Voland & Quist will Berufung im „Wanderhurenstreit“ einlegen

Kriegskasse per Crowdfunding

Der Independent-Verlag Voland & Quist gibt sich nicht geschlagen: Der Verlag will ab nächster Woche per Crowdfunding Geld für den Prozess einsammeln und kündigt an, im „Wanderhurenstreit“ in Berufung gehen zu wollen.

Voland & Quist will gegen die Entscheidung des Landgerichts Düsseldorf Berufung einlegen, die dem Verlag verbietet, in einem Buchtitel das Wort „Wanderhure“ zu verwenden. Ab dem 14. April will Voland & Quist im Internet Geld einsammeln: Die mit der Berufung verbundenen Kosten kann der Independent-Verlag alleine nicht stemmen, darum soll über eine Crowdfunding-Kampagne auf Startnext die Kriegskasse gefüllt werden.

 

Teuer Streitfall
Die Kosten des Rechtsstreits mit Droemer Knaur belaufen sich für Voland & Quist nach eigener Aussage bislang auf über 10.000 Euro. Die zusätzlichen Kosten für die zweite Instanz beziffert der Verlag mit rund 12.500 Euro. „Zahlreiche Kollegen aus der Buchbranche, befreundete Autoren und Leser haben bereits ihre Unterstützung zugesagt“, zeigt sich der Indie-Verlag selbstbewusst.

Der Verlag Droemer Knaur hatte gegen den Titel „Die schönsten Wanderwege der Wanderhure“ am 27. März eine einstweilige Verfügung erwirkt. Der mit diesem Titel versehene satirische Kurzgeschichtenband von Julius Fischer darf nach Abverkauf der ersten Auflage nicht weiter vertrieben werden.

Urteilsbegründung mit Schwächen?
Dem Landgericht Düsseldorf erschien es in der Urteilsbegründung „nicht fernliegend, dass der Verkehr, der sich nicht mit dem Inhalt des Werks beschäftigt hat, den Titel wörtlich nimmt und tatsächlich davon ausgeht, er diene der Kennzeichnung eines Werks, welches sich auf der Grundlage der bei Droemer verlegten Romane mit der Beschreibung von Wanderwegen befasse, zumal die Titelfigur als ‚Wanderhure’ umherzieht.“ Das Gericht befand weiter, „die Freiheit der Kunst [habe] hinter das durch das Eigentumsgrundrecht und einfachgesetzlich durch §§5,15 MarkenG geschützte Recht der Antragstellerin an ihren Werktiteln [zurückzutreten]“.

Voland & Quist-Anwalts Raphael Thomas sagte: „Die Begründung des Urteils ist eine Zumutung, da sie die sich stellenden Fragen nur oberflächlich anreißt und auf zentrale Fragen keine fundierten Antworten gibt. Das Landgericht Düsseldorf verlangt für dieses Urteil über 3.078 Euro Gerichtskosten. Für diesen Betrag hätte ich mir wenigstens eine vernünftige Begründung eines für die gesamte Verlagsbranche nicht unbedeutenden Urteils gewünscht. Ich hoffe, dass wir – sollten wir auch in der Berufung keinen Erfolg mit unserer Rechtsposition erringen – wenigstens eine brauchbare Begründung für das gerichtlich angeordnete Satireverbot erhalten. Wenn das Gericht schon keinen Spaß versteht, dann möge es bitte wenigstens das nächste Urteil mit der gebotenen Ernsthaftigkeit verfassen. Schließlich zahlt Voland & Quist allein dafür weitere 4.104 Euro Gerichtskosten an das Oberlandesgericht Düsseldorf.“

Die Verlagsleiter Leif Greinus und Sebastian Wolter haben in der Urteilsbegründung eine Schwachstelle entdeckt: Den Titel „Die Wanderhure“ sollen nicht die Autoren Iny Lorentz erfunden haben: Schon im Jahr 1759 sei in Italien ein Buch mit dem Titel „La Puttana Errante“ erschienen sein - zu Deutsch: „Die Wanderhure“.

Update: Auf Antrag des Börsenblatts wurde das Urteil am Landgericht Düsseldorf vom 27. März im Wanderhurenstreit nun veröffentlicht.

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13 Kommentar/e

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  • Ehemalige Verlagsmitarbeiterin

    Ehemalige Verlagsmitarbeiterin

    Wie wär´s einfach mit folgendem Titel: Die Spazierwege der Spaziernutte? Mal ehrlich, die Sorgen von Voland & Quist möchten andere Verlage haben.

    Und: Angesichts der Anzahl der Menschen, die täglich weltweit bei Kriegen getötet werden (und zwar mit Waffen, die auch von Deutschland geliefert werden) sollte die Redaktion mal den Begriff "Kriegskasse" überdenken.

  • Voland&Quist Unterstützer

    Voland&Quist Unterstützer

    Ich hätte mir einen Link zu besagter Kampagne gewünscht. Das Leser der "wanderhure" zu diesem Buch greifen, dürfte eher unwahrscheinlich sein. Ein kurzer Blick auf den Klappentext genügt. Auf der anderen Seite hätte eine kleine Titeländerung sicherlich zu weniger Stress geführt...

  • Patrick Musial

    Patrick Musial

    Die Annahme, man könnte dieses Buch "versehentlich" kaufen, wenn man eigentlich Iny-Lorentz-Schmonz erwartet, geht völlig an der Realität vorbei. Das Cover schafft da genug Distanz.

    Zudem entsteht niemandem ein Schaden, da selbst im völlig unwahrscheinlichen Fall eines Fehlkaufs jederzeit ein Umtausch möglich sein wird.

    Bei uns im Geschäft hat noch kein "Iny-Lorentz"-Leser nach dem neuen "Wanderhuren"-Buch von Iny Lorentz gefragt. Die Verwechslung also in der Praxis nicht statt.

    Wenn "Iny Lorentz" und der Verlag meinen, auf eine derart peinliche Weise auf als solche erkenntliche Satire reagieren zu müssen, muss man auch die Konsequenzen zu tragen bereit sein. Bei uns im Regal wird man "Iny Lorentz" nicht mehr finden. Wir bestellen die Bücher gerne für unsere Kunden, durch Regalpräsenz bewerben werden wir sie nicht mehr.

  • Verleger

    Verleger

    > "Mal ehrlich, die Sorgen von Voland & Quist
    > möchten andere Verlage haben."

    Wenn dieses Gerichtsurteil Schule macht, WERDEN die Sorgen von Voland & Quist bald viele andere Verlage haben! Als Verleger für Humor & Satire habe ich laufend damit zu tun, dass Satire natürlich immer prominente Vorbilder und gesellschaftliche Trends u. dgl. aufspießt (ja aufspießen muss, das ist ihre Aufgabe).- Wenn dann plötzlich parodistische Elemente gerichtlich verboten werden, dann ist das ein besorgniserregender Eingriff in die Kunst- und Satirefreiheit. Und deshalb werde ich diesen Revisionsprozess unterstützen, weil ich die Probleme von Voland & Quist zukünftig eben nicht haben will!

  • Manuela Tengler

    Manuela Tengler

    Ich kann beide Seiten verstehen. Einerseits hängt man sich auf einem sehr bekannten Titel dran, was auch nicht gerade "ladylike" ist - andererseits sorgt der mediale Wirbel jetzt für unnötige Streitigkeiten, die ein erfolgreiches Autorenduo wie Iny Lorentz gewiss nicht initiiert haben! Das ist aber auch der dunkle Fleck in der Branche - dieses gegenseitige Abkupfern, Nachäffen von üblichen Titeln, Covern ... man sollte vielleicht mal den AutorInnen mehr Kompetenz zutrauen und nicht auf erfolgreiche Trends setzen!

    Ich hoffe auf ein baldiges Ende dieses Rechtsstreits, dessen Kosten gewiss anderswo besser investiert werden könnte, oder?

  • Patrick Musial

    Patrick Musial

    Gehen Sie davon aus, dass diese peinliche Klage durchaus der Wunsch von "Iny Lorentz" war.

  • Börsenblatt Redaktion | Kai Mühleck

    Börsenblatt Redaktion | Kai Mühleck

    Wir verlinken im Artikel inzwischen auf die entsprechende Seite auf Startnext. Zunächst war die Seite noch nicht freigeschaltet. Für alle, die die Urteilsbegründung vom 27. März genauer interessiert: Das Landgericht Düsseldorf veröffentlich auf Anfrage von boersenblatt.net in voraussichtlich 2-3 Tagen die Begründung auf dem NRW-Server. Wir halten auf dem Laufenden.

  • Patrick Musial

    Patrick Musial

    Also da machen wir natürlich gerne mit und stiften unter anderem auch den Reinerlös aus dem Verkauf der bei uns in diesem Jahr verkauften Bücher von Droemer Knaur (dank "Lavendelzimmer" dürfte da etwas zusammenkommen).

  • Jens Bartsch

    Jens Bartsch

    Liebe Frau Tengler,

    haben Sie Herrn Fischers Buch eigentlich jemals in den eigenen Händen gehalten oder reingeschaut?

    Das ist doch kein Dranhängen oder Abkupfern, wie wir es in der Tat zur Genüge kennen. Dies ist eine äusserlich und inhaltlich extrem klar erkennbare Satire, die da aktuell quasi verboten wird!

    Im Gegensatz zur ehemaligen Verlagsmitarbeiterin sollten wir uns deswegen alle Sorgen machen. Und wir sollten das Corpus delicti natürlich auch kennen, bevor wir es kommentieren.

  • westley

    westley

    @ Patrick Musial

    "Bei uns im Regal wird man "Iny Lorentz" nicht mehr finden. Wir bestellen die Bücher gerne für unsere Kunden, durch Regalpräsenz bewerben werden wir sie nicht mehr."

    Bei allem Verständnis über Ihren Unmut die Beschneidung der Satirefreiheit (den ich bei dem Fall auch habe), aber das kann ich echt nicht mehr hören!

    1. Bevormunden Sie mal locker Ihre Kunden, denen der Streit vollkommen egal ist.
    2. Nehmen Sie mal so locker ein Gerichtsurteil nicht ernst und üben - wenn natürlich auch nur auf bescheidene Art und Weise - eine Art Selbstjustiz aus.
    3. Verzichten Sie auf Umsatz. Wenn Sie sich das wegen einer solchen Sache leisten können - Gratulation! Viele Buchhandlungen haben heuer nicht dieses Luxusproblem...

  • Buchling

    Buchling

    @westley

    zum Glück gibt es noch Buchhandlungen die das machen können, weil ihre Kunden alles haben wollen, nur keine Bücher von Iny Lorentz ;-)

  • Patrick Musial

    Patrick Musial

    Sehr geehrter "westley",

    sorry, dass möchte ich zurückweisen.
    Der Reihe nach:
    1. Wir bevormunden doch die Kunden nicht. Es ist nichts dagegen einzuwenden, die Bücher zu lesen. Aber da ich das Vorgehen in diesem Fall höchst unsympathisch finde, bewerben wir die Bücher halt nicht mehr durch die Ausstellung im Regal. Bestellen tun wir sie auf Wunsch gerne. Wir auch jedes andere Buch, dass wir vielleicht persönlich "nicht sooooo lieb haben" - aber eine Bevormundung der Kunden gehört sich nicht und die gibt es bei uns auch nicht. Die Geschmäcker sind ja zum Glück verschieden, die literarischen Vorlieben und politschen Ansichten auch. Es ist unsere ureigenste Aufgabe, eine entsprechende Verbreitung zu ermöglichen.

    2. Das Gerichtsurteil ist für mich nicht nachvollziehbar und wir möchten den betroffenen Verlag gerne unterstützen, indem wir die Revision mitfinanzieren. Das bedeutet aber nicht, dass man das Gericht "nicht ernst" nimmt, sondern nur, dass man "Iny Lorentz" und ihr Vorgehen nicht ernst nimmt und ziemlich doof findet.

    3. Ach, die paar Euro...sooo viele Bücher von "I.L." verkaufen wir nun auch nicht. Die Sache ist mehr wert.

  • Thorben-Finn

    Thorben-Finn

    Ist es üblich, dass ehemalige Verlagsmitarbeiter*_Ininnen einerseits zwar ein Herz für Kriegsopfer in der Ferne haben, ihnen andererseits aber die hunderttausende von Frauen und Mädchen, die durch massive Gewalt zur Prostitution gezwungen werden am Allerwertesten vorbeigehen?

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