Gastspiel von Michael Schikowski

Jobprofil wie ein Kochlöffel

Die Uniformierung des Buchhandels hat dazu geführt, dass fast nur noch gemacht wird, was alle machen. Nun aber schwächelt der Mainstream. Überzeugungen könnten wieder gefragt sein. Meint Michael Schikowski.

Wenn der Schuster die schlechtesten Schuhe trägt, dann lesen Büchermenschen die wenigsten Bücher? Nach dem letzten Jahrzehnt der Non-Books und E-Books wundert das immer weniger. Bücher werden nur insoweit gelesen, als nach ihnen gefragt wird. Und auf mediengetriebene Titel, die den Mainstream bedienen, hat eigene Lektüre ja ohnehin keinen Einfluss.

Was ist Mainstream? Eine breite Strömung. Je breiter und deutlicher der Mainstream, desto deutlicher gelegentlich auch die schmallippige Verachtung. "Ach, das ist jetzt Mainstream!" So identifiziert, sind Sachen oder Verhalten gleichsam neutralisiert. Das muss und kann nicht weiter bewertet werden, das gibt's sowieso, unabhängig davon, wie man selbst dazu steht.

Dass man im Buchhandel Bücher gegen den Mainstream positioniert, ist keine Neuigkeit. Dass man sich aber darüber definiert, sich gegen den Mainstream zu stemmen, setzt den Mainstream in gut wahrnehmbarer Breite voraus. So lässt man ein Buch aus genau den Gründen weg, aus denen es andere einkaufen. Das war mal eine Nische, diese wird wieder die Regel.

Das buchhändlerische Fachpersonal setzte sich immer auch aus Studienabbrechern, Querköpfen und Sonderlingen und manchen spleenigen Generalisten zusammen. Das scheint vorbei zu sein. Denn das neue Einstellungsprofil setzt voraus, dass man sich uniformieren, in einem irrsinnigen Aufwand von Zuständigkeits- und Nichtzuständigkeitsdefinitionen jederzeit identifizieren muss und für unlösbare Aufgabenstellungen, bei denen man für Strukturen, die man nicht ändern darf, persönlich haftet − sich also nicht anders als schikaniert fühlt.

Angeblich wurde durch flache Hierarchien der Spielraum der Mitarbeiter auf Eigenwilligkeit erhalten. Die gewünschten Einsparungen an Personal lassen sich mit dem Versprechen auf Entscheidungsspielräume der Mitarbeiter verknüpfen. Herausgekommen ist das genaue Gegenteil. Dabei geht es nicht allein darum, zu machen, was der Chef sagt, sondern es in dem Bewusstsein zu machen, dass das alle so machen. Dazu dann noch die Sprechblasen der Imagebroschüre, die umso selbstbewusster vorgetragen werden, je geringer die Chance auf Realitätsbewährung. Ein Jobprofil wie ein Kochlöffel.

Die Beziehungslosigkeit des Verkaufspersonals zur reingeschobenen Palette − dem Personal muss­te es ja gleichgültig sein, was sich darauf befand − war ein langer Prozess. Daraus ging dann bald eine rein funktionale Personalpolitik hervor. Der unerwünschten Warenbeziehung folgten bald die unerwünschte Kollegen- und schließlich gar eine unerwünschte Kundenbeziehung. Solidarität und Vertrauen als wesentliche Kennzeichen einer Beziehung zerfielen und wurden durch Funktionalisierung ersetzt. Den nachlassenden Umgangsformen oben folgte bald der neue barsche Umgangston bis zur untersten Hierarchieebene.

Der Mainstream aber schwächelt. Und wer jetzt allein auf Fernsehen, Internet oder Feuilleton angewiesen ist, die ihm die Kunden zutreiben, weil ihm selbstbewusste, selbst lesende und selbst denkende Mitarbeiter über die Jahre abhan­dengekommen sind, wird sehen, dass Beleuchten und Warmhalten von Büchern keine buchhändlerische Kernleistung ist. Gefragt mithin ist wieder ein Buchhandel, der nicht allein bereithält, was sich gut verkauft, sondern der Gutes verkauft.