Düsseldorfer Übersetzertage

"Es gibt gemeinsame Fragen, die uns Übersetzer umtreiben"

Warum ihre Zunft die Gelegenheit zur persönlichen Begegnung besonders braucht: Ein Interview mit Übersetzerin Claudia Ott, am Rande der Düsseldorfer Übersetzertage (21. bis 23. Mai 2014). VON INTERVIEW: PETRA KAMMANN

Was war für Sie an den Düsseldorfer Übersetzertagen von Interesse?

Ott: Für mich ist die Tagung in erster Linie ein Anlass, um mit erfahrenen Kollegen zusammenzukommen und neue Kontakte zu knüpfen. Ich halte solche Foren in unserem Beruf für besonders wichtig. Als Übersetzer ist man oft recht einsam, und beim Nachdenken über die eigene Arbeit sieht man häufig den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr. Da ist es ist wichtig, einmal einen Schritt zurückzutreten. Hier in Düsseldorf trifft man Gleichgesinnte und spürt, dass es gemeinsame Fragen gibt, die uns Übersetzer umtreiben und verbinden.

Auf der Veranstaltung klang an, dass Übersetzer oft von ihrer Arbeit nicht leben können. Wie war es bei Ihnen? Konnten Sie von Anfang an von Ihren Übersetzungen aus dem arabischen Sprachraum leben?

Ott: Ich bin insofern in einer besonderen Situation, als bei den Werken, die ich übersetze, kein Autor mehr greifbar ist - und noch nie greifbar war. "1001 Nacht" und "101 Nacht", die ich übertragen habe, sind anonym überlieferte Werke, Produkte globalen Literaturtransfers seit fast 2000 Jahren und selbst Ergebnis verschiedener Übersetzungsstufen.

So ist, mal abgesehen von der fiktiven Persönlichkeit der Erzählerin Schahrasad, die ja die wahre Autorin der Geschichten ist und bleibt, der Name des Übersetzers der einzige, der sich einschreibt. Ich lebe trotzdem vor allem von den Veranstaltungen und Konzerten, die ich leidenschaftlich gern mache. Schon als ich den Auftrag für die erste Übersetzung aus "Tausendundeine Nacht" bekam, war mir sofort klar, dass ich das Werk nicht nur als Übersetzerin betreuen würde, ich konnte mit "Tausendundeine Nacht" auch auf die Bühne, was meinen Weg komplett verändert hat.

Profitieren Sie, da Sie erzählend und musizierend auftreten, auch von Hörbüchern?

Ott: Ich freue mich, dass es zu beiden Werken - "1001 Nacht" und "101 Nacht" - sehr schnell auch Hörbücher gab. Beim Hörbuch zu "1001 Nacht" war ich  allerdings nur beratend tätig. Bei "101 Nacht" durfte ich die Musikbegleitung gestalten und alle Gedichte im arabischen Original einlesen. Die deutsche Fassung wird dann über den arabischen Text gelesen, das gefällt mir sehr gut.

Wodurch wurde Ihr Interesse am arabischen Kultur- und Sprachraum ausgelöst?

Ott: Das lief eigentlich über die Musik, über die Flöte, die ich schon als Kind spielte – allerdings nicht die orientalische. Als ich nach meinem Abitur in Jerusalem studierte, gab ich dort einem fünfjährigen palästinensischen Jungen Flötenunterricht. Sein Vater war der Liedermacher Mustafa al-Kurd, den ich schließlich auch bei seinen Auftritten begleitete. Als Mustafa in Deutschland auf Tournee ging, bat er mich, seine Liedtexte - Gedichte palästinensischer Lyriker - ins Deutsche zu übersetzen. Sein "Auftrag" war für mich von lang anhaltender Wirkung.

Zum damaligen Zeitpunkt fühlte ich mich natürlich noch nicht in der Lage, Lyrik zu übersetzen. Ich hatte mich ja gerade erst an der Hebräischen Universität in Jerusalem eingeschrieben, um arabische Sprache und Kultur zu studieren. Aber ich musste dem Liedermacher das Versprechen geben, dass ich irgendwann einmal seine Texte übersetze. Dieses Versprechen hat mich Jahre begleitet. Und ich habe es sieben Jahre später auch tatsächlich eingelöst.

Was war das Besondere dieser Übersetzung?

Ott: Übersetzer befinden sich oft in der Verlegenheit, zugunsten einer Sinnschicht andere Dimensionen eines Originaltextes aufgeben oder vernachlässigen zu müssen. Für mich war bei der Lyrikübersetzung stets der Klang das Bindeglied, ich hatte sozusagen immer die Vertonungen des Liedermachers im Ohr. Einige meiner  Übersetzungen wurden dann viel später in dem Bändchen "Gold auf Lapislazuli" veröffentlicht, allerdings nicht unter dem Namen des Liedermachers  Mustafa al-Kurd, sondern unter denen ihrer  Dichter wie Mahmud Darwisch, Fadwa Tuqan und Taufik Sayyad.

Von der Lyrik zur Übersetzung von "1001 Nacht" - wie kam es dazu?

Ott: Ich kann sagen, dass in diesem Fall das Buch mich gefunden hat, und nicht umgekehrt. Ich war nach meiner Promotion gerade kurz davor, zum Musikstudium nach Kairo zu gehen, als der C. H. Beck Verlag einen Übersetzer für die älteste Handschrift von "1001 Nacht" suchte. Diese Handschrift war vor 300 Jahren zum ersten Mal von Antoine Galland ins Französische übertragen worden. Durch sie wurde der große Orient-Boom im 18. und 19. Jahrhundert ausgelöst.

Zum Jubiläum sollte eine deutsche Übersetzung von dieser Version entstehen, allerdings nicht unmittelbar aus der Handschrift, sondern aus einer Edition. Mein Glück war es, dass ich nicht nur über ein sehr verwandtes Thema promoviert hatte, sondern auch in diesem Augenblick frei war und Zeit hatte. Und die braucht man, um diesem Stück Weltliteratur als Übersetzer gerecht zu werden.

Worin lagen die speziellen Schwierigkeiten beim Übersetzen? 

Ott: "Tausendundeine Nacht" weist eine ausgeprägte Dreiteilung des Stils auf: einen straffen, schnörkellosen Erzählstil, eine ausgefeilte Reimprosa mit absichtlich manieriert wirkenden Stellen und dann die Gedichte, auf die ein arabischer Leser und Zuhörer wie auf Arien in der Oper wartet. Ohne sie würde es ihm nicht schmecken. Diese stilistische Dreiteilung empfand ich als die größte Herausforderung.

Hinzu kommt, dass die Vorlage, das Manuskript aus dem 15. Jahrhundert, einen gewissen zeitlichen Abstand zu unserer Gegenwart und auch zur arabischen Gegenwartssprache hat und zum Beispiel Dialektworte enthält, die ich manchmal nicht entschlüsseln konnte. Ich habe mich zwar mit vielen Kollegen in Kairo und anderswo beraten, aber es blieben immer noch Lücken. Die fraglichen Wörter habe ich unübersetzt auf Arabisch im Text stehen lassen und im Glossar erläutert.

Es muss dem Leser also schmecken. Spielt das Kulinarische eine große Rolle? Und ist das jeweils übersetzbar?

Die Frage nach der Übersetzbarkeit ist sehr komplex. In "meinem" Original wird sehr viel Geduld und Sorgfalt darauf verwandt, auch Dinge zu benennen, die wir heute nicht mehr kennen, dazu gehören verschiedene Blumenarten, Apfelsorten, kulinarische Gerichte, aber auch Flüche auf der Straße, über deren Derbheitsgrad ich nicht genug weiß. Auch empfinde ich gewisse arabische Wörter als extrem aufgeladen mit einem fast magischen Klang und historischen Tiefgang, der sich schwierig in deutsche Wörter packen lässt.

Die altarabische Poesie, die zwischen dem 7. und 9. Jahrhundert verschriftlicht wurde, kam aus der Wüste, aus dem Beduinenleben. Als die große Sammlungen erschienen, waren sie schon Erinnerung an eine untergegangene Welt. Die Poesie erinnert bis heute an das Arkadien. Man braucht nur eines dieser Wörter auszusprechen, da steht schon das Kamel vor dem inneren Auge oder der Lagerplatz, an dem das Herdfeuer noch glüht, und da sind noch die Spuren der Geliebten im Sand zu sehen, die mit ihrem Stamm ins Winterlager zieht. Vorbei ist die Liebesnacht. Auch davon sollte der europäische Leser durch die Übersetzung die Spur einer Ahnung bekommen.

Zur Person

Claudia Ott ist Islamwissenschaftlerin, Arabistin, Übersetzerin. Sie wurde bekannt durch ihre Neuübersetzung von "Tausendundeine Nacht“ nach der ältesten arabischen Handschrift in der Ausgabe von Muhsin Mahdi, die 2004 im Verlag C. H. Beck erschien. 2008 erschien ebenfalls im Verlag C.H.Beck die Gedichtanthologie "Gold auf Lapislazuli - die 100 schönsten Liebesgedichte des Orients".

2012 kam im Manesse Verlag "Hundertundeine Nacht" heraus, die westliche und ältere Variante der weltberühmten Erzählidee nach der andalusischen Handschrift des Aga Khan Museum, die Claudia Ott erstmals ins Deutsche übertrug und kommentierte. Aus ihr trug sie während der Düsseldorfer Übersetzertage vor, begleitet von gleichfalls brillanten iranischen Musiker Hadi Alizadeh.

 

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