Mit 30.000 Euro dotiert

Raabe-Literaturpreis an Norbert Scheuer

25. September 2019
von Börsenblatt
Der Schriftsteller Norbert Scheuer erhält für seinen Roman "Winterbienen" (C.H. Beck) den Wilhelm Raabe-Literaturpreis 2019. Die Auszeichnung wird von der Stadt Braunschweig und dem Deutschlandfunk vergeben.
Was anderen Autoren Dublin oder Lübeck war, ist Norbert Scheuer, dem 1951 geborenen Schriftsteller und ehemaligen Systemprogrammierer, das Eifel-Örtchen Kall. Dort siedelt der einfühlsame, laute Töne meidende Erzähler das Zentrum seines Erzähluniversums an. In seinem neuen Roman schildert er das Schicksal des wegen Epilepsie im »Dritten Reich« zwangssterilisierten Egidius Arimond. Aus dem Schuldienst entfernt, widmet er sich leidenschaftlich der Bienenzucht – und schmuggelt heimlich in Bienenkästen verfolgte Juden aus dem Reich über die Grenze.

Norbert Scheuer, der in Kall in der Eifel lebt, habe, so die Jury, "seinen kleinen Eifelort in bisher acht Romanen zum Spiegel der Welt gemacht, und in jedem seiner Bücher das lokale Kleine zum Gegenstand höchster Aufmerksamkeit gesteigert." Damit habe er zugleich einen großen metaphorischen Raum geöffnet. "In seinem Roman 'Winterbienen' leisten dies eben jene in unserer Gegenwart über alles geschätzten, ja geradezu verehrten Insekten, die zu Tausenden einen gemeinsamen Körper bilden."

Zum Inhalt schreibt die Jury: "Der Roman spielt in den letzten Monaten des Zweiten Weltkriegs, und mit den summenden Bienen auf den Wiesen an der Urft kontrastieren und korrespondieren die alliierten Jagdflugzeuge am westlichen Himmel. Egidius Arimond ist Epileptiker, der versucht, sich mit Medikamenten ruhig zu halten. Dabei ist es doch die kriegerische Außenwelt, die in konvulsivischen Zuckungen tobt. Ohne Aufhebens rettet er jüdische Mitmenschen vor dem Tod, mit Hilfe seiner Bienenvölker."

In "Winterbienen" (C.H. Beck) erreiche der 67-Jährige Scheuer eine äußerste Nähe von symbolischem Zeichen und konkreter Realität. "In der Form des Tagebuchs findet er zu einer Kompaktheit der Darstellung und einer Gelassenheit der Schreibweise, die jedes Unheil in der Welt überführt in eine neue ästhetische Ordnung. Das macht ihn zu einem einzigartigen realistischen Erzähler unserer Zeit, zu einem poetisch-realistischen Erzähler auch in der Tradition Wilhelm Raabes", so die Jury.

Der Raabe-Literaturpreis wird am 3. November im Rahmen eines Matinee-Festakts im Kleinen Haus des Braunschweiger Staatstheaters durch den Braunschweiger Oberbürgermeister Ulrich Markurth und Deutschlandradio-Intendant Stefan Raue überreicht. Bereits am Vortag liest Norbert Scheuer dort im Rahmen der Langen Nacht der Literatur.

Zum Preis

Mit dem Wilhelm Raabe-Literaturpreis zeichnen Deutschlandfunk und die Stadt Braunschweig jährlich ein in deutscher Sprache verfasstes erzählerisches Werk aus. Das Preisgeld beträgt 30.000 Euro. Mit der Auszeichnung soll exemplarisch das bis zum Zeitpunkt der Preisverleihung publizierte literarische Schaffen gewürdigt werden. Ein neues Buch des Preisträgers muss im laufenden Kalenderjahr erschienen sein.

Zu den bisherigen Preisträgern gehören Rainald Goetz, Jochen Missfeldt, Ralf Rothmann, Wolf Haas, Katja Lange-Müller, Andreas Maier, Sibylle Lewitscharoff, Christian Kracht, Marion Poschmann, Thomas Hettche und Clemens J. Setz, Heinz Strunk, Petra Morsbach und Judith Schalansky.

Deutschlandfunk wird den Festakt und eine Lesung des Preisträgers mit anschließendem Gespräch am 30. November von 20.05 bis 22.00 Uhr senden. Auf dem Digitalkanal "Dlf Dokumente und Debatten" ist der komplette Festakt am 3. November ab 11.00 Uhr sowie ein fünfstündiges Literaturprogramm am Vorabend ab 19.00 Uhr live zu hören.