Serie: 190 Jahre Börsenverein in 19 Objekten (14/19)

Zwergplakat und Sammelwut

Börsenvereinsarchivar Hermann Staub führt im 14. Teil unserer Serie in die kurze Blüte der buchhändlerischen Reklamemarke ein: Die sogenannten "Zwergplakate" legten vor 100 Jahren eine gigantische Karriere hin.

Grafische Kleinkunst als Werbemittel: die buchhändlerische Reklamemarke

Die Ursprünge dieses "Zwergplakats" (Börsenblatt 1912) gehen auf die Briefverschlussmarke zurück, die an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zu einem künstlerischen Werbemittel umgestaltet wurde. In ihrem äußeren Erscheinungsbild ähnelt die Reklamemarke der Briefmarke und wie diese wurde sie, wie in einer zeitgenössischen Ausgabe des Archivs für Buchgewerbe beschrieben, unverzüglich zu einem Sammelobjekt: "... in manchen Kreisen, besonders unter der Schuljugend, entwickelte sich eine Sammlerwut, wie wir sie wohl auf keinem anderen Gebiete menschlichen Sammelns bis jetzt gekannt haben." Diese Sammelleidenschaft griff bald auf die Erwachsenen über, die sie schnell in geordnete Bahnen lenkten – einer alten germanischen Sitte folgend, wurde ein Verein gegründet, der nicht kurz, aber bündig Propaganda-Marken-Sammler-Verein betitelt wurde.

Im Buchhandel erlebte die Reklamemarke eine kurze, aber heftige Blüte in den Jahren der Hochkonjunktur unmittelbar vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Dabei wurde die Chance, die die kleinformatigen Sammelobjekte auch für Werbezwecke boten, anfangs nur zögernd erkannt. Erst im Verlauf der Jahre 1912 und 1913 begannen Buchhandlungen und Verlage das Werbemittel in größerem Umfang einzusetzen und gaben eine Vielzahl von Einzelmarken und ganzen Serien heraus. Geworben wurde allgemein für das Buch und das Lesen ("Das beste Weihnachtsgeschenk ist ein gutes Buch"), für einzelne Buchhandlungen und Verlage sowie für einzelne Bücher und Zeitschriften. Verleger setzten die Marken häufiger für ihr Marketing ein als Sortimenter und unter ihnen besonders die Kinder- und Jugendbuchverleger, die in der Reklamemarke ein vorzügliches und billiges Werbemittel erkannten, um ihre Werke bei der Jugend selbst populär zu machen. Auch aus Anlass von Veranstaltungen, wie z.B. der Internationalen Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik in Leipzig 1914, wurde eine Vielzahl von Marken produziert. Die Reklamemarke ist ein kulturgeschichtliches Phänomen, das, obwohl in nach Millionen zu messenden Stückzahlen produziert, in der Geschichte der Werbung in Buchhandel und Verlag aber nicht mehr als eine – wenn auch sehr reizvolle – Fußnote beanspruchen kann.

Entsprechend nehmen die etwa 2.300 Reklamemarken, die in der Deutschen Nationalbibliothek vorhanden sind, hier nur die Rolle eines Stellvertreters ein: Das Deutsche Buch- und Schriftmuseums sowie Bibliothek und Historisches Archiv des Börsenvereins besitzen mit mehr als 100.000 Objekten (z.B. Verlagskatalogen und -prospekten, Medienplakaten, Weihnachts- und anderen Sortimenterkatalogen) singuläre Bestände zur Entwicklung von Werbung und Marketing in Buchhandel und Verlagswesen und machen sie der Benutzung zugänglich.

 

Hermann Staub (h.staub@dnb.de)

Schlagworte:

0 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • Informationen zum Kommentieren

    Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

  • Mein Kommentar

    Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

    (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
    CAPTCHA image
    Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

    * Pflichtfeld