Interview zu den Neuerungen bei der EC-Karten-Gebühr

"Händler sollten sich nicht langfristig binden"

Ab November gelten neue Spielregeln im Girocard-Geschäft. Ulrich Binnebößel vom Handelsverband Deutschland erläutert, was Buchhändler dabei beachten müssen. VON INTERVIEW: SABINE CRONAU

Bei Zahlungen per EC-Karte hat das Bundeskartellamt im April den Schlussstrich unter eine jahrzehntelange Praxis gezogen. Bislang sind die Entgelte für Girocard-Zahlungen per PIN zentral von der Deutschen Kreditwirtschaft festgesetzt worden. Bei jeder Transaktion wurden 0,3 Prozent vom Umsatz fällig, mindestens jedoch acht Cent. Mit dieser pauschalen Regelung ist es jetzt vorbei. Ab dem 1. November dürfen Transaktionen mit PIN nur noch dann abgewickelt werden, wenn das entsprechende Entgelt dafür frei zwischen dem Händler und der jeweiligen Bank verhandelt wurde.

Die Neuregelung soll und kann zu sinkenden Gebühren führen – ist also eigentlich eine gute Nachricht für den Einzelhandel. Der Haken an der Sache: Die Konditionen individuell auszuhandeln, ist für Händler leichter gesagt als getan. Während sich die Banken zu neun Verbünden zusammengefunden haben, die für ihre Seite als »Konzentratoren« dienen, fehlt auf Handelsseite ein vergleichbares Bündnis mit Durchschlagskraft – aus technischen Gründen. Was muss und kann der Einzelhandel  jetzt tun? Ein Interview mit Ulrich Binnebößel, Experte beim Handelsverband Deutschland (HDE).

Die neue Regelung bei den Girocard-Gebühren greift zum 1. November. Wie weit ist der Handel mit der Umstellung? Haben die meisten Einzelhändler eine neue Vereinbarung getroffen oder gibt es für manchen ein böses Erwachen?

Binnebößel: Ab dem 1. November darf prinzipiell keine Transaktion mehr ausgeführt werden, über die keine Entgeltvereinbarung besteht. Der Händler selbst hat aber in der Praxis keine Möglichkeit, mit allen Kartenherausgebern eine Vereinbarung zu treffen. Deshalb muss er sich auf die Angebote seines Netzbetreibers verlassen – und verlassen können. Die Netzbetreiber haben zugesagt, alle notwendigen Vereinbarungen abzuschließen und dies sollte sich der Händler auch bestätigen lassen, wenn es dem Angebot nicht ohnehin zu entnehmen ist. Ich bin davon überzeugt, dass der Girocard-Betrieb nach dem 1. November uneingeschränkt weitergeht. Schließlich haben alle Beteiligten ein Interesse daran.

Also kann für Händler, die sich bisher nicht um das Thema gekümmert haben, nichts schief gehen?

Binnebößel: Sagen wir so: Die Händler müssen nicht unbedingt selbst tätig werden. Wenn der Händler das Schreiben vom Netzbetreiber bekommt, sollte er prüfen, obeine Unterschrift notwendig ist. In der Regel werden die Änderungen aber automatisch in Kraft treten, wenn nicht widersprochen wird. Auch eine Umstellung der Terminals ist nicht notwendig. Die Abrechnung erfolgt weiter durch die Netzbetreiber, jetzt eben ergänzt durch den Entgeltvertrag.

Und was passiert, wenn ein Händler die neue Vereinbarung ausdrücklich nicht akzeptieren will?

Binnebößel: Falls er das Angebot seines Netzbetreibers ablehnt, muss er sich selbst um die Vereinbarungen kümmern. Fehlt eine Vereinbarung mit einem Kartenausgeber beziehungsweise mit den Konzentratoren auf Bankenseite, dann darf der Händler ab 1. November keine Girocard-Transaktionen mit diesen Karten abwickeln. Es bleibt ihm nur die Möglichkeit, bei diesen Karten auf das elektronischen Lastschriftverfahren zurückzugreifen oder den Kunden um eine andere Zahlungsmöglichkeit zu bitten. .

Gibt es für Einzelhändler überhaupt Spielraum, um eigene Konditionen unabhängig vom Netzbetreiber auszuhandeln?

Binnebößel: Theoretisch steht es jedem Händler frei, selbst mit den neun großen Konzentratoren zu verhandeln, zu denen sich die Banken zusammengeschlossen haben.  In der Praxis  jedoch werden allenfalls große Filialisten ein akzeptables Angebot bekommen. Mittelständische Händler haben hier kaum Chancen und fahren im Moment mit dem Angebot ihres Netzbetreibers am besten. Das Angebot sollte allerdings deutlich unter den bisherigen Gebühren liegen. In jedem Fall sollten Händler aber sicherstellen, dass sie eine Vereinbarung haben und notfalls beim Netzbetreiber nachfragen. 

Sind sich die Netzbetreiber weitgehend einig bei der Gestaltung der Gebühren oder gibt es große Preisunterschiede?

Binnebößel: Nach derzeitigen Erkenntnissen gibt es durchaus Unterschiede, die aber erst bei genauem Nachrechnen zutage treten. Im Vergleich zu den bislang geltenden 0,3 Prozent beziehungsweise 8 Cent Mindestentgelt liegen die uns bekannten Angebote aber schon deutlich darunter. Es können sich Einsparungen um bis zu 35 Prozent ergeben.

 Warum kann der Handel nicht selbst über die Konditionen verhandeln?

Binnebößel: Mittelständische Händler erreichen in der Regel nicht die erforderliche Zahl an Transaktionen, um von den Banken Nachlässe zu bekommen. Sollten sich verschiedene Händler zusammenschließen, müsste zunächst eine aufwändige IT-Infrastruktur geschaffen werden, um die einzelnen Transaktionen dem jeweiligen Händler zuzuordnen und danach abzurechnen können. Die Bürokratiekosten und die Investitionen in Hardware würden schnell den Spareffekt aufzehren. Zudem ist es schwierig, bei mehreren beteiligten Netzbetreibern einheitliche Rohdaten übermittelt zu bekommen.

Auf EU-Ebene kündigen sich ebenfalls Veränderungen beim Electronic Cash an. Was kommt hier auf den Handel zu?

Binnebößel: Derzeit ist die sogenannte MIF-Regulierung im Gespräch. Damit würden die maximalen Interbankenentgelte, also die Gebühren, die zwischen der Bank des Händlers und der Bank des Kartenbesitzers fließen, für Debitkarten auf 0,2 Prozent gedeckelt werden. Das Parlament hat zudem eine Obergrenze von 7 Cent pro Transaktion ins Spiel gebracht. Wir setzen uns dafür ein, dass hier auch das deutsche Girocard-Verfahren einbezogen wird. Leider sieht die Bundesregierung das anders und kämpft für Sonderregelungen. Was am Ende beschlossen wird, ist derzeit noch offen. Es ist jedoch mit weiteren Bewegungen zu rechnen, schließlich fallen die internationalen Marken Maestro und Vpay unter die Deckelung. Sobald beide Systeme auf der Karte sind, hätte der Händler die Möglichkeit, das günstigere Verfahren zu wählen. Es steht aber zu befürchten, dass die Kartenausgeber in diesem Fall einfach Karten ausgeben, die keine internationalen Marken mehr enthalten.

Offenbar ist vieles im Fluss – was raten Sie Händlern, die demnächst ohnehin vor einer neuen Vertragsunterzeichnung mit ihrem Netzbetreiber stehen?

Binnebößel: Händler sollten sich nicht langfristig binden. Es gibt Vereinbarungen mit einer Laufzeit von fünf bis sechs Jahren – davon raten wir dem Einzelhandel im Moment ab, denn das ist ein langer Zeitraum, in dem viel passieren kann. Der Händler hat dann keine Chance, zu einem attraktiveren Angebot zu wechseln. Wir empfehlen eine Vertragslaufzeit von einem Jahr, maximal von zwei Jahren. Zumal wir mit dem Bundeskartellamt für 2016 noch Nachbesserungen bei der Girocard vereinbart haben. So soll ein technisches Verfahren entwickelt werden, das auch netzbetreiber-unabhängigen Partnern des Handels die Verhandlungen für ihre Mitglieder ermöglicht. Wir erwarten dann von den Banken endlich eine effiziente Gestaltung ihrer Verfahren und damit eine gerechte Entgeltsystematik.

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