Weckruf an die Verlage auf der Frankfurter Buchmesse

The Beauty and the e-Book

Neben schönen gedruckten Büchern, die etwa die Stiftung Buchkunst präsentierte, ging es auf der Frankfurter Buchmesse auch um preiswürdige, schöne E-Books: Erstmals vergeben wurde, wie berichtet, der Deutsche eBook Award − gedacht auch als Weckruf an die Verlage.  VON NK

Wenn Sie diese Zeilen lesen, sitzt Andreas Konrad Huber bereits wieder in seiner Klasse am Karl-von-Closen-Gymnasium im niederbayrischen Eggenfelden. Am Buchmesse-Mittwoch hatte er von seinem Direktor schulfrei bekommen − um in Frankfurt den Deutschen eBook Award abzuholen, den ersten deutschsprachigen Preis für Buchkunst im digitalen Raum. In Sachen Zukunftsplanung bleibt der 17jährige erstaunlich gelassen: "Ich mach' in zwei Jahren erst mal Abi", schmunzelt er. "Und dann: schaumermal."

Ausgezeichnet wurde Huber in der Kategorie "Enhanced e-Books" für sein Buch "Physik 7", das einzige Lehrbuch, das es auf die Shortlist geschafft hatte. Ein halbes Jahr hat er daran gearbeitet; nach "Physik 8" ist es bereits das zweite Werk, das er − learning by doing − mit iAuthor erstellt hat. Nach Meinung der Jury hat Huber damit die Möglichkeiten des zugrunde liegenden Mediums am weitesten ausgereizt; alle Effekte und dynamischen Visualisierungen, von Bildergalerien, Videos bis zu interaktiven Widgets konsequent in den Dienst der didaktischen Vermittlung gestellt. "Ich würde jedem Schulbuchverlag in Deutschland ans Herz legen, sich diesen Titel sehr genau anzuschauen", meinte Juror Fabian Kern. "Was hier ein Selfpublisher vorgelegt hat, legt die Latte im Bereich didaktischer Inhalte schon sehr, sehr hoch."

Fast symptomatisch, dass auch in der zweiten Kategorie (e-Book Apps) kein klassischer Verlag, sondern eine aus dem TV-Bereich kommende Produktionsfirma die Nase vorn hatte: Mit "Carl Lutz – Der vergessene Held" hat DOCMINE (Zürich/München) dem Schweizer Diplomaten Carl Robert Lutz, der im II. Weltkrieg 62.000 Juden vor dem Tod in der Gaskammer rettete, ein multimediales Denkmal gesetzt: Visual Storytelling in schlichter, effektiver Eleganz.

Der vom Blogger und Buchwissenschaftler Robert Goldschmidt initiierte Deutsche eBook Award, für den insgesamt 62 Projekte eingereicht wurden, ist eine jener Initiativen, die eigentlich in der Luft liegen − aber jemanden brauchen, der sich ihrer annimmt. "Man kann endlos reden, durch alle Instanzen gehen – oder ein Signal setzen", sagt Juror Steffen Meier vom AKEP. "Genau darum ging's! Es wäre schön, wenn der Preis auch als Weckruf an die Verlage verstanden würde, nicht nur Printprodukte zu digitalisieren, sondern neue Wege zu wagen." Das Publikumsinteresse an der Premiere war enorm, gut möglich, dass sich der Preis im kommenden Jahr an prominenterer Stelle präsentiert – mit weiteren Partnern. Erste Gespräche, etwa mit der Stiftung Buchkunst, soll es bereits gegeben haben.

Um Weckrufe, die Anregung zum Diskurs über vorbildliche Buchgestaltung im marktwirtschaftlichen Kontext ging es auch am Stand der Stiftung Buchkunst. "Wir wollen zeigen, was das physische Buch in Zeiten des digitalen Wandels kann", so Karin Schmidt-Friderichs, Vorsitzende der Stiftung. Auf traditionell großer Bühne in Halle 4.1. gab es neben Freihandausstellungen der "Schönsten" aus aller Welt und aus Deutschland messetäglich Diskussionsrunden mit Verlegern und Buchgestaltern. Jury-Mitglieder wie Alexandra Stender (Suhrkamp) oder Andreas Platthaus (F.A.Z.) ließen das Publikum hinter den sonst streng geheimen Kulissen der Preisvergabe Mäuschen spielen − auch angesichts der "Schönsten" kann man schließlich streiten, dass die Fetzen fliegen. Streitbar sicher auch die Idee eines neuen Publikumspreises: Beim "The Beauty and the Book Award", dessen Sieger am Samstag gekürt wurde, waren mehr als 200.000 Online-Votings abgegeben worden. "Die Genres mit starker Netz-Community sind sehr weit gekommen", sagt Katharina Hesse, Geschäftsführerin der Stiftung. "Aber schließlich bestimmen wir nicht allein, was schön ist."

Angehende Illustratoren und junge Gestalter sollten sich schon jetzt den Leipziger Buchmesse-Donnerstag im kommenden März vormerken: Dort wird die Stiftung erstmals einen "Mappentag" organisieren; beim Speed-Dating mit Herstellungsleitern bekommen die jungen Kreativen Feedback von den Profis. Und, so Katharina Hesse, "möglicher Weise sogar Arbeit".

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4 Kommentar/e

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  • Galbadon

    Galbadon

    "Ich würde jedem Schulbuchverlag in Deutschland ans Herz legen, sich diesen Titel sehr genau anzuschauen", meinte Juror Fabian Kern"
    Prima, wenn das Herr Kern meint - nur leider geht es hier um ein proprietäres iProdukt und ist damit a) nur wenigen zugänglich und b) wohl kaum für den Unterricht geeignet, es sei denn, wir wollen iPad-Klassen.
    Wie wäre es denn mit einem Demo auf You Tube, in dem die wundersamen Eigenschaften des Werkes demonstriert werden? Denn dass, was ich bisher gesehen habe, sieht eher aus wie Technik um der Technik selbst willen, es wird halt alles mal verwendet - Didaktik als Medienkonsum verstanden, wie bei fast allen Enhanced Konzepten, die ich kenne. Aber vielleicht gibt es ja diesmal eine Überraschung?

  • Vedat Demirdöven

    Vedat Demirdöven

    In der Tat gibt es bereits zahlreiche Demo-Videos des Titel "Physik 7" auf YouTube und auf der Website des Autors (http://lehrbuecherhuber.wordpress.com/interaktivi tat/), die eindrucksvolle Einblicke gewähren und den die Aussage von Herrn Kern transportieren.

  • Christian Melle

    Christian Melle

    Enhanced Weckruf

    Es ist schön zu sehen, dass es für das digitale Buch inzwischen einen Award gibt, dessen Medienecho branchenweit wahrgenommen werden konnte. Gleichzeitig finde ich die Ansicht unterstützenswert, die Auszeichnung der E-Books auf größerer Bühne stattfinden zu lassen. Als Mut machendes Beispiel seien die jährlich stattfindenden „Digital Book Awards“ auf der „Digital Book World“-Konferenz und -Messe in NYC genannt. Nicht, dass es unbedingt so glamourös zu gehen muss, aber die Aufmerksamkeit, die dem Medium und seinen Kreativen gewidmet wird, ist aktuell etwas weiter weg von der hiesigen Praxis. Im Anbetracht der Millionen Exemplare an E-Books, die jährlich Ihren neuen Besitzer finden, und den Dutzenden Konferenzen und Veranstaltung zum Thema Digitales Publizieren in Deutschland fiel der Rahmen des eBook-Awards auf der FBM14 doch eher etwas nüchtern aus.

    Zudem wäre eine größere Vielfalt an Kategorien, die nicht nur technischen Hintergrund besitzen, sondern mehr auf die Nutzungsart abzielen, sehr empfehlenswert. Der Vielfalt an technischen Spezifikationen Raum zu geben und damit proprietäre E-Book-Formate zu unterstützen, empfinde ich eher als einen Rückschritt. Sicherlich haben diese Ihre Leserschaft, aber die Leser können auch nur das lesen, was Ihnen durch die Verlage und Herausgeber angeboten wird. Wir streben doch nach Unabhängigkeit und einheitlichen Standards, um Kosten zu senken, mehr Leser zu erreichen und die Gefahr von global agierenden Playern zu reduzieren. Die EPUB-Welt hat Potential. Dieses muss genutzt und konsequent unterstützt werden.

    Die E-Books der diesjährigen Preisträger sind wirklich sehr schöne Arbeitsergebnisse. Nicht zu unterschätzen ist dennoch die Kunst, einen Titel Plattform-übergreifend und für den Buchmarkt und nicht den App-Markt zu produzieren. Diese Kunst beherrschen aktuell wie es scheint nur wenige, obwohl das EPUB-Format doch eigentlich der Branchenstandard ist und seit der Version 3 technisch alles möglich ist. Hier wird klar, es gibt noch einige Hürden zu nehmen. So wie man theoretisch das gleiche Buch in jeder Buchhandlung stationär oder online kaufen kann, sollte man auch ein E-Book kaufen können. Ich gebe zu, das klingt etwas naiv in Anbetracht der Realität. Dennoch, es geht um die richtige Einstellung, nachhaltigem Wirken. Deshalb, denke ich, ist die Auszeichnung von E-Books im EPUB-Format der richtige Schritt, um alle Branchenbeteiligten zu motivieren — Hersteller, Herausgeber, Leser.

    Christian Melle
    dipub.de, Potsdam

  • Galbadon

    Galbadon

    2.
    Danke für den Hinweis. Ich habe mir einige der Videos angesehen. Tatsächlich eine saubere Arbeit - aber letztlich weder neu noch originell - oder? Die Darstellung von einem Sachverhalt unter verschiedenen Gesichtspunkten, die Unterstützung durch Video etc. ist doch etwas, was auch bisher im Unterricht auch genutzt wurde. Bei manchen der zu sehenden Beispiele frage ich mich auf, wo der didaktische Nutzen lag - schön anzusehen war es, in der That - aber sonst?
    Ich möchte jetzt die Leistung des Herrn Huber nicht in Abrede stellen - das ist gute Arbeit - aber ich kann weder einen didaktischen Mehrwert noch einen weiteren Nutzen erkennen - in den Video - wohlgemerkt. Im Gegenteil - zu sehr erinnert das Buch an ein Hochglanzmagazin, an Coffeetable und Ähnliches.
    Ich versuche mir vorzustellen, wie man so ein Buch im Unterricht einsetzt - oder ist es zum Selbstlernen gedacht?

    Das Betrachten der Videos und die Aussage des Herrn Kern lässt jedenfalls mehr Fragen offen als sie Antworten gibt. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass mein Sohn mit diesem Buch lernt. Würde ich ja gerne ausprobieren - aber mangels iPad wird das auch nicht gehen.

    Klingt jetzt sehr negativ. Es ist zu begrüßen, dass es so einen Preis gibt und sicher kann es auch den Inovationsmotor der Verlage beflügeln oder wenigstens anwerfen. Bloß ist die Preisverleihung - ungeachtet der Leistungen der Preisträge - doch arg einfallslos in ihren Kriterien: wir packen alles ins Ebook, was es so an Medien gibt - das scheint das Kriterium zu sein.

    Wäre mal auf einen Bericht aus der Praxis des Unterrichts interessiert.

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