Wovon Androiden träumen

Was bedeutet es, wenn unser Alltag zunehmend dematerialisiert wird? Wie machen wir digitale Inhalte greifbar? Dorothee Werner vom Forum Zukunft des Börsenvereins sucht den "missing link" zwischen analog und digital.

Nachdem die erste Schockkurve des digitalen Wandels in der Buchbranche ihren Höhepunkt erreicht hatte, wurden die Akteure neugierig und haben sich mit wachsendem Enthusiasmus auf die Suche nach neuen Wegen gemacht. Wie könnte das "Prinzip Buch" im Digitalen funktionieren? Aus Angst vor dem wirklich radikal Neuen (oder auch weil Neues nicht von heute auf morgen perfekt funktioniert), kopiert man Analoges. Stolz wird etwa vorgezeigt, dass man digital genauso schön blättern kann − inklusive Seitenzischgeräusch −, wie in einem "echten" Buch. "Skeuomorphie" soll das Digitale vertrauter wirken oder hochwertiger erscheinen lassen − ähnlich wie die eingeprägten Nähte bei Gummisohlen von Schuhen.

Währenddessen ändern sich herstellender und verbreitender Buchhandel rasant: Immer mehr Verlage bringen ihr Programm nicht mehr nur in gedruckter Form auf den Markt, sondern (zusätzlich) als E-Book oder sogar als transmediales Projekt über mehrere Ausgabekanäle heraus. "Digital first" − von vornherein digital zu produzieren − ist kein Exotenausweis mehr. Demnächst soll es gar eine erste "electric book fair" geben, die sich zum Ziel gesetzt hat, "E-Books als das sichtbar werden zu lassen, was sie sind". Eine ganze Dienstleisterbranche hat sich auf den digitalen Bereich spezialisiert und stellt für Herstellung und Vertrieb Services zur Verfügung, die Verlage allein nicht mehr abdecken. Bibliotheken und Archive haben große Bestände, die nicht mehr physisch in Regalsystemen oder Magazinen vorhanden sind.

Nils Minkmar schrieb einmal in der "FAZ", dass wir uns im Zeitalter des Unsichtbaren befinden, weil unser Alltag in jeder Hinsicht nach und nach dematerialisiert wird. Die Cloud ist das beste Symbol dafür. Mir kam dabei die Frage, wie unsere Welt in Zukunft eigentlich aussieht, wenn alles digital sein wird. Welche Darstellungsmöglichkeiten digitaler Inhalte abseits von Bildschirmen kann es eigentlich geben: Wie können digitale Inhalte künftig greifbar gemacht werden? Sollen sie künftig überhaupt noch physisch sichtbar sein? Wird es zum Beispiel überhaupt noch Schaufenster, Verkaufsflächen und Messestände geben, wenn alle Inhalte digital sind? Wel­che Voraussetzungen müssen digitale Produkte eigentlich erfüllen, um von Kunden noch "gesehen" zu werden? Entsprechen die Formate heutiger E-Books den Eigen­schaf­ten des digitalen Mediums? Wie kann man potenziellen Kunden Produkte schmackhaft machen, die sie nicht mehr in der Hand halten und durchblättern können? Wie kann man Kampagnen und Projekte im Internet und auf digitalen Devices in die physische Welt "verlängern"? Sind QR-Codes mit ihren schwarz-weißen Kästchen die zwingende Verbindung? Und noch viel grundsätzlicher: Kann man die digitale Narration in die analoge Architektur verlagern − als Themenwelten etwa in Buchhandlungen? Oder lassen wir den
Graben − dort die klassischen Leser, hier die Digital Natives − einfach offen?

Auch das Forum Zukunft hat sich solche Fragen für 2014 auf die Fahnen geschrieben und möchte mit einem neuen Format (ab Mai) helfen, Antworten zu finden. Ich habe das Gefühl, erst wenn wir Antworten auf diese nur scheinbar analog gedachten Fragen haben, erst dann werden wir paradoxerweise in der Digitalisierung die nächste Stufe erreichen, auf der wir nicht mehr einfach nur die analoge Welt kopieren, sondern Inhalte und Produkte so konzipieren, dass sie ihrer eigenen Logik folgen. Denn so lange wir analoge und digitale Welt in der Produktentwicklung nicht von vornherein zusammen denken, wird sich der "missing link" zum "nächsten Level" nicht finden. Erst wenn wir aufhören, Analoges zu kopieren, werden wir Philip K. Dicks bereits 1968 formulierte Frage − die später zur Vorlage für Blade Runner wurde − beantworten können: ob Androiden von elektrischen Schafen träumen.

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11 Kommentar/e

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  • Martina Bergmann

    Martina Bergmann

    Ich verstehe das nicht. Bitte nochmal auf Deutsch für Buchhändler.

  • Thorben-Finn

    Thorben-Finn

    "Sind QR-Codes mit ihren schwarz-weißen Kästchen die zwingende Verbindung?"

    Wären RFIDs nicht praktikabler? Augmented reality als Zusammenspiel eines Google Glasses-ähnlichen Gerätes mit RFIDs scheint der nächste Schritt zu sein auf dem Weg zur Noosphäre. Damit könnte man dann auch "die digitale Narration in die analoge Architektur verlagern" - schöne Formulierung, btw - einfach, weil es die Trennung nicht mehr geben wird.

    Intressanter Artikel, danke.

  • Dorothee Werner

    Dorothee Werner

    Lieber Thorben-Finn, vielen Dank für die interssante Anregung. Auch der Begriff Noosphäre war mir noch nicht bekann, er ist ja eine per se optimistische Zuschreibung. Woher stammt er, können Sie mir noch mehr dazu sagen?

  • Ehemalige Verlagsmitarbeiterin

    Ehemalige Verlagsmitarbeiterin

    @ 1. Martina Bergmann:
    Haben Sie kein Fremdwörterlexikon in Ihrer Bücherbutze?
    Sie könnten aber auch auf http://www.duden.de nachsehen...

  • eBuch-Händler

    eBuch-Händler

    Das ist wieder mal typischen bla bla bla vom Börsenverein. Statt sich um die Belange der Buchhändler und Verlage zu kümmern kommt soch ein Statement - klasse lieber BOEV.

  • Zukunft Weltbild

    Zukunft Weltbild

    E-Books sind für die wichtige Zukunft des stationären deutschen Buchhandels vollkommen irrelevant.
    E-Books schwächen die Buchhandlungen und sind total unökologisch.
    E-Books sind unerlässlich und wichtig für die Zukunft. Auch ich liebe E-Books.
    E-Books sind aber vollkommen entbehrlich für die Wertschöpfung aller Buchhandlungen der Welt.
    E-Books sind für viele Unternehmer das neue Gold.
    Buchhandlungen der Zukunft sind auf Gold nicht angewiesen.
    Buchhandlungen wird es mit schlauen Menschen immer geben, in 1000 Jahren noch.
    Wir sollten gemeinsam herausfinden wie das geht, einfach fragen.

  • G. Schlossen

    G. Schlossen

    E-Books sind unökologisch. Aha. Weil man Strom verbraucht, um sie zu lesen , oder wie?
    Der Herr "Zukunft Weltbild" sollte demnächst lieber unter "Stein der Weisen" schreiben, denn so gebärdet er sich ja.

    Frage mich, warum er nicht einfach zu einer Bank geht und sein tolles Konzept auf eigenes Risiko umsetzt anstatt darauf zu warten, dass irgend jemand angekrochen kommt?

  • Zukunft Weltbild

    Zukunft Weltbild

    @G. Schlossen
    Wenn Sie wissen dass es einen „Herr“ „Neues Weltbild“ gibt dann wären Sie anderen schon weit voraus. Wenn Sie meinen das E-Books unökologisch sind weil Sie Strom verbrauchen wäre das noch nicht mal die halbe Wahrheit.
    Den Stein der Weisen gilt es um Himmels Willen zu finden um aller Zukunft Willen im stationären Buchhandel.
    Die neue Onlineplattform mit L… war es sicher nicht….
    Ich/wir brauchen also weder Bank noch Investor, ich/wir werden eingestellt oder gebucht und dann gibt es Ergebnisse und Visionen, immer wieder neu.
    Zu mir muss auch keiner „gekrochen“ kommen…
    Ich warte bis heute noch auf „kleinere Lücken“:
    Von einem „GF“ an @Zukunft Weltbild am 04.05.2014: http://www.boersenblatt.net/794912/
    „Bitte entschuldigen Sie vielmals, dass wir Sie bislang noch nicht kontaktiert haben.
    Ab der übernächsten Kalenderwoche sind kleinere Lücken im dicht gefüllten Terminkalender. Sie werden in der KW ab dem 12.05.2014 von uns hören.“
    Natürlich, wie zu erwarten, hat niemanden in der Branche irgendetwas von einer möglichen „Zukunft??“ interessiert.
    Viele Mitarbeiter und Inhaber von kleineren Buchhandlungen werden in dem Buchhandel wie wir ihn kennen keine Zukunft haben. Ich habe mehrfach angedeutet, dass die Zukunft nach meiner Meinung nur Veränderung kann. Es sind nur Thesen und Meinungen, aber sie garantieren Veränderungen und Visionen.
    Ich bin der Meinung: „Der Buchhandel schafft sich selber ab“. Es wird nur „DER BUCHHANDEL“ übrig bleiben, da braucht man keine Buchhändler mehr.
    Anderswo auf der Welt hat man schon erkannt das es anders gehen muss und kann und beginnt zu lernen, hierzulande denkt man immer noch die Politik und Buchpreisbindung werden es richten, es gibt uns nur Zeit, keine Zukunft. Der große Ball wird ja gerade erst aufgeblasen und kommt erst noch ins Rollen, den kann dann kaum einer mehr stoppen...?
    Ich/wir arbeiten immer zwischen den Akteuren „der“ oder anderen Branche ganz unten und auch manchmal ganz oben als Arbeiter/in, Buchhändler/in, Packer/in oder Chef/in, ganz wie gewünscht, aber immer Undercover für das Unternehmen. Unser Auftrag lautet die Zukunft besser zu machen … Wir finden Schwachstellen in den Abläufen und müssen Lösungen zur Steigerung der Effizienz erarbeiten, täglich und immer wieder. Ich/wir hätten also einzigartige Informationen…für den B….
    Es gibt für den Buchhandel nach meiner Meinung auf keinen Fall einen Neuanfang, nur Veränderungen können das angeschlagene Schiff in den rettenden Hafen führen um unter neuer Flagge auszulaufen.
    Wie in anderen Artikeln bereits beschrieben habe ich einen Zeitplan den ich einhalten will, nun werde ich mich hier und anderswo nicht mehr zu dem Thema äußern können und wollen, sondern die Thematik vielleicht als Märchen einfach literarisch aufarbeiten: „Der Buchhandel schafft sich selber ab: Ein modernes Märchen zur Reanimation“.
    Auch ich kann mein Geld nicht mit „Visionen“ verdienen, leider. Mein Zeitfenster schließt sich und ich muss mir einen neuen Auftraggeber suchen.

    Wenn man sich von einer möglichen Zukunft abwendet, wird man bald in die weinenden Augen der „Tante Emmas“ sehen. Aber Hauptsache die ehrwürdige Branche hatte Recht, bis zum letzten „besch…“ Tag.

  • G. Schlossen

    G. Schlossen

    Nun wissen wir also Bescheid. Sie sind noch ein weiterer Berater, der "undercover" in der Firma für das Unternehmen ermittelt...
    Nur will sie anscheinend niemand buchen.
    Seien Sie versichert, es hat bei WB schon allerhand Berater gegeben, die auch alle großzügigst vergütet wurden.Die Ergebnisse sind bekannt.
    Ich bin ein kleiner FL und könnte Ihnen genau sagen, was hier und womöglich an anderer Stelle schief läuft und hätte auch einige Ideen.
    Eigentlich habe ich auch alles schonmal an verschiedenen Stellen angesprochen. Aber niemand will in der Führungsebene dieser Firma irgendwas ändern.
    Da hilft auch kein weiterer Berater so wie sie.
    Einwenig guter Willen und Nutzung der vorhandenen Resourcen würde vollauf genügen.

  • G Schlossen

    G Schlossen

    Und im Übrigen, wie bekanntermassen Helmut Schmidt sagte: Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen.

  • Thorben-Finn

    Thorben-Finn

    Liebe Dorothee,

    verzeih die arg verspätete Antwort. Mir lief der Begriff zum ersten Mal in einem - fast schäme ich mich, es zu schreiben - Science-Fiction-Roman über die Akascha-Chronik (ein aus dem Esoterik-Bereich stammendes Konzept einer umfassenden Weltchronik) über den Weg. Angesichts der rasant fortschreitenden Vernetzung, die zunehmend ohne Kabelanschluss auskommt, und den Fortschritten im Bereich Mensch/Maschine-Interface scheint die Noosphäre langsam in den Bereich des Möglichen vorzurücken.
    Und ja, es ist eine sehr optimistische Zuschreibung. Das ist das schöne an technologischer Entwicklung - die Chancen überwiegen meist die Risiken. Falls Sie es noch nicht getan haben, möchte ich Ihnen auch den Begriff der 'technologischen Singularität' nahelegen. Ab da wirds lustig :)

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