Ausbildung im Buchhandel

Babo in der Bredouille

"Warum sollte ich das wissen?" – Neue Auszubildende stellen ihren alten Ausbildern heute unbequeme Fragen. Ohne gute Antworten wird künftig auch die Buchbranche nicht auskommen. Meint Michael Schikowski.

Der Vorteil beim Besuch einer Schule ist, dass man etwas lernt, der Nachteil, dass man glauben mag, von nun an in allem ausreichend unterrichtet zu sein. Daher ist es im Grunde ziemlich wurscht, welche Schule eine Buchhändlerin oder ein Buchhändler besucht hat und wie lange, die Hauptsache in unserem Beruf ist, dass man niemals auslernt.

Die neuen Schwierigkeiten, geeignete Auszubildende zu finden, sind im Grunde nicht überraschend. Geben wir es also zunächst mal zu, wir sind ganz schön anspruchsvoll. Denn wir leben in Zeiten, in denen Berufsfindungsbücher mit Titeln wie "Warum sollte ich für Sie arbeiten?" erscheinen. Man sieht schnell weitere Fragen auf sich zukommen wie: "Warum sollte ich pünktlich sein?" oder "Warum sollte ich das wissen?".

Dahinter steht eine Einstellung, die vor allem die Subjektivierung der Arbeit in den Mittelpunkt stellt. Das geht so weit, dass man sich – kein Witz – am Abholfach auch die Reihen­folge des Alphabets als subjektiv-beliebig vorstellt.

Diese Auszubildenden treffen auf Ausbilder, die anders aufwuchsen. Denn die Ausbilder gehören zu den Babyboomern, die in ihrer entscheidenden Lebensphase immer vor allem eins waren: zu viele. Die Frage stellten nicht sie, sondern andere, und sie lautete: "Warum wollen Sie für uns arbeiten?"

Diese Ausbilder begegnen nun einer Generation, die es gar nicht anders kennt, als immer und überall nur willkommen zu sein. Einer Generation, die unter Umständen unzureichend informiert ist, dies aber paradoxerweise durch Selbstbewusstsein kompensiert. Erstaunlich auch: Die Zeugnisse, mit denen diese Auszubildenden die Schule verlassen, sind ziemlich hervorragend. Was die Ausbilder, die Zeugnisse nur als Instrumente einer nicht gerade rücksichtsvollen Auslese kennen­­gelernt haben, angesichts nur mäßiger Kenntnisse und nicht gerade überschäumender Neugierde verwirrt. Selbst denjenigen, die gewisse Mängel im alltäglichen Umgang immer noch nicht abgelegt haben, wird ein "verhaltensoriginell" bescheinigt.

Vielleicht ist es zunächst einmal hilfreich, sich der Flausen beim Beginn der eigenen Ausbildung ehrlich zu erinnern. Vielleicht sollte man außerdem versuchen, die seltsamen Fragen der Auszubildenden, die uns unverfroren erscheinen und in Schnappatmung versetzen, endlich auch einmal ernsthaft zu beantworten.

Denn der Buchhandel befindet sich in scharfer Konkurrenz zu anderen Ausbildungsberufen und daher in einer schwierigen Lage. Diese ändert sich im Übrigen auch nicht dadurch, dass fortan einfach Einzelhändler statt Bucheinzelhändler ausgebildet werden.

Denn leider hat man zuletzt den Ausbildungsberuf Buchhändler, der niemanden reich macht, um den entscheidenden Punkt des kulturellen Kapitals gebracht, indem man auf die Beschäftigung mit der Literatur und ihrer Geschichte nahezu ganz verzichtet. Der kompetente Auszubildende, der in diesen Ausbildungsgang schaut, sieht sich zur Einräum- und Kassenkraft und zum technischen Support ausgebildet – und verzichtet gern. Zu Recht.

Wer daher lieber gar nicht ausbildet, sollte sich zugleich die Frage stellen, warum es so schwierig ist und weiter schwierig sein wird, eine Stelle zu besetzen. Die Probleme werden nicht davon verschwinden, dass man nicht ausbildet. Suchen Sie sich also Auszubildende als zu Bildende, denn Sie sind die einzigen, die das können. Und überlegen Sie schon jetzt, warum Sie von ihnen nicht dauernd "Babo" genannt werden wollen.

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2 Kommentar/e

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  • René Kohl

    René Kohl

    Puh. Wenn nicht mal die Azubis die Sinnhaftigkeit der Sortierung des Abholfaches hinterfragen - wer soll es sonst tun?

    Junge Mitarbeiter verhaltensoriginell zu bezeichnen, ist genau der Stil, für den der Buchhandel schon seit 50 Jahren geliebt werden möchte.

  • Lisa

    Lisa

    Ich freue mich, dass ein solch positives Statement zum Thema Ausbilden am Ende des Artikels steht - allerdings ärgere ich mich mindestens genauso über Sätze wie "Diese Ausbilder begegnen einer Generation, die es gar nicht anders kennt, als als immer und überall willkommen zu sein."

    Als dieser Generation nur knapp Entwachsene frage ich mich: Wer dieser jungen Menschen hat sich bitte immer willkommen gefühlt, gerade, wenn es um Ausbildungs- und Berufsfindung geht? Ich nicht. Und der überwiegende Teil meiner Bekannten und Freunde auch nicht.
    Vielmehr habe ich mich und haben sich viele gefragt (und ich bin sicher, dass das noch immer so ist), wieso ein Auszubildender heutzutage alles schön können soll, bevor er einen Vertrag unterschreibt. Denn ja, der Buchhandel - und nicht nur er - ist ganz schön anspruchsvoll, was seinen Nachwuchs angeht. Die im Artikel genannten, tatsächlich zum Teil merkwürdigen Fragen Auszubildender der Zukunft traut sich meiner Meinung nach kein Auszubildender in dieser Branche zu stellen.

    Als Fazit möchte ich gerne den inhaltlich gelungensten Satz dieses Artikel zitieren: "Vielleicht sollte man außerdem versuchen, die seltsamen Fragen der Auszubildenden, die uns unverfroren escheinen und in Schnappatmung versetzen, endlich einmal ernsthaft zu beantworten."

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