Antiquariat

Bericht aus Budapest

Der Innsbrucker Antiquar Dieter Tausch berichtet von seinen Eindrücken von Kongress und Messe der International League of Antiquarian Booksellers (ILAB) in Budapest (21. bis 25. September).

Wir geben Dieter Tauschs Bericht, der auch einige aufschlussreiche Anmerkungen über die Lage der ILAB enthält, im Folgenden ungekürzt wieder. Tausch gehörte von 2002 bis 2006 dem ILAB Komitee an, von 2012 bis 2015 war er Vorsitzender des Verbands der Antiquare Österreichs.

Noch tanzt der Kongress …

Der Kongress des internationalen Antiquariatsverbands in Budapest Ende September war eine ausgesprochen gelungene Veranstaltung. Wenn es auch richtig ist, dass die Ausgaben für Kongressgebühr, Reisekosten, Aufenthalt etc. speziell für jüngere Kolleginnen und Kollegen offensichtlich zunehmend einen nicht mehr leistbaren Aufwand darstellen, dennoch: "You missed something!"

Das ist in erster Linie dem Präsidenten des ungarischen Verbands, Adam Bosze, seiner Assistentin Anna Huppert und der Betreuung Zoltán Révhenyis zu verdanken. Das vielfältige und attraktive Programm hat im wunderbaren Ambiente von Budapest und Umgebung alles, was zu einem ILAB-Kongress als sinnstiftendes Ereignis gehört, angeboten: Fortbildung in diversen Bibliotheken mit Präsentation exklusiver Schätze sowie kulturelle und unterhaltsame Ausflüge. Und – für mich das Hauptmotiv zu meinem fünfzehnten Kongress en suite anzureisen – der Kontakt mit alten Weggefährten und neuen Gesichtern, von all denen man etwas lernt oder erfährt und meist über Jahrzehnte in losem (oft hilfreichem und nützlichem) Kontakt bleibt. Adam und die ungarischen Kollegen haben bewiesen, dass auch ein kleiner Verband im minimalen zweistelligen Mitgliederbereich mit einigem Aufwand und Energie in der Lage ist, einen Kongress zu organisieren, der den Zweck dieser alle zwei Jahre stattfindenden Veranstaltung erfüllt. Europapolitische Erörterungen (zum Beispiel die ungarische Volksabstimmung am 2. Oktober) wurden allerdings ausgespart.

Auch die an den Kongress anschließende Messe (29 Aussteller mit 26 Ständen) war in prächtigem Ambiente äußerst professionell organisiert und hatte erstaunliches Niveau im Angebot. Von den Medien stark beachtet, von Interessierten sehr gut besucht, konnte man auch Verkaufserfolge beobachten und offenbar wurden die recht bescheidenen Erwartungen der Aussteller auf dieser Messe (zum Teil sogar über-)erfüllt. Die vor Jahren noch zu meiner Zeit im Komitee getroffene Entscheidung, die Ausstellungsteilnahme nicht mehr wie zuvor mit der verpflichtenden Teilnahme am Kongress zu junktimieren, erwies sich wieder einmal als richtig und förderlich. Übrigens hat sich eine häufig zu machende Messeerfahrung erneut gezeigt: Bei der ersten Begegnung bedeutend und rar erscheinende Objekte mögen zwar beim mehrmaligen Durchgang ihre Bedeutung behalten, die Rarität leidet jedoch unter deren Mehrfachpräsenz. Vom österreichischen Verband präsentierten sich die Firmen Clemens Paulusch, Matthäus Truppe und das Rote Antiquariat mit attraktiver Ware.

Die Liga selbst befindet sich in einem – vorsichtig ausgedrückt – leicht kränklichen Zustand. Auch wenn der scheidende österreichische Präsident Norbert Donhofer den internationalen Verband, vor allem in finanzieller Hinsicht, seinem Nachfolger Gonzalo Fernández Pontes in trockenen Tüchern übergeben konnte, die Zeichen an der Wand sind nicht mehr zu übersehen:

  • Zwanzig Prozent weniger Mitglieder als vor zehn Jahren.
  • Das biennal erscheinende (ähnlich wie die Kongresse sehr sinnstiftende) Directory suspendiert.
  • Der Kongress 2018 bislang unsicher, so hatte Budapest auch etwas wie einen Hauch vom letzten Tango.
  • Die Zusammenarbeit mit der UNESCO (World Book Day) suspendiert.
  • Sinkende Einnahmen über die Bookfair-Levy für den internationalen Verband durch weniger Aussteller bzw. Wegfallen von Messen.
  • Ein Relaunch des Internetauftritts ist überfällig.
  • Etc.

Die Zeitläufte sind unserem Berufszweig derzeit nicht gerade hold, es liegt aber auch viel an den 22 nationalen Verbänden, die ähnlich wie die Mitglieder der EU zwar von den Benefits der Mitgliedschaft in der ILAB profitieren wollen, selber aber minimalistisches Engagement zeigen und keine neuen Ideen einbringen. Sie erwarten sich auf Zehenspitzen Ideenvorgaben des internationalen Verbandes und tun und erfinden: nichts!

Im Führungsgremium der ILAB folgt der Wiener Kollege Robert Schoisengeier dem scheidenden Norbert Donhofer nach. Damit ist seit 2002 ununterbrochen ein Mitglied des kleinen österreichischen Verbands in diesem Gremium vertreten. Wir wünschen unserem Kollegen viel erfolgreiches Engagement!

Wünschenswert wäre, würden sich Verbände, die zum Teil zehn-, zwanzig-, ja dreißigmal mehr Mitglieder haben als die Ungarn, für 2018 ein Beispiel am Kongress Budapest 2016 nehmen.

Zwei Nachträge:

Mitten am Kongress erreichte uns die traurige Nachricht aus New Castle vom Ableben unseres geschätzten Kollegen Bob Fleck am 22. September. Der ehemalige ILAB Präsident führte den Verband zusammen mit seiner Vorgängerin Kay Craddock in das Internetzeitalter. Nevine Marchiset hat bereits einen Nachruf auf der ILAB Homepage verfasst (siehe hier).

Barbara van Benthem hat sich als Web Editor der ILAB zurückgezogen um sich mit ihrem Mann Eberhard Köstler ausschließlich Autographen zu widmen. An ihre Stelle tritt Angelika Elstner aus Kapstadt, in Dresden geboren, die bezüglich ihres Auftretens und Engagements keine Zweifel offen lässt. Wir begrüßen sie herzlich.

Dieter Tausch

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