzukommen. Wie zuletzt Schlecker und Praktiker.

Zunächst ist das Argument des niedrigen Preises ja in vielfacher Hinsicht gut. Vor allem macht es der niedrige Preis allen bequem, denn er erklärt sich fast von selbst. Wenn er wirklich niedrig genug ist, dann braucht es kaum mehr als genau diesen niedrigen Preis. Damit geraten alle weiteren auch nicht unwichtigen Kriterien aus dem Blick, und wer sie etwa vorbringt, dem wird beschieden: "Ach, lass mal, das verkauft sich eh über den Preis!"

Diese Redewendung, oft im Sinne von Ende-der-Debatte vorgebracht, gibt sich als Lösung aus. Das mag so sein, sie ist aber, wenn sie zu oft vorgebracht wird, zugleich ein Problem. Und hierin liegt eine gewisse Gewohnheit der Branche: Probleme bereiten eigentlich nur hohe Preise, niemals niedrige. Generell können bei uns Preise immer nur zu hoch, fast nie zu niedrig sein.

Ganz sicher ist es nicht mehr so, dass man den Kunden hinhält, weil im nächsten Monat ja endlich das Taschenbuch erscheint. Welche Perspektive aber hat man in aller Regel? Offensichtlich die des Kunden, der sich über den Preisverfall geliebter Produkte immer auch freut.

Aus der Perspektive der Branche müsste man sinkende Preise viel kritischer daraufhin beobachten, ob die Preisentwicklung wirklich einer üblichen Verwertung folgt, zu der eben auch Preisreduzierungen gehören. Oder ob nicht vielmehr in einigen Fällen die Konkurrenz, der man ja nachsagt, sie würde das Geschäft beleben, in Preisdumping übergeht. Dann sind sinkende Preise keine normale Verwertungskette, sondern eine Entwertungskette.

Der kleine Preis verführt dazu, sonst geltende Prüfverfahren zu vernachlässigen. Er sediert den Verstand, gelegentlich verdirbt er den Geschmack. Der kleine Preis − er macht es einem also einfach. Warum? Weil beim kleinen Preis die Anstrengungen im Verkauf überschaubar erscheinen. Es wird nur noch aufs richtige Plätzchen gesonnen. Der kleine Preis bedarf also nur eines mittelmäßigen Marketings.

Damit ist jede weitere Produktprüfung obsolet. Vor lauter Preis und Platz, der dann oft noch ein bevorzugter ist, gerät die Frage, was das Buch eigentlich enthält, ziemlich schnell aus dem Blick des Verkäufers. Dem Inhalt widmet sich dann in der Regel ohnehin nur noch der Endkunde.

Man möchte es doch wenigstens einmal erleben, dass Buchhändler den Vertreter anraunzen, dass ein Buch "zu preiswert" sei. Oder dass er es gar wegen des niedrigen Preises nicht etwa, wie vielleicht erwartet worden war, mehrfach, sondern nur einmal oder gleich überhaupt nicht einkaufe. Es muss ja nicht die Regel werden, aber es wäre ein Zeichen.

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13 Kommentar/e

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  • René Kohl

    René Kohl

    Ich bin absolut Ihrer Meinung.
    Warum soll man etwas billig verkaufen, wenn man es auch zum angemessenen Preis tun kann.
    Ich wäre für mehr Information und Kommunikation. Wir sollten dem Kunden die Preise erklären und begründen können - dann kann er sie natürlich auch akzeptieren. Dazu muß man etwas sagen können über all die Aufwände, die für ein gutes Buch notwendig sind - da können wir von Manufactum und anderen Produkterklärern viel lernen.

    Und wenn ich mich recht erinnere, konnten bei uns die Verteter schon häufiger hören, daß wir zu niedrigpreisige Bücher Ressourcen-Verschwendung finden.

    Wir steigern in nder Buchbranche seit Jahren die Absatzzahlen der Bücher nicht, obwohl die Preise relativ zur allgemeinen Preissteigerung sogar sinken.
    Der Niedrigpreissektor ist längst über Amazon Marketplace, ZVAB und Ramsch an allen Ecken gut bestückt - da kann man nicht gewinnen.

    Ich bin auf jeden Fall für mehr Feinkost - und gerne zu Feinkostpreisen.

  • ehemalige Verlagsmitarbeiterin

    ehemalige Verlagsmitarbeiterin

    Das Problem ist nur, dass sich in Deutschland immer weniger Menschen Feinkost leisten können... seit ich in Rente bin, kauf ich keine Bücher mehr, sondern geh in die städtische Bücherei.

  • René Kohl

    René Kohl

    Liebe @ehemalige Verlagsmitarbeiterin,
    gerade weil es so ist, wie Sie sagen, scheint es mir nicht sinnvoll, die Preise an denen auszurichten, die auf das Geld achten müssen. Für die gibt es, wie ich oben schrieb, verschiedene, immer noch günstigere Möglichkeiten:
    eBooks, Büchereien, gebrauchte Bücher, Ramsch und Reste; ich find, es gab noch nie so viele Möglichkeiten, für wenig Geld an Bücher und Lektüre zu kommen.

    Womit ich nicht unterstützen möchte, dass man sich als ehemalige Verlagsmitarbeiterin oder ehemaliger Buchhändler nichts mehr leisten kann.
    Aber ich fürchte, als ehemaliger Weltbild- oder Jokers- oder Lidl- oder Aldi-Mitarbeiter hat man schon fast in sein Berufsbild eingebaut, dass man sich später einiges nicht wird leisten können.
    Das meine ich wirklich nicht zynisch.

  • Ehemalige Verlagsmitarbeiterin

    Ehemalige Verlagsmitarbeiterin

    Herr Kohl, Ihre Meinung, dass es für die, die auf das Geld achten müssen, "Ramsch und Reste" gibt, IST zynisch. Egal, ob Sie behaupten, dass Sie es "wirklich" nicht zynisch meinen... Aber ich vergaß, der Buchhändler will natürlich die gehobene Klientel im Laden. Die, die für jeden Schrott wie "Shades of Grey" bis zum tausendsten Folterkrimi aus Schweden Geld ausgeben.

  • René Kohl

    René Kohl

    Werte Verlagsmitarbeiterin,

    wahrscheinlich kommt man immer, wenn man über Geld spricht, in die Gefahr, zynisch zu klingen; das ist aber nicht meine Absicht und auch nicht mein Wesen, meine ich.

    Vielleicht denken wir an unterschiedliche Arten von Menschen, die mit wenig Geld auskommen müssen. Ich meinte es wirklich nicht zynisch.

    Ich sehe zum Beispiel die Gruppe der Studenten, die sich viel Material Second Hand, per Piraterie, per Bibliothek, per Tausch verschafft: Diese Käuferschaft trennt zwischen Artikeln, die sie braucht - und die werden möglichst günstig organisiert - , und Artikeln, die sie möchte - und da geht es, bei allem Preisbewußtsein - durchaus auch um Wertschätzung für die Hersellung usw.

    Dann gibt es die Gruppe der jungen Eltern - auch sie achten sehr auf den Preis, entwickeln aber auch ein ausgesprochen kundiges Talent, über Preisvergleichssysteme, An- und Verkauf, Wunschdelegation an die Verwandten usw. an günstige Ware zu kommen.

    Dennoch gibt es auch hier, so meine Erfahrung, andererseits einen Sinn dafür, dass gut gemachte, schöne, aufwändige Kinderbücher auch etwas kosten dürfen; zur Not muß dann halt die Oma (wenn die Rente stimmt) mithelfen.

    Tatsächlich gibt es für die Gruppe der älteren Leser neben der Bibliothek nicht so viele geübte Wege, günstig an Lektüre zu kommen. Das hat nach meiner Beobachtung aber auch viel mit Gewöhnung und Prägung zu tun.
    Viele denkbare Möglichkeiten haben mit dem Internet zu tun - und viele ältere Menschen nutzen die Plattformen, auf denen es günstiger wird, aus Unsicherheit nicht.
    Andere Möglichkeiten (Flohmarkt, Tausch, Gebraucht.Geschenk) kommen teilweise "aus Prinzip" nicht in Frage.

    Von daher würde ich sagen, daß die Zielgruppe der älteren Leser mit wenig Geld weiterhin für die Buchbranche relevant ist - und hier würde ich seitens der Verlage auch eine entsprechende Preispolitik sehen.

    Ich bleibe aber dabei, daß der Versuch, die Zielgruppe meinetwegen der 20 - 50jährigen Käufer (und viele niedrigpreisige Titel der Branche zielen auf diese Zielgruppen) über den Preis zu bekommen, angesichts des Wettbewerbs immer komplizierter wird - das eBook als günstigere Alternative zum Taschenbuch wird hier ein weiterer Preisdrücker werden.

  • Reisender

    Reisender

    Lieber Herr Kohl, liebe Verlagsmitarbeiterin, die Katze beißt sich doch in den Schwanz: Wenn Bücher höherpreisiger wären, dann bliebe mehr Ertrag bei Verlag und Buchhandel hängen und Verlagsmitarbeiter/innen und Buchhändler/innen hätten bessere Einkommen und am Ende auch mehr Rente für Feinkost.

  • Rene Kohl

    Rene Kohl

    Lieber @Reisender,
    ja, wenn es uns gelingt, die richtigen Argumente zu finden und dem Kunden zu vermitteln, um diese höherpreisigen Bücher dann auch zu verkaufen.

    Die Gegenthese These ist ja wohl: Wenn wir bestimmte Preisgrenzen überschreiten (10 EUR), dann tut sich plötzlich gar nichts mehr.

    Das neue, sicherlich sehr wertvolle Buch von Herrn Pirinçci kostet 17.90 EUR für 276 Seiten. Scheint ihm nicht geschadet zu haben.

  • Jens Bartsch

    Jens Bartsch

    Es ist immer wieder erstaunlich, wie in diesem Forum bei Preisdiskussionen sofort die Sozialkeule geschwungen wird. Beim Produkt Buch ist es doch exzellent nachweisbar, dass die Preisentwicklung der allgemeinen Preissteigerung hinterherhinkt, damit Buchhändler bei der Auskömmlichkeit in akute Nöte treibt und der Preis eben nicht mehr stimmt! Und es gibt sogar noch Buchhandlungen, die nicht von "Shades of Grey" leben. Die sind doch kein Sozialverein, sondern Buch"händler", die für wertige Produkte auch einen wertigen Preis erzielen "müssen". Besucht die ehemalige Verlagsmitarbeiterin im Lebensmitteleinzelhandel auch die Feinkostabteilung und beschwert sich über die dortigen Preise? Herrn Kohl für seinen absolut richtigen Hinweis (...noch nie so viele Möglichkeiten...) Zynismus zu unterstellen, dies empfinde ich als unverschämt und es treibt mir ob dieses Anspruchsdenkens die Zornesröte ins Gesicht. Ich habe den Eindruck, dass hier jemand ohne Rücksicht auf Verluste Porsche fahren will, aber nur einen VW-Käfer bezahlen möchte. Das kann und darf nicht das Problem des Unternehmens Porsche sein. Es gibt auch andere Autos, die einen ebenfalls von A nach B bringen, es gibt offensichtlich auch Stadtbüchereien, deren Bücher man lesen kann - wo ist das Problem?

    Besinnen wir uns auf das Wesentliche: Herr Schikowski hat in all seinen Gedanken absolut recht!!!
    Jens Bartsch / Buchhandlung Goltsteinstraße in Köln

  • Veit Hoffmann

    Veit Hoffmann

    Lieber Herr Bartsch,
    vielen Dank für Ihren Kommentar. Es ist längst überfällig, dass die Verlage die Preise anheben. Die Angst in den Verlagshäusern, die Überwindung der 10 bzw. 20 Euro Preiswschwelle würde zu massiven Umsatzeinbußen vor allem in den Nebenmärkten und Großflächen führen, muss endlich überwunden werden. Das Verlage die Zukunft des Buchmarktes weiter schwerpunktmäßig dort sehen, scheinnt sich ja langsam zu wandeln. Jetzt müssen aber endlich auch die Konsequenzen daraus gezogen werden und die Buchpreise zukünftig so gestaltet werden, damit alle Handelspartner wieder davon leben können. Nichts gegen einzelne günstige Titel, nur sollten Sie zukünftig die Außnahme sein. Die Maßnahme des Fischer Verlages, zehn TB-Titel nun auf 10,99 zu hieven, ist zu begrüßen. Ob aber Kehlmann (der sich ja bereits im HC schwer getan hat - und das lag sicher nicht am Preis) und Co. wirklich als "Lackmustest" gelten können, wage ich einmal zu bezweifeln. Da müsste man den Versuch schon auf breiterer Basis vornehmen.

  • Veit Hoffmann

    Veit Hoffmann

    Bevor ich mit Häme überschüttet werde!
    Daniel Kehlmann erscheint natürlich im Rowohlt Verlag und nicht bei Fischer! Auch die Preisaktion ist natürlich eine des Rowohlt Verlages.
    Ich bitte das Versehen vielmals zu entschuldigen.

  • Amazonkunde

    Amazonkunde

    Heult nur ihr ewig gestigen. Der Kunde von Keute, bestellt mei Amazon!

  • buchhändlerin

    buchhändlerin

    Amazonkunde, was wollten Sie denn damit sagen?
    Meine Nachbarn heißen zufällig Keute, meinen Sie,
    er bestellt "mei Amazon"? Was ist das?
    Für Erheiterung wäre an diesem Sonntag gesorgt.

  • Industrieller

    Industrieller

    Wenn ich mir meine Anzüge kaufe, gehe ich nicht zu C%A, Karstadt, Kaufhof, etc..., sondern in eine noble Herrenboutique, wo ich erstklassig bedient und beraten werde. Da kostet der Anzug nicht 199,99 Euro, sondern 990,- oder 1.490,- Euro. Manchmal auch noch einiges mehr.
    Genauso anspruchsvoll bin ich bei Schuhen, Oberhemden, Socken, Unterwäsche, Bettwäsche, Handtüchern, Möbelstücken, Teppichen, Gardinen, Lampen, Antiquitäten, etc... Nahrungsmittel kann ich in Feinkostläden und Reformhäusern bekommen. Will ich Essen gehen, gibt es Nobelrestaurants. Das zieht sich durch alle Bereiche des Lebens.
    Nur bei Buchläden gibt es lediglich einen Einheitsbrei. Da habe ich noch nie einen Laden entdeckt, der bspw. Kunstbände anbietet, die sich nicht jeder leisten kann. Manchmal sucht man auch mal ein Buch mit Ledereinband oder Goldschnitt. Oder wünscht sich eine Geschenkverpackung aus edlem Geschenkpapier und einer passenden Tragetüte, die sich von einer üblichen Plastiktüte abhebt. Die Auflistung ließe sich beliebig erweitern. Sie haben im Buchhandel nirgends Läden, die sich von den üblichen Buchhandlungen abheben. Ich persönlich fände es erstrebenswert, wenn es die ein oder andere Luxusbuchhandlung geben würde. Die darf dann natürlich auch eine Ecke teurer sein. Vielleicht können Sie mal hier ansetzen, und mit einem Umdenken im Preisgefüge bei Buchhandlungen ansetzen.

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