Bücher für die neue Arbeitswelt

Agil sein ist alles

Videokonferenzen über Kontinente hinweg, Digitalisierung, Projektsteuerung: Der rapide Wandel in der Wirtschaft verlangt Teams und Führungskräften viel ab. Diese Bücher helfen weiter. KAI MüHLECK

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Die Deutschen schlafen schlecht. Sehr schlecht sogar. Eine Umfrage im Auftrag der Techniker Krankenkasse  zeigt: Jeder dritte Befragte wälzt sich nächtens "wegen Stress" im Bett herum, jeder zehnte Befragte gibt an, sich Sorgen ums liebe Geld zu machen. Wenig verwunderlich: Je kleiner das Gehalt, desto größer die Sorgen. Dass Stress zu massiven Gesundheitsproblemen führt und – kühl formuliert – fahrige Mit­arbeiter und Manager ihre Unternehmen gewaltige Summen kosten, ist längst eine Binsenweisheit. Das Statistische Bundesamt beziffert den Wertschöpfungsausfall durch Krankheit auf 225 Milliarden Euro jährlich. Zwar ist nur ein Teil davon stressbedingt, doch die Bedeutung des Hebels "Mitarbeiter­zufriedenheit" wird durch die Zahlen deutlich. Gerade weil Unternehmen ihren Mitarbeitern immer öfter "Transformationsprozesse", unbequeme oder wechselnde Arbeitszeiten (Skype-Konferenz mit den Kollegen in Asien oder den USA) und wechselnde Projektteams zumuten müssen, ist die Stellschraube "Unternehmenskultur" keine Marginalie.

Wo der Flexibilisierung der Arbeitszeit Grenzen gesetzt sind oder gesetzt werden sollten, zeigt der Sammelband "Arbeitszeit gestalten" (Metropolis, 248 S., 19,80 Euro). Unter Herausgeberschaft von Regine Romahn führen Sozial- und ­Arbeitswissenschaftler durch die zum Teil zähe Materie von Arbeitskonten, Stechuhren, Schichtdienst, Pendeln, Erreichbarkeit und Ruhezeit. Sowohl rechtliche Rahmenbedingungen als auch soziale Probleme kommen zur Sprache, hier sei nur das Beispiel Detachment genannt – also die Frage, wann eine Ruhezeit wirklich eine Ruhezeit ist. Als probates Mittel zur ­Sicherung des Betriebsfriedens raten die Autoren dringend zu partnerschaftlich erarbeiteten Betriebsvereinbarungen, was die Ausgestaltung der Arbeitszeit betrifft. Denn der Gesetz­geber zeigt wenig Eigeninitiative. 

Dafür zu sorgen, dass Mitarbeiter ihre Arbeitszeit möglichst produktiv gestalten (können), ist unbestritten eine zentrale Aufgabe für Führungskräfte. Doch nicht alle Maßnahmen greifen, wenn neue Prozesse "top down" verordnet werden und das Sozialgefüge außer Acht lassen. Gerade bei notwendigen Restrukturierungen geben sich in vielen Firmen externe Berater die Klinke in die Hand. Dass manchmal aber schon kleine Veränderungen Wunder bewirken und verkrustete Strukturen aufbrechen können, berichten die sechs "Workhacks"-Autoren, die sich um Lydia Schültken versammelt haben (Haufe, 188 S., 24,95 Euro). Sechs Methoden werden vorgestellt, darunter

  • eine tägliche Fokuszeit von ein bis zwei Stunden, in der es keine Unterbrechungen durch Kollegen oder Telefone gibt,
  • Timeboxing, sprich das radikale Straffen und Strukturieren von Meetings durch den Einsatz von (Sand-)Uhren,
  • Slack Time, will heißen: An einem Tag der Woche finden sich Mitarbeiter zusammen, um ein Problem zu bearbeiten für das sonst nie Zeit ist. Wer woran arbeitet, verrät ein schwarzes Brett – so entstehen etwa bei Google Innova­tionen, die sich auszahlen.

Die "Workhacks", die sich eine Abteilung beispielsweise probeweise für einen Monat verodnen kann, sind in dem Buch in lebensnahe Geschichten über das (fiktive) Unternehmen Krageltec eingebettet. Wer sich nur für die Methoden am Kapitelende interessiert, muss lange blättern, um den Sorgen und Nöten der erdachten Charaktere zu entgehen.

Etwas kompakter präsentiert sich da Markus Baumanns und Torsten Schumachers Helfer "Kein Bullsh!tX" (Murmann, 108 S., 10 Euro). Der Band ist eines von drei Taschenbüchern in der Managementliteraturreihe X-Books, die mit ihrem Farbschnitt ein wenig an die Kein & Aber-Pockets erinnern. "Die ­Titel bringen auf den Punkt, wie und mit welchen Methoden und Instrumenten heute Unternehmer, Gründer und Manager entscheiden", erläutert Programmgeschäfts­führer Peter Felixberger das Reihenkonzept. Zu jedem X-Book gibt es im Murmann-Programm auch eine Hardcover-Ausgabe, die breiter und tiefer über das Thema informiert ("Kein Bullsh!t", HC, 2014, 208 S., 29,90 Euro).

Effizienzsteigerung durch Prozessbeschreibungen und Controllingexzesse seien Wunschdenken, führen die Coaches aus: "Ihre Planungsprozesse führen die Liste der ausgestorbenen Dinosaurier an", warnen die Autoren gar. Auch sie sagen bräsigen Meetings ("Laberrunden, die größte Verschwendung von Zeit in Unternehmen"), Benchmarking ("Zahlenfriedhöfe"), Stechuhren ("Teufelszeug") und  Yoga im Unternehmen ("Wohlfühlklimbim") den Kampf an. Stattdessen predigen sie agiles Projektarbeiten in Kooperation mit Kunden nach dem Scrum-Modell, verbindliche Ziele und Rollenklarheit – mit Chefs als "Ermöglichern" im Zentrum eines "Dynamograms".

Wer bereits mit der Scrum-Methode gearbeitet hat, kann von Profis lernen, wie sich der Einsatz noch verbessern lässt: Boris Glöger und Dieter Rösner betonen in der zweiten Auflage von "Selbstorganisation braucht Führung" (Hanser, 256 S., 36 Euro), dass meistens der Faktor Mensch das Problem ist, wenn es im Unternehmensgetriebe knirscht. Das Buch ersetzt keine Einführung in das agile Management-Tool, hilft aber bei dem, was Scrum nicht ersetzen kann: Führung zu leben und zu hinterfragen. Unter anderem werden Generationenkonflikte (Babyboomer versus Generation Y) und Rollenkonflikte (dominante Ex-Teamleiter) angeführt. Zudem stellen die Autoren glaubhaft dar, wie Teambuilding gelingt: durch Dialog, Anerkennung, klug gesetzte Anreize, Vertrauen und eine Führungskraft, die bereit ist, ihre eigene Macht zu akzeptieren.

Durch lange Vorworte und viel Eigenlob muss sich der Leser bei der "Challenge Management" (Campus, 216 S., 24,95 Euro) des Boxstars Wladimir Klitschko kämpfen. Leider bleibt Klitschkos selbst entwickelte "'Ergo Sum'-Methode zur (agilen) Unternehmensführung" am Ende recht schwammig. Dafür sind Lebensweg und Gedankenwelt des selbstbewussten Fighters sehr unterhaltsam geschildert. Im Praxisteil des Buchs sind zudem einige lesenswerte Praxisbeispiele anderer Unternehmer zu entdecken.

Nicht nur Zähigkeit, sondern auch die Kunst des Los- und Zulassens kann Unternehmer beflügeln: Das ist die Botschaft, die Herausgeber Ulrich Meier und drei Co-Autoren in ihrem Buch "Ethik des Anleitens" vermitteln (Urachhaus, 112 S., 20 Euro). Gerade für Manager, die mit dem Christentum oder der Anthroposophie bislang wenig Berührungspunkte hatten, tun sich hier ganz neue Perspektiven auf. Dass Werte wie Gemeinschaftlichkeit, Demut und Verantwortungsbereitschaft Führungskräfte gerade in unsicheren Zeiten zu "Enablern", gar zu Gemeinschaftsstiftern befähigen könnten, wird etwa im Kapitel von Jutta Hodapp deutlich: Sie zeigt aus ihrer Coaching-Erfahrung an Waldorf-Schulen, wie sich das unproduktive Kreisen um den eigenen Bauchnabel durchbrechen lässt. ­Spannend!

Am Ende muss aber auch die Führungskraft "liefern", darum noch eine Empfehlung für Selbstoptimierer: Coach Ivan Blatter gibt in "Arbeite klüger – nicht härter!" (Humboldt, 168 S., 19,99 Euro) Tipps für mehr Produktivität mit Blick auf eine künftige Arbeitswelt, in der Beruf und Privatleben immer stärker verschmelzen. Mehr Ordnung auf dem Schreibtisch, weniger Ablenkung, Fokussierung auf die wichtigsten Aufgaben, Nein sagen können, Rollenklarheit – Blatter versucht gar nicht, so zu tun, als hätte er das Rad neu erfunden. Gut so! Sein vielleicht wichtigster Hinweis: Effizienz und Effektivität unterscheiden lernen. Denn immer mehr ist nicht immer besser.

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