Die erste Electric Book Fair in Berlin

Verständigungstreffen von E-Book-Begeisterten

Im Supermarkt, Berlin Wedding, hatte am vergangenen Samstag die Electric Book Fair Premiere. Top-Thema: die Sichtbarmachung von E-Books. Gekommen waren Independent-Verleger wie Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag und Daniela Seel von Kookbooks sowie einige Lektoren aus größeren Häusern – und mit ihnen fast 300 Besucher. Für boersenblatt.net berichtet Holger Heimann.

"Die Electric Book Fair ist der Versuch, etwas in den Blick zu bekommen, das seinem Wesen nach diffus und unkonturiert bleiben muss, weil es sich fortwährend verändert – ein paradoxes und dennoch lohnendes Unterfangen" – so haben die Organisatoren ihr Vorhaben einer ersten E-Book-Messe erklärt und somit clever der Herausforderung gleich die Unmöglichkeit des umfänglichen Gelingens mit eingeschrieben. Es war ein Versuch, der sich in viele unterschiedliche Gesprächsrunden und Diskussionen auffächerte – und einige davon glückten durchaus. Eine Messe wird man diese Premiere im herkömmlichen Sinn des Wortes eher nicht nennen können. Doch immerhin lud eine E-Book-Library dazu ein, sich unterschiedliche Reader auszuleihen und so Bücher der Verlage kennenzulernen, die auf der "Electric Book Fair" präsent waren, darunter shelff, mikrotext, Voland & Quist und CulturBooks. Passender aber lassen sich diese zehn Stunden am vergangenen Samstag im Supermarkt, einem Konferenzort im Berliner Wedding, wohl weit eher als ein gut gelauntes und bestens organisiertes Verständigungstreffen von E-Book-Verlegern und E-Book-Begeisterten beschreiben.

Gesammelte Werke für 99 Cent

Zwei "Bühnen" gab es, die zumeist parallel bespielt wurden: Das "Electric Café" lud zu Tischgesprächen ein, zu Themen wie Crowdfunding oder Urheberrecht. Der Hauptschauplatz jedoch war die "Electric Enquete", die der New Yorker Richard Nash von der Story-Plattform Byliner eröffnete. Nash war via Skype und zu nachtschlafender amerikanischer Zeit zugeschaltet, und es war vielleicht auch deswegen ein eher müder Beginn. Später stellte ein selbstverliebter, deutscher "Verleger neuen Typs" seinen Null Papier Verlag vor. In dem 2011 gegründeten E-Book-Unternehmen erscheint fast alles, was gemeinfrei ist: Büchner, Kafka, Poe, die Märchen der Brüder Grimm und so weiter – häufig gibt’s die "Gesammelten Werke" für 99 Cent. Der aus der IT-Branche kommende Textesammler Jürgen Schulze will aber auch lebende Autoren veröffentlichen, weswegen er in Berlin allerlei Gründe dafür aufzählte, warum sich Selfpublishing nicht lohnt.

Aber es gab durchaus auch sehr viel lohnendere Auftritte. Elisabeth Ruge, die nach ihrem Rückzug als Verlegerin jetzt eine Agentur betreibt, und Johannes Kleske von der Unternehmensberatung Third Wave, präsentierten Thesen zum "Lesen im 21. Jahrhundert". Der Grundgedanke der beiden: Es wird mehr gelesen, aber auf andere Weise. Kleske machte im Smartphone das Lesegerät der Zukunft aus. Er glaubt: "Lange Texte sind kein Problem, wenn wir sie in den Kontext unseres Alltags packen." Die gute, alte Tradition des Fortsetzungsromans könnte mithin eine Renaissance erleben. Also Balzac auf dem Smartphone – oder doch eher eine ganz Art von Texten? Möglich jedenfalls, dass bald schon Algorithmus-Romane den Markt überschwemmen, so wie es bereits jetzt von Algorithmen produzierte journalistische Artikel gibt (jenen zum Beispiel über ein kleines Erdbeben in Los Angeles im März, der schon drei Minuten nach der Erschütterung zu lesen war und alle wichtigen Informationen enthielt). Doch Ruge und Kleske prophezeiten solchen maschinell gefertigten literarischen Textprodukten keinen anhaltenden Erfolg, weil sie vorhersehbar und deshalb langweilig seien. Kleskes Aufforderung zuletzt: Literatur und Technik sollten nicht länger als Gegenspieler betrachtet, sondern miteinander verbunden werden.

Doch bevor das möglicherweise geschieht, stehen die E-Book-Verleger vor ganz gewöhnlichen Alltagsproblemen. Ihre Bücher sichtbar zu machen, ist vielleicht das größte davon – und daher konzentrierte sich eine Gesprächsrunde auf die Frage: "Digitale Inhalte präsentieren ohne Bücherregal – wie geht das überhaupt?"

Die passende Antwort hat bisher keiner gefunden. "Wir erstellen gerade einen E-Book-Katalog für Erstausgaben. Es ist ein weiterer Versuch der Sichtbarmachung. Aber alles in allem sind wir so ideenlos wie der Rest der Branche", räumte Zoë Beck von CulturBooks ganz freimütig ein. Dreieckige Cover, mit denen der Rattenreiter Verlag seine E-Books in den diversen Shops präsentiert, sind vielleicht auch noch nicht die durchschlagende Lösung.

Womöglich aber liefert die kommende Frankfurter Buchmesse einige Anstöße. Premiere hat dort jedenfalls eine vom Forum Zukunft des Börsenvereins initiierte "Manege digital". Wildes Denken und Experimentieren soll hier einen Ort haben, mit dem Ziel, Wege aufzuzeigen, wie Erlebniswelten für digitalen Content geschaffen werden können.

Einstweilen jedenfalls scheint gerade im "Einkaufserlebnis" ein Vorsprung des stationären Buchhandels zu liegen. Das sah etwa der Verleger Leif Greinus von Voland & Quist so, der dem Handel zudem auch eine wichtige soziale Funktion bescheinigte. Für den Verlagsdienstleister Michael Dreusicke hingegen wird der Erlebnisgehalt ganz prinzipiell überschätzt. "Meine Anregungen bekomme ich schon lange nicht mehr dadurch, dass ich durch die Straßen einer Stadt gehe", verriet der Mann, mit dem man fast ein bisschen Mitleid haben konnte. "Ein Erlebnis ist es für mich, wenn ich bei Amazon mit drei Klicks ein Buch kaufen kann. Und es ist einfach geil, wenn ich es zwei Tage später zu Hause habe."

Für all diejenigen, denen solche schlichten Euphorie-Erlebnisse abgehen, will Dorothee Werner vom Börsenverein in ihrer Manege "der Ratlosigkeit Raum geben". Auftreten sollen Verleger, Buchhändler, Architekten, Designer und Programmierer – und bestenfalls Antworten finden auf die Frage danach, wie Bücherregale, Schaufenster und Messestände in Zukunft aussehen könnten.   

Womöglich interessiert das dann auch die Etablierten in der Branche. Bei der ersten "Electric Book Fair" traf man sie jedenfalls nicht – die anderen Büchermacher aus großen Verlagen, die vornehmlich gedruckte Bücher im Programm haben. Gekommen waren immerhin Independent-Verleger wie Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag und Daniela Seel von Kookbooks sowie einige Lektoren aus größeren Häusern – vom Berlin Verlag, von Ullstein – und mit ihnen insgesamt fast 300 Besucher. Falls es eine Fortsetzung gibt, sollen dann auch digitale Trends aus anderen Branchen präsentiert werden. Aber zunächst müssen erneut Geldgeber gefunden werden. Ob der Berliner Senat und die Bundeszentrale für politische Bildung erneut als Finanziers dabei sind, ist jedenfalls offen.

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5 Kommentar/e

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  • Michael Dreusicke

    Michael Dreusicke

    Lese ich da, liebes Börsenblatt, zwischen den Zeilen, dass, wer sich für ausgeklügelte Logistik begeistert, aufgrund dieser Eigenschaft "schlicht" und "bemitleidenswert" ist?

  • Sandra Schüssel

    Sandra Schüssel

    Sehr schön wars auf der Electric Book Fair. Und ja, Logistik und Kundenorientierung sollte man schon "geil" finden dürfen, ohne dass man dafür bemitleidet werden müsste. Ich hatte heute auch ein solch "schlichtes Euphorieerlebnis", als ich sehr spät nachmittags telefonisch ein Buch in meiner Buchhandlung bestellt habe, das ich morgen früh abholen kann. Hätte ich nicht erwartet, ich dachte, ich wäre zu spät dran.

  • Holger Heimann

    Holger Heimann

    Lieber Michael Dreusicke, liebe Sandra, ich meine, ein Spaziergang durch die Straßen Berlins kann schon ganz bereichernd sein – aber womöglich sind wir da sogar einer Meinung.

  • Marlene Deuter

    Marlene Deuter

    Tja, das war mal wieder ein Börsenblatt-typischer, von konservativer Haltung geprägter Blick auf die Brancheninnovationen. Herrn Heimann entgehen dabei bedeutungsschwangere Projekte wie der e-book-sprint oder das e-book-marketing, ebenfalls im Supermarkt präsentiert, die sich längst jenseits der gewohnten Parameter abspielen und indizieren, auf welche Weisen in Zukunft auch publiziert werden wird. Statt Papier zu retten, wäre die Branche besser beraten, diese Ausdifferenzierungen anzuerkennen und für die künftige Übermittlung geistvoller Inhalte zu nutzen. - Eine Messe dient schließlich, wenn sie gut ist, nicht zuletzt der Aus- und Darstellung von Avantgarde-Projekten, weniger als Bühne fürs schnarchende Lamento.

  • Frieder Kraus

    Frieder Kraus

    Wenn es das Börsenblatt zu König Hammurabis Zeiten schon gegeben hätte, wäre es nie zur Umstellung auf das ordinäre Papyrus gekommen. Doch eine technsche Revolution
    lässt sich nicht aussitzen, denn dann steht unsere elitäre
    Papierbuch-Lobby, irgendwann alleine im Museum. Die wichtigen Diskurse finden eh schon woanders statt....

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