Die Buchbranche ist Buchkultur

Wie wäre es denn, im neuen Jahr in Büchern wieder mehr zu sehen als bloß eine Ware? Abstrakt wäre das und theoretisch. Aber doch ein wirklich guter Vorsatz, meint Michael Schikowski.

Ein Jahreswechsel ist immer auch Anlass für einen Perspektivwechsel. Der mit einem neuen Jahr verbundene Neuanfang lässt uns diesen auch in der Buchbranche suchen. Daher die guten Vorsätze, für die man in der Regel selbst, und die frommen Wünsche, für die andere zuständig sind. Was wäre da zu wünschen?

  • Vielleicht, dass dem Krisen­gerede, das vor allem auf den Eindruck hinausläuft, als sei die Buchbranche ein Problem, nicht mehr nachgegeben werden soll. Ganz im Gegenteil, also: Der wertschöpfende und wertschätzende Handel mit dem Objekt Buch ist die Lösung.
  • Dann wollen wir vielleicht ab sofort, wenn wir den Begriff Kulturgut benutzen, nicht mehr die Augenbrauen hochziehen und dazu nicht mehr in die Luft Anführungszeichen malen, als wäre das Wort schon gar nicht mehr wahr, als könne man davon doch nur noch ironisch reden. Das ist ja einfach, weil man nur etwas unterlassen soll.
  • Schwieriger ist da schon, vielleicht von den widersprüchlichen Eigenschaften des Buchs – im Lesen einerseits Weltabgewandtheit, im Buch andererseits die ganze Welt – nicht nur daherzureden, sondern sie selbst zu kultivieren. Das gibt es wohl nur in der Buchbranche und vor allem im mittleren Management, dass man sich sogar darauf etwas zugute hält, eigentlich überhaupt gar keine Bücher mehr zu lesen.
  • Die Buchbranche sollte vielleicht statt als isolierte Kasseninsel in Lauflage wieder mehr im Umfeld anderer gesellschaftlicher Felder wahrgenommen werden. Kürzer: in Büchern zukünftig mehr zu sehen als eine Ware.
  • Erläutert man aber genau diesen Sachverhalt, dass das Buch als Ware, dass der Buchverkauf als Umsatz, dass Buchhändler und Kunden als bloße Marktteilnehmer nur unzureichend beschrieben sind, dass da Aspekte hinzukommen, über die man mal wieder reden könnte, und sei es nur, um Vorsätze fürs nächste Jahr aufzustellen, hört man nicht selten: »Das ist so theoretisch, zu abstrakt!« Die Abstraktion aber, die sich umso selbstbewusster geriert, je mehr sie davon überzeugt ist, nur betriebswirtschaftlich zu sein, ist nur sehr schwer verständlich zu machen, und es gehört schon der Mut der Verzweiflung oder der feierliche Augenblick des Jahreswechsels dazu, auf einen Text ausgerechnet von Hegel zu verweisen.
  • In einem seiner raren populären Texte fragt Hegel: »Wer denkt abstrakt?«, und meint darin, dass es abstrakt gedacht ist, eine Person auf einen Aspekt zu reduzieren »und durch diese einfache Qualität alles übrige menschliche Wesen an ihm zu vertilgen«.

Die Abstraktionen unserer Branche beständen dann darin, den Buchverkäufer auf einen Verkäufer, mithin also auch den Buchverkauf auf einen Verkauf und die Bücher auf eine Ware zu reduzieren. Statt jener der Buchbranche so gern unterstellten Déformation profes­sio­nelle müsste man bei denjenigen, die so abstrakt denken, dass sie nur noch Markt sehen, dass sie Bücher nur noch als Posten auf Abverkaufslisten kennen, von einer Formation déprofessionelle sprechen, denn offensichtlich verstehen sie nichts von Büchern.
Die Buchbranche ist Buchkultur, weil sie als Kultur die Objekte, nämlich Bücher, und die Orte, nämlich Buchhandlungen und Bibliotheken, formt. Der Begriff Buchkultur, wenn man ihn nicht aufgeben will, zwingt zugleich dazu, ihn auch auf unser Handeln zu beziehen, in ihm einen Einfluss auf unser Handeln mitzudenken. Das ist das eigentlich Soziale der Buchkultur. Daraus erschließt sich zugleich ein ethischer Kern der Buchkultur: die Idee unveräußerlicher Urheberschaft, die Unversehrtheit der Bücher, die ebenso lebenswerte wie erhaltenswerte Besonderheit der Räume und Orte und der sich dort zusammen­findenden Menschen.

 

Michael Schikowski schreibt den Blog immerschoensachlich.de. Gerade erschien von ihm »Über Lesen. Ferne und Nähe großer Romane« (Bramann)

 

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