Arbeitsabläufe sinnvoller organisieren

Ballast des Industriezeitalters

Viele Unternehmen überfordern sich selbst mit ihren festgefahrenen Hierarchien und Abstimmungsprozessen, glaubt Lars Vollmer. Der Wirtschaftsvordenker plädiert für eine radikal neue Organisation von Arbeitsabläufen. MARCUS SCHUSTER

Lars Vollmer

Lars Vollmer © larsvollmer.com

Zeit- und Ressourcenvergeudung in Unternehmen ist so etwas wie das Lebensthema Lars Vollmers geworden. Nach "Zurück an die Arbeit!" (Linde, 192 S., 24,90 Euro) – einem Manifest, wie er es nennt – hat der Ingenieur, Unternehmer und Honorarprofessor ein neues Buch veröffentlicht: "Wie sich Menschen organisieren, wenn ihnen keiner sagt, was sie tun sollen" (intrinsify.me, 84 S., 15 Euro).

Auch diesmal geht es wieder um das "Business-Theater", das Menschen Tag für Tag von ihrer eigentlichen, wertschöpfenden Arbeit abhält: Meetings, Reports, Jours Fixes und all die anderen in so vielen Organisationen eingeübten Tools – sie sind aus Vollmers Sicht absolut verzichtbar. In "siebeneinhalb Gedanken" zeigt er, wie sich die in vielen Branchen noch herrschenden, tayloristischen Strukturen und Methoden aus dem Industriezeitalter Schritt für Schritt überwinden lassen.

Oft sind es die kleinen Hebel, die eine Veränderung ermöglichen. Zum Beispiel die Abschaffung der "Ämter": All die "Head ofs" führten dazu, dass jeder nur das tut, wofür er zuständig ist. Selbst in Start-ups, die sich sonst so gern agil und modern geben. Weg mit den Organigrammen, fordert Vollmer. Eine Organisation, in der jeder auch die Dinge tut, für die niemand zuständig ist, kann "weltklasse funktionieren". Auch ohne Chef.

Immer wieder erzählt er Anekdoten und "augenöffnende Geschichten". Er wählt bewusst einen eher salopperen und weniger wissenschaftlichen Ansatz, wie er sagt. Das Storytelling mache seine Ausführungen "nahbarer". So wie in seinen Vorträgen, Kolumnen und Video-Botschaften – oder auch im "Kartenspiel für wirksame Arbeit", das er veröffentlicht hat.

Im Lauf der Jahre hat Vollmer sein Geschäftsmodell kontinuierlich erweitert. Mit dem Thinktank intrinsify.me erforscht, debattiert und entwickelt er zusammen mit anderen "Vordenkern und Vormachern" die Zukunft von Arbeit, Organisation und Führung. "Antworten die als Blaupause taugen, gibt es (glück­licherweise) nicht", so das Zwischenfazit. "Aber es bilden sich mehr und mehr Denkmuster heraus, die wir beschreiben und ­einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen."

Seine Ideen und Konzepte hat Lars Vollmer immer wieder selbst getestet. Bei einer von ihm 1999 gegründeten Unternehmensberatung durften die Mitarbeiter ihr Gehalt frei wählen. Diese und weitere Methoden der Selbstorganisation haben das Unternehmen "dynamikrobust" und erfolgreich gemacht. Es existiert bis heute, auch wenn Vollmer nicht mehr die Geschicke leitet.

Ein Drittel des Jahres arbeitet er von Barcelona aus. Sein Kompagnon sitzt in Südengland, das Backoffice in Hannover, die offizielle Unternehmensadresse von intrinsify.me hängt an einem Briefkasten in Berlin. Dazu kommen zahlreiche Freelancer. "Wir sind eine virtuelle Organisation", sagt Vollmer. Nicht weil es modern ist, sondern "weil es zu uns passt. Weil wir genau so arbeiten und leben wollen."

Sein neues Buch hat er in Eigenregie veröffentlicht. "Das lag schlicht und ergreifend am Zeitplan", erklärt Vollmer. Nach dem Erfolg von "Zurück an die Arbeit!" wollte er seinen Lesern schnell wieder etwas bieten, sozusagen ein Zwischenbuch machen, eine "Stütze", wie er im Vorwort schreibt. Im Sommer hatte er den Entschluss gefasst, zum Weihnachtsgeschäft sollte es fertig sein. Das hätte kein Verlag mitgemacht, sagt Vollmer. Er kennt das ja. Alte Strukturen und so.

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1 Kommentar/e

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  • Buchhändlerin

    Buchhändlerin

    "Eine Organisation, in der jeder auch die Dinge tut, für die niemand zuständig ist, kann "weltklasse funktionieren". Auch ohne Chef. "
    Der Herr Vollmer spricht mir aus der Seele. Nur leider gibt es von diesen wunderbaren Mitarbeiten jeweils höchstens 1-2, meist ältere! Mitarbeiter. Aber genau diese Mitarbeiter sorgen, wenn auch oft wie Sisyphos, für das perfekte Gesamtbild. Der Dank ist, dass der Chef das noch nicht mal bemerkt oder als seine Leistung beansprucht und ein müdes Lächeln der Kollegen.
    Das geht dann so lange, bis auch diese zwei Kolleginnen innerlich kündigen, weil kein Chef in der Lage ist, diese Perlen wenigstens entsprechend zu pflegen. Geld könnte man, wenn es mal wieder zu Personaldiskussion kommen sollte, wirklich vorrangig durch Entlassung von Chefs sparen, wenn es nur einen Chef gibt, der diese umsichtigen Kollegen wahrnimmt und unterstützt.

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