Aufmerksamkeit trainieren

An- und abschalten

Das Leben ist voller Ablenkungen. Der kanadische Produktivitätsexperte Chris Bailey zeigt, wie man ihnen aus dem Weg geht – und wann es sogar wichtig sein kann, sich den eigenen Tagträumen hinzugeben.  MARCUS SCHUSTER

Unsere eigene Aufmerksamkeit ist die wichtigste Zutat für ein gelingendes Leben, schreibt Chris Bailey. Leider wird es immer schwieriger, sie zu managen. Durch die permanente Ablenkung durch Smartphones und andere Geräte gibt es im Prinzip immer etwas zu tun. Sogar in der Langeweile sind wir rastlos geworden.

Das geht auch zulasten der Arbeitsleistung. "Wir waren noch nie so beschäftigt wie heute, erreichen aber gleichzeitig immer weniger", bilanziert der erst 29-jährige Autor in seinem Buch "Hyperfocus. How to work less and achieve more" (Macmillan, 256 S., 11,99 Euro), das in Deutschland bislang nicht erschienen ist. Den selbst ernannten Produktivitätsexperten aus Kanada treibt die Frage um, wie sich Menschen besser fokussieren und wie sie infolgedessen klarer denken können. Neben den Phasen des "Hyperfocus" gehören dazu auch die des "Scatterfocus", was sich am ehesten mit "Streufokus" übersetzen lässt. Auch er ist – zu gegebener Zeit – wichtig.

Zunächst empfiehlt er den Lesern, eigene individuelle Muster und Gewohnheiten zu erkennen – in welchen Situationen sie sich ablenken lassen, wann sie zum Beispiel zum Smartphone greifen. Den inneren Autopiloten hier zurückzufahren und "selbst-bewusster" zu agieren, ist der erste Schritt. Dazu gehört auch, das Smartphone in einem anderen Zimmer zu lassen, wenn man sich etwa in eine längere Lektüre vertiefen möchte, oder "fokusförderliche", das heißt ruhige und WLAN-freie Umgebungen aufzusuchen. Weil wir aber unser Gehirn nicht zu 100 Prozent steuern können, rät er, stets einen Zettel bei sich zu tragen: eine Art Ablenkungsliste, auf der man Gedanken und Vorhaben notieren kann, für die man gerade keine Zeit hat, die aber nicht verloren gehen sollen.

Bailey rät explizit auch zu Multitasking – wo es zusammenpasst, sollte jeder seinen zur Verfügung stehenden "Aufmerksamkeitsraum" durchaus maximal befüllen. Wer etwas Gewohnheitsmäßiges macht, zum Beispiel Dateien sortieren, kann nebenher prima einen Podcast oder ein Hörbuch hören und sich nebenbei unterhalten oder weiterbilden. Die Zusammensetzung des Aufmerksamkeitsraums will aber gelernt sein (richtige Menge und Art der Aufgaben).

Überhaupt befinden wir uns zu 40 Prozent des Tages im Autopilot-Modus, schreibt Bailey. Alles andere wäre auch schlecht, denn wenn wir zum Beispiel über jede E-Mail nachdenken würden, statt sie schlafwandlerisch zu beantworten, würden wir nicht mehr fertig. Trotzdem: Produktiv, kreativ sind wir meis­tens nur dann, wenn wir unsere Aufmerksamkeit bewusst auf etwas lenken und entscheiden, es zu tun, so der Autor.

Wer die tiefe Phase des Hyperfocus erreicht hat, arbeitet vielleicht sogar relaxter als wer nur oberflächlich bei der Sache ist und seinen Job in dem Moment als chaotisch wahrnimmt. Als Belohnung wartet der Scatterfocus. Bailey hat schon in jungen Jahren die Vorzüge des "Mind-Wandering" schätzen gelernt. In diesem Zustand lassen sich Zukunftspläne schmieden, die eigenen Akkus aufladen und neue Kreativität beflügeln. "Unser Bewusstsein ist auf kontinuierliche Stimulation programmiert", schreibt er. Um daraus auszubrechen, verordne er sich selbst hin und wieder Langeweile, eine Stunde lang. Was es mit den eigenen Gedanken macht, einfach einer Uhr zuzusehen oder einem Kochtopf beim Erhitzen, sei erstaunlich. Zur Nachahmung empfohlen.

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