Lob der Ermessensfreiheit

Qualität ist nicht quantifizierbar − der Buchhändler kann, darf, muss sich ein subjektives Urteil bilden. Buchhändler müssen wieder Experten werden. Sie müssen wieder zurück zur Instanz, die sie einmal waren. Meint Michael Schikowski.

Jeder hat schon einmal mittels eines mehr oder weniger ­passenden Gegenstands einen ­Nagel eingeschlagen. Dabei zeigt sich, dass der Gegenstand, den man wie einen Hammer nutzt, zu einem Hammer wird − zumindest zeitweilig. Nicht anders hat man in der Branche die letzten drei Jahrzehnte vergeblich versucht, aus Büchern ganz gewöhnliche Dinge zu machen. Dinge wie Taschenlampen, Mäntel oder Vollwaschmittel. Durch die Behandlung der Bücher als bloße Dinge wie ­andere auch, wurden sie Dinge wie andere auch. Man war sehr davon überzeugt, dass es auf die Vermittlung der Bücher in der Buchhandlung nicht ankomme. Das Ergebnis: Marktversagen.  

Wieso wollte man aus Büchern Dinge machen? Weil es so einfacher ist. Die prinzipielle Unvergleichlichkeit der Bücher wurde durch Austauschbarkeit der Dinge ersetzt. Bequeme Quantifizierung (wie oft verkauft) ersetzte komplexe Qualifizierung (wie fand ich es?). Das führte zu einer unübersehbaren Krise, dem ­Marktversagen aufgrund einer Vertrauenskrise der Kunden.

Die Unsicherheit über die "wirkliche" Qualität des Produkts ist im Buchhandel aber chronisch. Im Unterschied zu allen anderen Dingen ist ein neues Buch in seinem Gehalt und seiner Wirkung eben nicht so vollständig bekannt wie, sagen wir, eine neue Taschenlampe. Daher ist das Buch eher einer Kinokarte vergleichbar.

Das Vertrackte daran ist, dass selbst nach der Lektüre, wie nach einem Kinobesuch, Unsicherheit darüber herrscht, wie man es nun "eigentlich" fand. Professionelle Kritik ist da auch nur bedingt eine Hilfe. Im Gegenteil, die Besonderheiten eines Romans, eines Sachbuchs werden durch Kritik gerade erst deutlich. Was sich als Entscheidungshilfe gibt, besteht am Ende in nichts anderem als der Aufforderung, sich selbst ein Bild zu machen. Buchhändler brauchen Ermessensfreiheit in ihrer Waren- und Kundenbeziehung. Die Anzahl der Produkte korreliert mit der Möglichkeit, flexibel zu reagieren. Genau dies aber versuchte man abzuschaffen. So gehen jedem Marktversagen in gewisser Weise auch die Marktversager voraus.

Geschmacksbildung setzt Zeit und Erfahrung voraus. Diese Zeit hielten die Marktversager für Zeitverschwendung und die Erfahrung delegierten sie an Talkshows und Zeitungen. Ihre Vorstellungen bedeuten das genaue Gegenteil von eigen­ständiger Geschmacksbildung: ein vorgeblich objektives Urteil in einem Satz.

Geschmacksbildung ist ein auf subjektiven Erlebnissen beruhender sprachlicher Vorgang. Idealerweise wird ein Lernprozess in Gang gesetzt, an dessen Ende die Erfahrungen anderer zu den eigenen Erlebnissen am Objekt ins Verhältnis gesetzt werden können. Der Lernprozess besteht vor allem darin, Erlebnisse am Objekt in Worte zu fassen. So setzt die Fülle subjektiver Erlebnis­reize die sprachlichen Mittel voraus, diese in einem subjektiven Urteil eigenständig zu formulieren.

Wer nicht sieht, wovon hier eigentlich die Rede ist, und weiterhin glaubt, dass das Marktversagen mit nur noch verschärfter Quantifizierung zu meistern sei, macht die Krise zum Dauerzustand. Quantifizierung ist außerdem ein Trick derjenigen, die Selbstdenken überfordert und daher das Selbstdenken der Mitarbeiter zu verhindern suchen.

Buchhändler müssen wieder Experten werden. Buchhändler müssen wieder verstärkt Träger der Qualität werden. Sie müssen wieder zurück zur Instanz, die sie einmal waren. Hört sich gestrig an? Eine andere Zukunft als diese Vergangenheit haben die Bücher kaum.

3 Kommentar/e

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  • Jens Bartsch

    Jens Bartsch

    Die Frage, ob sich das im Artikel beschriebene gestrig anhört, die ist rhetorisch sehr gut gestellt. Denn bei näherem Nachdenken hat der dazu intellektuell befähigte Mensch doch schon seit geraumer Weile seine Zweifel, ob so manches uns von den Toppauguren seit langem so vorteilhaft vorhergesagte Zukunftsszenario wirklich so vorteilhaft ist.

    Generell haben wir es mit mehreren Phänomenen zu tun, die uns alle derzeit gedanklich herausfordern und ob ihrer Unvorstellbarkeit auch gelegentlich überfordern.

    Wir erleben mit BIGDATA bei Google, Amazon u.a. die Digitalisierung der bisherigen Welt, wie wir sie uns kaum vorstellen können.

    Wir erleben mit BIGDATA bei Google, Amazon u.a. Unternehmen, die nicht wie bisher gewohnt kaufmännisch „sich selbst rechnend“ agieren müssen. Diese Unternehmungen leben von nahezu unbegrenzten Krediten auf eine einträgliche Zukunft und können ihren Kunden damit Rosen anbieten, deren Dornen erst zu spüren sein werden, wenn irgendwann in der Zukunft tatsächlich „echtes“ Geld verdient werden muss.

    Wir erleben mit BIGDATA bei Google, Amazon u.a. Unternehmen, denen das Produkt gleichgültig ist. Ob Windel, Werbeanzeige, Gesundheitsdatenscoring, Elektroherd, Kreditscoring oder eben Bücher, gehandelt wird jedes Produkt in einer Jetztzeitigkeit, die eine Geschichte nur aus binär verfügbaren Inhalten kennt, keine Persönlichkeit kennt und auch nur aufgrund bisher binär verfügbarer Daten die Zukunft nur vage, aber mit großen Konsequenzen angeblich exakt berechnet.

    Wir erleben mit BIGDATA bei Google, Amazon u.a. Unternehmen, die zwangsläufig destruktiv agieren müssen, denn nur durch das Zerstören bestehender Strukturen lässt sich deren Geschäftsmodell umsetzen, nur durch das Umformen von Gesellschaften in das digitale Format kommen auch die dann wieder verwertbaren Ergebnisse heraus.

    Bei einigen der oben angesprochen Punkte fühlen Sie sich an die aggressive Politik der Buchhandelsketten erinnert? Ja, diese Entwicklung verlief ähnlich. Extrem destruktiv war sie, vorhersehbar gegen die Wand gelaufen ist das ganze Unterfangen und es hat sehr viel verbrannte Erde hinterlassen. Im Unterschied zu damals sitzt der gemeine Sortimenter nun mit den Buchhandelsketten und den mitspielenden Verlagen in einem Boot, welches mit einer glasklaren Kampfansage des großen Mitbewerbers (nicht Buchhändlers) wirklich endgültig versenkt werden soll.

    Was möchte ich nun damit sagen?
    Ja Herr Schikowski: Denken – Selbstdenken hilft unbedingt! Für manche hören sich die von Herrn Schikowski angesprochen „alten Tugenden“ gestrig an, aber sie sind es eben nicht. Besinnen wir uns wieder auf das, was wir können, was wir bisher gut gemacht haben, einstmals konnten und teils verlernt haben - und lernen wir dazu: Denken-Nachdenken-eine eigene Meinung bilden und haben-eine individuelle Meinung zulassen-diese Meinung den Kunden mitteilen uuuuuuuuuuuuuuuund die Kunden nicht unterschätzen. BLOGS funktionieren übrigens nicht anders.

    Unternehmen wie Google und Amazon funktionieren über „gesteuerte“ Algorithmen, aber nicht über den persönlichen Kontakt, der ist aber für alle Beteiligten spannender. Für einige Ketten mag es recht spät sein, weil BWL-gestärkte, aber ansonsten ahnungslose Schlipsträger exakt diese Punkte (und damit das eigene Personal) ausgeblendet haben. Für den kleinen und mittleren Buchhandel wird es die Chance zum Überleben sein!

    Jens Bartsch aus Köln

  • Katharina Blumenthal

    Katharina Blumenthal

    Gefällt mir sehr!

  • Verena Thiemeyer

    Verena Thiemeyer

    Zurück in die Zunkuft!
    Sie haben mir und vielen meiner Kollegen aus der Seele gesprochen. Qualität wird sich immer durchsetzen und war noch nie in der Breite zu haben. "Echte" Buchhändler waren schon immer Experten, leider war in den vergangenen Jahren Profil nicht gefragt.
    War das nicht mal der "Urauftrag" des Buchhändlers einen Beitrag zur Bildung zu leisten? Spaß an Sprache und am haptischen Erlebnis eines Buches zu vermitteln? Gepaart mit modernen Vertriebsformen, exzellentem Service und einer vielfältigen Innenstadtstruktur hat der Buchhandel Zukunft. Ich glaube daran.

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