APE-Konferenz

"Daten werden zum Zentrum wissenschaftlicher Kommunikation, nicht mehr Bücher"

In Berlin beginnt heute die elfte Konferenz "Academic Publishing in Europe (APE)": Die Thesen von Barend Mons zur Zukunft des wissenschaftlichen Publizierens versprechen kontroverse Diskussionen. Für boersenblatt.net sprach Sven Fund kurz vor der Konferenz mit Mons, der Professor am niederländischen Leiden University Medical Center ist.

Sie waren Vorsitzender der High Level Expert Group (HLEG) "European Open Science Cloud" der Europäischen Kommission, die vor ein paar Wochen ihre Arbeit abgeschlossen hat. Auch wenn der Abschlussbericht Ihrer Arbeit noch nicht veröffentlicht ist: Können Sie uns einen Einblick geben, in welche Richtung sich Open Science in Europa in den kommenden drei bis fünf Jahren entwickeln soll?

Nun, es ist noch zu früh, den Bericht der HLEG öffentlich zu diskutieren, aber ich kann Ihnen meine persönliche Meinung sagen - ich spreche also nicht für die Gruppe, sondern nur für mich. Mit dieser Einschränkung: Open Science wird an Bedeutung gewinnen, weil moderne Wissenschaft Offenheit braucht. Die großen Fragen unserer Zeit können einfach nicht effektiv untersucht und gelöst werden, ohne dass Daten und andere Forschungsobjekte quer durch alle Disziplinen FAIR vorliegen. Damit meinen wir Findable, Accessible, Interoperable und Re-usable − also auffindbar, zugänglich, kompatibel und weiter nutzbar.
Die Publikation von wissenschaftlichen Artikeln ist die denkbar schlechteste Art, Maschinen und die Gesellschaft in den Forschungsprozess einzubinden, so dass ich überzeugt bin, dass Daten zum Zentrum der wissenschaftlichen Kommunikation werden, nicht mehr Zeitschriftenartikel oder Bücher. Es ist offensichtlich, dass wir für die absehbare Zukunft weiterhin durch Menschen lesbare Texte zur Diskussion von Forschungsergebnissen und ihren Konsequenzen brauchen werden, aber diese Artikel werden nicht mehr das Herzstück der wissenschaftlichen Kommunikation sein.

Was ist die European Science Cloud, die Sie vorbereiten sollen?

Die European Open Science Cloud (EOSC) soll Vertrauen in den Zugang zu wissenschaftlichen Services schaffen und sicherstellen, dass Daten über alle Disziplinen sowie über geographische und soziale Grenzen hinweg geteilt und verarbeitet werden. Der Begriff "Cloud" ist dabei für uns nur eine Metapher, um den Gedanken der Nahtlosigkeit und einer Marktplatzsituation auszudrücken, in der in einer gemeinschaftlichen Umgebung aus Elementen der europäischen Mitgliedstaaten und mit einem Minimum an internationalen Eingriffen nach und nach eine Forschungsstruktur entsteht.

Diese EOSC muss die erforderlichen Expertisen, Ressourcen, Standards und Praktiken definieren, die für die Forschungsinfrastruktur unabdingbar sind. Ein sehr wichtiger Aspekt ist daher ein professionelles Management von Forschungsdaten und ihre langfristige Vorhaltung, wobei dies kein Selbstzweck sein darf. Das große Ziel, das wir anstreben, ist eine Verbesserung der Innovationsprozesse in Europa.

Der niederländische Kulturstaatssekretär Sander Dekker ist einer jener Politiker in Europa, die sich am stärksten für mehr Offenheit im Umgang mit Forschungsdaten in Europa einsetzen. Bei der APE 2013 in Berlin hat er sich massiv für Open Access ausgesprochen, und die Niederlande haben seitdem sehr weitgehende Schritte in ihrer Wissenschaftspolitik gemacht. Können wir dieselbe Energie und entsprechende Verschiebungen in der Forschungspolitik der EU unter niederländischer Präsidentschaft erwarten?

In der Tat ist zu erwarten, dass der Staatssekretär im Rahmen einer Konferenz im April seine bisherigen Aussagen und seine Politik weiter vorantreiben wird. Allerdings ist eine deutlich tiefgreifendere Veränderung als nur Open Access nötig. Maschinen müssen befähigt werden, wissenschaftliche Ergebnisse weiterzuverarbeiten. Open Access wird nur denjenigen, die ohnehin leichten Zugang zu viel zu viel Informationen haben, mehr Material geben. Und Open Access ist nur rein weiteres Geschäftsmodell, um die Kosten des Publikationsprozesses zu decken – mit demselben Problem wie traditionelles Publizieren, dass Wissenschaftler, denen der Zugang zu Geldern fehlt, nicht gleichberechtigt am Forschungsprozess teilhaben können.
Die Prinzipien von FAIR hingegen sind, dass alle Forschungsobjekte (einschließlich wissenschaftlicher Artikel) durch Maschinen findbar, zugänglich, verarbeitbar und weiterverwertbar sind. Es ist mir ein Rätsel, warum traditionelle Verlage deutlich entspannter um Umgang mit Open Data als mit Open Access sind – denn in Daten steckt ein deutlich höherer Wert!

Bücher und Artikel erfüllen lediglich eine konformative Funktion, indem sie von Menschen gelesen werden. Aber die großen Entdeckungen in der Ära der Open Science werden nicht dadurch gemacht, Texte zu collagieren, sondern durch das Finden und Aufdecken von Mustern und Zusammenhängen zwischen großen Datenmengen durch das Zusammenspiel von Maschinen und Menschen. Ich bin überzeugt, dass die Bedeutung von wissenschaftlichen Texten sich sehr stark ändern wird.

Der ungehinderte Zugang zu wissenschaftlichen Ergebnissen über Open Access, aber auch zu Forschungsdaten und anderen Hilfsmitteln ist ein Kernelement der EU bei der Umsetzung des gemeinsamen digitalen Binnenmarkts. Was wird angesichts dieser Entwicklungen aus den etablierten Strukturen mit wissenschaftlichen Verlagen, aber auch Bibliotheken?

Wenn Verlage und Bibliotheken sich nicht neu erfinden als moderne, professionelle und Open Access-basierte Datenlieferanten und –verwalter, werden sie vermutlich durch andere Marktteilnehmer ersetzt werden, kleinere wendige Anbieter und Unternehmen, die es viel besser verstehen, in digitalen Umfeldern zu arbeiten. Wir müssen Wege finden, Open Science kostengünstig zu machen und bisher geschlossene Datenbestände zu öffnen, damit innovative und gute Forschung unterstützt wird.

Das klingt nach einem goldenen Zeitalter zumindest für die Forschung – was denken Sie, wie lange es dauern wird, bis die Mehrheit der wissenschaftlichen Inhalte aus Europa offen verfügbar sein werden?

Maximal zwei bis fünf Jahre, und sofern es um datenreiche Forschung geht, interessiert mich klassisches Open Access von Artikeln immer weniger, da wir künftig einen immer kleineren Prozentsatz davon wirklich lesen werden.

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