63. Arbeitstagung der Herstellungsleiter in Irsee

Im Reich der Sinne

Von Smart Content und e-Typographie bis zu Büttenpapier-Handschmeichlern: Thematisch ließ die 63. Arbeitstagung der Herstellungsleiter in Irsee kaum Wünsche offen. Heimlicher Star im Allgäu: das limbische System.

2020 wird die Arbeitstagung der Herstellungsleiter ihren 70. Geburtstag feiern; gut möglich, dass die viel beschworene Medienkonvergenz in sieben Jahren ihren Höhepunkt erreicht hat: Vielleicht lassen sich Inhalte dann ja via Google Glasses kognitiv erfassen, ohne vorher gelesen zu werden? Ob die Zukunfts-Vision von Thomas Narr (G+U) nun realistisch oder gar ein Alptraum ist − der Vormarsch der e-Medien in den Alltag stellt die Führungskräfte in den Herstellungsabteilungen aller Verlage vor gewaltige Aufgaben. Wandel ist das Wort der Stunde; Herstellerinnen und Hersteller sind die Treiber dieser Entwicklung.

Die Rettung der Welt

Doch halt − bleiben wir im Hier und Heute. 96 Teilnehmer, so viele wie noch nie, waren an Himmelfahrt zur 63. Herstellungsleiter-Tagung ins Schwäbische Kloster Irsee gepilgert. Das straffe Programm spiegelte die immer komplexer werdende Wirklichkeit in den Verlagen wieder: Mehrwert-Dienste im Transmedia-Zeitalter, Multiscreen-Design, e-Typographie, EPUB3, KF8 und HTML5 standen auf der Agenda − aber auch jede Menge Print-Themen, schönste Bücher, Workshops zu Körpersprache oder zum Umgang mit Stress am Arbeitsplatz. Dazu konnte man die persönliche Work-Life-Balance heuer nicht nur mit kalorienreicher Kost und hauseigenem Klosterbräu, sondern auch vermittels gemeinschaftlichem Morgenyoga nachjustieren. Gewohnt hochkarätig: Die Referenten, von denen einige den Blick aufs große Ganze lenkten: Linda Reisch etwa, die ehemalige Frankfurter Kulturreferentin, heute Geschäftsführerin des von Daniel Barenboim initiierten Musikkindergartens Berlin. Oder Franz Josef Radermacher, Mitglied des Club of Rome und vielbeschäftigter Regierungsberater zu Fragen der Globalisierung und Umwelt. Der Professor aus Ulm erklärte in 45 mitreißenden Minuten, wie er sich die Rettung der Welt − oder zumindest die Verhinderung ihrer weiteren "Brasilianisierung" − vorstellt. Sein Fazit gilt wohl auch für jede Herstellungsabteilung: "Der Herr muss die richtigen Krisen in der richtigen Dosierung zum richtigen Zeitpunkt schicken."

Polysensual Branding

Heimlicher Star der Tagung aber war kein Referent aus Fleisch und Blut, sondern, nun ja: das limbische System − das emotionale Machtzentrum im Gehirn, das beim Decodieren von Informationen mehr als nur ein Wörtchen mitredet und Wissenstransfer zunehmend zum "Emotionstransfer" macht. Andreas Meyer (Verlagsconsult Dr. Andreas Meyer & Partner, München) ließ in seinem Workshop buchstäblich mit Händen greifbar werden, was "Markenführung mit allen Sinnen" für Hersteller bedeutet. Doch nicht nur bei Printprodukten wandeln sich die Ansprüche an Layout und Bildsprache, Haptik und Funktionalität. Spätestens seit Michael Dreusicke (PAUX Technologies, Berlin) im Jura-Studium schrecklich verschraubte Texte durchackern musste, ist ihm klar, dass "Content" im Kopf des Lesers meist gänzlich anders organisiert ist als in digitalen Verlagsprodukten. Heute entwickelt er Mehrwertdienste, die es Nutzern gestatten, mobil, personalisiert und standortspezifisch mit einzelnen Content-Elementen zu interagieren − von facettierter Suche bis zur Integration von e-Learning und Facebook-Kommentaren. Mit der richtigen Technologie, so Dreusicke, werde die Herstellung solcher Dienste auch ökonomisch darstellbar. Jetzt braucht es nur noch Autoren, die (mittels Word-Plug-in oder spezieller Editoren) zu ihren Texten die smarten Metadaten liefern. Und Endkunden, die für den Mehrwert zahlen.

Textkörper, körperlos

Die Smartphone- und Tabletdichte in Irsee war beträchtlich, im Auditorium wurde heftig gewischt und getippt, das barocke Kloster ein einziges "Multiscreen-Szenario". Wolfram Nagel (digiparden, Schwäbisch-Gmünd), der Prinzipien, Muster und die wichtigsten Einflussfaktoren bei der Konzeption von Multiscreen-Projekten vorstellte, stieß somit offene Türen ein. In Zeiten, da die mobile Internetnutzung jene der Desktop-Geräte überholt, ist die Verfügbarkeit der Inhalte auf allen Endgeräten Pflicht. Die Hybrid-Kombination digitaler und analoger Services ist längst Realität: Seine eigene Master-Arbeit hat der junge Mediengestalter gerade im Internet und als Buch (bei Amazon) veröffentlicht. Wie aber steht es um die Typographie in elektronischen Medien? Noch ist das Gros der Bildschirmtexte eine Zumutung für den Hippocampus. Carsten Schwab (HoCa) ging der spannenden Frage nach, wie sich Textkörper und die (vermeintliche) Körperlosigkeit elektronischer Medien zueinander verhalten − und welche Möglichkeiten Gestalter haben. Derzeit, so Schwab, wäre schon viel gewonnen, wenn man sich bei der Digitalisierung von Print-Titeln vom "Denken in Doppelseiten" verabschiede und die Idee widererkennbarer Reihengestaltung ("Typographie nach dem d'Artagnan-Prinzip") aufgreifen würde. EPUB3, als durchgesetzter Standard, wird die Gestaltungs-Spielräume erweitern. Womöglich lässt sich dann sogar ein E-Book-Verweigerer wie Wolf Haas von den Möglichkeiten des Mediums überzeugen.  

Berührungs-Reize

Virtuelle Regale im Holzlook, einstellbare "Papierfarbe" am Kindle, schön und gut. Das Buch aber lebt vom Begreifen: "Berührung", weiß Florian Kohler, Chef der Büttenpapierfabrik Gmund am Tegernsee, "ist die stärkste unterbewusste Wahrnehmung des Menschen". Wie man sie in der Kommunikation sinnsteigernd und gewinnbringend einsetzt, demonstrierte Kohler anhand hauseigener Produktionen für die Wirtschaft: Die Automarke Maserati liebt es dynamisch glänzend, der Schokoladen-Krösus Godiva setzt auf echtes Gold − schließlich gibt’s im duty-free-shop keine Verköstigung; taktile Reize entscheiden. Welches Papier sie für ihre Zeitschrift ausgesucht hat? Das verriet Josephine Götz, Mitbegründerin des Stuttgarter Magazins "PÄNG!", nicht − nur, dass sie ein halbes Jahr nach dem Passenden gesucht hat. Von Ungläubigen wurden Götz und ihre "Pengster" schon mal als "Offline-Emanzen" angegangen. Doch was, bitte, bringt junge Leute, die man eigentlich in der "Generation Facebook" verortet, dazu, für ihresgleichen ein neues Print-Konzept auszubaldowern? Offenbar haben die "digital natives" durch die zunehmende Technisierung des Alltags ein wachsendes Bedürfnis nach "realen", "authentischen" Erlebnissen − der Slow-Food-Boom oder die Do-it-Yourself-Bewegung lassen grüssen. "Ich liebe das Netz extrem", so Götz, "und ohne die digitalen Möglichkeiten könnte man so ein Heft nicht machen". So kann's gehen: Gestern old-school, heute Kult − alles eine Frage der emotionalen Aufladung. Der Enthusiasmus der jungen Gründerin elektrisierte die gestandenen Kollegen im Plenum; bei manchem war (mit Blick auf die eigenen Anfänge?) womöglich ein Hauch Wehmut dabei. "Ich bin sicher", so Stefanie Schelleis (Hanser), "dass wir Sie alle richtig beneiden".

Wir können alles − außer umsonst!

Taugt Open Access als verlegerisches Geschäftsmodell? Das von Börsenblatt-Redakteur Michael Roesler-Graichen moderierte "Kamingespräch" in der Klosterbibliothek hatte einigen Erkenntnis- und noch größeren Unterhaltungswert. Mit Sven Fund (GF De Gruyter, Berlin) und Klaus Kluge (GF Lübbe, Köln) traten nicht nur zwei pointensichere Alpha-Tiere, sondern gleichsam Wissenschaft und Belletristik in den Ring. Ein Dialog, der überraschende Gemeinsamkeiten offen legte ("Wir können alles − außer umsonst!"), vor letzten Wahrheiten nicht halt machte ("Sie werden Kant granular nicht verstehen!") und schon mal ruck-zuck als Zielsetzungsgespräch für den hausinternen "Change-Prozess" bei Lübbe geentert wurde. Apropos Wandel: Was erwarten die Chefs, da sich Wissenschaftsverlage nicht mehr nur als Sachwalter von Inhalten, sondern als Service-Dienstleister verstehen, Publikumshäuser der grassierenden Kostenlos-Mentalität doch noch neue Geschäftsfelder abringen wollen, von ihren Herstellern? So ziemlich alles: Die Bereitschaft zum Experiment, zum ständigen Lernen, zur Entwicklung neuer Technologien und Produkte, die übermorgen marktreif sind. Klaus Kluge formuliert es simpler: "Ohne Herstellung wären wir aufgeschmissen." Der scheidende Rolf Woschei (VG Lübbe, Köln) hörte es mit einem lachenden und einem weinenden Auge: Zum Irsee-Ausstand im Klosterkeller schmetterte der karnevalserprobte Rheinländer mit seinen Kollegen noch einmal (fast) alle 21 Strophen der selbst geschriebenen Hersteller-Hymne. Der Refrain, zu dem alle den Takt mitklopfen, könnte passender nicht sein: "Schneller, immer schneller kommt das Buch."

nk  

Info-Kasten:

Turnusmäßig schieden aus dem Gremium der Herstellungsleitertagung Wolfgang Michael Hanke (Random House) und Thomas Narr (G+U) aus; neu gewählt wurden Carsten Schwab (HoCa) und Rolf Jäger (Oldenbourg/Akademieverlag). Die weiteren Mitglieder: Reiner Blankenhorn (Apotheker Verlag), Magdalene Krumbeck (Peter Hammer),  Michaela Philipzen (Ullstein), Stefanie Schelleis (Hanser).

Die 64. Arbeitstagung der Herstellungsleiter findet vom 28. Mai bis 1. Juni 2014 statt, Anmeldungen ab Januar 2014 über das Tagungsbüro: karin.kern.LL@t-online.de 

Weitere Informationen auf der Website der Herstellertagung, Bildergalerie hier.

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1 Kommentar/e

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  • Michael Dreusicke

    Michael Dreusicke

    Tolle Teilnehmer, tolle Veranstaltung. Danke, dass ich dabei sein durfte :)

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