Die Arbeit zwischen Autor und Lektor 2/6

"Kein Abgrund zu tief, um nicht gemeinsam hindurchzutauchen"

Wenn die Chemie stimmt, kommt es zwischen Lektoren und Autoren zu Aha-Erlebnissen, Glücksgefühlen und Indiskretionen. Heute berichten dtv-Lektor Günther Opitz und Schriftsteller Jan Schomburg über die Arbeit an dessem Roman "Das Licht und die Geräusche".

Beim Diskutieren: Günther Opitz (links) und Jan Schomburg

Beim Diskutieren: Günther Opitz (links) und Jan Schomburg © dtv

Jan Schomburg: "Von manchen Drehbuchbesprechungen bin ich gewöhnt, dass meine Texte wie Allgemeingut behandelt werden, da es sich eben nur um ein künstlerisches Übergangsprodukt mit begrenzter Halbwertzeit handelt. Fragen wie: 'Oder sollte die Hauptfigur nicht doch lieber ein Mann sein?' sind da keine Unmöglichkeit. Das ist natürlich kein Vergleich zu Günther Opitz’ liebevoller Strenge, mit der er sich den Geist eines Textes zu eigen machen kann und bisweilen weitsichtiger spürt, wo man als Autor hinwill und wie das zu erreichen ist - ausgenommen natürlich die Momente, in denen der Autor das einfach besser weiß. Dann diskutieren wir hart und unerbittlich in der Sache, weich und höflich jedoch im Ton. Die Profilneurose findet im Wesen des Günther Opitz so wenig Platz, dass man sie manchmal schon fast vermisst und in ständiger Versuchung der Provokation sich wiederfindet. Seine auf den ersten Blick makellose apollinische Hülle zeigt bei genauerem Ansehen feine dionysische Risse und Durchlässigkeiten, weswegen ihm kein Abgrund zu tief ist, damit man nicht gemeinsam literarisch hinein- und hindurchtauchen könnte."

Günther Opitz: "Die Hauptfigur von Jan Schomburgs Roman 'Das Licht und die Geräusche' ist Johanna, ein 17-jähriges Mädchen – das Besondere an Johanna ist, dass sie mit sehr ehrlichem Blick auf sich selbst und mit großer Empathie und Offenheit versucht, ihr Leben zu verstehen. Jan Schomburg teilt sicher einige Eigenschaften seiner Hauptfigur; in einem Interview vermutete er, dass jeder irgendwie ein 17-jähriges Mädchen in sich habe. Und wie jeder Leser schnell begeistert von Johanna ist, so ist bestimmt jeder, der mit Jan Schomburg arbeitet, schnell gefangen von seinem Interesse, seiner Zuwendung, seiner Offenheit. Wir sprachen im Lektorat natürlich über einzelne Sätze, Abschnitte, über den Roman und seine Struktur und viel über Johanna, Boris und Anna-Clara (die weiteren Hauptfiguren des Romans), aber auch über Jan Schomburg, Günther Opitz, Gott und die Welt sowie die vielen Dinge, die der genaue Blick von Jan Schomburg erst interessant macht. Und eben dieser unverstellte Blick macht die Literatur und das Lektorieren von Jan Schomburg so bereichernd."

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