Die Sonntagsfrage

Einmal Blockbuster und zurück: Wer ins Kino geht, kauft auch das Buch zum Film – stimmts?

"Ready Player One" hier, "Game of Thrones" dort: Filme, die auf Titeln aus der Science Fiction- und Fantasy-Welt basieren, finden häufig ein Millionenpublikum. Andy Hahnemann, Lektor bei FISCHER Tor in Berlin, über die Macht der Bilder – und ihren Einfluss auf den Buchverkauf.

Dr. Andy Hahnemann, Lektor FISCHER Tor (SF/Fantasy), S. Fischer Verlage

Andy Hahnemann, Lektor bei FISCHER Tor © privat

Bücher und Bildschirme stehen in einem widersprüchlichen Verhältnis zueinander: Einerseits verlieren wir immer mehr Leser an die Unterhaltungsangebote von Netflix oder Youtube, andererseits können im Fall einer gelungenen Buchverfilmung ganz wunderbare Effekte entstehen, von denen der Buchhandel und die Verlage profitieren. Wenn ein gutes Buch von einem guten Regisseur groß verfilmt wird, ist das ein phantastisches Erlebnis für alle Seiten. So entstehen Klassiker, die auf Jahre und Jahrzehnte hinaus gelesen werden.

Ernest Cline, der Aufstieg der Gamer-Kultur und die Virtual-Reality-Revolution

Indem sich ein Buch zum multimedialen Franchise auswächst, wird es gewissermaßen kulturell kanonisiert. Am deutlichsten konnte man das bislang bei George R.R. Martins "Lied aus Eis und Feuer" beobachten. Sicher, es waren gute Romane, aber erst seit der Serienverfilmung als „Game of Thrones“ bricht der Buchverkauf alle Rekorde – weil es von vielen als die epochemachende Fantasyserie begriffen wird. "Ready Player One" von Ernest Cline hat zumindest in den USA einen ähnlichen Stellenwert: Das Buch war dort jahrelang auf den Bestsellerlisten und gilt als eins der bedeutendsten Science-Fiction-Werke überhaupt, weil es den Aufstieg der Gamerkultur und die Virtual-Reality-Revolution auf den Punkt bringt.

Nach dem Kinostart von "Ready Player One" vervielfachen sich die Umsätze

Rein umsatztechnisch zahlt sich das natürlich aus: Ich erinnere etwa an die Tim-Burton-Verfilmung von "Die Insel der besonderen Kinder" oder Ridley Scotts großartige Verfilmung des "Marsianers" von Andy Weir. Hier haben die Absatzzahlen aufgrund des Kinoerfolgs deutlich angezogen. Genau diesen Effekt konnten wir auch bei "Ready Player One" beobachten. Für die Zeit, in der der Film in den Kinos lief, haben wir hier drei-bis viermal so viele Bücher verkauft wie sonst, dabei lief das Buch auch vorher schon gut.

Durch die Verfilmung und die Zusammenarbeit mit dem deutschen Studio haben sich auch neue Marketingmöglichkeiten eröffnet, beispielsweise Leseproben bundesweit in Kinos zu verteilen. Zu "Ready Player One" bot sich kurz vor dem Filmstart zudem eine Aktion auf der Leipziger-Buchmesse an: In Zusammenarbeit mit Warner haben wir eine Virtual-Reality-Kabine aufgestellt, in der die jungen LeserInnen die Filmwelt maximal immersiv erleben konnten. Das Buch ist in diesem Zusammenhang nur noch eine Erlebnisform unter anderen. Die Diskussion, ob der Film oder das Buch besser sei, nimmt in der Presse und in den sozialen Medien naturgemäß einen großen Stellenwert ein.

Qualität plus Regisseur plus Marketing

Aber nicht jedes Buch, das verfilmt wurde, wird automatisch ein Erfolg. Entscheidend ist nicht nur die Qualität der Vorlage, sondern auch die des Films, der Ruf des Regisseurs und der Marketingaufwand des Studios: Steven Spielberg, der Regisseur von "Ready Player One", ist schließlich nicht irgendwer, sondern der Kinomagier, mit dessen Werken viele von uns aufgewachsen sind. Das nächste Großereignis in dieser Richtung wird übrigens „Mortal Engines“ von Philip Reeve sein: Hier arbeiten Peter Jackson und sein Team ("Der Herr der Ringe") gerade an einer Verfilmung, die als großer Weihnachtsfilm in die Kinos kommen wird. Toll ist, dass es hier auch Fortsetzungen in Buchform gibt, die die Geschichte weitererzählen und einen Teil KinogängerInnen direkt in die Buchläden locken dürften, weil sie wissen wollen, wie es weitergeht.

Zwischen leerer Rhetorik und echten Chancen...

Von Seiten der Verlage und des Buchhandels wird in Zukunft zunehmend verlangt werden, dass sie zwischen leerer Rhetorik und echten Chancen zu unterscheiden wissen. Welche Rolle spielt es für ein Buch, wenn Netflix eine entsprechende Serie produziert? Wann sind Bücher zu Computerspielen wirklich erfolgreich? Welche Bedeutung haben Youtube-Influencer als Autoren oder Multiplikatoren? Das sind Fragen, die bei uns derzeit heiß diskutiert werden, und auf die wir dringend Antworten benötigen: Die Neuen Medien stellen damit für uns alle eine Herausforderung dar und bieten einen Anlass, unser Handeln zu hinterfragen und zu lernen.

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