Börsenverein reicht gegen Audible Kartellbeschwerde in Bonn und Brüssel ein

"Amazon will Buchhandelsstrukturen zerstören"

Der Börsenverein wirft Amazon und dessen Tochter Audible den Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung beim Vertrieb digitaler Hörbücher vor. In Schreiben an das Bundeskartellamt und die EU-Kommission habe sich der Verband deshalb über das Verhalten dieser Unternehmen beschwert, teilte die Presseabteilung des Börsenvereins mit. "Das Geschäftsmodell von Amazon und Audible zielt darauf ab, die ausgezeichneten Buchhandelsstrukturen in Deutschland zu zerstören", sagt Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins.

Audible nutze seine Marktstellung, um Hörbuchverlagen unzumutbare Bedingungen für die Vermarktung digitaler Hörbücher aufzuzwingen, heißt es in der Verbandsmitteilung. Unter anderem sollten die Verlage offenbar "durch Kündigung bestehender Lizenzverträge in ein Flatratemodell gedrängt werden, mit dem deutlich niedrigere Umsätze erzielt werden können". Über die Onlineplattformen von Audible und Amazon sowie über den iTunes Store von Apple, der von Audible exklusiv beliefert wird, werden mehr als 90 Prozent aller Downloads von Hörbüchern in Deutschland getätigt.

„Das Geschäftsmodell von Amazon und Audible zielt darauf ab, die ausgezeichneten Buchhandelsstrukturen in Deutschland zu zerstören. Diese Unternehmen sind erklärtermaßen auf dem Weg, ein Monopol zu errichten. Die Leidtragenden sind Hörbuchverlage, Buchhändler sowie der Zwischenbuchhandel und am Ende das kulturelle Angebot in Deutschland, denn diese Geschäftspolitik gefährdet die kulturelle Vielfalt und die Qualität auf dem Buchmarkt. Wir beobachten das Verhalten des Konzerns deshalb sehr genau“, erläutert Alexander Skipis, Hauptgeschäftsführer des Börsenvereins.

Parallel zu einer formalen Beschwerde beim Bundeskartellamt hat sich der Börsenverein auch an die EU-Kommission gewandt. 

Hörbuchmarkt in Deutschland: Der Umsatzanteil von Hörbüchern am gesamten Buchmarkt lag 2014 bei 4,2 Prozent. Während in den USA der Download-Markt explodiert, bleibt in Deutschland das Verhältnis zwischen physischen Hörbüchern und Downloads seit Jahren bei 80 zu 20. Den 14,3 Millionen verkauften Hörbüchern auf CD standen 3,5 Millionen Downloads gegenüber. 3,7 Millionen Menschen haben 2014 Hörbücher gekauft − ein Prozent weniger als 2013. Das Streaming von Hörbüchern wurde von GfK Entertainment und GfK Consumer Panels nicht erfasst − dürfte aber auch noch keine große Rolle spielen.

Hier geht es zu einem Beitrag über Audibles neuen Abo-Pool vom 18. Mai. 

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6 Kommentar/e

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  • Ulrich Maske

    Ulrich Maske

    Sehr gut analysiert und argumentiert! Ich hoffe auf rasche Klärung.

  • Otmars

    Otmars

    In Heft 20 der C´t ist ein Interesanter Artikel zum Thema Geschäftsgepflogenheiten abgedruckt. Zwar geht es um Steuerbetrug beim Chinageschäft, aber der Artikel sagt vieles über Amazons Geschäftsmodell aus.
    Seit heute wird Amazon auch wieder von VER.DI bestreikt. Ein Grund warum ich mir den Tolino gekauft habe besteht darin, das er ein offenes System besitzt.
    Die Buchpreisbindung halte ich für ein wichtiges Kriterium. Gelingt es Amazon diese Preisbindung zu fall zu bringen, dann werden viele kleine Buchhandlungen und auch so mancher größerer Sortimenter nicht mehr am Wettbewerb teilnehmen können und vom Markt verschwinden.
    Im übrigen scheint der Börsenverein und die ihm angeschlossenen Buchhändler solangsam mit den Kooperationen (Tolino) auf die Angriffe von Amazon zu reagieren. Spät aber nicht zu spät denke ich. Eine Zeit lang sah es so aus als ob das E-Book Geschäft verschlafen würde. Das hat sich zum Glück geändert.

    Wie wäre es mit einem Ausschluss von Amazon aus dem Börsenverein des deutschen Buchhandels, geht das und wenn ja warum macht man das dann nicht. Siehe auch Erpressungsversuche gegenüber Verlagen in Sachen Konditionen und verzögerte Belieferung der Kunden mit Printtiteln.

  • Janina Kusterer

    Janina Kusterer

    An der kritisierten Monopolstellung audibles sind die deutschen Verlagshäuser doch mitschuldig. Das Unternehmen ist erst seit 2008/2009 im Besitz von amazon:

    Das deutsche Unternehmen, die Audible GmbH wurde 2004 als Joint Venture von der Audible Inc. sowie den Verlagsgruppen Holtzbrinck Ventures GmbH und Random House GmbH gegründet. 2006 kaufte sich die Verlagsgruppe Lübbe GmbH ebenfalls als Gesellschafter bei der Audible GmbH ein. Die Audible Inc. wurde 2008 von der Amazon.com Inc. (NASDAQ: AMZN) zum Preis von 300 Mio. US$ gekauft. 2009 kaufte Amazon die Anteile der anderen Partner des deutschen Joint Venture auf.

    Es scheint fast so, als würden die Zeichen der Zeit von Verlagen mutwillig ignoriert. Anstatt mit eigenen, nutzerfreundlichen und wettbewerbsfähigen Angeboten aufzuwarten, wird nur ge- und sich beklagt. Hörer gewinnt man nicht mit kulturpessimistische Dystopien, sondern mit attraktiven Produkten und Vertriebsmodellen. Zu letzteren gehören heute Streamingflatrates. Der Anteil des Umsatzes mit Hörbüchern auf CD wird auch in Deutschland bald rapide sinken. Es wird nicht nur ein "Netflix für Hörbücher" kommen, da bin ich mir sicher. Und dass die Verlage dabei dann wieder das Nachsehen haben ebenfalls.

  • Max

    Max

    @Otmars: Wenn die Preisbindung fällt, gibt es innerhalb eines Jahres in Deutschland keine einzige Buchhandlung mehr.
    Amazon ist sicher nicht Mitglied im Börsenverein. Oder irre ich ?

  • Matthias Ulmer

    Matthias Ulmer

    @Max und @Otmars: Amazon ist nicht Mitglied im Börsenverein. Sie waren Mitglied, sind aber vor einigen Jahren ausgetreten. Der Börsenverein muss als beherrschender Branchenverband ob er will oder nicht jedes Mitglied aufnehmen, solange es nicht gegen die Satzung verstößt. Insgesamt wäre es schön, wenn in ferner Zukunft irgendwann einmal Amazon selbstverständlich Mitglied ist, sich zum Buchmarkt und seiner Struktur bekennt und dazu, dass auch das Geschäftsmodell von Amazon auf eine lebendige Literatur- und Kulturszene, eine funktionierende Infrastruktur, eine breite Leseförderung angewiesen ist.

  • IF

    IF

    „Das Geschäftsmodell von Amazon und Audible zielt darauf ab, die ausgezeichneten Buchhandelsstrukturen in Deutschland zu zerstören."

    Mir erscheint allerdings auch das Problem, dass der Buchhandel in Sachen Hörbüchern gar kein Geschäftsmodell und auch keine Vertriebsstruktur hat. Man hätte sicherlich nicht erst gestern erkennen können, dass das physische Hörbuch ein Auslaufmodell ist. Auch Musik und Filme werden vermehrt von Streamingdiensten angeboten, da liegt es sehr nahe, das Hörbuch in diese Angebotsformen zu packen. Aber auf die sogenannten "neuen Medien" reagiert die Branche leider meist sehr ablehnend. Erst kürzlich in einer großen Bahnhofsbuchhandlung waren Tolino und Zubehör in der äußersten Ecke auf einem vergammelten Tisch zu finden. So erschließen sich die entsprechenden Käuferschichten natürlich kaum.

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