Barrierefreie Bücher werden nur Realität, wenn sich das Ganze auch rechnet

Barrierefreiheit im digitalen Literaturraum

Barrierefreies (digitales) Lesen drängt sich immer mehr in den Vordergrund und wird thematisiert, auch auf Branchenveranstaltungen wie der diesjährigen Arbeitstagung der Herstellungsleiter, dem EPUB Summit 2017 in Brüssel. Auch der diesjährige »Deutsche eBook Award« verleiht einen Sonderpreis für »Barrierefreiheit im digitalen Literaturraum«. Aber was steckt genau hinter diesem Thema, welche Schwierigkeiten, aber auch Möglichkeiten für Verlage ergeben sich daraus? Statements von Peter Schmid-Meil, Fabian Kern und Vedat Demirdöven, einigen der Juroren des »eBook Award«. STEFFEN MEIER

© Vedat Demirdöven

Peter Schmid-Meil: »Der aktuelle Stand von Barrierefreiheit für digitale Literatur zeigt vor allem eins: den tiefen Graben zwischen den bestehenden technischen Möglichkeiten und deren Umsetzung. Wobei das nicht mit E-Books anfängt, hier gilt es einen Schritt zurückzugehen und den Blick in Richtung Standard-Buchworkflow und Richtung Webtechnologie zu werfen.

Die meisten kommerziell von Verlagen erzeugten E-Books sind auch heute noch schlicht und ergreifend Abfallprodukte von Printbüchern. Ergo spielen Satzprogramme wie InDesign eine entscheidende Rolle in ihrem Entstehungsprozess. Wer die Anforderungen an Barrierefreiheit bereits beim Anlegen und Auszeichnen der Printfahne berücksichtigt, legt den Grundstein für das spätere Ausspielen von PDFs und EPUBs, die z. B. sauber vorgelesen oder per Braille dargestellt werden können. Allerdings ist der Aufwand im Moment leider nicht unerheblich und ohne zusätzliche Plug-Ins und Test-Software kaum wirtschaftlich sinnvoll zu stemmen. Auch barrierefreie Schriftarten spielen z. B. eine wichtige Rolle.

E-Books nachträglich barrierefrei zu gestalten, ist so gut wie unmöglich und viel zu aufwendig. Um sie von vornherein barrierefrei zu produzieren, braucht man einiges an Know-how und muss diverse Herstellungs-Prozesse anpassen – so sie denn überhaupt vorhanden sind. Wer hier mit einem XML-Workflow arbeitet, hat klare Vorteile.«

Fabian Kern: »Für den Publikumsmarkt ist EPUB das wichtigste E-Book-Format. Und EPUB ist nichts anderes als HTML plus ein paar Extras in einem ZIP-Format. Barrierefreiheits-Standards und -Anleitungen gibt es reichlich, vom W3C fürs Web, von der BISG fürs Publizieren, für Metadaten, für Widgets etc. Der Werkzeugkasten ist also eigentlich ganz gut gefüllt. Dennoch gibt es Probleme:
- So richtig umsetzen kann man das nur mit EPUB 3. Die Masse der E-Books besteht aber leider aus EPUB-2-Titeln.
- Die eReader müssen das entsprechende Coding auch auswerten und umsetzen können. Einfaches Beispiel: Ein eReader ohne Audioausgabe macht Vorlesen per Text-to-Speech unmöglich. 
- Menschen, die nur eingeschränkt lesen, werden nur selten als relevante Zielgruppe gesehen. Barrierefreie Bücher werden nur Realität, wenn sich das Ganze auch rechnet ¬ Verlage sind schließlich Unternehmen und müssen Geld verdienen. Barrierefreie E-Books zu erstellen, bedeutet zunächst einiges an Investitionskosten - und die werden ohne sichere Gegenfinanzierung gerne gescheut.«

Vedat Demirdöven: »Es ist absolut nicht so, dass es nicht schon einiges an Möglichkeiten für Sehbeeinträchtigte und Blinde gibt! Die Ausleihe von Büchern, die in Braille übertragen wurden (allerdings aufgrund des immensen Aufwands und der Produktionskosten immer nur zu einem verschwindenden Bruchteil gegenüber der Zahl der ›normalen‹ Veröffentlichungen, die für uns selbstverständlicher Teil des Leselebens sind), Hörbücher im DAISY-Format, Apps mit Vorlesefunktion und viele andere Apps, die den Alltag leichter machen, etc. 

Darum könnte man denken: hier muss nichts mehr entwickelt werden, ›Alexa macht das schon.‹ Aber eine Information ist für mich der Schlüssel gewesen: wenn Sehbeeinträchtige im Laufe ihres Lebens eine reelle Teilhabe am beruflichen bzw. wissenschaftlichen Leben haben möchten, dann müssen sie in jedem Fall lesen und schreiben können! Braille kann man sperrig finden – aber damit ist man ganz schön auf dem Holzweg. Die Herausforderung ist: ALLE Werke, von fiktionaler bis hin zu Sach- und Fachliteratur, müssen ausnahmslos in Braille zu übertragen sein.«

Über den Deutschen eBook Award 

Mit dem Deutschen eBook Award werden seit dem Jahr 2014 im Rahmen der Frankfurter Buchmesse die schönsten deutschsprachigen eBooks und Apps ausgezeichnet. Der Preis würdigt die Leistung von Verlagen und/oder Selfpublishing-Autoren im Bereich innovativer Produktentwicklung und kreativer Gestaltung. Die Preisverleihung findet am 12. Oktober 2017 von 12:00 – 13:00 Uhr in Halle 4.1 am Stand der Stiftung Buchkunst statt. 

Das komplette Interview ist in der neuesten Ausgabe des »digital publishing report« nachzulesen. Weitere Themen sind Werbemöglichkeiten in sozialen Netzwerken außerhalb von Facebook, die Aufmerksamkeitsspanne von Goldfische, Pinterest, SMARTE Marketing-Ziele, Personalisierung als Engagement-Garantie, die Mutter der Blockchain und vieles mehr. Das digitale Magazin ist kostenlos erhältlich. E-Mail an info@digital-publishing-report.de schicken, fertig.

1 Kommentar/e

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  • Anderes Sehen e.V.

    Anderes Sehen e.V.

    Der Artikel ist lesenswert. Dennoch impliziert die Überschrift etwas völlig falsches. Der Gewinn finanzieller Art ist völlig unerheblich wenn man von Menschenrechten spricht und den Gewinn für die Gesellschaft und noch mehr für jede einzelne betroffene Person bedenkt. Ähnliche Aussagen hat man vor drei oder vier Jahren auch noch in der Filmindustrie Deutschlands gelesen. Doch die deutsche Filmförderung hat gezeigt, dass es auch anders geht. Heute werden in Deutschland nur noch Filme mit Audiodeskription gefördert. Das bedeutet, dass fast jeder in Deutschland produzierte Film heute mit Audiodeskription produziert wird. So einfach ist es. Plötzlich geht es! Gesetze und Regelungen schaffen Veränderung, nicht Freiwilligkeit.

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