Christiane Fritsch-Weith über ­Einwegkartons

Wir brauchen Wannen!

Vakuumierte Bücher müssen chirurgisch aus Kartons befreit werden, die sich zudem nur einmal nutzen lassen: Weder ökonomisch noch ökologisch sinnvoll, meint Buchhändlerin Christiane Fritsch-Weith.

Christiane Fritsch-Weith

Christiane Fritsch-Weith © Cordula Giese

Alle reden über den Umweltschutz, alle reden über ­Plastik. Keiner redet über Elektroschrott, keiner redet über Papier, keiner redet über den Einwegkarton.

Wenn die Buchhändlerin einen Karton auspackt, ist das kein Kinderspiel. Die Zeiten, wo zwei Bänder gelöst, der Deckel abgehoben, der Karton zusammengefaltet wurde, sind vorbei. Die heutigen Kartons sind Einwegkartons mit Reißverschluss. Zuerst muss mit dem Finger in den Karton gebohrt werden, um den Zip zu finden, dann der Deckel mit großem Kraftaufwand aufgerissen werden – denn er ist fest verklebt. Im Inneren findet die Buchhändlerin vakuumverpackte Bücher, die durch Plastikfolie fest mit dem Kartonboden verbunden sind. Mithilfe von Schere und Messer müssen die Bücherschönheiten befreit werden.

Die anschließende Mülltrennung für die Papier- und Plastiktonne wird zur chirurgischen Sonderaufgabe.

Nach der gelungenen Operation liegt der Karton halb zerstört auf dem Boden – drei Finger­nägel der Buchhändlerin sind völlig hinüber, der Staubsauger muss schnaufend Sauberkeit herstellen. Eigentlich müsste heute noch eine Remission auf den Weg gebracht werden, für die im Buchladen dringend auf einen passenden Karton gewartet wird, aber … "Mit dem können wir nichts mehr anfangen, der ist hinüber ...", sagt die Kollegin und zerlegt den Karton in seine Einzelteile, damit er platzsparend in der Papiertonne entsorgt wird. Störrisch wehrt sich die Pappe, ein tiefer Papierschnitt im Daumen beendet die Operation, und die Verletzung muss mit einem Erste-Hilfe-Einsatz versorgt werden. Die Zeiten, wo zwei Bänder gelöst und der Deckel abgehoben wurde, sind eben vorbei.

Abends sortiert die Buchhändlerin die Post und findet die dritte Preiserhöhung innerhalb von zwei Jahren für die Entsorgung des Papierabfalls. Die Abfallmenge ist dank Einwegkartons unterdessen so groß, dass die wöchentliche Leerung kaum noch ausreicht. Und die Preise auf dem Recyclingmarkt sinken, während gleichzeitig die Preise für die Entsorgung regelmäßig steigen.

Es ist eine bedauerliche Entwicklung: Der Karton ist ein Einwegkarton geworden. Ex und hopp! Aufreißen und wegwerfen! Kauft man sich eben einen neuen Karton – Geld spielt keine Rolle! Und wenn wir immer über Plastik, aber nie über Papier sprechen, spielt die viel beschworene Umwelt offenbar auch keine Rolle.

Dabei ist Papier doch das gute Gewissen jedes umweltbewussten Bürgers. Täglich hört die Buchhändlerin: "Bitte eine Tüte … aber aus Papier, natürlich!" Unterstrichen wird dieser Satz mit dem selbstbewussten Blick dessen, der überzeugt ist, das Richtige zu tun. Was aber tut der Handel?

Ja, und was wollen Sie gegen den Einwegkarton tun? Der Vertreter der Verlagsauslieferung hebt die Augenbrauen und blickt die Buchhändlerin auffordernd an, so wie man es tut, wenn man überzeugt ist, dass sich nun mal nichts ändern lässt. "Ändern Sie sofort etwas!", fordert jedoch die Buchhändlerin aus Berlin:

"1. Wir brauchen Bücherwannen, die kommen und wieder gehen und wieder kommen.

 2. Wenn 1. nicht geht, dann brauchen wir wenigstens den guten alten Karton, der kommt und geht."

Christiane Fritsch-Weith führt seit 1975 den Buchladen Bayerischer Platz im Herzen Berlins und schreibt für den wöchentlichen Newsletter "Literaturkurier", den 250 Buchhandlungen nutzen.

Schlagworte:

4 Kommentar/e

Diskutieren Sie mit ...

  • D. Orie

    D. Orie

    Genau richtig! Danke!

  • Hans-Curt Köster

    Hans-Curt Köster

    Frau Fritsch-Weith hat ein schönes Stück Prosa geschrieben - im mehrfachen Sinn der Worte - vielen Dank!
    Aber wo die Automatisierung, jetzt versträrkt durch Digitalisierung, vorwärtsgetrieben wird (von wem wohl?), wo vorsätzlich auch die "Arbeitnehmerschaft" abgeschafft wird ... wer wundert sich da noch?

    Dem Aufstand der wackeren Buchhändlerin vom Bayerischen Platz in Berlin wünsche ich viel Erfolg und sage vielen Dank!
    vielen Dank!

  • Marc-Jonas Benecke

    Marc-Jonas Benecke

    Sehr schön Frau Fritsch-Weith,

    vielen Dank für diesen tollen Beitrag.

    Gerade jetzt, wo über das Weglassen der Folie nachgedacht wird und damit wahrscheinlich mehr Bücher beschädigt werden als bisher, ist eine gut durchdachte Transportlösung absolut nötig!
    Vielleicht wären Mehrwegwannen in Regalform eine Möglichkeit?

  • Wolfgang K.

    Wolfgang K.

    Als ehemaliger Mitarbeiter eines Buchgroßhändlers kann ich Frau Fritsch-Weith nur zustimmen. Die Bücherwanne hat sich zur Vermeidung von Verpackungsmüll bestens bewährt. Allerdings könnte man in der Branche über eine zusätzliche, nur halb so große Wanne nachdenken, mit der sich eben Einzelexemplare oder Kleinmengen auch effektiver versenden ließen. Diese kleineren Wannen ließen sich auch bis zur Wiederverwendung in den Geschäften einfacher zwischenlagern.

    • Informationen zum Kommentieren

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

    • Mein Kommentar

      Bitte kommentieren Sie zur Sache. Aggressive, polemische und beleidigende Kommentare werden nicht veröffentlicht. Wir werden Ihren Kommentar so schnell wie möglich freischalten. Hier lesen Sie unsere Netiquette.

      Ihr Profilbild können Sie über den externen Dienst Gravatar einbinden.

      (E-Mail wird nicht veröffentlicht)
      CAPTCHA image
      Wenn Sie die Buchstabenkombination nicht entziffern können, erhalten Sie durch Klick auf die Buchstaben eine neue Kombination.

      * Pflichtfeld