Drama

Romanadaptionen auf deutschen Bühnen

Die Literatur als Muse für Theatermacher: Romanadaptionen gehören heute zur Stammbesetzung auf deutschen Spielplänen. Denn gute Geschichten werden überall gebraucht.

Läuft alles nach Plan, kann man Lutz Seilers Roman »Kruso« in der Spielzeit 2015/16 gleich auf mehreren deutschsprachigen Theaterbühnen erleben. Das Werk, im Oktober mit dem Deutschen Buchpreis ausgezeichnet, steht derzeit auf Platz 9 der Bestsellerliste. »Einen Film habe ich mir gleich vorstellen können«, sagt Frank Kroll, Chef von Suhrkamp Theater & Medien. »Die breite Rezeption unter Theaterleuten hat mich bei diesem Buch, das stark mit der Sprache, mit Bildwelten arbeitet, doch eher überrascht.«

Beileibe kein Einzelfall: Prosatexte aller Art bevölkern derzeit bundesweit die Bühnen. Ambitioniert wagen sich Theater selbst an die gewaltigsten Brocken der Weltliteratur, aber auch Erzählungen, Novellen, Briefe oder dokumentarische Texte werden in spielbare Form gebracht – die genreoffene Palette reicht vom Kluftinger-Krimi am Landestheater Schwaben bis zu Judith Schalanskys Werk »Atlas der abgelegenen Inseln«, das in Hannover als »mehrstimmiges Hörstück« für Schauspieler und Musiker gezeigt wird.

In der Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins für die Spielzeit 2012/13 schlägt das auch bei Erwachsenen beliebte Jugendstück »Tschick« nach Wolfgang Herrndorfs Roman alle Rekorde: Mit 764 Aufführungen verdrängte die Bearbeitung des Dresdner Chefdramaturgen Robert Koall selbst den jahrelangen Spitzenreiter, Mozarts »Zauberflöte«, von Platz 1.

Adaptionen von epischen Stoffen hat es, in allen Sparten des Theaters, immer gegeben, doch in den zurückliegenden Jahren ist die Ballung auffällig. Frank Castorfs Dostojewski-Bearbeitungen an der Berliner Volksbühne waren hier ­sicher wegbereitend; sie hatten bereits in den 90ern gezeigt, wie viel szenisches Konfliktpotenzial in Stoffen lauert, denen man das nicht auf den ersten Blick zugetraut hätte.

Mitte der Nullerjahre machte John von Düffel, selbst Schriftsteller und heute Dramaturg am Deutschen Thea­ter in Berlin, mit Bühnenversionen von Thomas Manns Romanen Schule. Inzwischen finden sich figurenreiche Epochenromane wie Leo Tolstois »Anna Karenina«, Melvilles »Moby Dick«, Fontanes »Effi Briest«, aber auch Gegenwartsromane wie Dietmar Daths »Abschaffung der Arten« ganz selbstverständlich in den Programmen.

Frank Kroll sieht vielfältige inhaltliche wie ökonomische Ursachen für den anhaltenden Trend. Kanonisierte Prosawerke der Weltliteratur bieten neben ihren erwiesenen literarischen Qualitäten auch spielplantechnische Vorteile: »Es handelt sich um bekannte Werke, mit zugkräftigen Titeln und ­Autorennamen. Das Publikum wird gewissermaßen bei den eigenen Lese-­Erfahrungen abgeholt.«

Theatralisierungen, die wie Uraufführungen vermarktet werden können, das Groß-Feuilleton anziehen oder gar als Oberstufen-Lehrstoff durchgehen, sind verlockende Angebote für große Bühnen mit 200 bis über 1 000 Plätzen – und entsprechend hohem Auslastungsrisiko.

Hinzu kommt: Die Dämme um die klassische Dramenstruktur sind längst gebrochen, die Regie-Zugriffe und Spielweisen im Umgang mit breiten epischen Formen haben sich enorm ausdifferenziert. So freut sich Kroll über eine »Erweiterung der theatralen Möglichkeiten« – freilich vor dem Hintergrund einer strukturellen Entwicklung, die man »auch als Krise beschreiben« könnte.

Ein Roman auf der Bühne, meint John von Düffel, ist »keine Readers-Digest-Version in Bildern«. Jede Thea­tralisierung bedeutet den Sprung in eine andere Kunstwirklichkeit; es kann nicht Zweck einer Bearbeitung sein, das Lese-Erlebnis zu ersetzen. »Jedes Theaterstück, das wir heute spielen, stellt die Frage: Was geht es uns jetzt an?«. 

Auch für Tobias Wellemeyer, Intendant am Hans-Otto-Theater Potsdam, sind bei der Spielplangestaltung die »inhaltliche Kraft der Stoffe« und ihre »Relevanz für die Gegenwart« entscheidend. Nicht selten findet Wellemeyer beides etwa im sonntäglichen »Tatort«; bei gut geschriebenen Folgen denkt er schon mal: »Warum haben wir so etwas nicht auf der Bühne?«

Junge Autoren seien in den letzten 20 Jahren hierzulande nicht eben er­mutigt worden, originär szenische Litera­tur zu schreiben, meint Wellemeyer. »Sie haben entlang neuer Theaterformen ›Textflächen‹ oder ›lyrische Fragmente‹ produziert, statt sich mit der Entwicklung von Stoffen, Figuren, Situationen zu befassen.« Zwar habe es tendenziell mehr neue Stücke gegeben, kontinuierlich nachgespielt wurde aber selten. Die Folge: Viele Talente seien, weniger aus Geldgründen als der größeren Akzeptanz wegen, zum Film abgewandert.

Autoren wie Dea Loher, Lutz Hübner oder Roland Schimmelpfennig, die große Häuser mit großen, konfliktstarken Erzählungen beliefern können, scheinen Mangelware zu sein. In Potsdam, wo Bearbeitungen von Tellkamps »Turm« oder »Tschick« zu den Rennern gehören, hat man neben Gegenwartstexten auch solche im Blick, die die Verwerfungen der eigenen politischen Geschichte aufnehmen – und natürlich jene Autoren, die vermutlich auch in 200 Jahren noch aktuell sind: Gegenwärtig sitzt Wellemeyer mit seinem Dramaturgen Remsi Al Khalisi an einer Bühnenfassung von Leo Tolstois Roman »Auferstehung«, die Ostern Premiere haben soll.

»Wenn ein Fußballverein bei der Auswahl seiner Spieler so vorgehen würde wie manche Theater«, grantelte Deutschlands erfolgreichster Dramatiker Moritz Rinke jüngst in der »Welt«, »dann würde er fünf Handballer, drei Biathleten und noch ein paar Ruderer und Gewichtheber verpflichten – und am Ende absteigen.« Trotz solch gelegentlicher Polemik, die verkennt, dass das Theater schon immer ein Anverwandlungsort, ein »Umschlagplatz für Geschichten« (von Düffel) war, hat sich bühnenreife Prosa fast zu einem ­neuen Genre entwickelt. »Unser Tagesgeschäft«, bringt es Frank Kroll auf den Punkt, »läuft mit ziemlich hoher Schlagzahl.«

Auf den verschiedensten Werbe­kanälen werden Angebote für Dramatisierungen gemacht, umgekehrt haben die Theaterprofis ein waches Auge auf Novitäten und Backlist. Mit dem Suhrkamp-Buchprogramm im Rücken können Kroll und seine Mitarbeiter die Aufmerksamkeit auch auf weniger Naheliegendes, Randständiges lenken, Stoffe bereits »in frühen Phasen der ­Programmplanung zirkulieren« lassen.

Entscheidet sich eine Bühne für eine Dramatisierung, will auch dieser Prozess begleitet sein: Die Fassung ist auf Werktreue hin zu überprüfen, das Ganze muss mit den Urheberberechtigten abgestimmt werden. »In 90 Prozent der Fälle läuft das unproblematisch«, meint Kroll, »man lässt den Theaterleuten freie Hand.«

Im Kinder- und Jugendtheater werden ebenfalls immer häufiger Prosatexte für die Bühne entdeckt. So hat Sara ­Engelmann für den Theaterverlag Felix Bloch Erben (Berlin) vor rund drei Jahren damit begonnen, auch hier gezielte Kooperationen mit Buchverlagen anzuschieben. »Mit einem für die Bühne geeigneten Stoff können wir ganz anders in die Offensive gehen, andere Netzwerke bedienen.«

Die Nachfrage wächst spürbar, doch um das Segment zu etablieren, braucht man Geduld. Von der Entscheidung für einen Stoff bis zur Uraufführung können leicht ein, zwei Jahre ins Land gehen. Mut machen Sascha Hawemanns erfolgreiche Bühnenfassung von Christian Frascellas Coming-of-Age-Roman »Meine Schwester ist eine Mönchsrobbe« (FVA) in Potsdam oder zwei vergebene Bühnenrechte für »Der Kleine und das Biest« (Klett Kinderbuch; demnächst in Stuttgart und Linz).

Und was, bitte, meinen die Autoren selbst zur anhaltenden Romandämmerung auf deutschen Bühnen? In aller Regel, so Frank Krolls Eindruck, nehmen sie die Sache erfreut zur Kenntnis; der Werbeeffekt fürs Buch ist nicht zu unterschätzen. Eine Ansage fand der Suhrkamp-Mann dabei besonders lässig: »Wenn aus einer Dramatisierung auch noch Kunst entsteht, schadet es nicht.«

Nils Kahlefendt 


Ausgewählte Uraufführungen 2015


Hamburger Schauspielhaus:
»Ich, das Ungeziefer« nach Franz Kafkas Erzählung »Die Verwandlung« (10. Januar)

Theater Osnabrück:
»Der schwarze Obelisk« nach Erich Maria Remarque (31. Januar)

Theater Heidelberg:
»Rico, Oskar und der Diebstahlstein« nach dem Kinderbuch von Andreas Steinhöfel (22. Februar)

Staatstheater Dresden:
»Bilder deiner großen Liebe« nach dem Werk von Wolfgang Herrndorf (19. März)

Thalia-Theater Hamburg:
»Die Blechtrommel« nach Günter Grass (28. März)

Theater Magdeburg:

»Der Nazi und der Friseur« nach dem Roman von Edgar Hilsenrath (2. Mai)

Dieses und viele weitere spannende Themen finden Sie im heute erscheinenden Börsenblatt SPEZIAL »Belletristik«.

 

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