"Mein-Kampf-Edition" im Buchhandel

Viele Händler verzichten auf Präsentation

Seit heute, 8. Januar, ist die kommentierte Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte von Hitlers Hetzschrift "Mein Kampf" im Handel, was schon im Vorfeld für kontroverse öffentliche Diskussionen gesorgt hat. Die Urheberrechte, bislang beim Freistaat Bayern, sind zum 1. Januar 2016 erloschen. Die historisch-kritische Edition wird aber nicht in jeder Buchhandlung präsentiert, so wollen etwa auch Thalia und Hugendubel darauf verzichten.

In einer Mitteilung macht der bayerische Kultusminister Ludwig Spaenle klar, dass über die kommentierte Ausgabe hinaus der unveränderte Nachdruck der "Schandschrift" wegen ihres volksverhetzenden Inhalts aus Sicht des Bayerischen Staatsministeriums der Justiz auch künftig grundsätzlich strafbar sei. Spaenle fährt fort: "Der Umgang mit Hitlers Hetzschrift 'Mein Kampf' stellt eine große Herausforderung dar." Eine historisch-kritische Quellenarbeit könne in der Verantwortung der Lehrkräfte mit entsprechender fachlicher und didaktischer Vorbereitung auch im Unterricht einen unmittelbaren Zugang von Schülern zu dieser Schlüsselquelle der Zeitgeschichte ermöglichen, so Spaenle. Dagegen hätten unveränderte Nachdrucke der Schandschrift an Bayerns Schulen keinen Platz. Nach dem Zweiten Weltkrieg hatten die Alliierten die Urheberrechte an Hitlers Hetzschrift an den Freistaat Bayern übertragen, Ende 2015 waren diese erloschen.

Kommentierte Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte

Seit 8. Januar ist die kommentierte Ausgabe des Instituts für Zeitgeschichte (München − Berlin) im Handel, unter dem Titel: "Hitler, Mein Kampf. Eine kritische Edition" (Eigenverlag, 2 Bände, 1.948 Seiten, 59 Euro). Ausgeliefert werden die Bände über die Berliner Verlagsauslieferung BUGRIM. Informationen zur Edition und den Gründen der Publikation finden sich auf der Website des Instituts. Laut "Frankfurter Rundschau" (Artikel: "Ein Verbot wäre der falsche Weg") beträgt die Erstauflage 5.000 Exemplare (andere Medien nennen die Zahl 4.000), die durch Vorbestellungen bereits verkauft sei. Die Edition wurde am 8. Januar auf einer Pressekonferenz im Münchener Institut für Zeitgeschichte (IfZ) vorgestellt.

Auf der Website des Instituts heißt es zwar, die Edition sei ab 8. Januar "überall im Buchhandel". Aber: Unter anderem Thalia und Hugendubel werden das brisante Werk nicht in ihren Läden präsentieren und auch nicht lagern, berichtet der Bonner "General-Anzeiger". Bei beiden Filialisten könne die kommentierte Ausgabe nur online bestellt werden. Offenbar gibt es dort jedoch Engpässe, auch bei Amazon heißt es "Derzeit nicht verfügbar". Amazon weist auf seiner Website darauf hin, dass die Erlöse aus dem Verkauf des Buches über amazon.de "an eine Organisation gehen, die sich zu Gunsten von Opfern des Nationalsozialismus engagiert."

Auch in der Presse ist die Verbreitung der kommentierten Ausgabe umstritten. In der "Süddeutschen Zeitung" ist der britische Germanist Jeremy Adler (Sohn von H. G. Adler) strikt dagegen: "Das absolut Böse lässt sich nicht edieren", so sein harsches Urteil. Eine andere Position nimmt Arno Widmann in der "Frankfurter Rundschau" ein: "Ein Verbot wäre der falsche Weg". ZEIT online fragt: "Wer hat Angst vor einem Buch?". Und die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" betitelt ihren ausführlichen Beitrag mit "Fußnoten zu Hitler".

FAQ-Dokument des Börsenvereins

Für seine Mitglieder hat der Börsenverein des Deutschen Buchhandels FAQs unter dem Titel "'Mein Kampf' − das gilt jetzt für die Verbreitung" zusammengestellt. Darin wird erläutert was sich ändert und was für den Handel mit neuen und antiquarische Ausgaben gilt.

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Update 11. Januar:
Die zum 8. Januar vorgelegte Auflage betrug 4.000 Exemplare, bestätigt Simone Paulmichl, Leiterin Presse- und Öffentlichkeitsarbeit des IfZ, auf Anfrage. Da bis zu diesem Termin schon 15.000 Vorbestellungen eingegangen seien, werde bereits nachgedruckt und voraussichtlich nächste Woche erneut ausgeliefert. Beim Umfang der Drucktranchen sei man flexibel, so Paulmichl ("Wir können schnell nachdrucken"), reagiere hier (aus Kostengründen; die Bände werden im Eigenverlag produziert) auf die Nachfrage. Solange diese anhalte, werde auch nachgedruckt und ausgeliefert. Es gebe also keine gezielte Limitierung der Auflage. Die "Mein Kampf"-Edition werde zum Selbstkostenpreis abgegeben und aus dem Haushalt des Instituts finanziert (der je zur Hälfte vom Bund und den Ländern getragen wird). Unterm Strich rechne das Institut daher mit einer schwarzen Null, erklärt Paulmichl.

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4 Kommentar/e

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  • Branchenkenner

    Branchenkenner

    Eine tolle Idee wäre es gewesen, wenn das Institut alle Erlöse aus dem Verkauf z.B. einer KZ-Gedenkstätte, einer NS-Opfer-Initiative oder einem Projekt gegen Fremdenhass gespendet hätte. So wie das AMAZON mit dieser Pegida-Hymne auch gemacht hat.

    Denn machen wir uns nichts vor, mindestens jedes zweite Exemplar dieser kommentierten Ausgabe wird sich im spärlich bestückten Bücherregal eines rechtsgesinnten Deppen wiederfinden. Was man durch besagte Erlösweitergabe sich ein wenig hätte eindämmen können.

    Aber es war ja klar, dass man in einem Institut, dass zudem noch vom Staat Bayern gesteuert wird, einen derartigen Einfall nicht erwarten kann. Schade.

  • Tausendschön

    Tausendschön

    @ branchenkenner: Schreiben Sie bitte keinen Unsinn: Das Institut wird angesichts des ganzen Forschungsaufwands keinen Gewinn damit machen bzw. das Geld in eigene Forschungsprojekte stecken. Und das IfZ ist eine außeruniversitäre Forschungseinrichtung, die vom Bund und den Ländern finanziert wird, und kein verlängerter Arm der bayerischen Staatsregierung. Nebenbei: Amazon soll lieber ordentlich seine Steuern zahlen, ohne irgendwelche Luxemburg-Tricksereien, statt sich als edles, spendenfreudiges Unternehmen zu präsentieren.

  • MarkS

    MarkS

    @ branchenkenner: Die "rechtsgesinnten Deppen" werden diese Ausgabe nicht kaufen, es dürften für diese Klientel genügend antiquarische Exemplare auf dem Markt sein. Auch im Internet kommt man ganz kostenlos an den unkommentierten Text.
    @ Tausendschön: Ich bin mir sicher, dass Amazon "ordentlich" seine Steuern zahlt. Die "Luxemburg-Tricksereien" sind legal. Wenn Sie Änderungen im Steuerrecht wünschen (da gibt es sicherlich manches Schlupfloch zu stopfen), so wenden Sie sich an Ihren Bundestagsabgeordneten / Ihre Abgeordnete. Der Gesetzgeber ist verantwortlich, nicht derjeneige, der Gesetze zu seinem Vorteil nutzt.

  • Branchenkenner

    Branchenkenner

    Ob Gewinn gemacht wird oder nicht, ist ja gar nicht der Punkt. Es sollen lediglich die Erlöse einem entsprechenden Zweck zugeführt werden. Gerade weil ja die Finanzierung über Bund & Länder gewährleistet ist und kein wirtschaftliche Gesamtrechnung erfüllt werden muss, wäre das absolut praktikabel gewesen und hätte den Gegenstand der Forschung aus einer nüchternen, dunklen Ecke rausgeholt und in ein positives Licht gesetzt.

    Schade übrigens, dass jeglicher Hinweis auf AMAZON in dieser Branche immer gleich zu Bashing führen muss.
    Ich persönlich finde es sehr wohl wichtiger, ein Zeichen gegen Fremdenhass zu setzen, statt sich über irgendwelche dem Staat aufgrund der selbst geschaffenen Gesetzeslage nicht zu Gute kommenden Einnahmen zu beklagen.

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