Lesetipp der Woche

"Granaten haben die Lieder erschlagen“

Wie verhielten sich die deutsche Künstler und Publizisten im Ersten Weltkrieg? Zum Zentenargedenken hat Historiker Steffen Bruendel Aussagen vor allem vieler Autoren wie Tucholsky, Brecht, Heinrich und Thomas Mann, Mühsam und anderen untersucht und zeigt die Ideenwenden. VON STEFAN HAUCK

Plastisch zeichnet Bruendel ein Bild der sich teilweise überstürzenden Ereignisse durch die vier Kriegsjahre hinweg, beginnend mit Mobilisierungseuphorie, die Schriftsteller wie Gerhart Hauptmann zu patriotischen Versen veranlasste, und gegensätzlichen literarischen wie sozialen Auffassungen und Stilrichtungen der Künstler zu Beginn des Weltkriegs. So berichtet er vom Brüderstreit zwischen Heinrich Mann, der sich mit dem deutschen Kaiserreich sozialkritisch auseinandersetzte und stark an Frankreich und an der französischen Literatur orientierte, und Thomas Mann, der national auftrat und fest damit rechnete, dass Hindenburg die englischen Landungsheere ins Meer werfen würde.

Durch die Fronterlebnisse änderte sich die Einstellung vieler Autoren und Maler zum Krieg, zunehmend überprüften sie den Kontrast zwischen dem deutschen Selbstbild als Kulturnation, dem alliierten Feindbild des brutalen deutschen Barbaren und den Grausamkeiten der fortdauernden Materialschlachten. Künstler wie Franz Marc, Max Beckmann, George Grosz hielten in zahlreichen Skizzen an der Front Explosionen, Kampf, Zerstörung fest, Schriftsteller verstummten oft zunächst. „Entsetzlich. Ich habe kein Wort. Ich kenne kein Wort“, schrieb der Dichter August Stramm nach seinen ersten Fronterfahrungen an der Somme im Frühjahr 1915; der Arbeiterdichter Heinrich Lersch fasste die Wortlosigkeit in einer Gedichtzeile zusammen: „Granaten haben die Lieder erschlagen“. Der 1915 bei einem Angriff verschüttete Lersch wurde von einem Erstickenden umklammert und nur durch einen die Erde umpflügenden Bombeneinschlag gerettet. Immer weniger gelang es den Literaten, sich mit dem Krieg abzufinden wie Alfred Döblin, der die Leiden im Lazarett nur schwer ertragen konnte und dann selbst erkrankte. In seinem sehr flüssig geschriebenen Parforceritt durch die vier Kriegsjahre zeigt Bruendel auch, wie neue künstlerische und gesellschaftliche Entwicklungen angestoßen wurden und wie die neue Aufbruchstimmung nach Kriegsende 1918 relativ schnell einer großen Ernüchterung wich.

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